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Essay & Diskurs

Was, wenn die Welt ein einziges Land wäre?

Ein kurzes Plädoyer des britischen Psychologen Steve Taylor für ein Denken, das den Nationalismus als psychologische Verwirrung erkennt und überwindet. Von Steve Taylor, Leeds Beckett University (UK)

Ein kurzes Plädoyer des britischen Psychologen Steve Taylor für ein Denken, das den Nationalismus als psychologische Verwirrung erkennt und überwindet.

Von Steve Taylor, Leeds Beckett University (UK)

Bild: Vadim Sadovski / 123RF

Auf der Oberfläche dieses Planeten gibt es unzählige verschiedene Spezies. Eine davon ist die menschliche Art, mit über sieben Milliarden Mitgliedern. In einem gewissen Sinne gibt es keine Nationen, sondern nur Gruppen von Menschen, die verschiedene Gebiete des Planeten bewohnen. In einigen Fällen gibt es natürliche Grenzen, die von Meeren oder Bergen gebildet werden, aber oft sind Grenzen zwischen Nationen einfach Abstraktionen, imaginäre Grenzen, die durch Vereinbarungen oder Konflikte festgelegt wurden.

Rusty Schweikart, ein Mitglied der Apollo-9-Raumfahrtmission von 1969, erklärte, wie er, als er die Erde aus dem Weltraum betrachtete, eine tiefgreifende Veränderung der Perspektive erlebte. Wie die meisten von uns war er dazu erzogen worden, in Kategorien von Ländern mit Grenzen und verschiedenen Nationalitäten zu denken, aber die Welt aus diesem neuen Blickwinkel zu sehen, veränderte seine Sichtweise. Er fühlte sich „als Teil von allem und jedem“. Er beschrieb es so:

Du schaust da runter und kannst dir nicht vorstellen, wie viele Grenzen du immer und immer wieder überschreitest, und du siehst sie nicht einmal.

Schweikarts Perspektive erinnert uns daran, dass wir eher zur Erde gehören als zu einer Nation und eher zu einer Spezies als zu einer Nationalität. Und obwohl wir uns verschieden und unterschiedlich fühlen mögen, haben wir alle einen gemeinsamen Ursprung. Unsere Spezies entwickelte sich ursprünglich im östlichen Afrika vor etwa 200.000 Jahren und wanderte in mehreren Wellen in den Rest der Welt aus. Wenn es eine Ahnenforschungs-Website gäbe, die unsere Abstammung bis zu den Anfängen zurückverfolgen könnte, würden wir feststellen, dass wir alle die gleichen Ur-Ur-(gefolgt von vielen weiteren „Ur“)-Großeltern haben.

Wie erklären wir dann den Nationalismus? Warum teilen sich Menschen in Gruppen auf und nehmen verschiedene nationale Identitäten an? Vielleicht sind unterschiedliche Gruppen hilfreich, wenn es um Fragen der Organisation geht, aber das erklärt nicht, warum wir uns unterschiedlich fühlen. Oder warum verschiedene Nationen miteinander konkurrieren und kämpfen.

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Gläserne Wände - Bericht zur Benachteiligung nichtreligiöser Menschen in Deutschland

Die psychologische Theorie des „Terrormanagements“ bietet einen Anhaltspunkt. Diese durch viele Studien bestätigte Theorie zeigt, dass Menschen, wenn sie sich unsicher und ängstlich fühlen, dazu neigen, sich mehr mit Nationalismus, Status und Erfolg zu beschäftigen. Wir scheinen den Drang zu haben, uns an Identitätsetiketten zu klammern, um uns gegen Unsicherheit zu schützen. Einige Psycholog*innen haben diese Theorie jedoch kritisiert, weil sie der Meinung sind, dass sie umfassendere Faktoren übersieht, die zum menschlichen Verhalten beitragen.

Dennoch könnte die Theorie dazu beitragen, zu erklären, warum der Nationalismus in Zeiten der Krise und Unsicherheit zunimmt. Armut und wirtschaftliche Instabilität führen oft zu verstärktem Nationalismus und zu ethnischen Konflikten. Ein erhöhtes Gefühl der Unsicherheit bringt ein stärkeres Bedürfnis nach begrifflichen Bezeichnungen mit sich, um unser Gefühl der Identität zu stärken. Wir verspüren auch den Drang, Sicherheit durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit gemeinsamen Überzeugungen und Konventionen zu gewinnen.

