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Aus aller Welt

Irans säkularer Wandel

Eine neue Umfrage zeigt große Veränderungen in den religiösen Überzeugungen.

Eine neue Umfrage zeigt große Veränderungen in den religiösen Überzeugungen.

Von Dr. Ammar Maleki (Tilburg University) und Dr. Pooyan Tamimi Arab (Utrecht University)

Der Iran wird säkularer. Foto: Abedin Taherkenareh/EPA

Die islamische Revolution im Iran 1979 war ein prägendes Ereignis, das unser Denken über die Beziehung zwischen Religion und Moderne verändert hat. Ayatollah Khomeinis Massenmobilisierung des Islams zeigte, dass Modernisierung keineswegs einen linearen Prozess des Niedergangs von Religion impliziert.

Verlässliche, umfangreiche Daten über die religiösen Überzeugungen der Iraner*innen nach der Revolution haben jedoch immer gefehlt. Im Laufe der Jahre deuteten Untersuchungen sowie Wellen von Protesten und deren Niederschlagung auf eine massive Enttäuschung der Iraner*innen über ihr politisches System hin. Dies verwandelte sich stetig in eine tief empfundene Desillusionierung gegenüber der institutionalisierten Religion.

Im Juni 2020 hat unser Forschungsinstitut, die Group for Analyzing and Measuring Attitudes in IRAN (GAMAAN, deutsch: „Gruppe zur Analyse und Messung von Einstellungen im Iran“), in Zusammenarbeit mit Ladan Boroumand, Mitbegründer des Abdorrahman Boroumand Center for Human Rights in Iran, eine Online-Befragung durchgeführt.

Die Ergebnisse belegen die beispiellose Säkularisierung der iranischen Gesellschaft.

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Iraner*innen online erreichen

Der iranische Zensus behauptet, dass 99,5 Prozent der Bevölkerung Muslim*innen sind, eine Zahl, hinter der sich die aktive Feindseligkeit dieses Staates gegenüber Irreligiosität, Konversion und nicht anerkannten religiösen Minderheiten verbirgt.

Die Iraner*innen leben mit der ständigen Angst vor Vergeltung, wenn sie sich gegen den Staat äußern. Im Iran kann man nicht einfach Leute anrufen oder an Türen klopfen, um Antworten auf politisch heikle Fragen zu erhalten. Deshalb bietet die Anonymität digitaler Umfragen die Möglichkeit zu erfassen, was die Iraner*innen wirklich über Religion denken.

Seit der Revolution ist die Alphabetisierungsrate stark angestiegen und die städtische Bevölkerung ist erheblich gewachsen. Die Verbreitung des Internet im Iran ist mit rund 60 Millionen Nutzer*innen vergleichbar mit der in Italien und die Zahl wächst unaufhaltsam: 70 Prozent der Erwachsenen sind Mitglied bei mindestens einer Social-Media-Plattform.

Für unsere Umfrage zum religiösen Glauben im Iran haben wir verschiedene digitale Kanäle ins Visier genommen, nachdem wir analysiert hatten, welche Gruppen in unseren früheren groß angelegten Umfragen niedrigere Teilnahmequoten aufwiesen. Der Link zur Umfrage wurde von kurdischen, arabischen, Sufi-Netzwerken und anderen geteilt. Und unser Forschungsassistent überzeugte erfolgreich schiitische Pro-Regime-Kanäle, die Umfrage auch unter ihren Anhänger*innen zu verbreiten. Wir erreichten ein Massenpublikum, indem wir die Umfrage auf Instagram-Seiten und Telegram-Kanälen teilten, von denen einige ein paar Millionen Follower hatten.

Nachdem wir unsere Daten bereinigt hatten, blieb eine Stichprobe von fast 40.000 Iraner*innen übrig, die im Iran leben. Die Stichprobe wurde anhand von fünf demografischen Variablen und dem Wahlverhalten bei den Präsidentschaftswahlen 2017 gewichtet und auf die Zielpopulation der lese- und schreibkundigen Iraner*innen über 19 Jahren abgestimmt.

Ein säkularer und vielfältiger Iran

Unsere Ergebnisse zeigen dramatische Veränderungen in der iranischen Religiosität, mit einem Anstieg der Säkularisierung und der Vielfalt an Glaubensrichtungen und Überzeugungen. Im Vergleich zu den 99,5 Prozent der iranischen Volkszählung haben wir herausgefunden, dass sich nur 40 Prozent als muslimisch identifizieren.

Im Gegensatz zur staatlichen Propaganda, die den Iran als eine schiitische Nation darstellt, identifizierten sich nur 32 Prozent explizit als solche, während 5 Prozent sagten, sie seien sunnitische Muslim*innen und 3 Prozent gaben an, Sufi-Muslim*innen zu sein. Weitere 9 Prozent sagten, sie seien Atheist*innen, zusammen mit 7 Prozent, die die Bezeichnung spirituell bevorzugen. Von den anderen ausgewählten Religionen gaben 8 Prozent an, Zoroastrier*innen zu sein – was wir eher als Ausdruck des persischen Nationalismus und des Wunsches nach einer Alternative zum Islam interpretieren denn als strikte Befolgung des zoroastrischen Glaubens – während 1,5 Prozent angaben, Christ*innen zu sein.

