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Covid-19-Krise: EHF ruft Kirchen zur Einhaltung der Gesetze auf

Die Ausübung der Religions- und Glaubensfreiheit darf nicht staatliche Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit vor dem neuen Coronavirus gefährden, fordert die Europäische Humanistische Föderation (EHF).

Volle Kirchen könnten derzeit in vielen Orten auch schnell bedeuten: überfüllte Intensivstationen, viele Tote. Doch diese Fakten spielen nicht bei allen Gläubigen eine maßgebliche Rolle. Bild: © Science Photo Library / Murti, Dr. Gopal

Erst gestern wurde durch das Berliner Verwaltungsgericht das dortige Verbot von öffentlichen Gottesdiensten während der Covid-19-Krise bestätigt. Ein Eilverfahren gegen das Verbot angestrengt hatten ein religiöser Verein und eine Einzelperson, die sich durch die Coronavirus-Eindämmungsverordnung in ihrer Religionsfreiheit verletzt sahen.

Und auch einige bekanntere Stimmen in Deutschland fordern derzeit, anlässlich der Osterfeiertage Versammlungen aus religiösen Gründen von den Maßnahmen gegen die Coronavirus-Verbreitung auszunehmen. Zu ihnen gehören unter anderen der Theologe und frühere ZDF-Moderator Peter Hahne, die von rechtskonservativen und evangelikalen Organisationen ausgezeichnete Publizistin Birgit Kelle sowie der kirchenpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion.

In anderen europäischen Staaten versuchen religiöse Gruppen ebenfalls, die jeweiligen staatlichen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung auszuhebeln oder zu unterlaufen. Darauf hat am Dienstag die EHF mit einer Stellungnahme reagiert.


Die Stellungnahme

Die außergewöhnlichen Maßnahmen, die zur Verlangsamung der Verbreitung von COVID-19 ergriffen worden sind, zeigen die Notwendigkeit einer gemeinschaftlichen Reaktion auf ein Problem, das ausnahmslos alle Bereiche der Gesellschaft betrifft. In diesem Zusammenhang bringt die Europäische Humanistische Föderation ihre Besorgnis über die Praktiken bestimmter religiöser Gruppen zum Ausdruck, die die öffentliche Gesundheit gefährden.

Seit Beginn des Coronavirus-Ausbruchs haben wir beobachtet, wie einige katholische Gruppen weiterhin die Türen öffnen, Gottesdienste abhalten und Rituale durchführen. Noch schlimmer ist, dass einige neokatechumenale und evangelikale Konfessionen weiterhin denselben Kelch für alle Gläubigen während ihrer Gottesdienste verwenden, und die meisten orthodoxen Kirchen beharrten auf dem Ritus, religiöse Bilder zu küssen oder sogar die Kommunion mit geteilten Löffeln zu spenden, bevor diese öffentlichen Gottesdienste untersagt wurden. Gegenwärtig gibt es in den orthodoxen Kirchen Stimmen, die eine Aufhebung des Verbots öffentlicher religiöser Zeremonien für den Ostergottesdienst fordern.

Die EHF mahnt die religiösen Führungspersönlichkeiten, zur Einhaltung der Gesetze aufzufordern, und appelliert an die Verwaltungsbehörden, keine Ausnahmen zu machen. Die von hochrangigen Religionsführern geförderten Praktiken gefährden nicht nur das Leben der Gottesdienstbesucher*innen, sondern auch das Leben ihrer Mitbürger*innen.

Die Religions- und Glaubensfreiheit ist ein Grundrecht von überragender Bedeutung. Sie kann jedoch kein Grund sein, sich den Gesetzen in den Weg zu stellen und die Fortsetzung religiöser Versammlungen in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen zu rechtfertigen, während alle anderen öffentlichen oder privaten Versammlungen verboten sind.

Daher fordert die EHF alle religiösen Autoritäten auf, allen Bürger*innen, unabhängig von ihrer Religion oder deren Fehlen, Respekt und Solidarität entgegenzubringen. Wir rufen auch alle staatlichen Behörden auf, weiteren illegalen Versammlungen und gefährlichen Praktiken vorzubeugen oder sie zu unterbinden.

Religiöse Gruppen müssen davon absehen, Praktiken aufrechtzuerhalten, die gegen die Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit verstoßen. Öffentliche/staatliche Behörden sollten jede Person oder Institution strafrechtlich verfolgen, die andere zu einem Gesetzesbruch oder zu einem Verhalten auffordert, das die Gesundheit der Bürger*innen gefährdet.

Wir bedauern ebenfalls die Aussagen einiger religiöser Führungspersonen über die Art der Pandemie. Die Auffassung der orthodoxen Kirche in Griechenland und Serbien, dass die Coronavirus-Infektion nicht durch die Heilige Kommunion verbreitet werden kann, ist eine Behauptung, die faktisch falsch und für die öffentliche Gesundheit gefährlich ist. Behauptungen, dass Jesus das Virus nicht in sich trägt, dass die Pandemie eine Strafe Gottes sei oder dass es sich um eine jüdische Verschwörung handele, sind weitere Beispiele.

Die EHF unterstreicht, wie wichtig es ist, bei der Behandlung des Themas auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurückzugreifen und auf wissenschaftliche Expert*innen zu hören. Wir alle haben eine kollektive Verantwortung, nicht zur Verbreitung von Fehlinformationen beizutragen.

Quelle: humanistfederation.eu

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