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„Die fortgesetzte Schließung von Kitas und Grundschulen ist gesellschaftlich nicht zu verantworten“

Eine Stellungnahme der Professor*innen des Studiengangs Erziehung und Bildung in der Kindheit der Alice-Salomon-Hochschule zum Lockdown von Kitas und Grundschulen plädiert für die schrittweise Öffnung in nächster Zeit. In Berlin soll der Betreuungsbetrieb in Kitas nun zügig wieder aufgenommen werden.

Eine Stellungnahme der Professor*innen des Studiengangs Erziehung und Bildung in der Kindheit der Alice-Salomon-Hochschule zum Lockdown von Kitas und Grundschulen plädiert für die schrittweise Öffnung in nächster Zeit. In Berlin soll der Betreuungsbetrieb in Kitas nun zügig wieder aufgenommen werden.

Foto: imago images / Eibner

Die Stimmen gegen die Fortsetzung der bisherigen Zugangsbeschränkungen für insbesondere Kindertagesstätten mehren sich. Bereits in der vergangenen Woche hatte der Sozialethiker und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats Peter Dabrock eine Schließung bis etwa in den August als „Wahnsinn“ bezeichnet, denn gerade in der Entwicklung bei kleineren Kindern seien mehrere Monate „eine halbe Ewigkeit“. Dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder attestierte Dabrock via Twitter ein „sehr merkwürdiges Verständnis von Kindeswohl“. „Kinder brauchen andere Kinder“, sagte Dabrock später im Sender Deutschlandfunk Kultur. Den Lockdown bezeichnete er als „sehr schweren Grundrechtseingriff bei den jüngsten Grundrechtsträgern“.

Auch der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) Heinz Hilgers hat sich für eine schrittweise Öffnung in nächster Zeit ausgesprochen. Wenn die Zugangsbeschränkung „sehr lange dauern würde, sogar in das nächste Kindergartenjahr hinein ginge, dann ist dies auf Dauer für die Kinder schädlich. Je früher man die Kitas wieder öffnet, umso besser ist dies für die Kinder“, sagte Hilgers in einem Interview mit der Passauer Neuen Presse.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hingegen hatte vor kurzem empfohlen, nur die Betreuung von fünf- und sechsjährigen Kindern in Kleingruppen wieder aufzunehmen. Jüngere Kinder sollten bis zu den Sommerferien zu Hause bleiben. DKSB-Präsident Hilgers sagte dazu: „An dem Vorschlag der Leopoldina merkt man, dass unter den 23 Professoren 21 Männer und nur zwei Frauen waren. Zudem waren die Teilnehmer zum größten Teil über 60 Jahre alt. Die Zusammensetzung der interdisziplinären Expertengruppe hätte durchmischter sein sollen.“

#CoronaEltern: Wenn die 4-Jährige kein Nordic Walking macht – Die zweifache Mutter Anika Herbst bewertet die vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder angekündigte Erstattung der Kita-Beiträge als „kläglichen Versuch einer Rückerstattung für eine in vielerlei Hinsicht unbezahlbare und unerreichbare Leistung“. Zum Kommentar…

Hinter die Forderungen nach einer ausreichenden Beachtung des Wohls von Kindern haben sich zum Wochenbeginn ebenfalls Professor*innen der Alice-Salomon-Hochschule Berlin gestellt. „Sowohl aus Gründen des Kinderschutzes als auch aus Gründen der Bildungsgerechtigkeit ist (…) die fortgesetzte weitgehende Schließung von Kindertageseinrichtungen und Grundschulen gesellschaftlich nicht zu verantworten“, heißt es in einer Stellungnahme. Die „Sicherstellung des Kinderschutzes eine verfassungsrechtlich verankerte Pflicht, die auch während der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona Pandemie unverändert bestehen bleibt.“ Auch die Expert*innen der ASH sprachen sich deshalb für eine schrittweise Öffnung aus.

