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Humanistische Seelsorge

Was sie ist und wofür man sie braucht

Was sie ist und wofür man sie braucht

Foto: adobestock.com

Als vor wenigen Wochen der internationale Einsatz in Afghanistan in genauso dramatischer wie deprimierender Art und Weise zu Ende ging, wurde in der medialen Öffentlichkeit in erster Linie über Entscheidungen und Fehler der politischen Akteur*innen diskutiert. Diese Fragen nach Verantwortung und Versäumnissen sind durchaus berechtigt, denn es ist davon auszugehen, dass die handstreichartige Machtübernahme der Taliban die zarten Triebe eines gesellschaftlichen und demokratischen Wandels des Landes quasi über Nacht zerstört haben. Zudem hatten auch die deutschen Entscheidungsträger*innen, allen voran das Bundeskanzleramt und die zuständigen Ministerien, zahlreiche Warnungen in den Wind geschlagen und sogar parlamentarische Anläufe, zumindest besonders bedrohte Menschen möglichst frühzeitig in Sicherheit zu bringen, abgelehnt.

Es ist also nur allzu verständlich, dass sich Gedanken und Sorgen in dieser tragischen Zeit zunächst an die Rettungsmissionen und alle von den selbst ernannten Gotteskriegern bedrohten Menschen richten. Besonders Nicht-Muslime/a, Frauen, politisch Engagierte, Menschenrechtler*innen, Humanist*innen, Mitarbeiter*innen von Hilfsorganisationen und NGOs und gesellschaftliche Minderheiten müssen um ihre Freiheit, Gesundheit oder gar um ihr Leben fürchten. Dennoch überdecken diese Fragen ein Thema, bei dem insbesondere durch solche Auslandseinsätze der deutschen Bundeswehr schon länger dringender Handlungsbedarf besteht: ein seelsorgerisches Angebot für alle Soldat*innen der Bundeswehr.

Dass die Anzahl belasteter und traumatisierter Soldat*innen stark und kontinuierlich wächst, zeigte kürzlich eine Anfrage an das Verteidigungsministerium. Wurden im Jahr 2013 noch 602 Soldat*innen und Soldaten wegen einsatzbedingter psychischer Störungen in psychiatrischen Kliniken behandelt, so waren es 2020 bereits 1116, in den ersten fünf Monaten dieses Jahres werden bereits 762 Fälle in dem Bericht gemeldet. Es ist jedoch davon auszugehen, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist und dass ein großer Teil psychischer und seelischer Belastungen in diesem Bericht nicht auftaucht.

Einerseits, weil die Soldat*innen eine Stigmatisierung fürchten und andererseits weil die Schwelle, einen medizinisch-psychologischen Dienst anzunehmen, doch ungleich höher ist als ein Gespräch unter vier Augen zu suchen, das eine weiterführende Behandlung sogar womöglich verhindern könnte. Zudem geht es oft um eine Sinnkrise oder ethische Dilemmata, die nicht weltanschaulich neutral gelöst werden können, da jeder Mensch Entscheidungen, Wertungen und Schlussfolgerungen auf der Grundlage seiner Überzeugungen trifft.

Der Bedarf eines niederschwelligen Betreuungs- und Gesprächsangebots ist also groß, allerdings sind bei der Bundeswehr bis heute ausschließlich religiöse Seelsorger*innen aktiv. Und dies vor dem Hintergrund, dass etwa die Hälfte ihrer Soldat*innen gar nicht religiös ist. Genaue Zahlen gibt es zwar nicht, da die Religionszugehörigkeit nur auf freiwilliger Basis erfasst wird. Schätzungen gingen zuletzt aber von rund 90.000 Christ*innen unter den insgesamt rund 180.000 Soldat*innen aus, die Zahl der Muslim*innen dürfte bei etwa 3000, die der Jud*innen bei ungefähr 300 liegen.

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Dass es für deren Anliegen zwar katholische, evangelische und jüdische Seelsorger*innen, aber eben keinerlei Alternativen gibt, kritisiert unlängst auch Michael Bauer, Vorstand der Humanistischen Vereinigung (HV), in einem Interview im Deutschlandfunk:

Jetzt anhören: „Säkulare Seelsorge – ein Gespräch mit Michael Bauer“ aus TAG FÜR TAG vom Deutschlandfunk.

