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Mubarak Bala: Warum sie ihn hassen

Der Präsident der Humanistischen Vereinigung Nigerias wird seit sechs Monate ohne rechtsstaatliches Verfahren und nahezu ohne Kontakt zur Außenwelt von einer lokalen Polizeibehörde festgehalten. Leo Igwe, Religionswissenschaftler und Menschenrechtsaktivist, schreibt hier über die Hintergründe.

Der Präsident der Humanistischen Vereinigung Nigerias wird seit sechs Monate ohne rechtsstaatliches Verfahren und nahezu ohne Kontakt zur Außenwelt von einer lokalen Polizeibehörde festgehalten. Leo Igwe, Religionswissenschaftler und Menschenrechtsaktivist, schreibt hier über die Hintergründe.

Aktion für die Freilassung Mubarak Balas vor der nigerianischen Botschaft in London. Foto: Humanists International

Er ist ein fortschrittlicher Geist und ein Verfechter der islamischen Reformation und des sozialen Wandels. Bala lenkt die Aufmerksamkeit auf Aspekte des Islam und des Lebens des Propheten, die oft verborgen und verboten sind. Er weist auf jene Lehren des Islam und des Propheten hin, die er für falsch und unvereinbar mit Menschenrechten, Wissenschaft und kritischem Denken hält.

Wegen angeblicher Beiträge und Kommentare auf seiner Facebook-Seite, die einige Muslim*innen als Beleidigung des Propheten des Islam interpretierten, wurde Mubarak Bala im April von der nigerianischen Polizei verhaftet. Sie haben ihn festgenommen und monatelang ohne Kontakt zur Außenwelt inhaftiert. Das islamische Establishment hat sich geweigert, gegen diese Unrechtmäßigkeit und die Verletzung seiner grundlegenden Menschenrechte die Stimme zu heben. Vielmehr haben einige Muslime gedroht, Mubarak Bala zu töten, wenn er vom „Staat“ nicht angemessen bestraft werde.

Der Text „Mubarak Bala: Why They Hate Him“ ist im Original zuerst erschienen bei saharareporters.com

Es ist wichtig zu fragen, warum hassen sie Mubarak Bala? Warum gibt es so viel Abneigung gegen eine wenig bekannte Person, die harmlose Beiträge auf seiner Facebook-Seite verfasst hat? Mit „sie“ meine ich hier diejenigen, die die Petition gegen Mubarak Bala verfasst haben, einschließlich aller Muslim*innen, die direkt oder indirekt fordern, dass man sich mit ihm befasst. Warum ist Bala zu so etwas wie bête noire (Angstgegner, d. Red.) geworden, jemand, der in der lokalen muslimischen Gemeinde so verachtet wird? Hier sind die Gründe. Aber bevor ich sie erkläre, möchte ich einige Hintergrundinformationen zu meiner Beziehung zu Mubarak Bala geben.

Ich kannte Mubarak Bala bis 2014 nicht. Ich hatte nie von dem Namen gehört. Wir wurden durch einen seltsamen Umstand verbunden. Im Jahr 2014 arbeitete ich an meiner Doktorarbeit in Deutschland. Eines Tages erhielt ich die Nachricht, dass ein Ex-Muslim in eine psychiatrische Klinik eingeliefert worden war. Ich war sowohl besorgt als auch verwirrt. Alle Ex-Muslim*innen, die ich damals kannte, versteckten sich, sie befanden sich „im Schrank“.

Ich wurde gebeten, mich an den Bemühungen zu beteiligen, dass er aus dem Krankenhaus zu entlassen wird. Balas Familie hatte ihn in diese Gesundheitseinrichtung gebracht, nachdem er mit seinem Nichtglauben und seiner Kritik an der islamischen Religion an die Öffentlichkeit gegangen war. Die Familie hielt ihn für verrückt. Tagelang hatte ich Mühe zu verstehen, was vor sich ging. Religion, insbesondere der Islam, ist in Nordnigeria ein brisantes Thema. Ich fragte mich, wie ich in diesem Fall wirksam eingreifen könnte, während ich Tausende von Kilometern entfernt lebte.

