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Presseschau

EKD-Studie: Ehrenamtliche im Verkündigungsdienst sind „systemrelevant“

Eine Pionierstudie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat die Bedeutung der sogenannten Lektor*innen und Prädikant*innen untersucht. Das Fazit: Diese sind aus der kirchlichen Arbeit nicht mehr wegzudenken. Was folgt daraus?

Eine Pionierstudie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat die Bedeutung der sogenannten Lektor*innen und Prädikant*innen untersucht. Das Fazit: Diese sind aus der kirchlichen Arbeit nicht mehr wegzudenken. Was folgt daraus?

EKD-Sitz in Hannover. Foto: Wikimedia Commons / Axel Hindemith / PD

Mehr als 48.000 Lektor*innen und Prädikant*innen sind derzeit in den EKD-Gliedkirchen tätig. Hierbei handelt es sich um Ehrenamtliche im Verkündigungsdienst, die neben den rund 34.000 aktiven oder im Ruhestand befindlichen Pfarrer*innen Gottesdienste gestalten und predigen, ein Teil ist auch mit Radioandachten auf Sendung. Doch während die allgemeineren Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen (KMU) regelmäßiger Bestandteil der sozialwissenschaftlichen Aktivitäten in der EKD sind, wurde mit der am Montag veröffentlichten Studie erstmals diese Gruppe genauer untersucht zu unter anderem Fragen wie: Wer sind die Ehrenamtlichen im Verkündigungsdienst? Was motiviert sie zu ihrem Engagement? Was sind wesentliche Faktoren für die Zufriedenheit im ehrenamtlichen Engagement? Wie sieht die Gottesdienstpraxis der Lektor*innen und Prädikant*innen aus? Der Erhebungszeitraum belief sich auf den 7. Mai bis 17. Juni 2019.

Kurz und knapp: Ein großer Teil dieser Ehrenamtlichen fühlt eine hohe Verbundenheit mit ihrer Kirche, sie haben fast alle großes Interesse an kirchlichem Geschehen, wollen sich auf diese Weise mit Glaubensfragen beschäftigen und Gottesdienste gestalten oder auch die Gelegenheit nutzen, sich persönlich weiterzuentwickeln. Pfarrer*innen können dank dieses Engagements häufiger mal ein freies Wochenende machen, oder sie haben mehr Zeit für dienstliche Aufgabe oder für Freunde und Familie. Für mehr als die Hälfte gilt sogar, dass Pfarrer*innen nur mit dieser Unterstützung Urlaub nehmen können. Viele der Ehrenamtlichen im Verkündigungsdienst wünschen zudem eine höhere Aufwandsentschädigung. „Insgesamt stellen die Lektor*innen und Prädikant*innen ein wesentliches Element auf dem Weg zu einer verstärkt von Ehrenamtlichen geprägten Kirche dar. Sie sind nicht nur systemrelevant, sondern verkörpern auch ein reformatorisches Bild der Kirche“, so ein Fazit der Studie.

Systemrelevanz bringt auch Vorteile

Obwohl die Daten für die Studie vor gut einem Jahr erhoben wurde, ist die Interpretation der Ergebnisse offensichtlich von der Begegnung mit der Coronavirus-Pandemie geprägt. Denn „systemrelevant“ war seit März 2020 wieder das große Stichwort. Anhand dessen einige Berufsgruppen nicht nur offiziell attestiert sahen, dass die Wichtigkeit ihrer Tätigkeit für das Funktionieren der Gesellschaft deutlich über der Höhe ihrer Bezahlung liegt. Der Begriff privilegierte auch die entsprechend Berufstätigen, wenn es beispielsweise um die Aufnahme der eigenen Kinder in die Notbetreuung in Kindertagesstätten während der allgemeinen Betretungsverbote ging. Die neue EKD-Studie rückt diesen Begriff nun ganz stark in den Vordergrund.

Zweifellos haben die untersuchten Ehrenamtlichen für die kirchlichen Tätigkeiten eine Bedeutung, die die Verwendung des Begriffs der Systemrelevanz rechtfertigt – und sie wird voraussichtlich noch wachsen, prognostizierte doch eine weitere Studie von 2019 eine Halbierung der Mitgliedszahlen bis 2060, die mit einer weiteren Reduktion des hauptamtlichen Personals einhergehen wird. Doch für viele kirchliche Verkündigungshandlungen macht es hinsichtlich der personellen Ressourcen wenig Unterschied, ob beispielsweise 100 oder 50 Personen den Gottesdienst besuchen. Oder ob sich 10 oder 5 Prozent der Zuhörer*innen für die Morgenandacht im Radio interessieren. Auch mit halb so vielen Interessent*innen an bestimmten Angeboten lässt sich in einigen Bereichen der Aufwand nicht im selben Maße reduzieren.

Wegbereiter zur weiteren Privilegierung?

Im Blick sollte daher behalten werden, inwiefern die Betonung des im innerkirchlichen Zusammenhang sinnvollen Begriffs der Systemrelevanz auch eine strategische allgemeinpolitische Bewegung der Evangelischen Kirche in Pandemie-geplagten Zeiten darstellt. Denn wann die Coronavirus-Pandemie überwunden sein wird, ist offen, wie auch das mögliche Auftreten einer zweiten Welle in der kalten Jahreszeit, oder gar einer dritten. Und schließlich wird diese Pandemie nicht die letzte gewesen sein. Sollte es in Zukunft zu neuerlichen Einschränkungen etwa im Bereich Schule und Kita kommen müssen: Eine Einstufung von Ehrenamtlichen im doch recht weiten – und letztlich kirchlich definierten – Feld des Verkündigungsdiensts auch in allgemeinpolitischen Kontexten als „systemrelevant“ wäre den kirchlich Aktiven auf Laien- wie Leitungsebene sicherlich willkommen. Und nicht zuletzt könnte es bisher nicht einschlägig tätige Personen motivieren, sich dort zu engagieren, um im Fall der Fälle die entsprechenden Privilegien genießen zu können. Während hingegen Ehrenamtlichen in anderen zivilgesellschaftlichen Institutionen dieser Status nicht zugebilligt wird.

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Es ist nicht bestätigt, dass dieses hypothetische Szenario bei der Präsentation der neuen Studie mitgedacht wurde und sie in diesem Sinne eine strategische politische Bewegung darstellt. Doch im Wissen um die auf kirchlicher Seite vorhandene Geschicktheit, Privilegien zu erhalten und neue zu erringen, kann diese mögliche Stoßrichtung eben nicht als ganz unbeachtlich abgetan werden. Sollte die Vermutung sich in Zukunft als unzutreffend erweisen, bietet die Studie ebenso wie die allgemeinere KMU immerhin einen interessanten Einblick, wer warum seine Freizeit in den kirchlichen Verkündigungsdienst stellt.

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