„Eine nicht-religiöse Ethik und Weltsicht oder der Humanismus als Lebenseinstellung ist bislang überhaupt nicht repräsentiert. (…) Religiöse Seelsorger*innen können die Anliegen dieser großen Gruppe an Menschen nicht einfach mit übernehmen, denn eine humanistische Weltanschauung ist – wie die religiösen auch – jeweils eine höchst spezifische. Bei der geht es um zutiefst persönliche Fragen der eigenen Identität, um Sinnfragen oder gar Sinnkrisen. Und diese können nur mit einem Menschen diskutiert werden, der auf einer ähnlichen Wellenlänge funkt, einer authentischen Person, die so ähnlich tickt wie der oder die Hilfesuchende selbst und der sie oder er vertrauen kann. Andere europäische Staaten haben diesem Fakt schon Rechnung getragen, Deutschland bislang nicht.“

Was ist Seelsorge? Wer braucht sie wann?

Der Begriff Seelsorge wird bis heute oft christlich-religiös interpretiert, was Humanist*innen bisweilen irritiert. Denn er ist ursprünglich weder ein biblischer Begriff noch eine Errungenschaft des christlich geprägten Westens, vielmehr lässt er sich auf die griechische Antike zurückführen.

Bereits Sokrates betrieb Seelsorge, die so genannte „psyches therapeia“, und zwar auf dem Marktplatz, wo er mit Menschen Gespräche über ein gutes Leben, Glück, Sinn und Gerechtigkeit führt und sie aufruft, „für ihre eigene Seele zu sorgen“. Platon wollte sie gar zur Pflicht aller Bürger*innen machen. Dabei bezieht sich die antike Seelsorge vor allem auf die Ausbildung eines tugendhaften Verhaltens, auf die Gemeinschaft, auf Lebensbedingungen und Moral. Sie suchte nach praktischen Lebensweisheiten, allerdings nicht durch unreflektierte Traditionsvermittlung, sondern eher in philosophischem Kontext, also hinterfragend, erforschend und begründend. Der Philosoph wird quasi zum Arzt für nichtphysische Leiden. Das Seelenheil nach dem Tod war von eher untergeordneter Bedeutung, trotz des damaligen Glaubens an eine Unsterblichkeit der Seele. Die antike Seelsorge kann also als eine weltliche bezeichnet werden, die erst später, mit dem Erstarken des Christentums spezifisch religiös besetzt wird und über Jahrhunderte dazu diente, die kirchliche Ordnung und Lehre sicherzustellen, sowie die Frömmigkeit und den Glauben zu erhalten. Seelsorge sollte helfen, den richtigen Umgang mit den eigenen Sünden zu finden, denn die seien eine Gefahr für das Seelenheil. Deshalb war die Seelsorge auch eng mit dem Bußsakrament verbunden und wurde primär als Beichte praktiziert, zu der ein reuevolles Schuldbekenntnis, Wiedergutmachung und Vergebung durch den Priester gehörten. Der dazu gehörige Leitfaden war die Bibel, deren Texte, Bilder und Erzählungen den Seelsorger*innen und den Menschen Vergleiche und Deutungen der Sorgen
und Nöte ermöglichen und Hilfestellung geben sollten.

Foto: © Cody O‘Loughlin

Mit dem zunehmenden Bedeutungsverlust der Religionen, neuen Lebensentwürfen und einer Pluralisierung der Gesellschaft entstand zunehmend auch Bedarf nach vertraulichen Gesprächsangeboten und seelischer Betreuung für nichtgläubige Menschen. Exemplarisch sei hier Wilhelm Börners Arbeit erwähnt mit seiner grundlegenden Veröffentlichung aus dem Jahr 1912 „Weltliche Seelsorge – Grundlegende und kritische Betrachtungen“ und die von ihm 1928 in Wien gegründete „Lebensmüdenberatungsstelle“. Dieser neuen, säkularen oder humanistischen Seelsorge geht es weniger ums Jenseits, als vielmehr um Unsicherheiten, Ängste und Probleme im Leben vor dem Tod. Und diese haben in einer komplexeren, industrialisierten und globalisierten Welt wie auch die Möglichkeiten zur Selbstreflexion der Menschen, zugenommen. Fragen nach Sinn und Zukunft können dann besonders zu schaffen machen oder entstehen vielleicht zum ersten Mal. Es kann um ein Gefühl der Entfremdung gehen, womöglich fern des vertrauten Alltags, oder der Verunsicherung, weil das Schicksal nicht mehr in den eigenen Händen zu liegen scheint. Dem*der einen oder anderen fällt es einfach nicht leicht, die eigenen Gedanken zu ordnen oder Gefühle zu artikulieren. Wenn in solchen Momenten selbst die eigenen Angehörigen oder Freunde keine geeigneten Ansprechpartner*innen sind, kann womöglich ein persönliches und vertrauliches Gespräch mit einem*einer unbelasteten Dritten helfen.

