ANZEIGE
Social Media
Lorem ipsum
ANZEIGE

Aus unserem Netzwerk

Verschwörungserzählungen und Soziale Arbeit

Soziale Einrichtungen sind seit Beginn der Coronavirus-Pandemie in zusätzlichem Maße gefordert, Mitarbeiter*innen zu schützen und in Konfliktsituationen handlungssicher zu agieren.

Mann mit Aluhut und ohne Mundschutz bei einer Anti-Corona-Demo in Köln. Foto: Marco Verch / Flickr / CC BY 2.0

Im Verlauf der Corona-Pandemie bewirken Verschwörungserzählungen, dass massenhaft gesundheitsschützende Maßnahmen abgelehnt, Falschinformationen zu Sicherheit und Wirksamkeit von Covid-19-Impfstoffen verbreitet, Personal und Einrichtungen, die das Einhalten von Hygienemaßnahmen einfordern, angefeindet und bedroht werden. Soziale Einrichtungen sind in zusätzlichem Maße gefordert, Mitarbeiter*innen zu schützen und in Konfliktsituationen handlungssicher zu agieren.

Von Christian Weßling, Berlin

Was sind überhaupt Verschwörungserzählungen oder -ideologien?

Verschwörungserzählungen beziehen sich auf konkrete Geschehnisse in der Welt, die in einer bestimmten Weise eingeordnet und erklärt werden. Sie basieren auf der Annahme, dass als mächtig wahrgenommene Einzelpersonen oder eine Gruppe von Menschen wichtige Ereignisse in der Welt beeinflussen und damit der Bevölkerung gezielt schaden, während sie diese über ihre Ziele im Dunkeln lassen, erläutern die Expertinnen Pia Lamberty und Katharina Nocun in ihrem Buch „Fake Facts“.

Verschwörungsideologien bezeichnen ein geschlossenes Weltbild, welches das Geschehen auf der Welt auf eine weltumfassende Verschwörung zurückführt. Vertreter*innen von Verschwörungsideologien nehmen das Scheitern ihrer Aussagen oder logische Gegenargumente nicht zur Kenntnis und sichern ihr Weltbild gegen die Widerlegung ihrer Prämissen ab. Die Verschwörung, die sie nachweisen wollen, wird von vornherein als gegeben vorausgesetzt.

Christian Weßling ist Referent des Projektes „Beratung gegen Rechts“ beim Paritätischen Gesamtverband.

Gesellschaftliche Krisensituationen wie die Corona-Pandemie erzeugen bzw. verstärken Unsicherheiten bei vielen Menschen, die nach neuen Strategien und Handlungsmöglichkeiten suchen, die entstehenden Probleme und Herausforderungen zu bewältigen. Der Glaube an Verschwörungen hilft, Sinn und Ordnung in unübersichtliche und widersprüchliche Realitäten zu bringen. Schließlich wird damit ein positives Selbstbild erzeugt, das sich aus dem Überlegenheitsgefühl gegenüber den Nicht-Wissenden speist.

Die Gefahren von Verschwörungserzählungen

Das Eintauchen in die verschwörungsideologische Szene kann dazu führen, den Kontakt zu Personen, die nicht die Überzeugungen teilen, zu begrenzen oder aufzugeben. Wenn der Fokus immer stärker in die verschwörungsideologischen Gruppierungen verlagert wird, drohen die weitere Bestärkung des Verschwörungsglaubens und Radikalisierungsprozesse. Hat sich ein geschlossenes Weltbild verfestigt, kann auch die Anwendung von Gewalt gegen das vermeintliche Unrecht als „Selbstverteidigung“ akzeptiert oder sogar propagiert werden.

Die Verbreitung von Verschwörungserzählungen setzt daher insbesondere die von ihnen als Feindbilder markierten Personen oder Gruppen Gefahren von Anfeindung und Diskriminierung aus. Das kann aufgrund der Zuschreibung geschehen Jüd*in oder Migrant*in zu sein, aber auch Berufsgruppen wie Journalist*innen oder Politiker*innen. Bekannte Aktivist*innen der Verschwörungsszene erreichen über Soziale Medien oder Messenger hunderttausende Anhänger*innen, die sie mobilisieren können, um gegen Organisationen oder Einzelpersonen vorzugehen. Beschimpfungen und Bedrohungen missliebiger Journalist*innen oder Politiker*innen sind keine Seltenheit. Zudem drohen tätliche Angriffe oder gar Anschläge gegen Personen und Institutionen, die als Gegner ausgemacht werden. Die Attentäter von Halle, Christchurch/Neuseeland und Utoya/Norwegen wurden von Personen begangen, die fest an die von ihnen zur Legitimation herangezogenen Verschwörungserzählungen glaubten.

Verschwörungserzählungen können auch für ihre Anhänger*innen selbst zur Gefahr werden. Die Infragestellung von medizinischen Erkenntnissen, wie die Verharmlosung des Coronavirus oder die Leugnung dessen Existenz, bedrohen die eigene Gesundheit und die ihres Umfeldes. Zudem können finanzielle Probleme auftreten, z. B. weil sie sich verschulden, weil sie den Job verlieren oder kündigen, weil sie glauben, der Zusammenbruch der Gesellschaft stünde bevor. Der Verlust oder Abbruch von Kontakten durch Konflikte im sozialen Umfeld können in eine Spirale der Radikalisierung führen, der die genannten Probleme noch verstärkt.