Deutliche Kritik an der Vernachlässigung der Bedürfnisse von Kindern und Eltern übte am Dienstag außerdem die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. Die Betreuung von Kleinkindern werde weiterhin wie ein entbehrlicher Luxus betrachtet, so Bundesgeschäftsführerin Christa Stolle. Die gegenwärtige Politik fuße auf „verstaubten Rollenbildern“, hieß es in einer Stellungnahme weiter. „In Krisenzeiten werden die alten Denkmuster offensichtlich noch verstärkt: Kita- und Kindergärten werden geschlossen, Autohäuser dürfen öffnen.“

Der Berliner Senat ist den Forderungen mittlerweile gefolgt, ab dem 27. April soll in den Kitas der „Betreuungsbetrieb stufenweise und zügig wieder aufgenommen werden“, heißt es dazu in einer am Dienstag veröffentlichen Mitteilung. Der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin betonte dazu, dass die breite Öffnung eine gute Vorbereitung erfordert, um „die erreichten Erfolge in der Bekämpfung der Pandemie nicht gefährden. Deshalb appellieren wir an die Eltern, ihre Kinder nur dann in die Einrichtungen zu bringen, wenn es wirklich nötig ist.“


Die Stellungnahme der ASH Berlin im Volltext

Sehr früh, direkt bei der Einführung des gesellschaftlichen Lockdowns, haben verschiedene Verbände – so beispielweise der Weltärztebund durch seinen Präsident Montgomery – argumentiert, dass ein umfassender Lockdown auch problematisch sei, da der Weg aus dem Lockdown wieder heraus viel schwieriger sei als der hinein. Dies bestätigt sich aktuell.

Wir vermissen in den dafür verantwortlichen Expert*innengruppen Vertreter*innen aus dem Bereich der frühen Bildung, die eine kindheitspädagogische Perspektive in die Entwicklung von Konzepten aus dem Lockdown einbringen.

Zudem ist zu bedenken, dass die Corona-Pandemie mit großer Wahrscheinlichkeit keine zeitlich begrenzt zu meisternde Herausforderung sein wird, sondern eine dauerhafte, die es langfristig gesellschaftlich zu gestalten gilt. Insofern erscheint eine Schließung der Bildungsinstitutionen nur auf den ersten Blick als tragfähige Lösung. Sie lässt außer Acht, dass die Frage nach der Balance zwischen dem Recht auf Gesundheit und dem Recht auf Bildung, Betreuung und Erziehung eine Frage ist, die verantwortungsvoll im Interesse aller Akteur*innen im Feld der Bildung, Erziehung und Betreuung im Elementar- und Primarbereich mit tragfähigen Konzepten gelöst werden muss. Außerdem ist die Sicherstellung des Kinderschutzes eine verfassungsrechtlich verankerte Pflicht, die auch während der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona Pandemie unverändert bestehen bleibt (Art. 6 Abs. 2 GG).

Sowohl aus Gründen des Kinderschutzes als auch aus Gründen der Bildungsgerechtigkeit ist daher die fortgesetzte weitgehende Schließung von Kindertageseinrichtungen und Grundschulen gesellschaftlich nicht zu verantworten. Sie steht auch im Widerspruch zu den von Deutschland 1992 ratifizierten Kinderrechten, hier insbesondere dem Recht auf Schutz vor Gewalt und dem Recht auf Bildung:

• Es wird deutlich, dass sich durch die Schließung von Kitas und Schulen Bildungsungerechtigkeiten verschärfen, da Kinder auf die materiellen und immateriellen Ressourcen zurückgeworfen sind, die durch ihre Familien bereitgestellt werden können. Da in Deutschland Bildungserfolg ohnehin wie in kaum einem anderen OECD-Staat vom familiären Hintergrund abhängt, wiegt dieser Umstand besonders schwer.

• Auch alltägliche soziale Kontakte und Interaktionen, gemeinsames Spielen und Bewegen sowie gemeinsame Lernprozesse – als zentrale Grundbedürfnisse von Kindern – sind in einem Maß eingeschränkt, dass wir die Folgen für die sozial-emotionale Entwicklung und das Gemeinschaftsgefühl nicht absehen können. Während ältere Kinder soziale Medien als Kontaktbrücken nutzen können, sind es die jüngeren, die eigenständig keine sozialen Kontakte ohne Unterstützung ihrer Eltern oder möglichen Geschwistern aufrechterhalten können.

