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Der Afrofuturismus ist ein Humanismus

Immer wieder hat sich die Popkultur der letzten 60 Jahre gefragt, wie die Welt eine bessere sein und was sie selbst zu einer solchen Verbesserung beitragen könnte. Vom Soundtrack des wahren Humanismus, der Pop einst war, ist wenig übrig, doch ganz verstummt sind die utopischen Versprechen nicht.

Foto: Warner Chappell, BMI / YouTube
Szene aus Janelle Monáes „Emotion Picture“ zu ihrem Album „Dirty Computer“. Monáe gilt als zeitgenössische musikalische „Königin des Afrofuturismus“ und verbindet ihr musikalisches Schaffen seit über zehn Jahren mit einer filmischen Großerzählung, die von humanistischen Ideen und Fragen geprägt ist. Foto: Warner Chappell, BMI / YouTube

Dieser Text ist Teil von humanistisch – Das Magazin, Ausgabe 3/2019.

„Das ist keine Erzählung / Das ist nur ein Protokoll / Doch wir können davon lernen / Wie wir leben wollen“, haben Tocotronic 2013 formuliert. Die Popkultur wird hier als ein Ort beschrieben, der Menschen etwas lehren, Hilfe sein kann auf der Suche nach einem besseren Leben. Einem Leben, so kann mit einem anderen Song der seit den frühen Neunzigern existierenden Band ergänzt werden, das eine über das Individuum hinausweisende Funktion hat: „Werde die Verbesserung der Erde“.

Immer wieder hat sich die Popkultur der letzten 60 Jahre auf die Suche nach einer solchen „Verbesserung der Erde“ begeben, danach gefragt, „wie wir leben wollen“. Dieser Artikel will Probebohrungen in über 60 Jahren Popgeschichte unternehmen, die zeigen, dass Pop stets auf die sich verändernde Gesellschaft reagiert und dabei Gegenentwürfe formuliert hat, um zu einer „Verbesserung der Erde“ beizutragen. An den Rock’n’Roll der Nachkriegszeit über Hippie-Utopien und die Black Music der Sechziger bis zum Punk der Siebziger soll die Frage gerichtet werden: Wie verhält es sich mit den Utopien? Welches Selbstverständnis vom Menschen wird transportiert? Zeigt sich in dieser Musik ein Vorschein des wahren Humanismus? Denn all diese Musiker wollten etwas ändern am Zustand der Gesellschaft und der Welt, damit der Mensch zu einer wahren Freiheit gelangen kann.

Und wo kann Veränderung beginnen? Bereits mit dem aktiven Zuhören: „Wie hören wir uns zuerst? – Als endloses vor sich Hinsingen und im Tanz“, hat Ernst Bloch 1918 in seinem Text „Geist der Utopie“ geschrieben. In der Kunst, im Singen, könne sich der Vorschein des Möglichen, eine Utopie offenbaren, so Bloch. Auch in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ geht er weiter auf das Potential von Kunst ein: „Kunst ist ein Laboratorium und ebenso ein Fest ausgeführter Möglichkeiten.“ Auf dem langen Weg bis zur Verwirklichung konkreter Utopien, der Herstellung objektiver Bedingungen für subjektives Glück, ist die Kunst stets ein wichtiger Begleiter. Und sie ist ein Versprechen.

Die isländische Musikerin Björk wurde im Entstehungsprozess ihres Albums „Utopia“ von 2017 sicher ebenfalls von Ernst Bloch inspiriert, alles darauf blickt nach vorne, in Richtung zu verwirklichender Utopie – „Break the chains of the fuck-ups of our fathers“ singt Björk im Song „Tabula Rasa“. Die Fehler der Vorfahren sollen Ansporn sein, den Menschen eine bessere Welt zu entwerfen. Die isländische Sängerin ist damit die Gegenwart einer langen Reihe solcher Versprechen, die Pop im Laufe seiner Geschichte formuliert hat. Pop ist in all seiner Widersprüchlichkeit auch ein Gegenentwurf zur Normalität, zum Alltag und dem schlechten Ganzen, manchmal sogar direkter Weg in eine bessere Welt: In den imaginären Raumschiffen der Afrofuturisten George Clinton und Sun Ra war ein temporäres Entkommen aus dem Alltagsrassismus möglich. Und Pop hat immer wieder mit der Möglichkeit gespielt, nicht in einer Identität auszuhärten, Zuschreibungen und die Enge des Ich zu überschreiten, auf Menschen zuzugehen, statt zu vereinzeln.

Vor einer Verbesserung der Erde und der Lebensbedingungen für den Menschen, steht allerdings eine Kritik am Bestehenden. Der amerikanische Philosoph und Kulturkritiker George Steiner hat 1971 geschrieben, die amerikanische Gegenkultur der Sechziger habe den Dialog mit der Gesellschaft aufgrund der Erkenntnis aufgekündigt, dass „all das, wodurch oder worin die Kultur- und Wissensvermittlung sich vollzieht, in der Nachbarschaft der Konzentrationslager gedeihen“ konnte. Steiner schreibt weiter: „Die Gegenkultur ist sich genau darüber im klaren, wo sie mit ihrem Zerstörungswerk anzusetzen hat. Das hartnäckige Schweigen des Jugendlichen, das Nonsens-Geschrei der Bühnen-Happenings – sie alle sind Teil einer resoluten Strategie. Der Aufrührer und der Freak-out haben das Gespräch mit einem kulturellen System abgebrochen, das sie verachten als einen grausamen, antiquierten Betrug. Sie wollen kein Wort mehr wechseln mit dergleichen. Akzeptiere auch nur für einen Moment die Konventionen gebildeten Wortaustausches, und du bist gefangen im Netz der alten Werte.“

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Die junge Generation grenzte sich ab von diesen alten Werten, von einem Bildungsideal, das angesichts von Auschwitz versagt hatte, und versuchte stattdessen andere Formen der Bildung zu etablieren: Musik, Tanz, Gegenkultur.

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