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Das Gartenfest der offenen Gesellschaft

Ein echter Kontrapunkt zum Kreuze-in-alle-Behörden-Erlass oder jedem AfD-Event: Das ist der HumanistenTag vom 22. bis 24. Juni 2018. Denn auch mit Markus Söder rücke der Begriff „Gottesstaat“ wieder ganz nah an uns heran, meint Anika Herbst vom Leitungsteam des Festivals. Das dreitägige Event in Nürnberg wird ein ideales Forum für alle, die sich im Sinne der Menschenrechte austauschen und vernetzen wollen.

Anika Herbst. Foto: privat

Menschen begegnen, mithören, mitdenken, mitdebattieren, dazu lädt das Festival in Nürnberg ein. Mit dabei sein werden unter anderem Constanze Kurz vom Chaos Computer Club, Cesy Leonard vom Zentrum für politische Schönheit, der Kabarettist Vince Ebert und viele, viele mehr. Anika Herbst vom Koordinierungskreis des HumanistenTags sagt im Interview, im „Kern geht es ja nicht nur um gute Unterhaltung und anregende Impulse für uns selbst, sondern auch darum, unsere gemeinsame Zukunft zu gestalten. Denn die kommt auf jeden Fall und die große Frage ist, wie sie dann aussieht – für uns in Bayern, aber auch anderswo.“

2018 ist das Jahr der Menschenrechte und ganz Deutschland diskutiert über den söderschen Kreuze-Erlass in Bayern. Kann man sagen, es gibt ein Menschenrecht auf Kreuz-Aufhängung?

Anika Herbst: Ja, natürlich gibt es das! Jeder Christ und jede Christin hat das Recht, sich ein Kreuz übers Bett zu hängen. Wie der Name Menschenrechtserklärung schon sagt, gelten die enthaltenen Rechte wie z.B. das Recht auf freie Religionsausübung in Artikel 18 für alle Menschen – nicht aber für Amtsstuben. Der Staat als Hausherr ist sogar verpflichtet, weltanschaulich neutral zu sein. Das kann man zwar nicht in der AEMR, aber im Grundgesetz nachlesen.

Die bayerischen Humanistinnen und Humanisten hatten den Kreuze-Erlass als eine der ersten und deutlichsten Stimmen kritisiert. Wie hat denn die Mehrheit der Menschen in Bayern auf diese Maßnahme reagiert?

Die Maßnahme hat polarisiert, niemanden lässt sie kalt. Letztlich hat mit diesem Erlass der Diskurs über Religion und Weltanschauung und wie sehr sie in unseren Alltag und sogar die vermeintlich kühle Bürokratie hineinwirkt, Aufwind erfahren. Bisher lag das Augenmerk ja vor allem bei der Rolle anderer Religionen in anderen Staaten, die weit weg scheinen. Der Begriff „Gottesstaat“ bekommt nun auch wieder eine christliche Dimension und rückt ganz nah in unsere Mitte.

Die Debatte um den Erlass führte schließlich dazu, dass die Kulturstaatsministerin Monika Grütters aus Berlin in der ZEIT vor drei Wochen einen Text veröffentlichen ließ, in der sie Nichtgetaufte – und gemeint waren wohl auch Ausgetretene und Konfessionsfreie generell – „kulturelle Unbehaustheit“ zuschrieb. Wie blickt man in Bayern auf diese Äußerungen? Empfindet ihr euch als Nichtgetaufte oder Konfessionsfreie als kulturell obdachlos?

Mein persönliches kulturelles Zuhause ist die offene Gesellschaft. Es ist sehr geräumig, wir haben hier viel Platz für freie Gedanken, Gespräche und natürlich auch unsere Hausregeln. Hier gebietet es z.B. die Höflichkeit, dass ich die Weltanschauung meines Gegenübers achte, also z.B. über religiöse Gefühle nicht spotte. Frau Grütters muss also keine Angst haben, dass ich an ihre Tür klopfe und um Obdach bitte. Sie hingegen sollte uns mal besuchen kommen! Wobei der Weg von ihr zu uns mir gerade recht weit erscheint…

Wie passt denn der HumanistenTag 2018 in diesen Rahmen von Themen, die hier gerade breit diskutiert werden?

