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Meet a humanist: Erfolgreicher Experte für Pilzzucht auf Kaffeesatz

Selbst wenn man das Haus von Ralph Haydl und seiner Familie nicht sehen könnte – man könnte es immer noch riechen: Über der ruhigen Straße am Nürnberger Stadtrand liegt der Duft von gemahlenem Kaffee.

Ralph Haydl (39) hat 10.000 Kilogramm Kaffeesatz verschimmeln lassen, bis ihm die erste Pilzzucht glückte. Er nennt zehn Vogelhäuschen sein eigen und lebt mit Partnerin und zwei Kindern im Nürnberger Süden. Seine Pilze-Zuchtsets sind online zu haben unter pilzpaket.de

Am Gartentürchen warnt ein Schild noch vor dem Hunde, dahinter watscheln zwei indische Laufenten über den Rasen. Jetzt, kurz vor der Vegetationsphase hat Ralph die Wiese großzügig mit Kaffeesatz bestreut, was auch erklärt, weshalb an diesem wolkenverhangenen Märztag ein Hauch Wiener Kaffeehauskultur durch die Vorstadt weht. Unter einem Trampolin liegen Reste eines Salatkopfs, etwas versteckt unter einem immergrünen Busch pickt ein gutgenährtes Huhn nach Essbarem.

Einen großen Teil des weiteren Grundstücks nehmen Kühlhäuser und Lagerflächen ein. Blaue Kisten sind da zu Türmen aufgestapelt, etwas daneben lagert die vierköpfige Familie Haydl Holz – und natürlich alles, was Familienvater Ralph für den Verkauf seiner Pilzpakete braucht. Knappe vier Jahre ist es her, dass sich Ralph Haydl durch YouTube klickte. Er stolperte über ein Video, das zeigte, wie man auf Kaffeesatz Pilze züchten könne, ohne viel Aufwand und in den eigenen vier Wänden. Ralph war begeistert und begann zu tüfteln. „In Deutschland“, das war ihm klar, „gab es so etwas einfach noch nicht.“ Und dem studierten Betriebswirt kam eine Idee.

Wenn Humanismus auch Forschen und die Suche nach Erkenntnis bedeutet, ist Ralph Vorzeige-Humanist. Ohne die leiseste Ahnung von Mykologie fuchste er sich ein in das Thema, experimentierte, sprach mit Züchtern und Universitätsprofessoren. Bei Kaffeeröstereien besorgte er sich Kaffeesatz, ein Abfallprodukt, das andernfalls im Müll landen würde. Im Internet bestellte sich Ralph Pilzbrut, das sogenannte Myzel. „Als ich angefangen habe, dachte ich, in ein paar Wochen könnte ich ernten“ – es dauerte anderthalb Jahre. Dann glückte Ralph erstmals die Zucht von Austernseitlingen, seitdem verkauft der Nürnberger unter dem Label pilzpaket.de Zuchtsets für Speisepilze im Internet.

Plastikschlappe statt Lederschuh

Ralph Haydl beim Anmischen des Substrats, das aus Kaffeesatz und Pilzsporen besteht.

Vor Jahren noch war Ralph Haydl Filialleiter eines Drogeriemarktes. Ein guter Job, der ihm dennoch weder entsprach, noch ihn ausfüllte. „Antifaltencremes sind einfach nicht mein Ding“, sagt er lachend. Heute kann Ralph vom Verkauf seiner Pilzpakete leben. In Eigenregie und mit teilweise schwerem Gerät mischt er das Pilzsubstrat, verschweißt und verstaut es in von Hand bedruckten Paketen. Er beantwortet Kundenanfragen, bearbeitet Bestellungen, kümmert sich um Werbung und Kooperationen. Den Anzug aus Drogeriezeiten hat er freilich längst gegen einen Strickpulli eingetauscht, seine Oxfords gegen gefütterte Schlappen. Vor kurzem habe er mal wieder Lederschuhe getragen, erzählt er beiläufig, „danach konnte ich vor Schmerzen fast nicht mehr laufen“! Fast immer auf Ralphs Kopf: ein arg zerschlissenes gelbes Cap – „mein Markenzeichen“, sagt er grinsend.

Ralph Haydl erzählt gerne, also auch dies: Seit 2016 ist er Mitglied der Humanistischen Vereinigung (vormals HVD Bayern) – für ihn nur eine Frage der Konsequenz. „Ich habe zu dieser Zeit nach Schulen für unsere große Tochter recherchiert“, berichtet er. Und wieder kam ihm YouTube zu Hilfe: „Ich habe dort ein Interview mit Ulrike von Chossy (Schulmanagerin der Humanistischen Grundschule Fürth, Anm. d. Red.) gesehen, und das hat mich so begeistert, dass ich wusste: Das muss die Schule sein!“ Kaum einmal sei er so aufgeregt gewesen wie vor dem Tag, an dem die Zusage der Schule ins Haus flatterte. Im Herbst wird auch die jüngere Tochter an die Grundschule wechseln, die für Ralph „beste Schule in Deutschland.“

Mit der Humanistischen Vereinigung zu tun hatte Ralph allerdings auch schon vorher – er wusste es nur nicht: „Ein paar Jahre habe ich im turmdersinne als Besucherbetreuer gearbeitet.“ Das Hands-on-museum, jenes Science Center im Nürnberger Westtor begeistert Ralph noch immer. Wenn er von den Experimenten erzählt, leuchten seine Augen fast so sehr wie die der Jungen, Alten, Nichtganzsoalten, die er einst durch das Museum führte. Dass sich turmdersinne und Humanistische Grundschule einen Träger teilen, wurde ihm allerdings erst im Laufe der Schulrecherche klar. „Es war, als ob sich mehrere Puzzlestücke zusammenfügen“, erinnert er sich. Was er über humanistische Pädagogik recherchierte, mischte sich mit seinen eigenen Erfahrungen aus dem turmdersinne – und mündete in der Überzeugung, dass die Humanistische Vereinigung, in seiner Programmatik ziemlich genau dem entspricht, was er auch selbst denkt. Humanismus bedeutet für Ralph, sein Tun nach den Mitmenschen auszurichten, eben den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Und genau so geht es anderen Humanisten damit ja auch.

Text & Fotos: Marco Schrage

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