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Warum verzapft eine Kulturstaatsministerin solchen Mist?

Die Politik sei in der Pflicht, mehr in Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu investieren, sagt der humanistische Philosoph und Akademie-Präsident Frieder Otto Wolf im Interview zur diffamierenden Äußerung der CDU-Politikerin Monika Grütters. Geboten sieht Wolf dies auch durch das Grundgesetz. Und meint zum aktuellen Fall: Eine katholische Abgeordnete ist lernfähig – zumal dann, wenn der Papst Lernimpulse vorgibt.

Dieser Text der Staatsministerin Grütters erschien in der ZEIT-Ausgabe 20/2018 vom 9. Mai 2018. Bild: DIE ZEIT

Grütters hatte in einem Essay in der ZEIT vor anderthalb Wochen nichtgetauften Schülern aus ihrem Berliner Wahlkreis und deren Familien „kulturelle Unbehaustheit“ attestiert und anschließend dafür plädiert, das Symbol ihrer Religionsgemeinschaft im Kanzleramt aufzuhängen. Auf humanistischer Seite führte besonders die diffamierende Einordnung konfessionsfreier Menschen durch die Staatsministerin für Kultur bundesweit zu Empörung und Kritik.

Frieder Otto Wolf, habilitierter Philosoph und Präsident der Humanistischen Akademie Deutschland, spricht im Interview über seine Sicht auf Grütters in dem ZEIT-Essay ebenfalls geäußerten Vorwurf der „kulturellen Selbstverleugnung“, den sie an kritische Stimmen zum Kreuz auf dem Humboldt-Forum in Berlin richtete. Er erinnert, dass ein großer Teil der Dichter und Denker der europäischen Neuzeit nicht viel mit dem Gott der Christenheit „am Hut gehabt“ hatte. Auch das Bild eines rein christlichen Europas vor deren Beginn sei eine retrospektive und reaktionäre Fiktion. Wolf sagt zur Causa Grütters außerdem, ein Verschwinden der hier abermals zutage getretenen Probleme dürften die von der katholischen Abgeordneten gemeinten Bürgerinnen und Bürger nicht ohne weiteres Zutun erwarten.

Sie hatten den Text in der vorletzten Woche als einer der ersten auf humanistischer Seite kritisiert. Was waren Ihre ersten Gedanken nach der Lektüre?

Prof. Dr. Frieder Otto Wolf: Das kann doch nicht angehen: Eine sich als aufgeklärt und modern gebende Christin, die zugleich noch Staatsministerin für Kultur ist, verzapft solchen Mist, wie er zur Zeit von Anselm von Canterbury vielleicht zeitgemäß gewesen sein könnte!

Das ist bald 1000 Jahre her. Was hat der katholische Theologe aus dem Mittelalter mit dem Spruch der CDU-Abgeordneten aus Berlin Marzahn-Hellersdorf zu tun?

Anselm hatte seinen „ontologischen Gottesbeweis“ damit eingeleitet, dass er den Bibel-Psalm 14, 1 zitierte: „Der Tor [insipiens, als Negation des Weisen/Wissenden [sapiens]] spricht in seinem Herzen: ‚Es ist kein Gott [non est Deus]!‘“. Und er brachte damit ein als solches geschlossenes theozentrisches „Sprachspiel“ durchaus treffend auf den Punkt: Wer die „Existenz Gottes“ bestreitet, ist ein „Tor“, ein „Unverständiger“, d.h. er steht außerhalb der durch dieses Sprachspiel konstituierten Sinn-Gemeinschaft der „Verständigen“ [sapientes].

Das mag ja in den geschlossenen Gemeinwesen des Mittelalters oder in einer frühen jüdischen Stammesgemeinschaft vertretbar gewesen sein. In modernen Staaten mit ihrer nicht mehr religiös gebundenen Öffentlichkeit macht es weder Sinn, noch hätte es Anspruch auf einen legitimen Platz – außer eben im internen Diskurs einer entsprechenden „Glaubensgemeinschaft“. Monika Grütters spricht hier aber nicht innerhalb eines gottesdienstlichen Ritus, innerhalb dessen ein entsprechendes bekennendes Sprachspiel zulässig sein könnte, sondern sie spricht in der allgemeinen Öffentlichkeit. Und sie spricht auch nicht bloß als Privatindividuum, sondern als Trägerin des öffentlichen Amtes einer Staatsministerin. Und so etwas geht einfach nicht!

