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Panorama

Meet a Humanist: Joachim Kahl

Er wurde vom evangelischen Theologen zum Atheisten, er war Marxist und ist heute einer der bekanntesten humanistischen Philosophen Deutschlands: Joachim Kahl. Wir haben Kahl in seiner Wahlheimat Marburg besucht.

Er wurde vom evangelischen Theologen zum Atheisten, er war Marxist und ist heute einer der bekanntesten humanistischen Philosophen Deutschlands: Joachim Kahl. Wir haben Kahl in seiner Wahlheimat Marburg besucht.

Marburg ist ein hübsches Städtchen, mit einer Ober- und Unterstadt, schiefergetäfelten Häuschen, einer frühgotischen Kirche und einem imposanten, hoch gelegenen Schloss. Betrachtet man es von oben, und vom Spiegelslustturm unweit des Ortenbergs aus kann man das ganz hervorragend tun, wirkt Marburg wie hineingequetscht in das Tal, das die Lahn im Laufe von Jahrtausenden in den Bundsandstein gefräst hat. Östlich und westlich davon erhebt sich das Marburger Bergland.

Auf einem der vielen Hügel haben auch Joachim Kahl und seine Ehefrau Anna ihr Zuhause. Als wir die steilen Gassen emporsteigen, passieren wir einige der Universitätsgebäude, die überall in der Stadt zu finden sind. Wir treffen Nachbarn und Bekannte, wechseln ein paar Worte. Man kennt und grüßt sich. „Das gehört zur Lebensqualität“, sagt Kahl, hier in dieser „mittleren, nicht kleinen Stadt“, wie er gerne betont. In Marburg hat der gebürtige Kölner seine Wahlheimat gefunden, hier fühlt er sich wohl. Es war nicht immer so.


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1967 zieht Kahl von Marburg nach Frankfurt – es ist beinahe eine Flucht. Gerade einmal 26 Jahre alt, hatte er soeben promoviert und einen Eklat verursacht. In einer anonymen Großstadt wäre der womöglich ein Skandälchen geblieben und schnell in Vergessenheit geraten, nicht so aber in einer mittleren, nicht kleinen Stadt wie Marburg, in der man sich unweigerlich fast täglich über den Weg läuft. „Es wurde mir zu heiß“, erzählt Kahl. Was war passiert?

Joachim Kahl vor dem Spiegelslustturm in Marburg.

Nun, Kahl hatte nicht nur in evangelischer Theologie promoviert, sondern fast mit dem Tag seiner Promotion auch seine Abkehr vom Christentum verkündet. Schon länger hatte er ein Doppelleben geführt, sagt Kahl heute, vor Studienkollegen und seinem Doktorvater verborgen, wie er über die intensive Auseinandersetzung mit der Religion „über den Rand der Religiosität geschubst“ wurde. Er glaubte nicht mehr. Und nicht nur das: „In Köln, wo ich meinen Erstwohnsitz hatte, bin ich aus der Kirche ausgetreten. Danach habe ich meinem Doktorvater geschrieben und ihm mitgeteilt, dass bald ein Buch von mir kommt.“ Dieses Buch war „Das Elend des Christentums“.

In gewisser Weise kann man Kahls Abkehr vom Christentum als Konsequenz einer theologischen Denkrichtung deuten, die in Marburg damals weit verbreitet war. Von Marburg aus betrieb Rudolf Bultmann nämlich die Entmythologisierung des Neuen Testaments, und wo von den Mythen nichts übrig blieb, verlor für Kahl die gesamte Religion ihren Gehalt. „Als Bultmannianer, wie ich selbst einer war, konnte man nur Atheist werden oder Katholik“, sagt Kahl in Rückgriff auf ein geflügeltes Wort, das damals die Runde machte. Er wurde Atheist, für ihn folgerichtig zwar, für viele andere jedoch ist das ein Affront.

