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Humanismus und das Heilige

Religion mag für viele Menschen Kern und Auslöser des Heiligen sein, doch auch Humanist*innen ist das Heilige nicht fremd.

Religion mag für viele Menschen Kern und Auslöser des Heiligen sein, doch auch Humanist*innen ist das Heilige nicht fremd.

Foto: paulphoto / 123RF

Im Gespräch mit religiösen Menschen erleben säkulare Humanist*innen häufig, dass früher oder später der „Immer-und-überall“-Joker gelöst wird. Es gäbe – so geht dieser Joker – kein Volk auf der Erde und es gäbe auch keine nennenswerte Weltepoche, in der die Menschen nicht religiös gewesen seien. Und natürlich haben diese religiösen Menschen dann irgendwie recht, aber wie das bei solchen Großargumenten häufig der Fall ist – natürlich haben sie zugleich auch unrecht.

Das liegt schon am zentralen Begriff „Religion“, der hier in die Irre führt. Karen Armstrong hat in ihrem Buch „A Case for God“ sehr vermittelnd beschrieben, wo das Problem liegt: Wir können gar nicht davon ausgehen, dass die religiösen Emotionen, Erfahrungen oder gar Strukturen der Menschen von vor 40.000 Jahre, vor 10.000 Jahren oder vor 1000 Jahren jeweils die gleichen sind. Allein die Erfindung der Seele in der Achsenzeit markiert ja einen riesigen spirituellen Unterschied, hinter den es schwerfällt, denkerisch zurückzufallen.

Welche (religiösen?) Emotionen die Neandertal-Hominiden beispielsweise vor 176.000 Jahren dazu gebracht haben, in der Bruniquel-Höhle gut zwei Tonnen Stalagmiten und Stalagtiten kreisförmig aufzuschichten, muss ihr Geheimnis bleiben. Wir wissen es nicht und können es nicht wissen. Wir wissen auch nicht, ob eine Schamanin, ein Priester, ein Imam oder ein Sannyasin die Bauarbeiten überwachte und wir haben nicht die leiseste Vorstellung davon, welche (religiösen?) Wahrheiten in diesem Zusammenhang verkündet wurden.

Prof. Dr. Jonas Grutzpalk ist beruflich tätig an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen in Bielefeld. Daneben engagiert sich der Familienvater u. a. für die Zeitschrift „Polizei.Wissen“ und im Auswahlausschuss des Humanistischen Studienwerks. Website: grtzplk.de

Es ließe sich also dem religiösen Gesprächspartner antworten, dass es – ja – seit jeher und überall Zeugnisse für religiöse Emotionen gegeben hat. Aber, so wird man ergänzen müssen, wir werden kaum jemals verstehen, welche Emotionen das genau sind und ob und wenn ja wie sie in ein Regelsystem gegossen wurden ganz im Sinne des arabischen Wortes für Religion din, das zugleich „Gesetz“ bedeutet.

Das Heilige statt Religion

Aber vielleicht ist es sowieso klüger, statt von Religion vom „Heiligen“ zu sprechen? Das Heilige nämlich – und das erstaunt jetzt vielleicht ein bisschen – ist säkularen Humanist*innen nämlich ganz und gar nicht fremd. Sie mögen noch so sehr von sich sagen, dass sie nicht religiös sind, aber dass sie das Heilige nicht kennen, kann eigentlich keine*r von sich behaupten. Zumindest, wenn man die Definition des evangelischen Theologen Rudolf Otto des Heiligen als furchteinflößendes (tremendum) und zugleich faszinierendes (fascinans) Mysterium zum Anschlag bringt.

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Dieses wortlose Erstarren in einem geradezu heiligen Moment hat wohl jede*r schon einmal erlebt, die/der über beide Ohren verliebt war. „Wir fahren auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht“ kann nur jemand sagen, der die furchtbare wie zugleich fesselnde Erkenntnis gemacht hat, ohne den anderen nicht mehr sein zu wollen und zu können.