Die Staatsministerin bezeichnete die kritischen Stimmen zum Kreuz auf dem neuen Humboldt-Forum in Berlin als „eine an kulturelle Selbstverleugnung grenzende Haltung“. Sie gehören mit zum Kreis der Kritikerinnen und Kritiker. Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, den Grütters formulierte?

Monika Grütters projiziert in die kulturelle Tradition Deutschlands und Europas etwas hinein, dass es in dieser Form genau genommen nie gegeben hat, nämlich eine geschlossene Christlichkeit. Auf dem Höhepunkt des Mittelalters, also zu Zeiten Anselms und der auf ihn folgenden Hochscholastik, konnte immerhin der Eindruck aufkommen, dass im katholischen Mittel- und Westeuropa eine solche religiöse Geschlossenheit geherrscht hätte – trotz der Expansion des Islam und der mehrfachen Spaltungen des Christentums. Aber schon damals hat es zumindest zwei breit wirksame Gegenbewegungen gegeben, denen gegenüber die christliche Missionierungstätigkeit versagt hatte: Zum einen eine zwischen Skepsis, Deismus und Theismus changierende, philosophisch-literarisch geprägte „religiöse“ Kultur der Hochgebildeten, wie sie etwa noch bei Johann Wolfgang von Goethe einen späten und zugleich klassischen Ausdruck gefunden hat, und zum anderen ein gegenüber allen christlichen Versuchen der „Aufklärung“ robust resistenter „Volksglauben“ an mehr oder minder lokal verortete oder funktional definierte „Gottheiten“.

Deswegen ist es überhaupt keine „kulturelle Selbstverleugnung“, daran zu erinnern, dass ein großer Teil der Denker und Dichter der europäischen Neuzeit mit dem Gott der Christen nicht viel „am Hut gehabt“ hat, auch wenn sie es meist für unklug hielten, sich offen gegen die christlichen Kirchen zu stellen. Ganz im Gegenteil wäre es eine Verleugnung der europäischen Kultur der Neuzeit, ihre wichtigsten Protagonistinnen und Protagonisten – zu denen ja auch philosophierende Frauen wie etwa Christina von Schweden gehört haben – schlichtweg zu gläubigen Christen zu erklären. Und dies wäre nur um so absurder, als es noch gar nicht so lange her ist, dass die unterschiedlichen christlichen Konfessionen einander wechselseitig als „Teufelswerk“ bekämpft haben.

Die Bürgerinnen und Bürger sollten wirklich aufhören, der historischen Mär zu erliegen, dass vor einer historischen Schwelle zur Neuzeit ein „christliches Europa“ gelegen hätte: Das ist eine retrospektive Fiktion der reaktionären Teile der Romantik, die schlichtweg unterschlägt, welche bedeutenden Anteile der Islam und das Judentum, aber auch die schismatisch ausgegrenzten und mit dem Katholizismus konkurrierenden „Orthodoxien“, sowie einige sogenannte „Ketzerbewegungen“ und nicht zuletzt der religiös eher neutrale „Humanismus“ der Bildungsschichten in der wirklichen Kulturgeschichte vor allem Westeuropas in der Zeit von ca. 500 bis ca. 1300 nach christlicher Zeitrechnung gespielt haben. Und bei aller berechtigten Freude darüber, dass sich die christlichen Konfessionen zu vertragen begonnen haben, sollten wir doch nicht verdrängen, mit welcher kriminellen Energie sich diese Konfessionen seit dem 16. Jahrhundert immer wieder wechselseitig auszulöschen versucht hatten.

Ich kann hier übrigens aus eigener Kindheitserfahrung im protestantisch geprägten Kiel die Erinnerung beisteuern, dass die Kinder das Zerquetschen von Maikäfern mit den Fingern – als offiziell geförderte Schädlingsbekämpfung – ganz unbefangen als „katholsch [sic] machen“ bezeichnet haben.

Weiter meinte die Kulturstaatsministerin, ihre Kirche habe seit 2000 Jahren kulturelle Identität und Prägekraft weit über den Kreis ihrer Mitglieder hinaus entwickelt. Wie blicken Sie auf dieses Eigenlob?