Auf dieser Grundlage ist es dann wahrscheinlich, dass Menschen, die das stärkste Gefühl der Trennung und das höchste Maß an Unsicherheit und Angst empfinden, am ehesten zu Nationalismus, Rassismus und fundamentalistischer Religion neigen.

Jenseits des Nationalismus

Eine relevante Erkenntnis aus meiner eigenen Forschung als Psychologe ist, dass Menschen, die ein hohes Maß an Wohlbefinden erfahren (zusammen mit einem starken Gefühl der Verbundenheit mit anderen oder der Welt im Allgemeinen), nicht dazu neigen, ein Bedürfnis nach Gruppenidentität zu haben.

Ich habe viele Menschen untersucht, die nach intensiven psychologischen Turbulenzen, wie z. B. einem Trauerfall oder einer Krebsdiagnose, eine tiefgreifende persönliche Transformation durchlaufen haben. Ich bezeichne diese Menschen manchmal als „Shifter“, da sie auf eine höhere Ebene der menschlichen Entwicklung zu wechseln scheinen. Sie machen eine dramatische Form des „posttraumatischen Wachstums“ durch. Ihr Leben wird reicher, erfüllter und sinnvoller. Sie haben einen neuen Sinn für Wertschätzung, ein erhöhtes Bewusstsein für ihre Umgebung, einen erweiterten Sinn für Perspektiven und intimere und authentischere Beziehungen.

„Shifter“ berichten, dass sie sich mehr mit der Welt verbunden fühlen und weniger auf ihre individuelle Identität fokussiert sind. Foto: Pixabay/Pexels

Wie ich in meinem Buch „The Leap“ („Der Sprung“, d. Red.) berichte, ist eines der gemeinsamen Merkmale von „Shiftern“, dass sie sich nicht mehr über ihre Nationalität, Religion oder Ideologie definieren. Sie fühlen sich nicht mehr als Amerikaner*in oder Brit*in, als Muslim*in oder Jüd*innen. Sie fühlen die gleiche Verwandtschaft mit allen menschlichen Wesen. Wenn sie überhaupt einen Sinn für Identität haben, dann als globale Bürger*innen, als Mitglieder der menschlichen Spezies und als Bewohner*innen des Planeten Erde – jenseits von Nationalität oder Grenzen. Shifter verlieren das Bedürfnis nach Gruppenidentität, weil sie sich nicht mehr allein fühlen und daher kein Gefühl von Zerbrechlichkeit und Unsicherheit haben.

Warum wir Trans-Nationalismus brauchen

Meiner Ansicht nach sind also alle nationalistischen Unternehmungen – wie „America First“ oder der Brexit – höchst problematisch, weil sie auf Angst und Unsicherheit beruhen und so unweigerlich Zwietracht und Spaltung erzeugen. Und da Nationalismus gegen die wesentliche Realität der menschlichen Natur und der menschlichen Ursprünge verstößt, erweisen sich solche Unternehmungen immer als vorübergehend. Es ist unmöglich, die grundlegende Verbundenheit der menschlichen Spezies außer Kraft zu setzen. Irgendwann setzt sie sich immer wieder durch.

Der Originaltext What if the world was one country? A psychologist on why we need to think beyond borders ist zuerst erschienen bei TheConversation.com. Die Veröffentlichung der Übersetzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors. Website: stevenmtaylor.com

Wie die Welt selbst, kennen auch unsere schwerwiegendsten Probleme keine Landesgrenzen. Probleme wie die COVID-19-Pandemie und der Klimawandel betreffen uns kollektiv und können daher nur kollektiv gelöst werden – von einem transnationalen Ansatz aus. Solche Probleme können nur dann richtig gelöst werden, wenn man die Menschen als eine Spezies betrachtet, ohne Grenzen und Abgrenzungen.

Im Grunde ist der Nationalismus eine psychologische Verirrung. Wir sind es unseren Vorfahren und unseren Nachkommen – und der Erde selbst – schuldig, ihn zu überwinden.

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