Hier setzt die Humanistische Seelsorge an, als religionsfreie, aber wertegebundene Gespräche unter Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen. Humanistische Seelsorger*innen bringen idealerweise Erfahrungen und das moralische Rüstzeug mit, das sich an den Interessen, den Werten und der Würde des einzelnen Menschen orientiert. Sie verstehen unter Seelsorge etwas, was den Menschen in seiner Gesamtheit betrachtet und ihn so akzeptiert, wie er ist. Die also seine persönliche Haltung ernst nimmt und dann mit ihm diskutiert, Sinn- und Lebensfragen bespricht und eben Lösungen zu erarbeiten versucht. Dies läuft ohne theoretisch-therapeutischen Ansatz, ohne Bedingungen an die Inanspruchnahme der Seelsorge zu knüpfen und ohne drohende Berichterstattung an andere Disziplinen. Es sind dagegen humanistische Prinzipien wie Gewissensfreiheit, Vernunft, Selbstbestimmung, Anerkennung der gesellschaftlichen Pluralität und Gewaltfreiheit, die das moralische Fundament bilden, wobei die Beratung konfessionsfreien wie religiösen Menschen gleichermaßen offensteht.

Nun lässt sich natürlich ausgiebig darüber streiten, ob denn der Begriff der Seelsorge auch für Nichtgläubige und Humanist*innen der richtige ist. Immerhin war er lange Primat der Kirchen, dennoch erfasst heute damit jeder*jede, was darunter zu verstehen ist. Und da die Seele als Begriff für das psychisch-moralische Innenleben eine Bezeichnung ist, die keineswegs automatisch religiös ausgelegt werden muss, ist er auch für alle geeignet.

Wie unterscheiden sich psychologische, religiöse und humanistische Seelsorge?

Im Unterschied zur psychologischen Betreuung oder Therapie, in der versucht wird, eine Erkrankung oder „geistige Fehlstellung“ zu korrigieren, geht es in der humanistischen Seelsorge um Probleme in einer Sinnkrise oder einem ethischen Dilemma, die weltanschaulich nicht neutral gelöst werden können. Jede Entscheidung muss auf der Grundlage persönlicher Überzeugungen und im Rahmen des gültigen Rechts getroffen werden, was Seelsorge zu einer eigenständigen Aufgabe macht, die sich auch im Laufe der Jahrzehnte stets weiterentwickelt und an neue Problemlagen und Bedürfnisse der Menschen angepasst hat. Jüngstes Beispiel sind die belastenden Situationen, die durch die Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen entstanden sind. Für viele Kinder, Jugendliche und Familien waren die vergangenen eineinhalb Jahre frustrierend, nervlich und körperlich sehr belastend, wofür ein seelsorgerisches Gespräch ein gutes Ventil sein kann. Zusätzlich sind psychologische Beratungsstellen seither chronisch überlaufen, auch Familienberatungen waren für Betroffene nur sehr schwer zu bekommen.

Eine humanistische Seelsorge setzt im Vergleich zur religiösen Seelsorge ganz anders an, weil ein unterschiedliches Bild vom Menschen und seinen Bedürfnissen besteht. Es mag durchaus Überschneidungen geben, weshalb das vorhandene Angebot ergänzt und nicht ersetzt werden sollte. Doch jeder Mensch muss ein adäquates Angebot bekommen, so wie es im Einzelfall gebraucht wird. Der entscheidende Punkt ist aber der Umgang mit den Fragen und Problemen der Betroffenen – und da sind Humanist*innen der Meinung, dass dieser miteinander erarbeitet werden muss. Hier liegt ein fundamentaler Unterschied zur religiösen Seelsorge: Es gibt keine heiligen Bücher, keine Autoritäten mit allgemein gültigen oder interpretierbaren Lehren, auf die sich Humanist*innen stützen können. Das ist als Gerüst eines Glaubens oder einer Lehre im Humanismus eben nicht vorhanden, denn der versucht ja stets, auf den einzelnen Menschen zurückzugehen und für ihn ganz individuelle Lösungen und so eine Erleichterung der Situation zu finden.