Vielleicht hilft hier ein Blick über Europa hinaus: In der großen Kathedrale von Cuenca in Ecuador, findet sich, wie heute offen zugestanden wird, die Gesamtheit der Götterwelt der heimischen Indiokultur in Gestalt von Heiligenfiguren reproduziert. Das mag Frau Grütters als ein Exempel von Identität und Prägekraft feiern; ich sehe darin vor allem den anhaltenden Widerstand gegen kulturelle Unterdrückung. Und es spricht nichts dafür, dass dies in Europa grundsätzlich anders gelaufen wäre, nachdem das Christentum sich als Religion des Imperiums hatte etablieren können. Und vor dieser Etablierung waren die selbstorganisierten christlichen Gemeinden – nach allem, was wir wissen – nicht nur in den Augen ihrer Zeitgenossinnen und -genossen offen „atheistisch“, da sie doch die Existenz der gesamten „Götterscharen“ der antiken Lokalreligionen bestritten haben, sondern auch noch radikal „ikonoklastisch“, da sie es – mit den Evangelien – für eindeutig verboten hielten, sich ein Bild ihres Gottes zu machen. Das hat zwar durchaus fortgewirkt, aber keineswegs die „christliche Kultur“ geprägt, wie sie die Kirche(n) propagiert haben – deren Bilderreichtum vielmehr einen nicht zu unterschätzenden Ausgangspunkt für die reiche Entwicklung der (west-)europäischen Kultur seit dem 14. Jahrhundert gebildet hat. Aber diese reiche Entwicklung selber bricht sich erst mit der „Renaissance“ Bahn, also im bewussten Rückgriff auf schlicht vorchristliche Traditionslinien.

Wer es nicht mehr gewohnt sei, sich zu bekennen, der neige im „Bekenntnisfall“ dann auch mal zu Unbeholfenheit und Übertreibung, schrieb Grütters außerdem. Würden Sie sagen, dass der Umgang der Ministerin mit der weltanschaulichen Gegenwart von heute sehr souverän wirkt?

Vielleicht hat sie hier – ganz unbewusst – vor allem die eigene Lage gekennzeichnet! Nach 1950 haben sich die Kirchen nicht nur im immer noch einflussreichen „Kulturprotestantismus“ durchaus mit einer gewissen, wenn auch begrenzten Plausibilität – zumindest in ihren entsprechenden Strömungen – als die eigentlichen „Kulturträger“ von der Nazi-Bewegung und ihrem Staat oder auch vom in der DDR zur Herrschaft gebrachten Stalinismus abgrenzen können. Und sie haben auf dieser Grundlage zumindest in der Bundesrepublik zeitweise eine kaum anzufechtende Hegemonie erreicht. Und dass sie diese Hegemonie – wie ich denke, schon mit der Jugendrevolte der 1960er Jahre und nicht erst mit der Aufnahme der DDR in die BRD – verloren haben, macht vor allem den protestantischen Kirchenleitungen offenbar immer noch Schwierigkeiten. Deswegen kommen die kirchlichen Bekenntnisse immer noch etwas schräg daher, nämlich weder als ein klares Bekenntnis zur Überzeugung einer religiösen Minderheit, noch als Ausdruck eines mehr oder minder allgemein bestehenden „Volksvorurteils“ – sondern als „etwas dazwischen“, was es eigentlich gar nicht geben kann.

Welche positiven Punkte finden Sie in den Ausführungen?

Immerhin sind bei Frau Grütters Ansätze dazu zu sehen, das eigene Bekenntnis als ein besonderes zu begreifen, das sich zu anderen Bekenntnissen verhalten muss. Allerdings scheint sie eine wichtige Konsequenz aus dieser Einsicht nicht zu begreifen: dass es nämlich gar keinen Sinn macht, für die eigene religiöse Position so etwas wie eine kulturelle Hegemonie zu beanspruchen. Eher würde nämlich daraus folgen, dafür einzutreten, dass jeder religiösen und nicht-religiösen Position der Raum gegeben wird, sich selber authentisch zu artikulieren und sich auf gleicher Augenhöhe in kulturelle Diskurse einzubringen.

