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Liebe kulturell Unbehauste – das ist euer Problem!

Nichtgetaufte und Ausgetretene leisten ebenso ihre Beiträge für die staatlichen Haushalte, sind ebenso Wählerinnen und Wähler, sorgen sich ebenso um ihre Familien und um unsere Gesellschaft und die Welt wie Kirchenmitglieder. Doch nicht nur für die Staatsministerin für Kultur Monika Grütters sind sie trotzdem Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse. Hier eine Analyse der Ursachen.

In der ZEIT hat die Bundestagsabgeordnete und Staatsministerin Monika Grütters ungetauften Menschen „kulturelle Unbehaustheit“ zugeschrieben. Foto: Elke A. Jung-Wolff

Trotz Kreuze-Streit und Kopftuch-Debatte: Keiner rhetorischen Entgleisung eines Kirchenmanns und keinem religiös inspirierten Gewalttäter – zum Glück – ist es in den vergangenen Monaten gelungen, soviel Kopfschütteln, Ärger und Empörung gerade im konfessionsfreien Teil unserer Bevölkerung auszulösen wie der Bundestagsabgeordneten und Staatsministerin für Kultur Monika Grütters mit einem Essay.

„Muss man Christ sein, um diese kulturelle Unbehaustheit mit Sorge zu sehen?“, schrieb die CDU-Politikerin in der letzten Ausgabe der ZEIT unter der Schlagzeile „Wie viel Religion verträgt die Demokratie?“ zu Erfahrungen mit Schülerinnen und Schülern aus ihrem Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf. Denn: „Einer von 26! Und der war sich noch nicht mal sicher!“, musste sie berichten zur Reaktion der Schülergruppe auf ihre Frage, wer getauft sei.

Bei genauerer Betrachtung des Satzes könnte für besonders sensible Beobachter in Grütters Worten zwar sogar latenter Antisemitismus durchscheinen, denn wenn in der Schülergruppe ein junger Angehöriger der jüdischen Gemeinde war, fiele der dann wohl auch unter die römisch-katholisch-staatsministerliche Einordnung „kulturell unbehaust“. Und auch Heranwachsende aus alevitischen oder anderen nicht-taufenden, religiös orientierten Elternhäusern gibt es viele in Berlin. Doch Grütters Stoßrichtung war schon klar: Es ging um die vielen konfessionsfreien und nichtreligiösen Schülerinnen und Schüler, die nicht kirchlich vergemeinschaftet sind, wie es Frau Grütters wohl am liebsten sähe.

„Für mich gehört das Kreuz ins Kanzleramt, weil es Zeichen meiner inneren Orientierung ist, weil es mir Halt gibt“, erklärte sie zwei Absätze später. Und zum Abschluss des Textes: „Wir sollten vielmehr den Mut haben, uns auch unter Andersdenkenden selbstbewusst zu bekennen.“ Der ministeriell-hoheitlichen Aufforderung bin ich am vergangenen Sonntag gerne nachgekommen und habe der Ministerin mein Wissen zur Wahrheit über Schülergruppen in ihrem Wahlkreis bekannt gemacht.

Syndrome einer Ideologie der Ungleichwertigkeit

Es gibt keinen Anlass, der Staatsministerin eine antisemitische Haltung zu unterstellen, die über die durchschnittliche Tendenz in der Allgemeinbevölkerung hinausreicht. Allerdings hat sie mit den Äußerungen in ihrem Essay (eine Textgattung, die eine geistreiche Auseinanderersetzung mit einem Thema meint) noch ein Stichwort geliefert – bzw. vielmehr den Anlass, überhaupt erstmal ein weiteres Wort zu bestimmen.

Antisemitismus und Antijudaismus, Ausländer- und Muslimenfeindlichkeit, Christenverfolgung, Homophobie, Rassismus, Sexismus, – es gibt zahlreiche Begriffe, um die verschiedenen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit als Syndrome einer Ideologie der Ungleichwertigkeit zu benennen. Unsere Sprache ist reich an weiteren Begriffen wie etwa Intoleranz, Egoismus, Arroganz, mit denen bevormundende, herabsetzende und problematische exklusionistische Haltungen oder Handlungen genauer bezeichnet werden können. Und das ist gut so, denn diese begriffliche Vielfalt ist eine wichtige Grundlage für ein ausreichendes Problembewusstsein und den qualifizierten öffentlichen Diskurs, wie sich legitime von illegitimen Auffassungen und Verhaltensweisen in einer idealerweise auf humanistischen Grundsätzen und Werten basierenden Gesellschaft unterscheiden. Und wie mit problematischen Ausformungen umgegangen und diese verringert werden können. Eine politische Institution neben den zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen, Vereinen und Verbänden, die auf eine Verringerung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in der Gesellschaft hinwirken soll, ist etwa die 2006 gegründete Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