Internationale Pioniere humanistischer Seelsorge

Schon bei einer ersten Bestandsaufnahme fällt schnell ins Auge, dass humanistische Seelsorge in Deutschland zwar vertreten, aber nicht flächendeckend, geschweige denn obligatorisch zur Verfügung steht. Aber es ist eine sukzessive Entwicklung von unten im Gange, denn bislang fehlten den Regierungen Mut und politischer Wille, am bisherigen, religiös ausgerichteten System zu rütteln. Dementsprechend sind andere Nationen, die ihre konservativen Scheuklappen schon früher abgelegt haben, teils mehrere Schritte voraus:

Als sich 2018 Humanist*innen aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland in Utrecht zu einer internationalen Konferenz trafen, stand neben einer grundsätzlichen Debatte über gegenwärtige Herausforderungen und Entwicklungen des organisierten Humanismus vor allem die Diskussion um humanistische Seelsorge- und Beratungspraxis im Vordergrund. Während in den Niederlanden und Belgien humanistische Begleitung eine fest verankerte, nicht-konfessionelle Alternative zu religiösen Seelsorgeangeboten ist, existieren in Deutschland vergleichbare Angebote bislang nur sehr punktuell.

In den Niederlanden ist die humanistische Seelsorgepraxis weit verbreitet. Sie setzt überall dort an, wo Seelsorge oder Beratung an verschiedenen Stellen in öffentlichen Institutionen benötigt werden, vor allem im Gesundheitswesen (z. B. in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Psychiatrie), in Gefängnissen und beim Militär. Abhängig davon, in welchem Bereich die Seelsorge angesiedelt ist, wird sie dann über unterschiedliche öffentliche oder private Kanäle finanziert. Das Angebot steht allen offen, spricht aber schon in erster Linie nicht-gläubige Menschen an, die in den Gesprächen nicht mit Ideen konfrontiert werden möchten, die sich nicht mit ihrer eigenen Weltanschauung vereinbaren lassen.

Nicht ohne Grund war Utrecht Ort der Tagung, gibt es doch im Zentrum der Stadt seit 1989 die Universität für Humanistik, an der ein wissenschaftliches und staatlich anerkanntes Humanismusstudium möglich ist. Auf Grundlage humanistischer Werte werden theoretische, aber auch praktische Kompetenzen vermittelt. Dazu zählen die Bereiche Gruppendynamik, (Selbst-)Reflexion, Gesprächsführung, sowie Präsentations- und Argumentationsfähigkeiten. Absolvent*innen können anschließend beispielsweise als Humanistische Berater*innen oder Seelsorger* innen, Lebenskundelehrer*innen, Coaches oder Unternehmensberater*innen arbeiten.

Mit den „Huis van de Mens“ bietet Belgien ebenfalls eine breite humanistische Beratungspraxis, die von staatlicher Seite finanziert und als „Allround-Angebot“ organisiert ist. Unter diesen Einrichtungen sind offene Häuser zu verstehen, in denen jeder zu den unterschiedlichsten Themen Rat und Begleitung finden kann. Das Spektrum ist groß, vom Planen und Abhalten humanistischer Lebensfeiern bis hin zur Betreuung in Lebenskrisen.

Aber es gibt seit über zwei Jahrzehnten auch eine humanistische Soldatenbetreuung für die 35.000 Angehörigen der belgischen Armee, die mehr als 1000 Konsultationen jährlich durchführt, mit den unterschiedlichsten Themen: Einsamkeit, Beziehungsprobleme, Konflikte mit Vorgesetzten, Burn-out, Sucht, Scheidung, finanzielle Probleme – viele davon sind häufig auf längere Missionen zurückzuführen. Die Berater*innen sind studierte Therapeut*innen, Psycholog*innen oder Lehrer* innen. Bei Fällen, in denen schwere Traumatisierungen und Probleme vorliegen, vermitteln sie die Soldat*innen an Fachleute. Diese humanistische Alternative musste allerdings vor über 20 Jahren auch erst mühevoll gerichtlich eingeklagt werden, vor allem gegen den Willen der dominierenden katholischen Kirche.

