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Essay & Diskurs

Warum wir das Konzept des „Klimaflüchtlings“ aufgeben sollten

Anstatt diese Begriffe für bare Münze zu nehmen, sollten wir uns fragen: Wem dient diese Idee wirklich?

Von Dr. W. Andrew Baldwin, Durham University (UK)

Verwüstungen auf einer Insel nach dem Kategorie-5-Hurrikan Pam im Südpazifik 2015. Der menschengemachte Klimawandel führt weltweit zu häufigeren und stärkeren Extremereignissen dieser Art. Foto: Silke von Brockhausen/UNDP / Flickr / CC BY-ND

Es ist durchaus vernünftig anzunehmen, dass der sich verschärfende Klimawandel zu mehr menschlicher Migration und Vertreibung führen wird. Die Bilder von Menschen aus Bangladesch, die vor dem jüngsten Wirbelsturm Zuflucht suchen, oder von Kalifornier*innen, die vor den Waldbränden in den Vororten fliehen, bestätigen die Wahrnehmung, dass der Klimawandel die nächste große Migration auslöst.

Das große Paradoxon der Klimamigration ist jedoch, dass es so etwas wie eine „Klimamigrantin“ oder einen „Klimaflüchtling“ nicht gibt.

Dies sind gesellschaftlich konstruierte Kategorien. Sie mögen den Anschein erwecken, die Welt widerzuspiegeln, wie sie ist. Aber wenn wir hinter ihre Fassade schauen, finden wir stattdessen eine Welt der Macht und Besitzstandswahrung.

Diese Macht zu diagnostizieren ist für jede*n, der*die sich heute mit der Politik des Klimawandels befasst, von höchster Dringlichkeit.

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Das Hauptthema ist der Klimawandel selbst. Wenn die Auswirkungen des Klimawandels, wie z. B. extremes Wetter oder Waldbrände, zur Erklärung soziopolitischer Phänomene wie der Migration herangezogen werden, verschleiern sie die zugrunde liegenden historischen Bedingungen derer, die sie betreffen.

Andrew Baldwin ist außerordentlicher Professor für Humangeographie an der Durham University. Er ist Mitherausgeber von Life Adrift: Climate Change, Migration, Critique und Climate Change, Migration and Human Rights: Law and Policy Perspectives. Der Text Why we should abandon the concept of the ‚climate refugee‘ ist im Original erschienen bei The Conversation (CC BY-ND). Die Veröffentlichung der Übersetzung erfolgt mit Genehmigung des Autors.

Nehmen wir zum Beispiel die Küstenregion von Bangladesch. Jahrzehntelang haben die Garnelenzucht und in jüngerer Zeit die Weichschalenkrebszucht die Region radikal verändert. Diese Formen der wirtschaftlichen Entwicklung, die von Institutionen wie der Weltbank gefördert werden, haben Bangladesch dringend benötigte Devisen eingebracht. Aber sie haben auch die Umwelt der Küstenregionen zerstört, die Kleinbauern vor Ort ihres Landes beraubt und Generationen von Landbewohner*innen in prekäre Formen der Lohnarbeit gezwungen.

Menschen in wohlhabenderen Ländern könnten von ihren Regierungen verlangen, dass sie mehr tun, um „Klimagerechtigkeit“ in Ländern wie Bangladesch zu gewährleisten. Aber wenn wir sagen, dass die Landflucht in Bangladesch auf den Klimawandel zurückzuführen ist, schmälern wir einen wichtigen Teil der Geschichte.

Garnelenfarm in Bangladesch. Foto: Yousuf Tushar / Flickr @ Worldfish / CC BY-NC-ND 2.0

Deshalb sollten wir uns vor Kategorien wie „Klimamigrantin“ und „Klimaflüchtling“ hüten, die darauf zielen, unsere Aufmerksamkeit von historischen Erklärungen abzulenken. Wenn die Weltbank beispielsweise behauptet, dass 143 Millionen Menschen bis 2050 zu „Klima-Binnenmigrant*innen“ werden könnten, lässt sie wenig Raum für differenziertere historische Darstellungen der Migration.

Die Weltbank will uns glauben machen, dass der Klimawandel die dringendste Bedrohung für die am stärksten gefährdeten Menschen der Welt darstellt und dass er Millionen von Menschen aus ihrer Heimat vertreiben wird. Indem sie diesen Glauben fördert, verschleiert die Weltbank jedoch, wie ihre Politik genau die Menschen, denen sie nun zu helfen vorgibt, in eine prekäre Lage gebracht hat.

Faktoren jenseits des Klimawandels

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel, nämlich das der kalifornischen Vorstädte. Es lässt sich nicht leugnen, dass der Klimawandel die zunehmende Häufigkeit von Waldbränden erklären kann, die in den Vorstädten des Bundesstaates regelmäßig verheerende Schäden anrichten. Es lässt sich auch nicht leugnen, dass viele kalifornische Hausbesitzer*innen jetzt verkaufen und in kühlere Gegenden ziehen.