„Kulturell unbehaust“ – das ist eine negative, vorurteilsbeladene, vorverurteilende, stigmatisierende Sprache, wie sie charakteristisch für Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist, eventuell ebenso unbewusst im Denken Vieler verankert wie der immer noch latent oder offen vorhandene Antisemitismus, der in diesen Tagen wieder vermehrt diskutiert werden muss.

Ungetauft, humanistisch, möchte nicht als „kulturell unbehaust“ gelten: Anje R. aus dem Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf, mit zwei ihrer drei Kinder. Foto: © privat

Jedoch gibt es einen deutlichen Unterschied zu Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und anderen derartigen Verhaltensweisen: Eine wenig respektvolle und anerkennende Haltung ist gegenüber den konfessionsfreien und nichtreligiösen Bürgerinnen und Bürgern in Teilen der Mehrheitsgesellschaft und insbesondere bei den politischen Eliten gang und gäbe, sie ist im besten und schlechtesten Sinne des Wortes zugleich: hoffähig.

Nichtgetauften (oder Ausgetretenen) „kulturelle Unbehaustheit“ zu attestieren, ist aber immerhin noch eine recht elaborierte Form der rhetorischen Verortung. Gottlos, ketzerisch, dissidentisch, konfessionslos, atheistisch – auch unsere Sprache ist reich an bekannten Begriffen, mit denen die alteingesessene, machthabende, kirchlich organisierte Mehrheit und deren Spitzenvertreter über die Jahrhunderte ihr Verhältnis bzw. durchaus die Verhältnisse derjenigen zu bestimmen pflegte, die andere Ansichten und Werte in religiösen bzw. weltanschaulichen Fragen teilten.

Ein kleiner Exkurs

Ja, leider stimmt es, der eine oder andere Mensch empfindet es noch als provokante oder gar attraktive Idee, sich selbst als atheistisch oder Atheist zu identifizieren. Für die Mehrheit der Konfessionsfreien ist dies schon aufgrund (religions-)soziologischer Befunde unzutreffend. Als nichtreligiöse Person unter den Konfessionsfreien empfinde ich es sogar als besonders schwierig, wenn mal wieder ich so reduzierend bezeichnet werde, ob von politischer oder von kirchlicher oder medialer Seite. Denn „atheistisch“ kann lediglich eine Facette (nicht nur) meines Denkens und meiner Person in Hinsicht auf eine konkrete philosophische Fragestellung bezeichnen: Halte ich diese oder jene Gottesvorstellung für wahr oder wahrscheinlich genug, um mein Handeln und meine Lebensauffassung davon beeinflussen zu lassen? Genau genommen bin ich eher agnostisch, denn ich kann aus dem Universum nicht rausschauen, doch da sind wir schon in den Feinheiten.

Angemessen identifiziert wäre ich bei einschlägigen Gelegenheiten jedoch als Humanist oder humanistisch, womit nicht nur ein gewisses Weltbild, ein Werte-System und gewisse erwartbare Verhaltensweisen begrifflich positiv erfasst sind. Sicherlich gibt es auch Humanistinnen und Humanisten, deren Weltbild, Werte-System und Verhalten von religiösen Vorstellungen und Überzeugungen geprägt sind, wie unter anderem den islamischen Theologen Mouhanad Khorchide und viele andere Bürgerinnen und Bürger im Umfeld von unter anderem dem Muslimischen Forum Deutschland. Die Fremd- oder Selbst-Identifizierung als Humanist oder humanistisch kann logischerweise nur exklusiv in Hinsicht auf diejenigen oder solche Handlungen sein, die inhuman und anti-humanistisch nach Einschätzung einer verständigen Mehrheit von Menschen mit humanistischen Haltungen sind. Und: Nicht ohne Grund bezeichne ich grundlegende Dokumente wie die Amsterdam-Deklaration als eine Beschreibung eines Humanismus-Verständnisses, denn eine abschließende Definition des Begriffs steht gegen unsere Vorstellung von diesem als einem offenen System.