Frieder Otto Wolf. Foto: privat

Die CDU-Abgeordnete hat sich trotz vieler Hinweise auf das kritische und ziemlich breite Echo bisher überhaupt nicht weiter dazu verhalten. Mag das nun eher auf Desinteresse oder auf mangelndem Verständnis beruhen?

Da möchte ich nicht spekulieren. Wenn ich mich einfach an das halte, was sie gesagt hat, komme ich allerdings zu der Schlussfolgerung, dass sie nicht über die Kategorien verfügt, um einen derartigen dialogischen Diskurs unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen führen zu können. Aber das wird sich sicherlich noch entwickeln – in dem Maße, wie sich auch gläubige Christinnen und Christen in den zögerlich beginnenden Polylog der Religionen und Weltanschauungen auf Augenhöhe einzubringen beginnen. Dass das noch ziemlich am Anfang steht, erklärt wohl manche Unbeholfenheit.

Sie zählen mit zu den aufmerksamen Beobachtern von Papst Franziskus. Passen die Äußerungen der bekennend römisch-katholischen Abgeordneten aus Ihrer Sicht zu den wahrnehmbaren Leitlinien der Politik des jetzigen Kirchenoberhaupts?

Das ist keine ganz einfache Frage. Franziskus vermeidet es offenbar ganz bewusst, mit der Tradition der katholischen Kirche einfach zu brechen und setzt auf Impulse, welche praktische Initiativen und ein kritischeres Denken unter Katholiken fördern können. Dazu passen diese Äußerungen von Monika Grütters nur schlecht – etwa zu der jüngsten Initiative des Papstes, sich mit den asiatischen Religionen und Weltanschauungen zu einem Polylog zusammenzusetzen, wie er ganz unvermeidlich ohne vorgängige Vereinnahmungen und Hierarchisierungen zu führen ist. Das ist nicht der Sinn von Monika Grütters diesmaliger Wortmeldung. Aber ich halte sie durchaus für lernfähig, zumal dann, wenn der Papst Lernimpulse vorgibt!

Und schließlich: Wie konnte es passieren, dass ein Text mit solchen Mängeln durch die ZEIT-Chefredaktion kommt? Vermuten Sie eher fehlende Sensibilität oder Absicht?

Ich vermute, die zuständigen Redakteurinnen und Redakteure sind noch von der Illusion vieler westdeutscher Intellektueller geprägt, mit der Wiederherstellung einer neuen staatlichen Einheit Deutschlands und dem Untergang der DDR hätte sich auch das Thema der Religionskritik erledigt. Dabei ist ganz offenbar, wie die Erfahrung seit 1990 gezeigt hat, das gerade Gegenteil der Fall: Die Religionskritik hat, ebenso wie die sorgfältig davon zu unterscheidende Kritik an religionspolitischen Missständen, aufgehört mit einer – im Übrigen falsch gestellten – „Systemfrage“ assoziiert zu werden und hat dadurch nur noch an Kraft und an Dynamik gewonnen. Ebenso haben, zumindest in Europa, alle Versuche an Überzeugungskraft verloren, konfessionsfreie und nicht-religiöse Menschen für irgendwie „defizitär“ zu erklären.

Was allerdings immer noch nachzuwirken scheint, ist die Hegemonie von Vorstellungen nach dem Muster einer allgemeinen „Kirchenförmigkeit“, besonders in Recht und Politik, denen ja nicht einmal alle christlichen Strömungen entsprechen – von anderen Weltreligionen oder den Humanistinnen und Humanisten noch ganz abgesehen.

Ein so geprägtes Denken schlägt sich auch in der verwendeten Sprache nieder. Und manche Menschen – hier neben der Ministerin Grütters die verantwortlichen ZEIT-Redakteure – sind offenbar in einem solch kirchenförmigen Denken noch so sehr verhaftet, dass ihnen objektiv nicht vertretbare Einordnungen wie die von Nichtgetauften als „kulturell unbehaust“ als – milde gesagt – problematisch entgehen. Hier steht uns noch eine ganz beträchtliche Aufklärungsarbeit bevor, um deutlich zu machen, wie wenig die kirchlichen Konzepte von Glauben, Theologie und Verkündigung, Zugehörigkeit und Identität dazu geeignet sind, adäquat zu begreifen, worin die gelebte Praxis anderer Religionen oder die der Lebensauffassungen anderer Weltanschauungen bestehen.