Wenn ich eben von der offenen, diversen, diskursfreudigen Gesellschaft als kulturellem Zuhause gesprochen habe, so ist der HumanistenTag das Gartenfest dazu. Hier werden mit einem thematischen Schwerpunkt auf Menschenrechte spannende Persönlichkeiten aus Politik, Medien und Gesellschaft zusammentreffen und diskutieren – und damit meine ich nicht nur auf den Bühnen, sondern auch im Publikum! Wie sich das für ein Fest gehört, bringt jeder was mit, darf mitreden, sogar mitsingen oder einfach genießen, bei guten Gesprächen und einem kühlen Getränk in der Sommersonne die Beine baumeln zu lassen.

Inwiefern ist das gerade für konfessionsfreie und humanistisch lebende Menschen in Mittelfranken und auch in ganz Deutschland von Bedeutung?

Wir greifen Fragestellungen auf, die Humanistinnen und Humanisten direkt betreffen: Was sind die Folgen von Diskriminierung atheistischer Geflüchteter? (Wie) gehen Feminismus und Religion zusammen? Wie sehen die Wege und Hürden zu einem selbstbestimmten Lebensende aus? Besonders die Vortragsreihe europäischer HumanistInnen, die ihre Arbeit vorstellen, soll hier das Netzwerk knüpfen und stärken.

Rund einen Monat zurück liegt außerdem der diesjährigen Katholikentag in Münster, der mit millionenschwerer öffentlicher Förderung durchgeführt wurde. Was unterscheidet neben dem ethisch-weltanschaulichen Profil den HumanistenTag von solchen kirchlich-religiösen Großereignissen?

Die öffentliche Förderung, die in der Frage anklingt, ist ein gewichtiger Unterschied zwischen beiden Events. Wir erhalten (so gut wie) keine Zuwendungen aus öffentlicher Hand, was für ein junges, wachsendes Event wie den HumanistenTag natürlich „ein Kreuz“ ist und seiner Bedeutung als größtem humanistischen Festival mit hochrelevantem Schwerpunkt nicht gerecht wird.

Sollte die Stadt Nürnberg, ihres Zeichens Stadt des Friedens und der Menschenrechte, uns ihre Räume irgendwann mietfrei zur Verfügung stellen, wären wir schon darüber sehr froh. Dass dem bisher nicht so ist, spricht aber klar für die wenig gute Situation, die wir hier in Bayern vorfinden.

Rund 800 Teilnehmende waren beim HumanistenTag 2017 in Nürnberg. Fotos: © Ralph Schwägerl / privat

Eine der zahlreichen Veranstaltungen trägt den Titel „Kunst und Menschenrechte“, mit dabei sind u.a. Cesy Leonard vom Zentrum für politische Schönheit und Cornelia Lanz vom Projekt „Zuflucht Kultur“. Inwiefern ist Kunst für die Frage des Schutzes von Menschenrechten und ihrer Durchsetzung in euren Augen von besonderer Bedeutung?

Wichtig ist hier natürlich ein erweiterter Kunstbegriff. Jeder Mensch ist Künstler, jeder Mensch hat auch laut AEMR ein Recht darauf, am kulturellen Leben teilzunehmen. Polarisierende Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit wie das Holocaustmahnmal vor Bernd Höckes Haus in Thüringen sind von enormer Wucht und rütteln wach, sie halten den Diskurs lebendig. Weniger spektakulär kann Kunst das auch auf konstruktive Weise: Gemeinsames Musizieren wie bei „Zuflucht Kultur“ ist nicht per se provokant, die Bühne wird hier zur Plattform, um in Kontakt zu treten. Sie ist nicht nur Medium für Geschichten von Flucht, vielmehr wird sie Begegnungsraum. Im Englischen gibt es dafür den schönen Begriff „Commmunity Arts“: Wir bauen Beziehungen und Zugehörigkeit auf, indem wir gemeinsam kreativ schöpferisch tätig sind. Ein gemeinschaftliches Kunstprojekt ist ein Baustein für eine bessere Welt.