Konfessionslose, Nichtse, kulturell unbehaust, atheistisch – anormal

Wozu die letzten beiden Absätze? Ein weiterer Teil des Problems neben der Hoffähigkeit solcher Haltungen, das sich in Einordnungen wie „kulturell unbehaust“ durch eine Staatsministerin aus dem Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf in ZEIT-Essays niederschlägt, ist die Akzeptanz reduzierender Fremdbezeichnungen vieler nichtreligiöser Menschen als beispielsweise „Atheist“ oder „atheistisch“, und in kleinen Gruppen in der Gesellschaft ist es sogar eine Selbstbezeichnung. Im angelsächsischen Sprachraum ist eine sogar im akademisch-wissenschaftlichen Bereich etablierte Bezeichnung für nicht religiös gebundene Menschen „Nones“ – Nichtse. Vor noch rund 100 Jahren wurden die den Kirchen untreuen Bürgerinnen und Bürger als Dissidenten bezeichnet, was wohl einen ähnlichen Klang trug wie „Fahnenflüchtige“ oder „Volksverräter“, und schon damals gab es insbesondere in den historisch nur oberflächlich christianisierten nördlicheren Regionen unserer heutigen Republik beachtliche Mengen davon. Heute nennt die kirchlich orientierte Elite uns in der Regel „konfessionslos“.

Getauft, ausgetreten, humanistisch, möchte nicht als „kulturell unbehaust“ gelten: Die Berlinerin Sarah S. Foto: © privat

Empirische Daten sprechen jedoch gegen derart reduzierende Bezeichnungen. Denn repräsentative Befragungen wie jene des Humanistischen Verbandes, wissenschaftliche Untersuchungen wie die Studie „Konfessionsfreie Identitäten“ und auch Befunde des Religionsmonitors der Bertelsmann Stiftung belegen gemeinsam, dass die Mehrheit der sogenannten Dissidenten bzw. „Konfessionslosen“ humanistische Haltungen und Werteorientierungen teilt. Eine große Mehrheit der religiös oder kirchlich nicht gebundenen Menschen in Deutschland wird daher korrekt identifiziert mit der Bezeichnung Humanist/in bzw. humanistisch. Worte wie „konfessionslos“ (wie etwa arbeitslos, lustlos, sinnlos) und „atheistisch“ (wie etwa anormal) sind hier herabsetzende bis stark reduzierende Begriffe.

Auch ich bin nicht gänzlich schuldlos an diesem fragwürdigen Sprachgebrauch. Denn auf des Görlitzer Bischofs Wolfgang Ipolt Warnung „ohne Gott wird unsere Gesellschaft erbarmungslos“ im letzten Jahr wies ich mit der Schlagzeile „Staatlich geförderte Atheisten-Diffamierung“ hin.

Um nun all dies noch mit einem Gegenbeispiel zu illustrieren: Man stelle sich vor, welcher Aufschrei durch das Land ginge, würde eine Staatsministerin für Kultur unsere kirchlich oder andersreligiös orientierten Mitbürgerinnen und -bürger als „Frömmler“ bezeichnen – deren Kinder in einer „kulturellen Ruine“ leben würden, weil trotz der Erkenntnisse der Wissenschaften über die Natur und das Universum ihr Elternhaus ihnen einen der religiösen Narrative über die Welt im „Zeitalter der Kontingenz“ (Hans Joas) mit auf den Weg zu geben gedenkt. Ich will das hier nicht weiter ausmalen.

Der dritte Aspekt, der Teil des Problemfeldes des weitverbreiteten inkorrekten Denkens über und des inkorrekten Sprachgebrauchs auch zu nichtgetauften und nichtreligiösen Humanistinnen und Humanisten ist, wie er im ZEIT-Essay der Staatsministerin beispielhaft zum Ausdruck kam: Es existiert kein etablierter Begriff der in Politik und auch Teilen der Gesellschaft gängigen und hoffähigen Herabsetzung sowie der systematischen Diskriminierung von Menschen, die ihr Leben ganz oder weitestgehend ohne Rückgriff auf eine der religiösen Orientierungen und Lebensauffassungen führen. Hier besteht eine Lücke, die sicherlich nicht als Rechtfertigung der vielen vorhandenen Missstände dienen kann, die aber gefüllt werden muss.