In Norwegen existiert eine der größten humanistischen Gemeinschaften weltweit. Dem 1956 gegründeten „Human-Etisk Forbund“ (HEF) gehören mehr als 100.000 Mitglieder an. Da ist es fast schon verwunderlich, dass die erste HEF-Studierendenberaterin, ein Lebensberater in Tønsberg und die ersten humanistischen Berater*innen für die Streitkräfte Norwegens ihre Tätigkeiten erst vor wenigen Jahren aufgenommen haben. Sie organisieren zusätzlich zu ihren seelsorgerischen und beratenden Tätigkeiten in der Armee für die gesamte Bevölkerung philosophische Gesprächsgruppen, in denen sich alle Menschen mit ethischen und existenziellen Themen auseinandersetzen können. Trotzdem verkörpert die weltanschauliche Aufteilung der Seelsorger*innen noch lange nicht die Lebenswirklichkeit der Soldat*innen: Nur etwa ein Viertel von ihnen bezeichnet sich in einer Umfrage als gläubig, der deutlich größere Rest dagegen als gar nicht oder nur sehr wenig religiös. Immerhin wird der HEF in Norwegen von staatlicher Seite ähnlich behandelt wie Religionsgemeinschaften, was deutliche Auswirkungen für die Rechtssicherheit und die staatliche Unterstützung dort hat.

Noch unterrepräsentiert, aber staatlich voll anerkannt: Trond Enger (Präsident HEF) freut sich mit der erste humanistischen Beraterin für die Streitkräfte, Ida Helene Henriksenn, über die ersten Erfolge.

In Großbritannien organisiert das „Nonreligious Pastoral Support Network“ die nichtreligiöse Seelsorge in Trägerschaft der Humanists UK, dem Verband der britischen Humanist*innen. Drei hauptamtliche, humanistische Seelsorger*innen koordinieren dabei die Arbeit einer beachtlichen Zahl Ehrenamtlicher in diesem Seelsorge- Netzwerk. Dass in Buckinghamshire kürzlich eine diplomierte Humanistin zur Leiterin des örtlichen Seelsorge-Teams für die Kliniken in der Region ernannt wurde, ist ein deutliches Signal und trägt der Notwendigkeit Rechnung, dass auch die Bedürfnisse nichtreligiöser Patienten berücksichtigt werden müssen. Es war eine Premiere im Vereinigten Königreich, zuvor wurden die Seelsorge-Teams hauptsächlich von Pfarrern geleitet. Eine Umfrage hatte gezeigt, dass eine deutliche Mehrheit der englischen Bevölkerung qualifizierte humanistische Seelsorge befürwortet. Sieben von zehn Befragten sprachen sich dafür aus, wohl nicht zuletzt, weil sich mehr sls die Hälfte der Bevölkerung laut „British Social Attitudes Survey“ keiner Religion verbunden fühlt.

Durch die Corona-Pandemie ist die Arbeit aller Seelsorger*innen weiter ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. In besonderem Maße in den USA, die von Covid-19 schlimmer getroffen wurden als der Rest der Welt. Dort ist die Nachfrage nach kirchlichen und konfessionell unabhängigen Seelsorgern deutlich angestiegen, laut einer Umfrage des Pew-Instituts um 20 Prozent in den vergangenen zwei Jahren. Die American Humanist Association beziffert die Zahl der zertifizierten, humanistischen Seelsorger*innen in den USA auf etwa 100. Der Großteil dieser „Humanist Chaplains“ arbeiten in Krankenhäusern, andere an Universitäten oder in Gefängnissen. Der Startschuss an den Hochschulen ist in Harvard schon in den 1970ern gefallen, heute haben zehn Universitäten in den USA einen*eine humanistische*n Seelsorger*in im Team. Dabei spiegelt diese Entwicklung einen klaren Trend in den USA wieder. Immer größere Teile der Bevölkerung fühlen sich keiner Religion mehr zugehörig oder kommen aus religiös gemischten Familien. Dass die USA dennoch nach wie vor eine religiös geprägte Gesellschaft seien, unterstrich der Historiker Gary Laderman kürzlich im Interview mit dem Deutschlandfunk. Der Wahlkampf um das Weiße Haus habe zudem die Glaubenskriege zwischen konservativen Christ*innen und (progressiven) Säkularen weiter angeheizt. „Viele konservative, religiöse Gruppen sehen humanistische Seelsorger* innen in einem finsteren Licht: nicht nur als Symptom der Säkularisierung, sondern geradezu als Abgesandte des Teufels, die die amerikanische Gesellschaft infiltrieren und korrumpieren – und von Gott entfremden.“