Waldbrand nahe einem Vorort in Kalifornien. Foto: girlenginerd / Flickr / CC BY 2.0

Doch wenn wir Waldbrände und die daraus resultierende Abwanderung allein mit dem Klimawandel erklären – wenn wir dies als „Klimamigration“ bezeichnen –, erzählen wir nur die Hälfte der Geschichte. Genauso wichtig ist die Geschichte des Wohneigentums in diesem Bundesstaat.

Die unbequeme Tatsache ist, dass die Vorstadtlandschaft in Kalifornien, so normalisiert sie heute auch erscheinen mag, das Ergebnis der kolonialen Geschichte der Siedler*innen, der Flucht der Weißen aus den Stadtzentren, laxer Planungsgesetze und einer dominanten Autokultur ist.

Sie ist auch das Ergebnis eines Wirtschaftsmodells, bei dem von den Hausbesitzer*innen erwartet wird, dass sie die Kosten für Alter, Bildung und Gesundheitsversorgung durch den Verkauf des Familienheims aufbringen. Kein Wunder, dass die Menschen ihren einzigen Vermögenswert veräußern und aus der Gefahrenzone abwandern.

Die Behauptung, diese Abwanderung sei auf den Klimawandel zurückzuführen, verschleiert die Tatsache, dass es vor allem weiße Vorstadtfamilien sind, die im Laufe der Generationen genügend Wohlstand angehäuft haben, um vor Gefahren wie Überschwemmungen und Bränden wegzuziehen.

Dies wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass schwarze Menschen, die nach dem Hurrikan Katrina im Jahr 2005 aus New Orleans flohen, nicht über die gleichen Möglichkeiten verfügten. Wie dieses Beispiel zeigt, werden wir dazu eingeladen, die Geschichte des Rassismus in Amerika zu vergessen, wenn soziale Folgen wie Migration mit dem Klimawandel erklärt werden.

Der „Andere“ des Klimawandels

In seinem klassischen Werk „Orientalismus“ entwickelte der verstorbene Literaturwissenschaftler Edward Said sein Konzept des „Anderen“. Saids Lektüre der europäischen Literatur und Kunst ist von enormer Bedeutung, weil sie erklärt, wie die europäischen Einstellungen des 19. Jahrhunderts möglich wurden.

Im Mittelpunkt von Saids These steht, dass Europa diesem Anderen seine eigene Geschichte verweigerte. Er versuchte zu zeigen, wie Generationen von europäischen Schriftstellern, Künstlern, Staatsmännern und Eroberern sich den Anderen in Europa in einem Bereich außerhalb der Geschichte vorstellten.

Für Said war der Orientalismus keine Form des Wissens, die einfach die Realität des Lebens im Orient dokumentierte. Er war eine Erweiterung der europäischen imperialen Macht, in der die Nichteuropäer als Teil der Natur und nicht als westeuropäische Menschen angesehen wurden. Es erlaubte Europa zu glauben, dass es die moralische Pflicht hatte, in das Leben der anderen einzugreifen, die anderen zu modernisieren, indem es sie in den Schoß der Geschichte holte.

Das Gleiche könnten wir heute über die Figur des*der Klimamigrant*in oder -flüchtlings sagen, den ich als „den Anderen des Klimawandels“ bezeichnet habe. Die Umstände, unter denen wir heute mit dem Klimawandel konfrontiert sind, unterscheiden sich natürlich dramatisch von denen, die im 19. Jahrhundert herrschten.

Dennoch sind Konstrukte wie Klimamigrantin und Klimaflüchtling analog zu der Macht, die im Mittelpunkt von Saids Kritik stand. Diese Kategorien werden verwendet, um eine große Anzahl von Menschen, darunter Millionen der Ärmsten der Welt, über das Klima und nicht über die Geschichte zu definieren. Sie machen die Geschichte von Orten zweitrangig gegenüber dem Klimawandel und untergraben damit das Recht der Menschen, sich selbst zu ihren eigenen Bedingungen darzustellen.

Die Macht, die ich hier beschreibe, hat weder eine universelle Gestalt noch dient sie einer singulären Gruppe von Interessen. Bangladesch und Kalifornien sind nicht im Entferntesten gleichwertig. Doch in beiden Fällen wird soziale Ungleichheit naturalisiert, wenn der Klimawandel zur Erklärung soziopolitischer Phänomene wie der Migration herangezogen wird.

Wenn wir heute Kategorien wie Klimamigrant und Klimaflüchtling verwenden, sollten wir sie nicht als unschuldige Beschreibungen der Realität betrachten. Vielmehr sollten sie uns auf die Präsenz einer heimtückischen Macht aufmerksam machen, die ihren Ursprung in Europa hat. Anstatt diese Begriffe für bare Münze zu nehmen, sollten wir uns fragen: Wem dient die Idee der Klimamigrantin oder des Klimaflüchtlings wirklich?

Wenn die Vorhersagen zutreffen, wird der Klimawandel Millionen von Menschen aus ihrer Heimat vertreiben und ihnen eine Zukunft mit humanitären Krisen, politischer Gewalt und Unruhen bescheren. In The Other of Climate Change greift Andrew Baldwin in die internationale politische Debatte über Klimawandel und menschliche Migration ein, um eine andere Geschichte zu erzählen. Zur Verlagsseite…


 

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