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Atheistische Erfahrungen im religiösen Afrika

Der überwiegende Eindruck ist, dass Afrikaner tiefreligiös und theistisch sind. Tatsächlich haben Studien ein hohes Maß an Religiosität und Göttergläubigkeit offengelegt. Leider wurden jedoch der Atheismus und besonders die Erfahrungen von Atheisten in Afrika bisher kaum beleuchtet. Dieser Artikel zeigt, dass Atheisten oft Hass und Intoleranz sowie physischen und psychischen Misshandlungen ausgesetzt sind.

Foto: © John Bagge

Von Leo Igwe. Übersetzung: Mariko Junge

Dieser Artikel stellt die These auf, dass die offenkundige Unsichtbarkeit des Atheismus in Afrika unmittelbar mit diesen Erfahrungen zusammenhängt. Mit anderen Worten: Atheisten werden in einer Art und Weise behandelt, die sie zwingt, ihren Atheismus geheim zu halten.

Atheisten treffen

Ich hatte die Gelegenheit, afrikanische Atheisten zu treffen und mit ihnen zu interagieren, sowohl online als auch offline. Ich nahm an vielen erstmals stattfindenden Foren in Ibadan, Lagos, Accra, Banjus, Yaounde, Lolongwe, Kampala und London teil. Bei diesen Treffen war die Aufregung greifbar. Lokale Teilnehmer umarmten einander. Einige waren schon seit Jahren via Facebook in Kontakt, hatten sich jedoch noch nie persönlich getroffen.

Beim Atheisten-Treffen in Lagos 2017 gab es zwei Kategorien von Teilnehmern: Erstlinge und alte Hasen. Erstlinge waren jene, die zum ersten Mal ein Atheisten-Treffen besuchten bzw. erstmals (anderen) Atheisten begegneten. Sie sahen sich reserviert und vorsichtig um und versuchten, aus der seltsamen Versammlung schlau zu werden und mit den anderen in Kontakt zu treten. Unter den Erstlingen waren auch religiöse Teilnehmer, die sich als Atheisten vorstellten – Unentschlossene, die aus Neugier oder Widerspenstigkeit kamen.

Erstlinge mieden in der Regel Gruppenfotos und Selfies, um nicht geoutet zu werden. Sie versuchten noch, sich klarzuwerden, und wollten daher nicht offiziell als Atheisten identifiziert werden können.

Die alten Hasen waren die Promis unter den Teilnehmern. Sie interagierten frei, da sie schon einige der anderen Teilnehmer kannten und mit dem Atheismus vertraut waren. Sie bewegten sich entspannt, selbstbewusst und händeschüttelnd, als wollten sie sagen: Vielen Dank fürs Kommen! Gut, Sie zu sehen! Alte Hasen machten Selfies und Gruppenfotos. Für sie war das Gefühl mehr: Wir haben es endlich geschafft! Ein Gefühl der Erleichterung. Teilnehmende der Versammlungen in Uganda, Malawi und Ghana strahlten Ähnliches aus. Wenn sich Meetings auflösten, konnte man beobachten, wie sie in kleineren Gruppen in den Ecken diskutierten, Witze austauschten und lauthals lachten. Manche dieser Witze hätten sicher gereicht, um eine Fatwa oder einen Kirchenbann auf sich zu ziehen.

Alte Hasen diskutierten in der Regel, während die Erstlinge eher zuhörten. Meist ging es um die Erfahrungen dieser Atheisten und um ihren Umgang mit sozialem und religiösem Druck. Die Alten berichteten von ihren Mitteln und Wegen, sich durch das religiöse Terrain zu navigieren; davon, wie sie mit Familienmitgliedern, Freunden, Kunden, Arbeitgebern und Kollegen umgingen. Die Erstlinge nickten dabei oft, blickten erstaunt oder lächelten, und sie bohrten immer wieder nach, um tiefere Einblicke in die atheistische Lebenswelt zu gewinnen.

Neben diesen Konferenzen nutzen Atheisten in Afrika vor allem soziale Medien, um ihre Ideen zu teilen und von ihren Erfahrungen religiöser Unterdrückung und Diskriminierung sowie von ihren Wegen, sich zu wehren, zu berichten. Diese Erfahrungen werden unter folgenden Themen zur Sprache gebracht.