Zum Thema: Liebe kulturell Unbehauste – das ist euer Problem! Nichtgetaufte und Ausgetretene leisten ebenso ihre Beiträge für die staatlichen Haushalte, sind ebenso Wählerinnen und Wähler, sorgen sich ebenso um ihre Familien und um unsere Gesellschaft und die Welt wie Kirchenmitglieder. Doch nicht nur für die Staatsministerin für Kultur Monika Grütters sind sie trotzdem Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse. Lesen Sie hier eine weitere Analyse der Ursachen.

Auslöser der Debatte und so auch der Veröffentlichung des Texts der Kulturstaatsministerin ist der „Kreuze-Erlass“ des bayerischen Kabinetts vor rund einem Monat gewesen. Grütters Parteikollege und CDU-Generalsekretär Jens Spahn behauptete danach, das christliche Kreuz könnte in Amtsgebäuden auch beruhigend auf Menschen anderen Glaubens und sogar auf „Atheisten“ wirken. In die gleiche Richtung argumentierte der ehemalige Bundesverfassungsrichter und Katholik Udo di Fabio in der ZEIT vor zwei Wochen. Wirken Kreuze in Behörden oder vergleichbare religiöse Symbole in staatlichen Räumen auf Sie beruhigend?

Ich habe wirklich große Schwierigkeiten damit, mich in einen derartigen „Widersinn“ hineinzudenken. Eigentlich kann da nur gemeint sein, dass eine derartige „Beruhigung“ darin besteht, sich in die rückblickend idyllisierte „Ruhe“ der bundesrepublikanischen Provinz der frühen 1950er Jahre projizieren zu lassen, in der die beiden „Volkskirchen“ den Westdeutschen für einige Jahre eine Art von Zuflucht jenseits ihrer eigenen Geschichte geboten hatten.

Darin bestand ja das Neue der bundesrepublikanischen 1950er, dass es nicht mehr unmittelbar um die Konfessionen ging, wie sie einander offen verfolgt hatten, wo immer sie dazu in der Lage waren – als letztes prägnantes Beispiel ist hier in Deutschland an Bismarcks „Kulturkampf“ zu erinnern –, sondern um ein grundsätzlich als gemeinsam verstandenes „Christentum“. Das lässt sich aber nun wirklich nicht auf die gegenwärtige Situation übertragen, in der vermutlich die gläubigen Christinnen und Christen aller Konfessionen gesellschaftlich in die Minderheit geraten sind und keinerlei Perspektive haben, wieder zu einer Mehrheit zu werden.

Ansonsten kann ich wirklich nicht erkennen, inwiefern eine zunehmend aggressive Affirmation „christlicher“ Identitäten beruhigend wirken könnte. Ich denke, es besteht einiger Grund zur Beunruhigung angesichts derartiger Anflüge zu einem derartigen religiösen Fundamentalismus – der damit beginnt, die Geschichte Europas zu einer christlich-abendländischen zu verfälschen und zu verdrängen, was wir alles aus dem „Morgenland“ empfangen haben und welche eigenständigen Beiträge die griechisch-römische Bildungskultur der Humanität, die jüdische Tradition einer Volksreligion und der damals hochmoderne Islam zur Entwicklung der „europäischen Kultur“ geleistet haben.

Und soweit sich der Staat und das Recht überhaupt symbolisch vergegenwärtigen müssen, bietet das Grundgesetz entsprechende Symbole an. Religiös (oder auch weltanschaulich) spezifisch bestimmte oder auch nur „vorbelastete“ Symbole sind dafür ohne jeden Zweifel völlig ungeeignet. Jedenfalls kann ein derartiger Kampf um eine christliche Hegemonie im öffentlichen Raum nichts weiter werden als ein ärgerlicher, durch nichts zu legitimierender Unruhestifter – auch wenn es sich dabei, wie ich völlig sicher bin, um ein bloßes Rückzugsgefecht handelt.

Gibt es also eigentlich keinen dauerhaften Grund zur Sorge und erledigen sich solche Probleme von selbst?

