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Norwegen: Militärgottesdienste sollen ersetzt werden

Der Ethikrat der norwegischen Streitkräfte hat in einer Stellungnahme dazu geraten, ausgrenzende christliche Traditionen innerhalb des Heeres abzuschwächen.

Der Ethikrat der norwegischen Streitkräfte hat in einer Stellungnahme dazu geraten, ausgrenzende christliche Traditionen innerhalb des Heeres abzuschwächen.

Soldat*innen in Sør-Varanger bei einem Feldgottesdienst 2010. Foto: Torbjørn Kjosvold / Forsvaret.no

Das Christentum hat in den norwegischen Streitkräften eine zu hervorgehobene Stellung. Zu diesem Schluss ist im Februar der Ethikrat des Heeres (ERF) in einer Stellungnahme im Auftrag des Verteidigungsministeriums gekommen. Wie norwegische Medien übereinstimmend berichten, empfiehlt die Stellungnahme, über die bestehende Symbolkraft von „Ritualen, Hymnen, Architektur, Bilder und dergleichen“ im Heer nachzudenken, da diese „eine ausgrenzende Wirkung auf Kulturen/Religionen von Minderheiten haben.“ Unter anderem soll im Zuge der Reform künftig auf die Tradition des „Bønn på linje“, d. h. Feldgottesdienste, verzichtet werden. An deren Stelle soll ein „ethischer Appell“ treten, deren Leitung auch die seit 2017 im Dienst befindliche humanistische Seelsorgerin Ida Helene Henriksen oder der ebenfalls seit fünf Jahren tätige Militärrabbiner Najeeb ur Rehman Naz übernehmen können.

„Wir glauben nicht, dass das Christentum aus den Streitkräften verschwinden sollte, aber es ist heute in einer übermäßig prominenten Position, die eine ausschließende Wirkung auf diejenigen haben kann, die sich anderen Religionen und Überzeugungen verbunden fühlen“, sagte dazu Kjersti Fjørtoft, Leiterin des Ethikrates für die Verteidigungskräfte. Als Ersatz zu den traditionellen Feldgottesdiensten sollte es „weltoffene und integrative gemeinsame Zeremonien“ geben, „die die gemeinsamen Werte der Streitkräfte und der Gesellschaft betonen.“

Der Ethikrat hob auch die traditionelle Kirchenparade des Heeres in der Kathedrale von Oslo hervor. Empfohlen wurde hier, dass Soldat*innen sich zu solchen Veranstaltungen an- und nicht abmelden müssen, „um eine stigmatisierende Wirkung des Rechts der Ausnahme zu vermeiden.“

Im Gegensatz zu den Regeln für konfessionell geprägte Veranstaltungen sollen hingegen beim künftigen „ethischen Appell“ alle Soldat*innen zur Teilnahme verpflichtet sein. „Der Zweck besteht darin, ein vereinendes Ritual zu schaffen, das alle unabhängig von der Lebenseinstellung umfasst – und von dem niemand eine Befreiung beantragen kann“, schreibt die Zeitung Vårt Land hierzu.

Auslöser der angestoßenen Reform war im vergangenen Jahr ein Kommentar des Leutnants und Zugführers der Königsgarde, Stian Husby, beim öffentlich-rechtlichen Sender NRK mit dem Titel „Zeit für die Scheidung“: „Der Staat und die Kirche von Norwegen trennten sich offiziell Ende 2016, nach einer langen Zeit der Scheidung. Wenn wir nun bald das Jahr 2022 schreiben, spielt das Christentum dennoch eine herausragende Rolle in den Streitkräften.

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Die Zahlen zeigen, „dass die Unterstützung für organisierte Religionen in Norwegen von Jahr zu Jahr sinkt. Zur gleichen Zeit, in der weniger Menschen getauft und konfirmiert werden, verlassen mehr Menschen die Kirche von Norwegen. Zwischen 2014 und 2020 verlor die DNK [Die Norwegische Kirche, d. Red.] über 150.000 Mitglieder, und nur 47 Prozent der Norweger*innen über 16 Jahren geben an, dass sie einem Glauben angehören“, so Husby.

Er kritisiert auch, dass die Dienstgrade der Militärseelsorger*innen nicht ihrem Qualifikationsgrad innerhalb der Streitkräfte entsprechen. „Der Offiziersgrad verleiht religiösen Führern in den Streitkräften große formale Macht und Autorität, da das System durch eine starke Hierarchie gekennzeichnet ist und nur bestimmte Merkmale sie von anderen Offizieren unterscheiden“, erklärte Husby hierzu. Doch während ein*e reguläre*r Soldat*in eine bestimmte Ausbildung und lange Dienstzeit erfolgreich bewältigen müssen, um einen gewissen Dienstgrad zu erreichen, müssten Militärseelsorger*innen neben ihrem theologischen Studium nur eine überschaubare Zusatzausbildung durchlaufen, um in höheren Dienstgraden tätig zu werden. „Natürlich werden Priester, die in norwegischen Krankenhäusern beschäftigt sind, nach Abschluss der theologischen Ausbildung keine Ärzte, und daher sollte es auch in den Streitkräften nicht so sein“, brachte Husby seine Sicht auf das Problem auf den Punkt. Und: „Dies ist nicht der einzige Bereich problematischer Rollenverteilung. Es ist üblich, dass wehrpflichtige Soldat*innen mit verschiedenen persönlichen Herausforderungen oft zum Priester für ein Gespräch geschickt werden. Ein Priester kann natürlich ein großartiger Gesprächspartner sein, hat aber nicht unbedingt die Instrumente, um Soldat*innen bei ihren Herausforderungen zu helfen.“

Im Jahr 2020 gaben laut der norwegischen Statistikbehörde SSB rund 47 Prozent der Über-16-Jährigen an, dass sie einer Religion oder Glaubensrichtung angehören. Mitglied der Norwegischen Kirche waren tatsächlich 64,9 Prozent der Bevölkerung. Die humanistische Vereinigung Norwegens, Human-Etisk Forbund (EHF), hatte Ende 2021 offiziell rund 105.000 Mitglieder, in repräsentativen Umfragen meinte jedoch eine weitaus höhere Zahl von Norweger*innen, der HEF anzugehören.

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