Hass und Intoleranz

Manche Atheisten berichten, religiöse Gläubige würden sie ablehnen und ihre Ansichten nicht akzeptieren. Um es mit einem Atheisten aus Sambia zu sagen: „Es ist erstaunlich, wie viel Hass und Intoleranz von religiösen Gläubigen kommt, obwohl deren Religionen eher das Gegenteil lehren. Das zeigt einfach, wie sehr Religion von ein paar Einzelnen ‚gekapert‘ wurde, um eigene menschliche Einstellungen und Regeln darüberzustülpen. Menschen müssen glauben dürfen, was sie wollen, solange sie niemandem schaden. Sie sollten nicht gebrandmarkt, eingeschüchtert und zum Glauben gezwungen werden.“

Tatsächlich lehren Religionen Liebe und Toleranz. Doch sie fördern auch Gewalt, Hass und Intoleranz. Atheisten in Afrika leben in Gesellschaften, die Nicht-Gläubige verabscheuen. Sie kommen aus Ländern, in denen Atheisten dafür gehasst werden, wer sie sind – dafür, dass sie Atheisten sind und  nicht an eine Gottheit glauben. Atheisten wohnen in Gemeinden, in denen man atheistischen Sichtweisen sehr feindselig gegenübersteht; in denen nicht-religiöse Thesen nicht anerkannt werden und keinen Platz zugesprochen bekommen in der Riege der Ideen und Überzeugungen.

Viele Atheisten berichten, wie sie manchmal genötigt wurden, bei Gesprächen still zu sein oder ihre eigenen Ansichten zu unterdrücken, weil solche Meinungen als beleidigend aufgefasst werden könnten. Atheisten leben in Gesellschaften, die behaupten, Glaubens- und Meinungsfreiheit zu schätzen, doch ihnen werden diese Freiheiten nicht zugestanden. Atheisten, die in muslimisch dominierten Gemeinden leben, sind noch schlimmer dran. Ihre Situation ist noch gefährlicher, denn laut Scharia ist es ein Kapitalverbrechen, dem Islam abzuschwören oder ihn zu kritisieren. Atheismus ist haram.

Angst vor den Religiösen

Viele Atheisten sagen, sie fürchteten sich vor religiös Gläubigen und erzählten, dass sie vorsichtig seien im Umgang mit ihren frommen Verwandten, vor allem jenen, die sie verraten oder ihnen schaden könnten. Tatsächlich stören sich die Atheisten i.d.R. nicht an der Idee eines Gottes. Die eigentliche Quelle ihrer Angst sind Gott-Gläubige. Atheisten fürchten, dass diese ihnen gegenüber wütend oder gewalttätig reagieren könnten. Anders als Glaubende leben Atheisten in der ständigen Angst, als Menschen wahrgenommen zu werden, die die Gefühle der Gläubigen verletzen. Viele Atheisten erzählen, wie sehr sie sich bemühten, nicht so wahrgenommen zu werden; wie sie manchmal versuchten, sich selbst nicht als antireligiöse Nicht-Gläubige darzustellen.

Die Ängste der Atheisten sind tatsächlich nicht unangebracht. Atheistische Ansichten werden häufig als Karikaturen von Religion wahrgenommen, als Gotteslästerungen, und Menschen, die sie äußern, werden wie Kriminelle behandelt, wie unerwünschte Elemente, deren Existenz der Gesellschaft schade. Um also Angriffen und Tötungsversuchen zu entgehen und um zu vermeiden, wie Kriminelle oder Ausgestoßene behandelt zu werden, halten viele Atheisten ihre Weltanschauung geheim.

Unverlangte Gebete und Gespräche über Gott

Viele Atheisten berichten, dass Gläubige für sie beteten, auch wenn sie nicht danach fragten. So vor allem in Situationen, in denen sie, die Atheisten, in Not waren – krank oder in Schwierigkeiten. Ein nigerianischer Atheist betonte, dass er, nachdem er sein Universitätsstudium abgeschlossen hatte, jahrelang keinen sicheren Job bekam. Er bat einen religiösen Verwandten um Hilfe. Dieser sagte, er solle zu Gott zurückkehren, und betete am Ende für ihn. Ein anderer Atheist bat um finanzielle Hilfe – man teilte ihm mit, er solle jene um Hilfe bitten, die an das Gleiche glauben wie er. Anschließend bot man an, für ihn zu beten.

Atheisten haben oft den Eindruck, dass religiös Gläubige in ihren persönlichen Raum eindringen, einfach für sie beten und sie drängen, sich wieder Gott zuzuwenden. Ein Atheist aus Sambia teilte seine Erfahrungen: „Immer, wenn ich gerade kurz davor bin, mich mit meinem Atheismus wohlzufühlen, werde ich umgeben von schwafelnden religiösen Leuten.“ Der Vater dieses Atheisten war krank, ein Körperteil musste amputiert werden. Gläubige kamen und beteten für ihn.  Ein anderer Atheist, dessen Tochter Gesundheitsprobleme hat, berichtete: „Ich werde hinsichtlich meiner gesundheitlich labilen Tochter viel mit Gerede überzogen von wegen ‚Wir danken Gott‘, ‚dank Gottes Gnade‘, ‚Leg es in Gottes Hand‘.“ Atheisten machten die Beobachtung, dass religiöse Menschen sie gerade dann ins Visier nehmen, wenn sie besonders verletzlich sind und dringend Hilfe brauchen – Geld, Arbeit oder medizinische Versorgung. Gläubige nutzten solche Gelegenheiten, um ihnen ihren Glauben an Gott und ihre religiöse Hingabe aufzudrücken. Sie versuchen, sie zum Glauben zu zwingen. Atheisten sagen, dass Gläubige versuchten, ihnen Schuldgefühle oder Bedauern wegen ihres Nicht-Glaubens einzureden.