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Gläserne Wände - Bericht zur Benachteiligung nichtreligiöser Menschen in Deutschland

Zum Glück begann ein Streik an der Klinik

Weil die Zeit drängte, stand ich unter immensem lokalem und internationalem Druck, Unterstützung zu sammeln. Bala wurde wegen einer psychischen Krankheit behandelt, die er nicht hatte. Diejenigen, die mich kontaktierten, befanden sich in Lagos, das sehr weit von Kano entfernt war, wo Mubarak Bala sich aufhielt. Sie stützten sich auch auf Informationen von Dritten. Es gelang mir, die psychiatrische Klinik in Kano anzurufen. Und sie bestätigten, dass Mubarak ein Patient ist und in die Klinik eingeliefert wurde, doch sie weigerten sich, Einzelheiten zu seinem Fall zu nennen. Nach einigem Hin- und Her-Telefonieren und E-Mails gelang es mir, herauszufinden, was da vor sich gehen könnte, und ich schloss mich der Kampagne an. Ich gab eine Erklärung ab, in der ich die Freilassung von Bala verlangte. Wir engagierten einen Anwalt, der ihm bei seinem Fall helfen sollte. Nebenbei: Als wir versuchten herauszufinden, wie wir ihn aus dem Krankenhaus herausholen konnten, begann das Personal einen Arbeitskampf, und so konnte Bala schließlich das Krankenhaus verlassen, war wieder ein freier Mann.

Seitdem hat Bala seine Kritik am islamischen Extremismus sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Er war das Gesicht des Atheismus und der Freidenkerei in Nordnigeria. Seine Erfahrung hat viele Atheist*innen und Ex-Muslim*innen in Nordnigeria dazu inspiriert, ihre Ansichten und Positionen offen und öffentlich zu vertreten. Bala ist im islamischen Nordnigeria zum Synonym für Apostasie und Blasphemie geworden.

Mubarak Bala

Deshalb hassen sie Mubarak Bala: Weil er dem Islam abgeschworen hat. Sie glauben, dass der Islam eine perfekte Religion ist, die die Menschen annehmen, aber nicht aufgeben können. Bala wurde in eine muslimische Familie geboren, und diese hatte erwartet, dass er für den Rest seines Lebens ein Muslim bleiben würde. Bala jedoch enttäuschte sie. Er wurde ihren Erwartungen nicht gerecht. Er ließ den Islam hinter sich. Bala konvertierte nicht einmal zum Christentum, was schlimm genug gewesen wäre, aber nicht so schlimm. Er wurde ein Atheist, ein „blutiger Ungläubiger“.

Bala hat sie verraten. Sie sind wütend und zornig auf ihn. Jetzt versuchen sie, ihn für den Verrat zu bestrafen. Der Glaubensabfall ist ein Verbrechen nach der Scharia und im Islam. Als Abtrünniger ist Mubarak Bala für sie ein Verbrecher, der es verdient, nach islamischem Recht bestraft zu werden. Bala soll gezwungen werden, zu widerrufen und in den islamischen Schoß zurückzukehren oder aus der islamischen Gemeinschaft durch Inhaftierung oder Hinrichtung entfernt zu werden. Dies ist nicht geschehen. Bala hat keine Bestrafung oder – besser – eine angemessene Strafe erhalten (mir wurde allerdings gesagt, dass seine Familie ihn verstoßen habe). Für sie Mubarak Bala keine Strafe erhalten, die schwer genug ist, um sein Ausscheiden aus dem Islam zu bedauern.

