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Wissenschaft und Forschung

Studie sieht wenig Anzeichen für Demokratiemüdigkeit unter Europas Bürger*innen

Wenden sich Bürger*innen von der Demokratie ab? Neue Studien von Politikwissenschaftlern der Universität Mannheim widersprechen der These von einer um sich greifenden Demokratieverdrossenheit.

Wenden sich Bürger*innen von der Demokratie ab? Neue Studien von Politikwissenschaftlern der Universität Mannheim widersprechen der These von einer um sich greifenden Demokratieverdrossenheit.

tl;dr – In 18 untersuchten europäischen Gesellschaften bleibt die Unterstützung für die Demokratie auf hohem Niveau konstant. Vereinzelte Anzeichen für eine zunehmende Offenheit gegenüber nicht-demokratischen Regierungsformen sind nur in wenigen Ländern zu erkennen. Die Deutschen erweisen sich im internationalen Vergleich als treue Anhänger*innen der demokratischen Idee.

Für den Erhalt des demokratischen Staatswesens komme es nicht nur auf konsensbereite Eliten, sondern auch auf die Bürger*innen selbst an, heißt es zur Studie. Demokratien seien stabil, wenn Bürger*innen bereit sind, ihr Recht auf Selbstregierung zu verteidigen. Eine Demokratie ohne Demokrat*innen ist dauerhaft schwer vorstellbar. Zwei Studien der Universität Mannheim sind der Frage nach, ob sich die Bürger*innen Europas von der Demokratie abwenden. Die Forscher Harald Schön, Konstantin Gavras und Alexander Wuttke untersuchten, inwieweit die Demokratie als Staatsform, ihre Institutionen und Werte Rückhalt verloren haben könnten.

In den 18 untersuchten europäischen Demokratien zeigen sich keine Hinweise auf eine um sich greifende Demokratiemüdigkeit. Über den Zeitraum von 1981 bis 2018 blieb die Unterstützung für die Demokratie als bevorzugte Staatsform auf konstant hohem Niveau. In Deutschland beispielsweise würden 98 Prozent der Bürger*innen das demokratische System als solches befürworten. Auch zwischen den Generationen ließen sich keine nennenswerten Unterschiede feststellen. Vertrauen in demokratische Institutionen wie dem Parlament fluktuierte ohne klaren Abwärtstrend. Auch zeige sich nicht, dass Bürger*innen in Europa die Demokratie heutzutage als weniger wichtig erachten. Insgesamt sind die Einstellungen der Bürger zur Demokratie vor allem durch Stabilität gekennzeichnet.

„Dass sich die Menschen reihenweise von der Demokratie abwenden, ist ein Mythos. Von einer Demokratie ohne Demokraten sind wir weit entfernt. Jede Demokratie hat Mängel und muss sich stets erneuern. Momentan deuten aber alle verfügbaren Zahlen darauf hin, dass die Menschen in überwiegender Mehrzahl weiterhin von diesem System überzeugt sind“, sagte Studienautor Alexander Wuttke zu den Ergebnissen.

Allerdings: Das Konzept der Demokratie bei einer Befragung zu unterstützen, bedeutet noch nicht, die Grundprinzipien der freiheitlichen Demokratien zu verstehen und zu befürworten. So ist beispielsweise in Italien im letzten Jahrzehnt der Anteil von „Pseudodemokrat*innen“ gewachsen, die zwar nach eigenen Angaben das demokratische System weiterhin unterstützen, sich aber zugleich ein System mit starkem Führer*innen ohne Parlamente wünschen. Doch gerade in Deutschland bleiben liberal-demokratische Grundprinzipien wie Meinungsfreiheit oder das Mehrparteiensystem weitgehend akzeptiert: Neun von zehn Deutschen stimmen zu, dass „eine lebensfähige Demokratie ohne politische Opposition nicht denkbar ist“.

Insgesamt zeichnen die Studien der drei Mannheimer Politikwissenschaftler daher ein positives Bild – auch bei der jüngeren Generation. Studienautor Konstantin Gavras: „Oft wird gesagt, die junge Generation wüsste die Demokratie nicht zu wertschätzen, weil für sie freie Wahlen ganz selbstverständlich seien. Tatsächlich zeigen die Daten, dass die Generation Z und die Millennials ebenso sehr an der Demokratie hängen wie die Nachkriegskohorten.“

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Ob die Bevölkerung im Zweifelsfall auch bereit sein wird, das demokratische System auf der Straße oder an der Wahlurne zu verteidigen, hinge jedoch auch davon ab, ob ihnen demokratische Prinzipien wichtiger sind als parteipolitische Vorlieben. Denn in den Wahlentscheidungen einzelner Bürger*innen sei die Demokratietreue der zur Wahl stehenden Kandidaten und Parteien nur eines von mehreren Kriterien.

„Für die Stabilität der Demokratie ist die anhaltend starke Unterstützung der Bevölkerung ein gutes Zeichen, aber auf gesichertem Grund steht das System der Selbstregierung damit noch nicht. Damit ein demokratisches System dauerhaft bestehen kann, kommt es letztlich auf die Bereitschaft der Bürger an, im Zweifelsfall der Einhaltung demokratischer Prinzipien den Vorrang vor parteipolitischen Vorlieben und anderen Eigeninteressen einzuräumen“, so dazu Harald Schoen, Professor für Politik­wissenschaft und Politische Psychologie.

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