Heilig statt profan

Auch die Unterscheidung von profan und heilig, die der Soziologe Emile Durkheim ins Gespräch gebracht hat, dürfte Säkularen bekannt vorkommen. Durkheim behauptet, seit jeher hätten die Menschen die Sphären des Heiligen und des Profanen voneinander zu trennen gewusst. Diese Behauptung ist mindestens so steil wie die, Menschen seien immer religiös gewesen, aber für unsere Zwecke ist sie hier hilfreich. Wenn wir nämlich unterstellen, dass diese Zweiteilung eine Art menschlich-binärer Grundcodierung ist, dann gilt sie tatsächlich auch für säkulare Humanist*innen. Das zeigt sich nicht zuletzt an dem sehr umfangreichen Lebensfeierwesen, das die Bewegung seit jeher begleitet.

Seit 1852 finden z. B. Jugendweihen (oder wahlweise: Jugendfeiern) statt, bei denen ohne religiösen Bezug der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter gefeiert wird. Alle Beteiligten – die Jugendlichen genauso wie ihre Verwandten und Freunde – markieren diesen besonderen Moment, indem sie sich schick machen, die Jugendlichen tragen häufig erstmals in ihrem Leben Schlips oder Kleid und dem gesamten Zeremoniell ist eine (jetzt sage ich es mal) heilige Ernsthaftigkeit anzumerken. Erwachsen werden die Kinder im profanen Leben auch von alleine, aber bei einer Jugendfeier geht es darum, eine nicht-profane Atmosphäre zu schaffen.

Zweck solch einer Übung ist zu verhindern, dass das Leben einfach nur so vorbeirauscht. Diese dem profanen Lebenslauf zeitlich und zeremoniell entrissenen Momente kann man durchaus als „heilig“ bezeichnen, auch wenn sie ganz und gar nicht religiös sind. Solche Momente gibt es auch im Privaten, wenn z. B. ein Geburtstag dem Alltag entrissen wird, indem schon zum Frühstück eine Tischdecke der Kakao- und Kaffeebefleckung ausgesetzt wird. Und wir kennen diese Momente im Kollektiv, wenn wir z. B. Partner*innen dabei zusehen, wenn sie zueinander „ja“ sagen.

In modernen Großgesellschaften sind Momente des Heiligen, an denen eine große Mehrheit der Menschen beteiligt ist selten geworden. Dennoch gibt es diese Momente auch heute. Wer etwa einmal auf den Straßen einer israelischen Stadt erlebt hat, wie anlässlich des Jom ha’Schoah jede Bewegung für zwei Minuten eingefroren wird und Menschen da stehenbleiben, wo sie gerade stehen, der sieht, dass das Heilige auch in säkularen Gesellschaften seinen Platz hat.

Heilsame Distanz

Humanist*innen ist vieles heilig, von den Menschenrechten angefangen hin zum Überleben unserer Spezies im Raumschiff Erde. Aber eines können wir von den religiösen Erfahrungen mit dem Heiligen sicherlich lernen: Heilig ist nicht gleichbedeutend mit moralisch richtig oder gar gut. Das zeigt der Begriff harām im Arabischen, der sowohl einen Sakralbau bezeichnet – einen heiligen Ort also, als auch religiös motivierte Verbote – also Tabus.

Etwas, das im islamischen Kontext haram ist, ist also eben gerade nicht gut, sondern den Gläubigen wird davon abgeraten. Das Heilige kennt also nicht nur den Aspekt des Nicht-Profanen, sondern auch dessen, von dem man sich fernzuhalten hat, um sich nicht unnötig selbst zu profanieren. In diesem Sinn ließe sich beispielsweise eine humanistische Distanz von antisemitischen Strömungen begründen.

Religion mag für viele Menschen Kern und Auslöser des Heiligen sein und es sollte sich gezeigt haben, dass es gute Gründe gibt, das anzuerkennen und zu respektieren, denn auch säkularen Humanist*innen ist das Heilige nicht fremd. Es steht hierbei aber eher der einzelne Mensch und eine lebenswerte Gesellschaft im Mittelpunkt der Betrachtung. Säkularer Humanismus ist also zwar nicht religiös, aber manches ist ihm eben doch – heilig.

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1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Gerhard Lein

    30. April 2021 at 10:26

    Ein bißchen Nähe zur Religion, davon träumen bestimmte Humanist*innen, und wenn es auch nur die Vorstellung von etwas Heiligem ist. Ich als Säkularer, Humanist, Atheist brauche das nicht. Will es auch nicht, weil ich es als Anbiederei empfinde. Eine Judendweihe ist etwas Festliches, aber nichts Heiliges. Und verliebt zu sein ist schon gar nicht heilig, sondern einfach nur ein tolles Gefühl.

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