Gesprächssituationen mit verschwörungsgläubigen Menschen

Grundsätzlich ist zu beachten: Beim Umgang mit Verschwörungsgläubigen im beruflichen und ehrenamtlichen Bereich darf der Eigenschutz nicht vernachlässigt werden. Eine Klarheit über die durch eine Intervention bezweckten Ziele herzustellen, eine konkrete Aufgabenstellung zu formulieren und Grenzen zu ziehen, sollten die ersten Schritte sein.

Fest an Verschwörungserzählungen glaubende Menschen auf der Ebene von faktenbasierter Argumentation zu begegnen, wird von den meisten Expert*innen als nicht erfolgversprechend angesehen. Der Verweis auf Erkenntnisse, welche die Gültigkeit der Verschwörungserzählung in Frage stellen, kann von Verschwörungsgläubigen als Angriff auf die eigene weltanschauliche Überzeugung gewertet werden. Gespräche auf dieser Ebene können daher schnell eskalieren.

Wenn andere dabei sind, ist Widerspruch gegen Verschwörungserzählungen wichtig. Damit wird den ebenfalls Mithörenden oder Mitlesenden eine kritische Perspektive vermittelt. Denn Schweigen und Ignorieren wird meist als stillschweigende Zustimmung interpretiert. Der geäußerte Widerspruch kann eine positive Dynamik der Situation erreichen, denn dann fühlen sich auch andere ermutigt, ebenfalls ihre Zweifel und ihre Ablehnung zu äußern. So kann ein aktiver Beitrag zur Verhinderung der Weiterverbreitung einer Verschwörungserzählung geleistet werden.

Verschwörungserzählungen als Konfliktfeld im Alltag der Sozialen Arbeit

Die Erfahrungen mit Verschwörungserzählungen im Kontext der Corona-Pandemie haben gezeigt, dass es einer stimmkräftigen Minderheit vielerorts gelingen kann, Verunsicherung zu schüren und Konflikte zu erzeugen. In Sozialen Einrichtungen ist eine klare Positionierung durch die deutliche Zurückweisung von Falschinformationen und menschenfeindlichen Bezügen in Äußerungen elementar. Regelverstöße, die auf dem Anhängen von Verschwörungserzählungen beruhen, sollten konsequent geahndet werden. Das verschafft Kolleg*innen, Ehrenamtlichen und Nutzer*innen von sozialen Einrichtungen Handlungssicherheit und stärkt sie in konkreten Konfliktsituationen.

Auftretende Konflikte werfen auch Fragen nach Handlungsmöglichkeiten auf arbeitsrechtlicher Ebene auf. Hier gilt: Ausschlaggebend für Maßnahmen, die aus arbeitsrechtlicher Perspektive getroffen werden können, sind nicht weltanschauliche Einstellungen. Allein konkrete Verhaltensweisen im Arbeitsalltag von Einrichtungen, wie z. B. Maßnahmen zum Infektionsschutz nicht einzuhalten oder in anderer Weise das Betriebsklima zu beeinträchtigen. Näheres zum Arbeits- und Vereinsrecht in der Broschüre „Wahrnehmen-Deuten-Handeln“ des Paritätischen.

Viele Anfragen beziehen sich auf den Umgang mit Verschwörungsgläubigen in Beratungssituationen. In persönlichen Krisensituationen, kann die Hinwendung zu Verschwörungsideologien, an psychologische Grundbedürfnisse anknüpfen. Verschwörungserzählungen bieten Orientierung, Gruppenzugehörigkeit und können zumindest anfänglich das Selbstwertgefühl stärken. Das falsche Versprechen einer schnellen Stabilisierung kann die Bereitschaft steigern, auch nach objektiven Maßstäben absurden Geschichten Glauben zu schenken.

Die Eskalationsgefahr durch die Infragestellung von Verschwörungserzählungen in Gesprächssituationen sollte in Beratungssituationen ernst genommen werden. Berater*innen sollten nicht auf entsprechende Aussagen eingehen, sondern vielmehr auf der Verhaltensebene klar signalisieren, dass es sinnvoller ist, nach Lösungen für konkrete Problemstellungen zu suchen, statt Schuldige für die eigenen Lage zu suchen.

Dringend benötigt: Fachspezifische Beratungs- und Fortbildungsangebote

Um den vielfältigen Herausforderungen durch Verschwörungserzählungen in der Sozialen Arbeit zu begegnen, bietet das Projekt Beratung gegen Rechts beim Paritätischen Gesamtverband Qualifizierung und Fortbildung zu Inhalten und Strategien von Verschwörungserzählungen und organisiert zielgruppengenaue Angebote für die Tätigkeitsfelder der Sozialen Arbeit an.

Einen wichtigen Beitrag für die Bewältigung der Herausforderungen durch Verschwörungserzählungen können die in jüngster Zeit zahlreich erschienenen praxisorientierten Ratgeber leisten. Neben den etablierten Beratungsangeboten gegen Rechtsextremismus beraten inzwischen spezialisierte Projekte zum Umgang mit Verschwörungsgläubigen.

Die Langfassung dieses Artikels wurde zuvor in den „Blättern der Wohlfahrtspflege“, Ausgabe 3/2022, veröffentlicht. Diese Kurzfassung ist zuerst erschienen im Verbandsmagazin des Paritätischen, Ausgabe 4/2022.

Unser
humanistisch!er Newsletter

Lassen Sie sich kostenfrei über neue Artikel auf dem Laufenden halten.
Jetzt abonnieren:
Anmelden
Kommentarbereich ausklappen

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Vielgelesen

Unser
humanistisch!er Newsletter

Lassen Sie sich kostenfrei über neue Artikel auf dem Laufenden halten.
Jetzt abonnieren:
Anmelden
close-link