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Coronakrisen-Tagebuch

Dormanz, damit das Leben sich lebt

Viele Pflanzen und Tiere gönnen sich im Winter eine Pause. Vielleicht sollten wir uns an ihnen ein Beispiel nehmen, denn erst die winterliche Dormanz gibt ihnen die Kraft für die warmen Monate.

Viele Pflanzen und Tiere gönnen sich im Winter eine Pause. Vielleicht sollten wir uns an ihnen ein Beispiel nehmen, denn erst die winterliche Dormanz gibt ihnen die Kraft für die warmen Monate.

Von Frank Stößel, Würzburg

Wenn wir tagtäglich das fröhliche Hallo unseres kleinen Nachbarn hören, teilt er uns mit, dass er mit seiner Mama zum Kindergarten geht oder von dort zurückkommt. Dann werden auf dem Laubengang am Fenster die neuesten Neuigkeiten ausgetauscht. Manchmal äußert er auch sein Bedauern, dass er wegen Corona nicht mehr zum Basteln zu uns herüber kommen kann. Da buk er mit meiner Frau voller Begeisterung schon so manchen Kuchen und auch Plätzchen aus Knete. Oder er durfte aus einer Bienenwachsmittelwand und einem in Bienenwachs getränkten Docht Kerzen herstellen.

Das machte ihm und uns einen Heidenspaß. Zum Dank malte er zuhause kleine Kunstwerke auf Druckerpapier und klingelte an der Türe, um sie uns im gebotenen Corona-Abstand auf den Fußabstreifer zu legen. Auch über unsere Zugseilbahn von Balkon zu Balkon werden bei Sonnenschein mit Wäscheklammern fest gezwickte Blätter zum Ausmalen hin und her gezogen.

Einige Tage waren vergangen ohne Basteleien, als unser junger Kerzenmacher die Schüssel zurück brachte, mit der er sich so gerne frisch gekochtes Apfelkompott oder die neuesten Weihnachts-Probierplätzchen bei uns abholt. Mit offenem Blick und ganz und gar nicht schüchtern fragte er kürzlich, ob wir ihm vielleicht wieder einmal etwas Bienenwachs zum Kerzenmachen schenken würden? Na klar, nichts leichter als das.

Dort, wo wir früher schon die Bienenwachsmittelwände kauften, um unseren Bienen das Bauen frischer Brutwaben zu erleichtern, besorgte ich ein Paket Mittelwände und einen Bund mit Dochten. Da der Junge und seine Mama unser (einziger) Knuffel-Kontakt in unserer Wohnanlage ist, durfte er für einen Augenblick in unser Wohnzimmer kommen, neulich zum Bestaunen der vorweihnachtlichen Sträuße, die meine Frau schon seit Mitte November immer wieder mit frischen Zweigen aus dem nahen Wald zusammenstellt. Daran hängen alle möglichen selbst gebastelten Sperrholz-, Wachs- und Filzfigürchen, auch Messing-, Silber-, Kristall- und Strohsternchen aus früherer und aus neuerer Zeit.

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Seit diesem Jahr haben wir eine englische Weihnachtsbaumkugel. Das ist eine Seifendose aus Blech mit zwei Robins bemalt, den in England so beliebten Rotkehlchen. Zugegeben, das wirkt für kontinentalen Geschmack nicht unbedingt weihnachtlich, also eher heidnisch-naturverbunden, duftet aber so weihnachtlich wie jetzt vielerorts. Die darin enthaltene Winterseife verströmt frischen Duft von Winteräpfeln, mit zarten Noten von Nelken, Zimt und Kardamom. Als unser kleiner Nachbar diesen großen Strauß mit der Rotkehlchenkugel entdeckte, war er erst sprachlos ob der Vielfalt und Buntheit, dann platzte es aus ihm heraus: „Es ist doch gar nicht Ostern!“ „Wieso, es hängt doch gar kein Osterei an den Zweigen.“, entgegnete meine Frau verdutzt. „Ach so, stimmt. Das ist ja auch eine Kugel und kein Ei.“

Aus der Ruhe Kraft schöpfen

Damit war für unseren kleinen Besucher die Sache erledigt. Ich aber freute mich insgeheim so sehr über seine Idee vom Osterei am Weihnachtsbaum, dass ich das meiner Frau auch sagte, als wir wieder alleine waren. Ich wollte schon immer ein paar ausgeblasene, bemalte Eier als Zeichen des Lebens an unsere weihnachtlichen Sträuße hängen.“Wo hast du denn unsere bunten Ostereier versteckt? Eines möchte ich an den Strauß mit dem Rotkehlchen hängen. Ich bin gespannt, was unser wissbegieriger Nachbar bei seinem nächsten Besuch dazu sagen wird.“ Ich bettelte vergeblich. Noch ist meine gute Hälfte nicht so weit, als dass sie so etwas zulassen könnte, obwohl jetzt bestimmt keine Leute kommen, um sich über ein Ei als Weihnachtsschmuck zu wundern. Doch glaube ich, sie wird mich bald gewähren lassen. Denn was könnte gerade jetzt zwischen den Jahren die Zerbrechlichkeit und Kostbarkeit des Lebens besser symbolisieren als ein künstlerisch gestaltetes, zartes Ei, sozusagen als Zeichen der Keimruhe?

Die Zeit einer befruchteten Eizelle über die kräftezehrende Winterzeit hinweg bis zum Beginn der embryonalen Entwicklung wird bei manchen Pflanzen und Tieren durch eine Phase der Keimruhe, auch Dormanz (von dormire, lateinisch, schlafen) genannt, überbrückt. Die so verlängerte Tragzeit ermöglicht die Geburt junger Rehe, Dachse, Marder, Hermeline, Seehunde, Fischotter, Braunbären und verschiedener Beuteltiere zu einer günstigen Jahreszeit.

Bei den Honigbienen wird diese Ruhezeit wiederum anders gestaltet. Die Königin setzt ihr ureigenstes Geschäft, die Ablage zigtausender Eier während der Brutsaison, ganz aus. Sie wird in der so genannten Wintertraube bei Laune gehalten. Die Arbeiterinnen sitzen in dieser Bienenkugel eng aufeinander und erzeugen durch gemeinschaftliches Muskelzittern Wärme mit gleich bleibender Temperatur für das Bienenvolk. Dabei wechseln sich die Arbeiterinnen regelmäßig ab. Mal befindet man sich im Inneren der Bienentraube, wo die Bienenkönigin von ihrem Hofstaat gepflegt wird, mal am Rand der Traube.

Auch Pflanzen pflegen eine Art der Dormanz ihrer ausgereiften Samen, damit die künftigen Keimlinge beste Chancen für ihr Wachstum vorfinden. Das geht so weit, dass beispielsweise Apfelkerne erst nach einer winterlichen Frosteinwirkung keimen. Geht man jetzt im Wald spazieren, sieht man an Sträuchern von Hasel, Hartriegel und Heckenrose und Bäumen wie Buchen, Eichen und Ahorn pralle Knospen ruhen, die für das kommende Frühjahr angelegt sind. Ruhezeiten sind also in unserem gemäßigten Klima die Regel, damit das Leben sich lebt. Da macht die Natur für uns Menschen in unseren Breitengraden sinnvollerweise keine Ausnahme.

Insofern lassen Sie es ruhig angehen in der Zeit zwischen den Jahren, damit wir wie die Tiere und Pflanzen im Februar, wenn es wieder nauswärts geht, jubilieren können: „Wieder einen Winter überlebt.“

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