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Gläserne Wände - Bericht zur Benachteiligung nichtreligiöser Menschen in Deutschland

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Wir dürfen nie den Opfern die Schuld geben

Erneut hat ein religiöser Fanatiker in Frankreich Menschen ermordet. Den Opfern der Gewalt eine Teilschuld geben zu wollen, ist ekelhaft und falsch.

Erneut hat ein religiöser Fanatiker in Frankreich Menschen ermordet. Den Opfern der Gewalt eine Teilschuld geben zu wollen, ist ekelhaft und falsch.

Von Andrew Copson, Präsident der Humanists International

In Frankreich wurden drei Zivilist*innen von einem islamischen Extremisten ermordet – erstochen und enthauptet. Es war eine schockierende und verabscheuungswürdige Tat, aber keine isolierte. Dies geschah nur zwei Wochen, nachdem der staatliche Schullehrer Samuel Paty ermordet wurde, weil er seine Klasse über Meinungsfreiheit und die Angriffe auf Charlie Hebdo unterrichtet hatte. Frankreich reagierte damals auf die einzige Weise, wie es eine menschenrechtsfreundliche Republik tun sollte. Es verteidigte das Recht auf freie Meinungsäußerung, einschließlich der Veröffentlichung von Materialien, die Anstoß erregen könnten.

Die heutigen Morde wurden auf ekelerregende Weise als Vergeltung für die Verteidigung von Meinungsfreiheit und säkularer Bildung dargestellt, und man hat das Gefühl, dass diese Situation außer Kontrolle gerät. Wenn dies der Fall ist, dürfen wir nicht vergessen, dass es hier nur auf einer Seite Schuld gibt. Rede- und Glaubensfreiheit sind keine Verbrechen. Aber Mord ist es ganz sicher.

Karikaturen rechtfertigen keinen Mord

Schuldgefühle können niemals Gewalt rechtfertigen, so wie sie allein niemals Zensur rechtfertigen können. Versuche, irgendeine Art von moralischer Äquivalenz zwischen dem Zeichnen von Karikaturen oder der Verteidigung künstlerischer Freiheiten auf der einen Seite und gewaltsamem Mord und Enthauptung auf der anderen Seite herzustellen, sind ekelhaft. In vielen Fällen sind sie auch unaufrichtig. Die Regierungschefs der Türkei und Pakistans haben ihr ganzes diplomatisches Gewicht gegen Frankreich und hinter die Mörder geworfen, indem sie die Republik aufgefordert haben, gegen „Islamophobie“ vorzugehen, womit sie nicht Diskriminierung und Vorurteile meinen, sondern das Nichtverbrechen, religiöse Gefühle zu verletzen.

Wir hören das nicht zum ersten Mal. Wiederholt hat Pakistan versucht, bei den Vereinten Nationen Anträge für globale Blasphemie-Gesetze in genau diesen Begriffen einzureichen – gegen die sich Humanist*innen heftig wehren. Pakistan und die Türkei nutzen Mord und Gewalt aus, um die gleichen altbekannten Töne anzuschlagen. Aber dieses Mal kommen ihre Zensur-Absichten gleichsam als Victim Blaming in einem internationalen Maßstab daher. Es sollte kein „aber“ nach einer Erklärung geben, die besagt: „Wir unterstützen keinen Mord.“

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Auf jeden Fall haben wir keinen Grund, denen zu glauben, die sagen, dass Gesetze gegen beleidigende Religionen die Gewalt stoppen werden. Länder wie Pakistan, Saudi-Arabien, Nigeria und Bangladesch sind das ganze Jahr über Schauplätze dieser Art von Gewalt, gerade weil Blasphemiegesetze jedem Selbstjustizler, der sich gegen Humanist*innen, Christ*innen, Ahmadis oder andere Minderheiten richtet, Legitimität verleihen. In dem sicheren Wissen, dass genügend Menschen Gewalt für eine akzeptable Antwort auf diejenigen halten, die Sie beleidigen, gehen sie oft genug straffrei aus.

Setzen wir das Leben gegen das erzwungene Schweigen und den Tod

Der Weg zur Ächtung von „Beleidigung“ ist ein Weg zu noch mehr Blutvergießen und Elend, und er wird begleitet von der Aushöhlung unserer Freiheit, auch gegenüber Autoritäten die Wahrheit zu sagen, wie er auch die Vielfalt menschlicher Kultur und menschlichen Lebens einschränkt.

Was bleibt uns übrig? Blut auf den Bürgersteigen. Zerrüttete Familien. Leben, die vom Kurs abgekommen sind und Leben, die nie mehr so sein werden wie früher. Der wahre menschliche Preis eines Mordes wird oft vergessen, wenn Ereignisse nationale und internationale Bedeutung erlangen. Aber es sind die Opfer dieser Anschläge, die ich im Augenblick am liebsten in den Mittelpunkt unseres Denkens stellen möchte. Ihre Leben. Ihre Menschlichkeit. Ihre Hoffnungen, ihr Potenzial und ihre Träume.

Tragödien wie die heutige erinnern uns daran, wie klein und kurz und zerbrechlich das Leben ist. Denn das Leben ist kurz. Deshalb ist es das abscheulichste aller Verbrechen, es durch Mord zu nehmen. Was können wir in diesem kurzen Leben also anderes tun wenn nicht das Beste, um die Zeit, die wir haben, zu genießen und sie zu schätzen, wie immer wir können? Für uns als Humanist*innen gehört es dazu, das Leben für andere verbessern zu wollen, auch für die künftigen Generationen übrigens, von denen wir hoffen, dass sie in Freiheit und Frieden leben werden. Maßnahmen für diese bessere Zukunft zu ergreifen, ist die beste Antwort auf all jene, die nur den Tod kennen und nichts zu bieten haben als die drückende Stille von Angst und Elend.

Widerspruch ist nötig

Was tun wir also, wenn wir von solcher Unmenschlichkeit und Barbarei herausgefordert werden – und zunehmend auch von verrückten Versuchen anderer, die wir lieben, respektieren oder anderweitig kennen, dies zu rechtfertigen?

Hier müssen wir unseren Worten Taten folgen lassen: Wir müssen in unseren Worten antworten. Mit Fakten. Mit Argumenten. Und dann zuhören und der Reihe nach antworten. Es geht nicht darum zu punkten – das Leben ist schließlich keine YouTube-Debatte -, sondern darum, Denkweisen und Einstellungen zu ändern. Vor allem geht es um etwas sehr Wichtiges: die Zukunft einer liberalen, freiheitsliebenden Weltordnung.

Es obliegt uns allen, für unsere am meisten geschätzten Rechte einzutreten: Gedankenfreiheit, Meinungsfreiheit, das Recht auf Leben selbst. Das bedeutet, dass wir allen Schuldzuweisungen an die Opfer widersprechen müssen, wenn wir sie sehen. Es kann bedeuten, sich mit Freund*innen zu streiten, die diese Art falscher Gleichsetzung betreiben. Es kann bedeuten, sich zu beschweren, wenn Journalisten die faule Entscheidung treffen, „beide Seiten“ als schuldig darzustellen: verrückte Mörder und die Führer von Halbtheokratien auf der einen Seite und die Staatsoberhäupter, Bürger*innen und Lehrer*innen von Republiken auf der anderen, die sich auf Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte berufen. Das ist es, was wir heute und hier als Reaktion auf die Ereignisse in Frankreich tun können.

In Solidarität,
Andrew Copson


Andrew Copson ist Chief Executive der Humanists UK und President der Humanists International.
Sein Beitrag erschien zuerst auf den Seiten der Humanists UK.


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