Durchaus nicht, leider! Denn der Vorfall steht zunächst beispielhaft für sich. Allerdings gibt es unsererseits vielleicht eine gewisse hohe Leidensfähigkeit, nicht zuletzt intellektuell. Ergänzend zur Eingangsfrage muss ich hier noch sagen, dass ich mich nach dem Text zunächst nur zu einer kurzen Replik an Frau Grütters veranlasst fühlte. Erst im zweiten Augenblick, beim Gedanken an ihre besondere Funktion, stellte sich mir das Ausmaß des mit dem Wort skandalös angemessen bezeichneten Vorgangs ganz dar.

Ich kann wohl behaupten, nach den Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte, mit Blick auf die Lage konfessionsfreier oder ganz ohne Religionsbezug lebender Menschen in anderen Ländern der Welt und aus meiner Sicht auch auf die vielen anderen besorgniserregenden Ereignissen und in Entwicklungen in anderen Themenbereichen aktuell, haben viele von uns eine gewisse Erregungstoleranz in Bezug auf sie selbst betreffende Äußerungen Dritter. Ich erinnere mich noch gut an das berüchtigte bischöfliche Trio Müller, Mixa, Meisner in den letzten Jahrzehnten. Und ebenfalls an die Osterpredigt des Fuldaer Bischofs Algermissen vor zwei Jahren, wo dieser äußerte, „Menschen ohne Osterglauben“ würden „aus Daseinsangst im Letzten blindwütig zuschlagen und über Leichen gehen“. Da ist die aktuelle Zuschreibung durch die Kulturstaatsministerin rhetorisch ja durchaus eine Form essayistischen Niveaus, wenn auch keines guten. Inhaltlich stehen bleiben darf so etwas ohnehin nicht.

Also nein, es gibt keinen Grund, ein Verschwinden auch solcher Probleme ohne weiteres Zutun zu erwarten. Wir besitzen das gleiche Recht, nicht herabgewürdigt oder durch Adjektive reduziert zu werden, insbesondere nicht durch politische Ämter Innehabende, wie Menschen in anderen Rollen und mit anderen Identitäten auch. Wir müssen darauf bestehen, dass sich solche Dinge nicht wiederholen und haben dafür sehr gute Argumente. Doch nicht nur uns steht da noch viel Aufklärungsarbeit bevor.

Zum Thema: Auch ohne Taufe ist das Menschsein komplett Ein kurzer Nachtrag des promovierten Theologen und Philosophen Joachim Kahl zu Monika Grütters (CDU) Entgleisung. Er schreibt, Eltern sollen das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit im Sinne ihrer Kinder treuhänderisch schützen, nicht eigenmächtig ausüben. Weiterlesen…

Sehen Sie denn noch weitere Lösungsansätze neben den bereits genannten?

Nun, dass humanistisch denkende und handelnde Menschen in unserem Land hier noch viel leisten werden müssen, um auch auf dieser Ebene gegen Symptome einer kirchlich geprägten Ideologie der Ungleichwertigkeit anzugehen, sollte zwei weitere Aspekte nicht außer Acht lassen:

Zum einen sehe ich auch eine Verantwortung bei unseren christlichen Mitmenschen, sich hier geistig zu öffnen und eine eventuell vorhandene kirchenförmige Sichtweise auf Menschen ohne christlichen Glauben so zu relativieren oder zu korrigieren, dass sie durch ihre Handlungen und Äußerungen nicht unnötig und unbeabsichtigt herabsetzend gegenüber anderen wirken und in vermeidbare Konflikte mit Andersdenkenden förmlich hineintappen.

Zum zweiten sehe ich auch seitens der Politik nicht nur eine Verantwortung, sondern sogar eine positive Pflicht, hier Aufklärung zu leisten und entsprechende zivilgesellschaftliche Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu unterstützen. Auch bei diesem Thema sollte aktives Handeln als geboten erscheinen, und dies nicht zuletzt im Sinne des Grundgesetzes. Dort steht in Artikel 3, dass niemand wegen seiner religiösen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf. Also sehe ich ein klares verfassungsrechtlich verankertes Gebot, sich nicht auf die Option zur bloßen eventuellen Flurschadenbereinigung bei späterer Gelegenheit zurückzuziehen. Ein Drittel der Deutschen ist konfessionsfrei und auch wenn es viel weniger wären, sollte sich kein ungetaufter Mensch und keine nichttaufende Gruppe von einer Vertreterin unserer Regierung deswegen „kulturell unbehaust“ nennen lassen müssen.

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