Politische Verantwortung bedeutet besondere Sorgfalt

Zuletzt: Nun ist bei uns im Kolleginnen- und Kollegenkreis unlängst eine kleine Diskussion anlässlich des vom Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch im Duden-Verlag erschienenen Buchs Eine Frage der Moral: Warum wir eine politisch korrekt Sprache brauchen aufgekommen. Und es scheint ein erstes Ergebnis zu sein, dass wir uns mit fremdauferlegten Sprachgeboten ähnlich schwer tun wie schon in historischer Tradition mit Sprechverboten. Der autoritative Charakter des Sprachgebots trifft instinktiv auf Abwehrreaktionen. Die Veränderung muss immer aus innerer Überzeugung, kraft des Arguments, der Einsicht und des Mitgefühls wachsen. Darum kann das Buch in jedem Fall als lesenswert willkommen gelten, denn es enthält Argumente. „Gerechte Sprache allein schafft noch keine gerechte Welt. Aber indem wir sie verwenden, zeigen wir, dass wir eine gerechte Welt überhaupt wollen“, sagt Stefanowitsch.

Mir liegt es also fern, nichtreligiösen wie religiösen Leserinnen und Lesern ein Plädoyer für ein autoritatives Sprachgebot vorzutragen. Ich hoffe, mit der Zeit wird sich auch hier die Veränderung aus wandelnden Perspektiven und der Einsicht bei immer mehr Menschen ergeben, dass zum Beispiel Nichtgetauftsein weder „kulturelle Unbehaustheit“ bedeutet noch irgendwelche anderen objektiv greifbaren Defizite an einer Person.

Warum verzapft eine Kulturstaatsministerin solchen Mist? So fasste der Philosoph Frieder Otto Wolf seinen ersten Gedanken zur diffamierenden Äußerung der CDU-Politikerin Monika Grütters zusammen. Er sagt, die Politik sei in der Pflicht, mehr in Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu investieren. Geboten sieht Wolf dies auch durch das Grundgesetz. Und meint zum aktuellen Fall: Eine katholische Abgeordnete ist lernfähig – zumal dann, wenn der Papst Lernimpulse vorgibt. Lesen Sie hier das ganze Interview.

Anders sollte die Sachlage hingegen bei Staatsministerinnen oder sonstigen Persönlichkeiten mit ähnlicher politischer Funktion sein. Der jeweilige Amtseid verpflichtet diese auf eine gewissenhafte Pflichterfüllung für die gesamte deutsche Bevölkerung. Eine Privatperson darf eine „politisch korrekte“ Sprache mögen und verteidigen oder ablehnen und gar bekämpfen. Wir sollen eine freiheitliche Gesellschaft sein. Staatsministerinnen und vergleichbare Persönlichkeiten sind jedoch noch an andere Maßstäbe als allein die des Privatlebens gebunden und dies nicht nur, weil deren Besoldung auch aus unseren Steuergeldern stammt.

Eine negative, vorurteilsbeladene, vorverurteilende, stigmatisierende Sprache wie sie Syndrom gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist, sollte für politische Funktionsträgerinnen und -träger keine pflichtgemäße Freiheit sein, weder in Bezug auf Menschen mit anderer Hautfarbe, Menschen jeden Geschlechts, noch Menschen anderen Glaubens oder eben für Menschen, die nicht getauft oder irgendwann aus einer Kirche ausgetreten sind. Politische Verantwortung Tragende müssen hier eine besondere Sorgfalt verwenden. Und dies hat die Abgeordnete und Staatsministerin Grütters nicht getan, im Gegenteil. Sehr geehrte Frau Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau, dies ist nicht zuletzt auch Ihr Wahlkreis, bitte übernehmen Sie!

Zum Thema: Auch ohne Taufe ist das Menschsein komplett Ein kurzer Nachtrag des promovierten Theologen und Philosophen Joachim Kahl zu Monika Grütters (CDU) Entgleisung. Er schreibt, Eltern sollen das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit im Sinne ihrer Kinder treuhänderisch schützen, nicht eigenmächtig ausüben. Weiterlesen…
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