Durch seinen Verzicht auf den Islam hat er das Recht verloren, über Religion zu sprechen

Stattdessen hat er es akzeptabel erscheinen lassen, den Islam zu verlassen. Er hat sein normales Leben gelebt und ist frei seinen alltäglichen Geschäften nachgegangen. Und damit kommen sie nicht klar. Bala hat es so aussehen lassen, als könne man den Islam aufgeben und trotzdem glücklich und frei leben, ohne sich zu verstecken oder in Angst um sein Leben im islamischen Nordnigeria zu leben. Tatsächlich ist er so weit gegangen, offen zu erklären, für ein politisches Amt kandidieren zu wollen.

Hätten sie angesichts der familiären und ethnischen Bindungen zu Mubarak Bala in der Region eine gewisse Restliebe für ihn gehabt, so ist diese Zuneigung verschwunden. Bala hat sie dazu gebracht, ihn noch mehr zu hassen, indem er den Islam offen kritisiert hat. Von Bala als einem Abtrünnigen erwarten sie, dass er schweigt und nichts über den Islam und den Propheten sagt. Durch seinen Verzicht auf den Islam hat Bala die Autorität verloren, frei über Religion zu sprechen. Für sie können nur Muslim*innen über den Islam sprechen. Nur Gläubige oder diejenigen, die etwas Entschuldigendes, Ergänzendes und Unterstützendes über den Islam und den Propheten zu sagen haben, können über diese vollkommene Religion und ihren vollkommenen Botschafter sprechen oder sich offen dazu äußern.

„Mubarak, du bist nicht allein“ – Humanist*innen weltweit haben sich mit Mubarak Bala solidarisch erklärt, darunter der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka. Seinen Brief an Mubarak Bala dokumentieren wir hier.

Für sie sind kritische Ansichten über den Islam und den Propheten nicht erlaubt, selbst wenn diese Standpunkte wahr sind und auf Tatsachen beruhen. Kritische Ansichten über den Islam und den Propheten sind Blasphemie. Und Blasphemie ist ein Verbrechen, ein weiteres Verbrechen, das nach der Scharia mit dem Tod bestraft wird. Das Blasphemiegesetz ist eine Waffe, um Kritiker*innen des Islam zum Schweigen zu bringen und auszuschalten und die Lehren dieser Religion aufrechtzuerhalten, ob sie nun wahr oder falsch sind. Es ist ein Mechanismus, um Menschen davon abzuhalten, unautorisierte Kommentare über den Islam abzugeben. Das Blasphemiegesetz ist das, was das islamische Establishment benutzt, um zu überwachen und zu zensieren, was Menschen über den Islam und den Propheten sagen und ausdrücken.

Bala hat viele junge Menschen inspiriert

So hassen sie Mubarak Bala, weil er den Islam kritisiert und frei über den Propheten des Islam spricht. Er ist ein fortschrittlicher Geist und ein Verfechter der islamischen Reformation und des sozialen Wandels. Bala lenkt die Aufmerksamkeit auf Aspekte des Islam und des Lebens des Propheten, die oft verborgen und verboten sind. Er weist auf jene Lehren des Islam und des Propheten hin, die er für falsch und unvereinbar mit den Menschenrechten, der Wissenschaft und dem kritischen Denken hält. Er weist auf jene islamischen Praktiken hin, die er moralisch abstoßend und anstößig findet. Sie hassen ihn, weil er sich nicht scheut, seine Meinung zu sagen. Einfach gesagt, sie hassen Bala, weil er ein Abtrünniger und ein „Gotteslästerer“ ist.

Darüber hinaus hassen sie Mubarak Bala, weil er vielen Atheist*innen in muslimisch dominierten Gemeinden in Nordnigeria Mut macht. Viele Atheist*innen in Nordnigeria „verlassen ihren Schrank“ und setzen sich für ihre Ansichten und Identitäten ein. Bala hat viele junge Menschen in Nordnigeria dazu inspiriert, ihren Unglauben an den Islam frei zum Ausdruck zu bringen. Sie mögen ihn nicht, weil er zu einer gewaltigen moralischen und intellektuellen Kraft in der wachsenden Welle des Atheismus im islamischen Nordnigeria geworden ist.

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