• Die fehlende Unterstützung von Eltern durch den Lockdown bringt ein hohes Belastungs- und Konfliktpotential mit sich, und ist nicht nur bei Familien aus prekären Verhältnissen, in denen diese Situation zu verbaler und körperlicher Gewalt führen kann, sondern für alle Familien ein ernst zu nehmendes Problem. Diese Kinder haben unter den aktuellen Bedingungen kaum Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen oder wesentliche alternative Erfahrungen in außerfamilialen Systemen zu sammeln.

Als Vertreter*innen eines der ersten kindheitspädagogischen Studiengänge in Deutschland, der Studierende für die direkte und indirekte Arbeit mit Kindern im Alter von 0 bis 12 Jahre qualifiziert, befürworten wir daher dringend unter Achtung des Infektionsschutzes und des Schutzes von Risikogruppen eine schrittweise Öffnung von Kitas und der Ganztagsbetreuung an Schulen unter ausdifferenzierten Bedingungen.

Wie diese unter achtsamer Begleitung und mit Blick auf das Wohl aller Beteiligten schrittweise erfolgen kann, muss nun dringend gemeinsam mit allen Akteur*innen aus dem Bereich der Bildung, Betreuung und Erziehung in Kitas und Schulen – wie z.B. Kita- und Schulträgern, pädagogischen Fachkräften, Gewerkschaften und Berufsverbänden, Elternvertretungen und Wissenschaftler*innen – sowie mit Verwaltung und Politik erarbeitet werden.

Dabei geht es neben pädagogischen, konzeptionellen und inhaltlichen Fragen auch um die Bereitstellung entsprechender Ressourcen – sowohl für Maßnahmen im anhaltenden Lockdown als auch für die Umsetzung von Hygiene- und Arbeitsschutzmaßnahmen in den Institutionen selbst:

• Es sind gemeinsam Konzepte zu entwickeln, um so bald wie möglich Kindern – vor allem vulnerablen, schutzbedürftigen und benachteiligten – systematisch und kontinuierlich im anhaltenden Lockdown pädagogischer Einrichtungen zu Hause zu begleiten bzw. Kriterien zu entwickeln, wie Kindern schrittweise eine Rückkehr in die Kitas und Grundschulen ermöglicht werden kann. Die Kriterien für die Auswahl müssen transparent und in der Praxis umsetzbar sein.

• Um Kinderschutz auch in Pandemiezeiten anzuerkennen, stehen die Jugendämter hier in besonderer Verantwortung (§ 8a, 42 SGB VIII) und sind auf eine gelingende Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern, aber auch den freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe angewiesen.

• Es sind konzeptionelle Vorkehrungen zu treffen, wie die schrittweise Öffnung bei den Jüngsten unter Bindungsaspekten und einer ggf. prolongierten Eingewöhnungsphase gelingen kann.

• Da Kinder unter fünf Jahren häufig noch keine Abstandsregeln einhalten können, sollten diese nur kleine und konstante Gruppen mit maximal fünf Kindern in stabilen Betreuungskontexten besuchen dürfen. Diese Gruppen bzw. Teams sollten im Schichtbetrieb arbeiten und sich nicht begegnen. Dies kann nur mit viel Personal sichergestellt werden, was aufgrund des ohnehin schon bestehenden Fachkräftemangels und der hohen Anzahl an Risikogruppen gerade unter den vielen älteren Fachkräften kritisch zu sehen ist.

• Eine Begleitung und Beratung durch die Gesundheitsbehörden ist unerlässlich.

• Die notwendigen regelmäßigen Reinigungs- und Desinfektionsarbeiten müssen gewährleistet sein und dürfen nicht zusätzlich den pädagogischen Fachkräften auferlegt werden.

Die Zeit drängt, es geht elementar um die Gesundheit, die Würde, die Bildungs- und Lernerfahrungen und den Schutz unserer Kinder, um die Belastungsgrenzen von Familien und damit auch um die Zukunft unserer Gesellschaft!

Quelle: ash-berlin.de

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