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Menschen Mut machen, für ihre Identität einzustehen

Einen langen Atem und Ausdauer bei ihren Projekten brauchen Humanistinnen und Humanisten nicht nur hierzulande. Auch im kleinen Kroatien hat sich in den letzten Jahren eine Schar herausragender Persönlichkeiten auf den Weg gemacht, eigene Angebote und positive Alternativen zu schaffen.

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Die faszinierende „Welt der Wissenschaft“ stellt neben dem Fach „Humanismus für alle“ und „Imagine“ zum Thema Menschenrechte einen der drei Bausteine des samstäglichen humanistischen Workshops dar. (c) Andreja Turkalj

Die immer größere Zahl von Menschen, die sich auf Facebook und in anderen Netzwerken als nichtreligiös zu erkennen geben, und die kleine Zahl derjenigen, die ihre Zeit für das Gemeinwohl aufopfern, stehen leider in einem für uns beschämenden Verhältnis.“ Nada Topić Peratović entfährt ein hörbares Seufzen, als sie ihren Satz beendet. Die in Zürich lebende 42-Jährige ist Mitgründerin des Center for Civil Courage in Zagreb, der kroatischen Hauptstadt, und hat in den vergangenen Jahren eine wichtige Erfahrung gemacht: Die meisten Menschen, die keiner Religion anhängen, übernehmen mit der Abkehr von traditionellen Glaubensrichtungen nicht intuitiv auch Verantwortung im Rahmen einer nichtreligiösen, humanistischen und wissenschaftlich geprägten Weltanschauung. Dabei besteht daran in Kroatien ein riesiger Bedarf.

Der Human Development Index, ein Entwicklungsindex der Vereinten Nationen, führt das Land zwar gemeinsam mit Staaten wie Norwegen, Schweden, den Niederlanden und Deutschland im Rang der Länder mit einer „sehr hohen menschlichen Entwicklung“. Doch beim zweiten Blick auf die Lage trübt sich der Eindruck. Knapp 86 Prozent der Bevölkerung zählten hier im Jahr 2011 zur katholischen Kirche. Ein gegenüber dem Zensus zehn Jahre zuvor kaum veränderter Wert. Weitere 4,4 Prozent der Bevölkerung gehörten zur Orthodoxen Kirche, die in vielen östlichen Staaten verbreitet ist. Mit 3,8 Prozent bilden nichtreligiöse Menschen nur eine winzige Minderheit in dem Land zwischen Adria und der Drau, dem Nebenfluss der Donau. Somit gibt es in wichtigen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gravierende Probleme für Menschen, die keiner traditionellen Glaubensrichtung mehr anhängen. „Die nichtreligiöse Identität von Menschen, ihre Bedürfnisse und Rechte werden vom kroatischen Staat nicht anerkannt“, sagt die studierte Juristin Peratović. Konfessionsfreie werden hier nicht nur von Kirchenvertretern „als Egoisten und Hedonisten, Leute ohne Moral“ beschimpft, wie sie berichtet. Kaum anders sieht es in vielen umliegenden Ländern aus.

Peratović berichtet weiter, dass in Kroatien schon in der Schule damit begonnen wird, Heranwachsenden aus Familien ohne Religion das Leben schwer zu machen. Denn obwohl der Religionsunterricht ein Wahlfach in den kroatischen Schulen ist, wird er im Gegensatz zu den übrigen Wahlfächern stets mitten im Stundenplan eingesetzt, statt an dessen Rändern. Nada Peratović beschreibt die Konsequenz: „So werden die Eltern gezwungen, sich zu entscheiden, die eigene Identität zu verneinen und das Kind in den Religionsunterricht zu schicken oder ihr Kind in den leeren Schulfluren ohne Aufsicht zu lassen. Diese Trennung bietet natürlich eine gute Angriffsfläche gegen die Kinder – die von ihren Mitschülern und auch dem Schulpersonal wegen ihrer Weltanschauung und der ihrer Eltern gehänselt werden.“ Das geht mitunter so weit, dass Lehrer meinten, die Kinder sollten allein vor dem Unterrichtszimmer sitzen, damit alle anderen gut sehen können, wessen „Kind vom Feind“ ist.