Und wer sollte sich eigentlich besonders eingeladen fühlen, im Rahmen des HumanistenTags in Nürnberg mitzudenken und zu diskutieren?

Wir freuen uns über Menschen, die auf der Suche nach einem kulturellen Zuhause sind, aber auch auf solche, die es gefunden haben und genießen, sich darin zu bewegen und es mitzugestalten. Ob mit oder ohne Kreuz, Kippa, Kopftuch oder Nudelsieb – alle dürfen gern kommen.

Vor bald 70 Jahren verkündete Eleanor Roosevelt in New York die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte – ein epochales Ereignis, das Oberthema des Festivals in Nürnberg in. Freuen Sie sich auf u. a. auf Constanze Kurz vom Chaos Computer Club und Cesy Leonard vom Zentrum für politische Schönheit, auf Frans Timmermans (Europäische Kommission), den Kolumnisten und ehemaligen Richter am Bundesgerichtshof Thomas Fischer, den Kabarettisten Vince Ebert und viele, viele mehr. Bringen Sie sich ein in Diskussionen und Workshops, formulieren Sie eigene Standpunkte, hinterfragen Althergebrachtes und wenden es möglicherweise um. Abgerundet wird der HumanistenTag mit einem kulturellen Programm aus Livemusik, gesungenen Menschenrechtsartikeln, Literatur und vielen Begegnungen in und mit der Stadt des Friedens und der Menschenrechte. Jetzt buchen: www.ht18.de

Ein weiterer prominenter Gast wird der Physiker und Kabarettist Vince Ebert sein. Der Titel seiner Show „Zukunft is the future“. Wie sollten nun das 70-jährige Jubiläum der Menschenrechtserklärung, Vince Eberts Titelthema und die Stimmung des HumanistenTags im kreuzgeplagten Bayern idealerweise ineinander aufgehen?

Für Menschen, die mehr wollen als sich etwa über den söderschen Erlass aufzuregen, ist der HumanistenTag das ideale Forum, um die aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten anzugehen, Ideen auszutauschen und sich zu vernetzen. Im Kern geht es ja nicht nur um gute Unterhaltung und anregende Impulse für uns selbst, sondern auch darum, unsere gemeinsame Zukunft zu gestalten. Denn die kommt auf jeden Fall und die große Frage ist Tag für Tag, wie sie dann aussieht – für uns in Bayern, aber auch anderswo. Wir sitzen letztlich alle in einem Boot, das seine Kreise um die Sonne zieht und das wir Planet Erde nennen. Oder je nach Heimatland auch world, monde, świat und 世界.

HT18-Showgast Vince Ebert: „Überall auf der Welt, in allen Kulturen, teilen Menschen die gleichen Werte wie Fairness, Verantwortung oder Dankbarkeit. Würde Religion die Menschen besser machen, so wie viele Gläubige meinen, dann müsste es logischerweise in tiefreligiösen Gesellschaften weniger Verbrechen geben. Häufig ist jedoch das Gegenteil der Fall.“ Foto: © Frank Eidel

Bei der Frage nach dem Heute und nach der Zukunft symbolisiert das kirchliche Kreuz jedenfalls eine spezielle Erzählung der Welt- und Menschheitsgeschichte bis zum heutigen Tag. Unser humanistisches Festival in Nürnberg bringt wieder auch diejenigen zusammen, die diese Geschichte nicht zufrieden stellt, die es anders wissen und die sie anders erzählen können. Und die den Status quo unserer Welt im Sinne der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte voranbringen wollen.

Eine der größten Stärken von uns Menschen ist die Fähigkeit zur Antizipation, dem gedanklichen Blick nach morgen und übermorgen. Um sich alltagspraktisch, aber auch kulturell und politisch vorzubereiten und weiterentwickeln zu können. Es ist letztlich auch die einzige Möglichkeit für die Menschheit, in Frieden und Glück miteinander zu leben. Packen wir’s an!

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