Allerdings ticke die Uhr zugunsten der Humanist*innen, denn vor allem die jüngere Generation würde sich zunehmend an humanistische Seelsorger* innen wenden. Denen kommt dabei auch zugute, dass sie, anders als die etablierten Glaubensgemeinschaften, keine festen Rituale und Orte brauchen, sondern ihre Erfahrung aus vielen verschiedenen Quellen schöpfen, etwa in der Musik oder in anderen weltlichen Bereichen oder Tätigkeiten. Deshalb könne die humanistische Seelsorge flexibler agieren und arrangiere sich leichter mit heutigen Sozialgemeinschaften wie Online-Communities.

Engagement der Humanistischen Vereinigung für humanistische Seelsorge

Schon seit Jahren setzt sich die Humanistische Vereinigung für eine Gleichbehandlung und Gleichberechtigung nicht-religiöser und/oder humanistisch eingestellter Menschen ein. Dazu gehört selbstverständlich auch ein entsprechendes seelsorgerisches Angebot für alle, die eben keinen religiös gestrickten Gesprächsfaden wünschen. Um den Bogen zur eingangs besprochenen militärischen Seelsorge zu spannen, sind dies klare Forderungen an Parteien, Regierung und Verteidigungsministerium, zumindest in einem Pilotprojekt ein Angebot für humanistische Seelsorge in der Bundeswehr zu erproben und herauszufinden, wie groß die Nachfrage tatsächlich ist. Dazu müssten nicht gleich hunderte humanistische Seelsorger*innen eingestellt werden, um gleich die richtige Proportionalität herzustellen. Es geht vielmehr darum, einen Anfang zu finden und die Problematik ernst zu nehmen, dass das vorhandene, seelsorgerische Angebot für die Hälfte der deutschen Soldat*innen schlicht nicht passt.

Aber auch in anderen Bereichen, in denen kein gesetzlicher Rahmen oder Auftrag besteht, engagiert sich die HV. Sei es die persönliche oder telefonische Seelsorge, die die verschiedenen HV-Landesgeschäftsstellen für alle Menschen anbieten, sei es die würdevolle Begleitung sterbender und schwerkranker Menschen im gerade entstehenden Hospiz in Fürth oder die Anfang dieses Jahres begonnene Beratung von Seeleuten. Der Seafarer’s Social Service Oldenburg (SSSO) ist die erste humanistische Einrichtung dieser Art in Europa und richtet sich an Seeleute, unabhängig von Herkunft, Religion oder Weltanschauung. Angesichts der Bundestagswahl und eines möglichen Regierungswechsel setzt die HV auch auf einen politischen Paradigmenwechsel, denn neue Ansätze zur Zukunft der Seelsorge sind stark vom politischen Willen abhängig, die Schieflage zu erkennen und ernst zu nehmen. Da etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung keiner Religion mehr anhängt, müssten daraus auch entsprechende Veränderungen resultieren, so HV-Vorstand Michael Bauer. „Diese Veränderungen müssen von der deutschen Regierung auch irgendwann mal angegangen werden, wenn die Politik nicht riskieren will, dass sie in solchen Fragen nicht irgendwann ganz ohne Volk dasteht, weil sie nur noch für eine kleine Minderheit etwas zur Verfügung stellt. Wenn wir Glück haben, dann wird die neue Regierung sehr anders als die alte und dann haben wir mit neuen Gesprächspartnern und einer neuen politischen Mehrheit auch andere Möglichkeiten.“

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