Den Anfang machte der Lilith Club

Nada Peratović kam durch den verheerenden Bürgerkrieg in den 1990er Jahren dazu, sich für humanistische, fortschrittliche Überzeugungen und Werte einsetzen. Sie war damals gerade Mitte 20 und musste miterleben, wie die ihr bis dahin vertraute Gesellschaft vollkommen auseinanderbrach. „Die Geschehnisse in meinem Heimatland Bosnien und Herzegowina, insbesondere die Kriegsverbrechen, die tausenden Toten, Gefolterten und Vertriebenen, verwüstete Landschaften sowie der heuchlerische Chauvinismus und nationale Egoismus haben mich damals sehr erschüttert. Dazu kommt noch meine eigene Identität, welche sich aus zwei Nationalitäten zusammensetzt und das eigene Trauma der Vertreibung aus meinem Geburtsort“, berichtet sie. Der Nationalismus, die Ungerechtigkeit und die Propaganda haben sie ebenso tief geprägt wie die Tatsache, dass sich die Bürger ihrer Heimatstadt nicht mit den dort begangenen Kriegsverbrechen auseinandersetzen wollten. Unterstützung und Vertrauen fand sie in ihrem heutigen Mann, der als investigativer Journalist über Kriegsverbrechen und das organisierte Verbrechen im eigenen Land berichtete. „Teil dieses Lebens sind aber auch Abgrenzungen, Mobbing, langjährige Arbeitslosigkeit, Beschattungen von Geheimdiensten, Verhaftungen sowie Bedrohungen der Familie“, so Peratović. Als sie ihrem Mann begegnete, wurde ihr klar, dass sie sich lange nach einer Person mit Aufrichtigkeit, Mut und Zivilcourage gesehnt hatte. Und sie beschloss, selbst so eine Person zu sein.

„Menschen Mut zu machen, für ihre Identität einzustehen und diese Identität ohne Furcht an die Kinder weiterzuvermitteln, sich mit der Diskriminierung nicht zufrieden zu geben, zu verstehen, dass ein kleines Engagement genügt, dass man die Würde (wieder-)erlangt, für das stehen wir ein.“ Laut, mutig sowie ungehorsam, illoyal und destruktiv gegen alle Arten von Gewalt und Benachteiligung soll ihr Engagement sein. Denn von dem Bürgerkrieg hat sich die Region mittlerweile erholt, doch immer noch befinden sich die Gesellschaften der Balkanstaaten fest im Griff der mächtigen dogmatischen Religionen.

Den Anfang auf dem Weg zu positiven Alternativen machte sie gemeinsam mit sieben weiteren Frauen im November 2011 durch Gründung einer feministischen Gruppe gegen die Unterdrückung von Frauen und ihren Rechten, dem Lilith Club – benannt nach einer Göttin aus der sumerischen und jüdischen Mythologie.

Mit dem Lilith Club wird Kindern humanistisches und wissenschaftliches Denken näher gebracht.

Die regelmäßigen Veranstaltungen im Lilith Club führten dazu, dass immer mehr Frauen zur Gruppe kamen. Aus der informellen Gruppe wurde die feministische und freidenkerische Organisation Center for Civil Courage gegründet. Bald darauf entstand die Freidenkerische Akademie. Diese hat sich Workshops mit Kindern zur Aufgabe gemacht. „Wir bringen ihnen so ein humanistisches und menschenrechtsbasiertes Weltbild näher“, erklärt Nada Peratović hier. An fünf Samstagnachmittagen konnten Heranwachsende im vergangenen Jahr jeweils drei Stunden interessante Einblicke in Ideen und Gedanken bekommen, denen sie in der Schule und im Alltag nicht oder höchstens zufällig begegnen.

Humanismus für Kinder

Neben dem Club und den Workshops wurde zusätzlich eine Beratungsstelle aufgebaut, in der Eltern von Kindern, die keinen Religionsunterricht besuchen, Beratung im Umgang mit der schulischen Bürokratie erhalten. Unter anderem gibt die Beratungsstelle eine Online-Broschüre mit dem Titel „Ohne Gott, ohne Religionsunterricht“ heraus, die nützliche Informationen liefert. Eltern und Kinder werden außerdem ermutigt, zu ihren nichtreligiösen Überzeugungen zu stehen und sich nicht dem Druck der Mehrheit zu beugen.

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Nada Peratović mit der englischen Fassung ihres im August erschienen Buches „Humanismus für Kinder“.

Das Center for Civil Courage steht im Mittelpunkt der zahlreicher gewordenen Projekte. Und die rund 35 Mitglieder und Unterstützer des Zentrums konnten erst im Juni dieses Jahres einen weiteren Meilenstein feiern. Denn bei einem Crowdfunding-Aufruf im Internet kamen innerhalb weniger Wochen umgerechnet mehr als 7.000 Euro zusammen, um das Buch mit dem Namen „Humanismus für Kinder“ zu drucken und herauszugeben. Aufgabe des Buches ist es, Kinder und Jugendliche auf einfache und verständliche Weise mit der Welt humanistischer Ideen und Überzeugungen vertraut zu machen. Es ist das erste seiner Art in den Ländern auf dem Balkan und soll zukünftig auch in bosnischer, serbischer, englischer und vielleicht sogar in deutscher Sprache erscheinen. Die kroatische Ausgabe soll im August erscheinen und den Grundstein für ein eigenes humanistisches Verlagswesen in Kroatien legen.

Unterstützung bei diesem wichtigen Projekt hat das Zentrum unter anderem von der Freidenker-Vereinigung der Schweiz erhalten, bei denen Peratović seit Anfang 2010 Mitglied ist. Einen Druckkostenzuschuss in Höhe von 1.000 Franken, umgerechnet rund 820 Euro, für die deutschsprachige Ausgabe steuerten die eidgenössischen Humanisten bei. Aber bevor die deutsche Fassung von „Humanismus für Kinder“ wirklich gedruckt werden kann, müssen noch rund 1.500 Euro gesammelt werden. Geplant ist, dass sie zum Denkfest Zürich im September vorgestellt wird.