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Über den Main an die Pegnitz

Der ständigen Angriffe überdrüssig, zieht er deshalb an den Main. Es sind „die wilden Jahre“ an Deutschlands Universitäten, allzumal in Frankfurt, wo noch Horkheimer und Adorno lehren. Ein Bild in seiner Wohnung zeigt Kahl inmitten einer Gruppe wild gestikulierender Studierender. Ihnen gegenüber: Jürgen Habermas. Kahl nimmt ein zweites Studium auf und setzt sich intensiv mit der Kritischen Theorie auseinander. Auf einer vom AStA organisierten Urlaubsreise nach Italien lernt er außerdem die Junglehrerin Anna kennen. „Wir sind ein seltenes Beispiel dafür, dass eine Urlaubsbekanntschaft ein Leben lang halten kann“, sagt Kahl mit einem Lächeln. Das Paar bekommt zwei Kinder, und mittlerweile gehören auch drei Enkelkinder zu der Familie.

Als „Das Elend des Christentums“, bis heute Kahls bekanntestes Buch, erscheint, werden auch erste Bande zur heutigen Humanistischen Vereinigung geknüpft. Anna Steuerwald Landmann besucht Kahl in Frankfurt, der Geschäftsführer des damaligen Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Nürnberg lädt ihn ein, eine Rede auf der Jugendfeier in der Nürnberger Meistersingerhalle zu halten. Auf den ersten Besuch folgen viele weitere. 1982 wird Kahl Bildungsreferent des bfg Nürnberg, ein Posten, den er für neun Jahre innehaben wird. Er kehrt auch danach immer wieder nach Nürnberg zurück, hält philosophische Vorträge, aber auch Feierreden. 2013 wird Joachim Kahl zum Ehrenmitglied der heutigen Humanistischen Vereinigung.

Von Luther zu Marx

Wohnhaft ist Kahl da schon längst wieder in Marburg. Als der marxistische Philosoph Hans Heinz Holz einen Ruf an die Philipps-Universität erhält, kehrt nämlich auch der jetzt philosophisch-soziologisch geschulte Kahl an die Lahn zurück. Das Jahr 1972 schreiben wir da, die Wogen von einst haben sich längst geglättet. Kahl nimmt Lehraufträge am Fachbereich für Philosophie an und promoviert ein weiteres Mal, diesmal über den österreichischen Soziologen Ernst Topitsch. Er engagiert sich gegen den Radikalenerlass und im „Hessischen Komitee gegen Berufsverbote“. Fotografien in seinem Arbeitszimmer zeugen von der Zeit, als sich Kahl noch als Marxist verstand. Eine ganze Reihe von Porträts deutet aber auch an, dass der Marxismus von einst einem weltlichen, wohl auch etwas eklektischen Humanismus gewichen ist.

Joachim Kahl ist Kunstliebhaber. Hier erklärt er, was es mit der Abbildung des Sisyphos in seinem Arbeitszimmer auf sich hat.

Hegel und Bertha von Suttner blicken uns entgegen, Einstein und Spinoza, Russell und Brecht, aber auch Luther („nur der junge, nicht der alte Antisemit!“). Kahl sieht es heute als seine, überhaupt als Aufgabe einer humanistischen Philosophie, eine Reihe von disparaten Einsichten in eine konsistente Form zu bringen. Eine solche Philosophie soll helfen, eine humanistische Lebenskunst zu entwickeln. Dass sie sich dabei aus ganz unterschiedlichen Quellen speist, ist nur ein Indiz dafür, dass Humanismus nicht dogmatisch verengt gedacht werden darf, sondern im Gegenteil aus Neugier und Offenheit heraus entsteht.

Eine genauere Vorstellung davon mag ein Buch geben, an dem Kahl gerade arbeitet. Ein Humanismusbrevier soll es werden, eine kurze Darstellung dessen, wie der Philosoph Humanismus versteht und wie dieser dazu beitragen kann, sich den außergewöhnlichen Herausforderungen unserer Zeit zu stellen. 2021 soll das Buch erscheinen, Grund zu feiern hätte Joachim Kahl aber auch so: 80 Jahre alt wird er im Mai. Und gefeiert wird natürlich an den Hängen von Marburg.

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