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Sinn des Lebens vs. Sinn meines Lebens

Wer seinen religiösen Glauben verliert oder nie einen hatte, steht mitunter vor einer existenziellen Herausforderung: Worin liegt der Sinn des Lebens? Und womöglich noch wichtiger: Wie gebe ich meinem Leben einen Sinn?

Wenn keine höhere Macht Sinn stiftet, liegt es an uns, unserem Leben einen Sinn zu geben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Dr. Frank Schulze

So meinte etwa Schopenhauer, es gebe ein „metaphysisches Bedürfnis“ des Menschen, welches „schlechterdings“ Befriedigung verlange. Karl Jaspers formulierte später trocken, die „Einsicht in den Nihilismus als solchen“ führe, sofern Ernst dabei sei, „zum Selbstmord“.

Nun scheint jedoch schon der Blick auf unsere Alltagserfahrung mindestens Schopenhauer zu widersprechen. Denn auch ohne Metaphysik (im landläufigen Sinne des Begriffs) führen viele Menschen ein zufriedenes, ja erfülltes Leben. „Ohne Glaube“ oder „ohne Metaphysik“ bedeutet eben nicht schon „ohne Sinn“. Ein areligiöser Sinn des Lebens ist allerdings von anderer Art als der religiöse und muss von jedem Menschen, dem der Lebenssinn fragwürdig wird (was nicht auf alle Menschen zutreffen muss) erst selbst errungen werden. Von anderer Art ist er auch, weil er keinen transzendenten Charakter mehr hat, sondern nur noch weltimmanent zu denken ist. Er wurzelt sozusagen jenseits des Glaubens statt im Jenseitsglauben. Und: Er muss insofern selbst errungen werden, als der „entzauberten Welt“ (Weber), kein Gesamtsinn mehr vorgegeben ist, an dem die eigene Existenz gleichsam teilhaben könnte.

Es gilt also zu unterscheiden zwischen absolutem und individuellem Sinn, Sinn des Lebens und Sinn meines Lebens.

Gegen eine Lebensnotwendigkeit absoluten Sinns spricht, wie angemerkt, bereits die Evidenz. Sollte dem Einzelnen aber sein konkretes Leben sinnlos werden, dann sind Befunde wie jener von Jaspers nicht von der Hand zu weisen. Auf dieser Ebene kann man das, was Viktor Frankl den „Willen zum Sinn“ nennt, also wohl konstatieren, wenn auch immer in individueller Ausprägung. Sofern wir uns als in eine „entzauberte“ Welt gesetzt erleben und uns dem nicht ver¬weigern wollen oder können, müssen wir uns somit selbst um den Sinn unseres Lebens kümmern.

Abschied vom Absoluten

Um das wirklich bewusst zu können, scheint es zunächst sinnvoll, wenn nicht notwendig, sich den eigenen Nihilismus hinsichtlich eines absoluten Sinnes vollumfänglich (emotional wie rational) einzugestehen und sich vom Absoluten zu verabschieden. Dieses hat sich uns als für uns unverfügbar gezeigt. Schon in der antiken Lebenskunstphilosophie wusste man aber, dass es dem Gelingen des eigenen Lebens nicht unbedingt zuträglich ist, sich an das Unverfügbare zu ketten und in der Folge absehbar und fortgesetzt unter eben jener Unverfügbarkeit zu leiden. Im wahrsten Sinne des Wortes sinn¬voller scheint es dagegen, sich auf das Verfügbare zu konzentrieren.

Eine der permanenten Aufgaben, die damit einhergehen – vielleicht die fundamentalste –, ist allerdings jene, immer wieder überhaupt erst zu erkennen, was nicht in unserer Macht steht und worauf wir andererseits durchaus gestaltend zugreifen können. Zweifellos ein dickes Brett für die Ratio, ebenso wie auf der anderen Seite das vielleicht noch dickere Brett für die Emotio darin besteht, echte Gelassenheit gegenüber existenziellen Unverfügbarkeiten wie dem Tod zu entwickeln.

Zwar lassen sich durchaus rationale Argumente für die Vergänglichkeit anführen. So sorge sie etwa dafür, dass auch Leid und Übel vergehen. Auch werde unser Leben durch seine Endlichkeit erst sinnfähig, da durch die Unvergänglichkeit „alles an Bedeutung verlieren würde“ (Ernst). Nicht zuletzt ist mit Woody Allen zu bedenken, dass die Ewigkeit ganz schön lange dauert – „besonders gegen Ende“. Trotz alledem: Wir sind nun mal biologische Wesen, die im Normalfall vor allem leben wollen, und zwar aus Instinkt – da hat die Ratio einen schweren Stand.

Lebenskunst als Sinnheuristik

So oder so: In der „entzauberten Welt“ bleiben wir als Sinnressource verwiesen auf das konkrete, empirische, individuelle Leben. Und hier stehen wir nun statt vor einem einheitlichen Sinn für alle und in alle Ewigkeit vor einem mehrfachen Pluralismus: der Menschen, der Lebensumstände, der mannigfaltigen verschiedenen Dimensionen und Neigungen ein und derselben Person, der Zeitumstände und Situationen, der Wandlungen im Lauf eines Lebens.

Was lässt sich angesichts dessen über einen bloßen Subjektivismus hinaus noch sagen? Zumindest wohl Grundsätzliches zur Sinnsuche selbst, gewissermaßen Beiträge zu einer „Lebenskunst als Sinnheuristik“. Dazu seien im Folgenden einige kurze Anregungen gegeben.