Strafe von Gott

Manche Atheisten bemerkten, dass Gläubige ihnen das Gefühl geben wollten, die Probleme und existenziellen Herausforderungen, denen sie ausgesetzt waren, seien Strafen Gottes für ihren Atheismus. Der Atheist, dessen Tochter gesundheitliche Probleme hat, betonte, dass manche seiner religiösen Freunde meinten, diese seien Gottes Weg, sie wieder näher zu ihm zu bringen. Gläubige behaupteten, Atheisten, die sich mit Schwierigkeiten konfrontiert sahen, würden aufgrund ihres mangelnden Glaubens leiden, ihr Leiden sei der Preis, den sie für ihren Nicht-Glauben zahlten, dafür, dass sie Gott nicht anerkannten. Es wurde gezielt versucht, Atheisten in Afrika auf dem Kranken- oder Sterbebett zum Gesinnungswechsel zu bewegen. Verdeckte und offensichtliche Mittel wurden eingesetzt, um sie zum Glauben zu bewegen, ihre Ungläubigkeit lächerlich zu machen und sie unter Druck zu setzen, dem Atheismus zu entsagen.

Atheismus mit einem Lächeln

Dennoch gibt es Atheisten, die der religiösen Nötigung widerstehen. Diese Nicht-Gläubigen wenden verschiedenste Mittel an, mit den manipulativen und evangelisierenden Verhaltensmustern umzugehen. Sie behaupteten sich und weigerten sich, dem Druck nachzugeben. Eine Atheistin aus Sambia erklärte, wie sie mit religiöser Übergriffigkeit umgeht: „Gläubige sollten frei sein von Krankheit, Schmerzen und Armut. Ich begegne Gläubigen mit einem Lächeln. Meist sind sie überrascht, dass ich zufrieden, glücklich und normal bin, obwohl ich Atheistin bin. Ich trage meinen Atheismus mit einem Lächeln. Ich lasse mein Leben der Beweis dafür sein, dass gut und glücklich zu sein, nicht den Glauben an einen oder mehrere Götter erfordert. Das ist Gläubigen sehr unbehaglich“.

Leider beherrschen jedoch nicht alle Atheisten in Afrika die Kunst, ihren Atheismus mit einem Lächeln zu tragen oder Verhaltensweisen anzunehmen, die Gläubigen sichtliches Unbehagen bereiten. Nicht alle Atheisten in der Region können den Willen und Mut aufbringen, dem Druck standzuhalten und mit ihrem Nicht-Glauben zufrieden zu bleiben.

Konferenzen wie jene, die in Lagos von der Atheistischen Gesellschaft Nigerias oder in Accra vom Humanistischen Verband Ghanas organisiert wurden, sowie Social-Media-Plattformen wie Facebook, Whatsapp und andere haben sich zu Orten entwickelt, die Atheisten in Afrika nutzen, um ihre Ideen und Vorstellungen darüber zu teilen, wie sie ihren Atheismus tragen – mit oder ohne Lächeln.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Atheismus in Afrika Konsequenzen hat – mit manchmal sehr unerfreulichem Ausgang. Afrikanische Atheisten erfahren Hass und Intoleranz; sie leben in ständiger Angst, für ihren Nicht-Glauben misshandelt, angegriffen oder umgebracht zu werden. Oft wird versucht, sie auf dem Kranken- oder Sterbebett zur Konversion zu bewegen. Verglichen mit ihren Pendants in westlichen Gesellschaften, befinden sich Atheisten in Afrika in einer schutzloseren und gefährlicheren Lage. Sie sind gefährdeter, ungestraft misshandelt oder schikaniert zu werden. Wenn es um religiösen Glauben oder Unglauben geht, sind Familien- und Gesellschaftsstrukturen wirkmächtiger als staatliche Institutionen. In Gesellschaften ohne funktionierendes Sozialsystem sind Atheisten von ihren Familien und Freunden abhängig, nicht vom Staat. Daher sind Atheisten in Afrika darauf bedacht, ihre begrenzten Möglichkeiten, in kritischen Situationen Hilfe zu bekommen, nicht zu gefährden.

Atheismus ist in Afrika größtenteils unsichtbar, da sich nur wenige Atheisten in der Region von dem Druck, den Familie und Gesellschaft ausüben, freimachen können. Nur sehr wenige nicht-religiöse Afrikaner können dem tief verwurzelten religiösen Hass und der Verfolgung mit einem sichtbaren Lächeln standhalten.

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