Ganz allein steht das Center for Civil Courage in dem 4,2-Millionen-Land nicht. Protagora heißt ein zweiter Verein, der schon vor dem Zentrum gegründet wurde und sich die Interessenvertretung konfessionsfreier Menschen zum Ziel gesetzt hat. Eine Klage auf Anerkennung der Benachteiligung von Schülern, die keinen Religionsunterricht besuchen, scheiterte in den zwei Vorinstanzen und soll nun durch das Verfassungsgericht entschieden werden.

Daneben haben sich auch die im englisch- und deutschsprachigen Raum verbreiteten Skeptiker-Stammtische nach Kroatien verbreitet. „Skeptics in the Pub“ heißen die monatlichen Veranstaltungen von Menschen, die sich besonders für Wissenschaft und wissenschaftliches Denken interessieren.

Gegenseitige Hilfe unverzichtbar

Alles in allem sind es aber nur wenige hundert Menschen im ganzen Land, die der riesigen Zahl von Vertretern und Anhängern der Religionen gegenüberstehen. Und deshalb verlangt das Engagement viel Hingabe und Opferbereitschaft. Nada Peratović: „Unsere Aktivitäten basieren zu 100 Prozent auf eigenem Engagement und Ressourcen, insbesondere finanziellen Mitteln unserer Mitglieder. Unsere Aktivistinnen bezahlen das Material für die humanistischen Workshops für Kinder aus eigener Tasche. Der kleine Beitrag, den wir von den Eltern verlangen, wird dazu gebraucht, um den Kindern Verpflegung anzubieten.“ Und bislang fehlen sogar einfachste technische Hilfsmittel wie Beamer und Leinwände. So muss für jede Veranstaltung eine Leihe aufwändig organisiert oder eine Miete bezahlt werden.

Die schwierige Lage der kleinen Gruppe überzeugter Aktivisten mit humanistischen Überzeugungen und ihren Projekten in Kroatien zeichnet deshalb auch für die humanistischen Verbände in wohlhabenderen und bevölkerungsreicheren europäischen Ländern eine bedeutende und wichtige Perspektive auf. Denn anders als in wenigen Staaten wie dem Vereinigten Königreich, der Bundesrepublik Deutschland oder der Schweiz schwindet der traditionelle Glaube in vielen anderen Ländern nicht scheinbar wie von allein. Wenn die Arbeit des Center for Civil Courage langfristig von Erfolg gekrönt sein soll, werden dort nicht nur eigene Angebote zur Mitgliederbindung notwendig sein, sondern auch die konkrete Unterstützung aus Regionen, in denen Menschen ohne eine Konfession nicht nur eine winzige Minderheit bilden.

Internationaler Austausch wichtig zur Stärkung der Identitäten

In Kroatien stellen jedenfalls die rund 160.000 Kroatinnen und Kroaten, die ohne Religion leben, die wichtigste Zielgruppe dar. Sie sollen irgendwann einmal ein günstiges Exemplar von „Humanismus für Kinder“ erhalten können oder ihren Nachwuchs an einem Workshop oder einem humanistischen Bildungswochenende teilnehmen lassen, wie es sie in anderen Ländern schon gibt. Auf dem Weg dahin werden ein langer Atem und gegenseitige Hilfe unverzichtbar sein.

Hilfe leisten
Wenn Sie die Arbeit der kroatischen Humanistinnen und Humanisten direkt unterstützen möchten, können Sie mit einer Spende helfen.
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Peratović hofft jedenfalls, dass sich säkulare und nichtreligiöse Menschen in Europa zukünftig besser kennenlernen und miteinander verbinden, „um eine starke Plattform für die verschiedenen Aktivitäten zu sichern.“ Unter anderem das Internet und die sozialen Netzwerke stellten dabei bisher ein wichtiges Bindeglied dar, sagt sie. „Das Netz bietet uns den Freiraum, vielleicht wenigstens anonym, aber auch unter dem eigenen Namen, unsere nicht mit der Mehrheit konformen Meinungen zu äußern, aber auch um Gleichgesinnte kennenzulernen und sich miteinander zu vernetzen oder zu treffen. Der Austausch von Informationen und Wissen, insbesondere mit den Atheisten und Humanisten aus dem englisch- und deutschsprachigen Raum, ist für die Stärkung unserer Identitäten sehr wichtig“, so Peratović.

Der Europäischen Union ist Kroatien im Juli 2013 beigetreten. Doch wie weit ist der Weg, bis man hier wirklich von einer sehr hohen menschlichen Entwicklung sprechen kann? Nada Peratović lacht: „Ich weiß es auch nicht, aber wir haben begonnen, ihn zu begehen.“

Der Beitrag erschien zuerst in der September-Ausgabe von diesseits – das humanistische Magazin 2014.

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