„Goldene Regeln“

Für Jürgen August Alt sind solche Sinn-Antworten am tragfähigsten, die die Bedingtheiten und Widrigkeiten des Lebens in Rechnung stellen. Er empfiehlt zudem, „mehrere Eisen im Feuer zu haben“, also das Leben „nicht an eine einzige Antwort auf die Frage nach dem Sinn zu binden.“ Weiter macht er u.a. folgende Vorschläge:

  1. Beschäftige dich hin und wieder mit Dingen (Tätigkeiten, Büchern, Kunstwerken), von denen du nicht im Vorhinein weißt, ob sie dir „etwas bringen“.
  2. Strebe nicht nach völliger Sicherheit. Es ist vernünftig, keine unnötigen Risiken einzugehen, aber ein risikofreies Leben ist unmöglich. Prüfe auch negative Konsequenzen des Strebens nach Ausschaltung aller Risiken.
  3. Lass Dich nicht davon abbringen, an zum Beispiel sozialen Verbesserungen mitzuwirken, nur weil damit keine endgültigen Lösungen erreicht werden können.
  4. Urteile nicht vorschnell über die „kleinen“ Sinnantworten anderer.
  5. Versuche, aus Diskussionen zu lernen. Zwar ist es oft richtig, den eigenen Standpunkt zu verteidigen, aber ebenso wichtig ist die Bereitschaft, eigene Ideen kritisch zu prüfen, zu verändern und gegebenenfalls zu verwerfen.

„Nomadische Existenz“

Der Mensch ist fehlbar, sagt Robert Zimmer. Und weil das so ist, muss er die Sinnfrage immer wieder neu beantworten.

Der letzte Punkt verweist auf die Heuristik von Versuch und Irrtum und somit auf eine kritisch-rationale Lebenskunst, wie Robert Zimmer sie beschreibt. Dieser stellt die Begrenztheit der Vernunft und die Fehlbarkeit des Menschen in Rechnung und gelangt so zum Modell eines Fortschreitens über Negationen: Nicht die eine richtige Lebensform wird ein für alle Mal gefunden, sondern Schritt für Schritt findet der Einzelne immer wieder aufs Neue heraus, welche Form von Arbeit, Partnerschaft, Wohnen, Ernährung usw. ihm gemäß oder eben nicht (mehr) gemäß ist. In letzterem Fall kann er die jeweilige „Lebenshypothese“ revidieren oder modifizieren.

Zimmer vermeidet damit jene Überschätzung der Selbstmacht des Individuums, mit welcher der lebenskunstphilosophische Mainstream den Einzelnen zu überfordern droht. Dass er dabei von „Nomadischer Existenz“ spricht, führt zu den letzten Anregungen, die hier vorgestellt werden sollen, nämlich von Alfried Längle nach Viktor Frankl – auch er konstatiert, Mensch sein heiße unterwegs zu sein, und identifiziert vor diesem Hintergrund drei „Hauptstraßen zum Sinn“.

„Hauptstraßen zum Sinn“

Da sind zunächst die Erlebniswerte des Lebens, für welche die Natur und das vom Menschen Geschaffene vielfältige Möglichkeiten bieten, wobei „die Begegnung mit anderen Menschen“ zu den tiefsten zählt. Diese Werte lassen uns „die ursprüngliche Schönheit des Lebens“ erfahren und erhalten uns „unsere geistigen Kräfte, mit deren Hilfe wir in anderen Bereichen unser Leben wiederum sinnvoll gestalten können“.

Nimmt man bei den Erlebniswerten sozusagen Wertvolles aus der Welt in sich auf, so geht es bei den Schöpferischen Werten darum, „etwas Wertvolles in die Welt zu setzen“. Das bezieht sich nicht nur auf das Schaffen von Neuem, sondern reicht „tief in den Bereich menschlicher Bewährung hinein“, womit unter anderem das Engagement für andere Menschen angesprochen ist. Bei den Einstellungswerten geht es schließlich darum, in schwierigen Situationen ein individuelles „Wozu“ im Sinne Nietzsches zu finden, der sagt: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie“.

Die Antwort: 42!

Fazit: Eine Welt ohne den ohnehin nur vermeintlichen „Zauber“ eines Jenseits gibt uns den Blick frei auf den evidenten Zauber des Diesseits mit allen Wundern der Natur und des Menschen. Eine Welt ohne metaphysische Transzendenz wertet unser Potenzial zur Selbsttranszendenz existenziell auf – mit all ihrer Lust und Last. Eine Welt ohne den einen, objektiven, absoluten Sinn, von dem her wir den Sinn unseres einzelnen, individuellen Lebens „empfangen“ oder auch nur ableiten könnten, macht uns frei, genau diesen immer wieder neu und in zahlreichen unterschiedlichen Lebens- und Sinnmöglichkeiten selbst zu finden.

Daher lautet die richtige Antwort auch „42“. Sie stammt aus dem Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams. Darin soll ein Supercomputer die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ beantworten, und nach zig Millionen Jahren Rechenzeit antwortet er: 42. Warum ist das die richtige Antwort? – Weil sie gleichzeitig die Sinnlosigkeit und Unbeanwortbarkeit der Frage nach „dem“ Sinn und die Pluralität der individuellen Antwortmöglichkeiten aufzeigt: Das Leben ist objektiv sinnlos, aber vielleicht gibt es ja 42 Dinge in meinem Leben, die mir Sinnerfüllung schenken. Und wer darin, wie die meisten Menschen, kein Eremit bleiben will, kann mit David Levithan resümieren: „The universe doesn’t care about us. That’s why we have to care about each other.“

Dr. Frank Schulze ist bei der Humanistischen Vereinigung Referent für Philosophie und Veranstaltungen und außerdem ihr Beauftragter für Lebensfeiern.

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