Illustration: GAMAAN.org

Die meisten Iraner*innen, 78 Prozent, glauben an Gott, aber nur 37 Prozent glauben an ein Leben nach dem Tod und nur 30 Prozent glauben an Himmel und Hölle. In Übereinstimmung mit anderen anthropologischen Studien gab ein Viertel der Befragten an, an Dschinns oder Geister zu glauben. Etwa 20 Prozent sagten, an keine der Optionen, inklusive Gott, zu glauben.

Illustration: GAMAAN.org

Diese Zahlen zeigen, dass im Iran ein allgemeiner Prozess der Säkularisierung stattfindet, der bekanntermaßen die religiöse Vielfalt fördert. Eine überwältigende Mehrheit von 90 Prozent bezeichnete sich selbst als aus gläubigen oder praktizierenden, religiösen Familien stammend. Dennoch gaben 47 Prozent an, die Religion im Laufe ihres Lebens abgelegt zu haben, und 6 Prozent sagten, sie hätten von einer religiösen Orientierung zu einer anderen gewechselt. Jüngere Menschen gaben ein höheres Maß an Irreligiosität und Konversion zum Christentum an als ältere Befragte.

Illustration: GAMAAN.org

Ein Drittel gab an, in einem Land, in dem Abstinenz gesetzlich vorgeschrieben ist, gelegentlich Alkohol zu trinken. Über 60 Prozent sagten, die täglichen muslimischen Pflichtgebete nicht zu verrichten, in Übereinstimmung mit einer staatlich geförderten Umfrage aus dem Jahr 2020, in der 60 Prozent angaben, das Fasten während des Ramadans nicht einzuhalten (die Mehrheit aufgrund von „Krankheit“). Im Vergleich dazu gaben in einer umfassenden Umfrage, die 1975 vor der Islamischen Revolution durchgeführt wurde, über 80 Prozent an, immer zu beten und das Fasten einzuhalten.

Religion und Gesetzgebung

Wir fanden heraus, dass die gesellschaftliche Säkularisierung auch mit einer kritischen Sicht auf das religiöse Regierungssystem einhergeht: 68 Prozent bejahten, dass religiöse Vorschriften aus der Gesetzgebung herausgehalten werden sollten, selbst wenn Gläubige eine parlamentarische Mehrheit besitzen, und 72 Prozent lehnten das Gesetz ab, das allen Frauen das Tragen des Hijab, des islamischen Schleiers, vorschreibt.

Illustration: GAMAAN.org

Die Iraner*innen haben auch illiberale, säkularistische Ansichten bezüglich religiöser Vielfalt: 43 Prozent sagten, dass keine Religion das Recht haben sollten, in der Öffentlichkeit zu missionieren. 41 Prozent waren jedoch der Meinung, dass jede Religion die Möglichkeit haben sollte, sich in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Der Azadi-Turm in Teheran wurde 1971 fertiggestellt. Fünf Jahrzehnte später bekennen sich die Iraner*innen zunehmend zu säkularen Werten. Foto: Gilbert Sopakuwa / Flickr / CC BY-NC-ND 2.0

Vor vier Jahrzehnten lehrte die Islamische Revolution Soziolog*innen, dass die Welt nicht einer Säkularisierung nach europäischem Vorbild folgt. Die spätere Säkularisierung des Irans, die durch unsere Umfrage bestätigt wird, zeigt, dass Europa keine Ausnahme ist, sondern vielmehr Teil komplexer, globaler Wechselwirkungen zwischen religiösen und säkularen Kräften.

Andere Untersuchungen zum Bevölkerungswachstum, dessen Rückgang mit einem höheren Säkularisierungsgrad in Verbindung gebracht wurde, deuten ebenfalls auf einen Rückgang der Religiosität im Iran hin. Im Jahr 2020 verzeichnete der Iran sein niedrigstes Bevölkerungswachstum von unter einem Prozent.

Ein größerer Zugang zur Welt via Internet, aber auch die Interaktion mit der globalen iranischen Diaspora in den letzten 50 Jahren, hat neue Gemeinschaften und neue Formen religiöser Erfahrung innerhalb des Landes hervorgebracht. Eine künftige Entflechtung von staatlicher Macht und religiösen Autoritäten würde diese gesellschaftlichen Veränderungen wahrscheinlich noch verschärfen. Der Iran, so wie wir ihn zu kennen glauben, verändert sich auf grundlegende Weise.

Der Originaltext Iran’s secular shift: new survey reveals huge changes in religious beliefs ist zuerst erschienen bei TheConversation.com. Die Veröffentlichung der Übersetzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autoren.

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