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Coronakrisen-Tagebuch

Vom Verharren im Tal der Zurückhaltung

Monate der erzwungen Zurückgezogenheit nagen an den Menschen, machen sie mürbe und müde. Und dennoch: Um so gut wie möglich aus dieser Krise  hervorzugehen, mahnt unser Autor noch zu ein wenig Geduld und Zuversicht.

Ein Gastbeitrag von Frank Stößel

Eine „bessere Zukunft morgen“ verspricht dieses Leuchtschild an einer Nürnberger Galerie. Hat es recht?

Schon lange ist es mir nicht mehr so schwer gefallen, etwas Neues für das Corona-Tagebuch zu verfassen. Entweder ist schon alles gesagt, gedruckt und gezeigt worden, oder es ist alles so kompliziert, dass ich vor Äußerungen zurückschrecke, weil deren Verfallszeit kurz ist wie so viele Aussagen aus Wissenschaft und Politik. Dennoch möchte ich mich nicht unterkriegen lassen und schweigen wie eine Auster. Trotz der auferlegten Zurückhaltung im öffentlichen Leben bleibe ich Optimist, auch wenn mich einiges in der Bewältigung der Sandwich-Krise aus Corona, Klimawandel, Armut und Hunger in der Welt beschäftigt.

 

Längst liegen Jahreswechsel und Lichtmess als Zeitmarken der Hoffung, endlich aus dem langen und breiten Tal der Zurückgezogenheit herauszukommen, hinter uns. Nach den Lenzrosen und Schneeglöckchen wünscht man sich nun gerne die Osterglocken herbei. Ähnlich verführerisch wird jetzt die vorösterliche Zeit für ersehnte Lockerungen in der Einschränkung lieb gewonnener Freizügigkeit anvisiert. Als Skeptiker von Hause aus, glaube ich allerdings, dass auch der Osterhasi 2021 mit Abstand Maske tragen wird, wie es schon der Nikolaus 2020 tat, und wir es noch eine Weile zu unserem und dem Schutz der anderen wohl tun werden müssen.

Wer glaubte, Licht am Ende des Tunnels der Pandemie zu erkennen, sieht sich getäuscht. Kein Wunder, das Bild vom Tunnel taugt auch nicht so gut. Eher passt das Bild vom langen und breiten Tal der Zurückgezogenheit, in welchem uns die Pandemie von allen Seiten bedrängt und herausfordert. Während sich mancher Zeitgenosse angesichts der Krise wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen verhält, ziehen es die meisten Menschen vor, sich wie die Kaninchen vor den Bissen viraler Schlangen zu hüten und ihren Bau nur mit äußerster Vorsicht zu verlassen, um sich bald darauf wieder in das sichere Heim zurückzuziehen. Denn abwarten und Tee trinken ist auch in diesen Zeiten des Wandels manchmal eher angebracht als überschäumende Aufgeregtheit.

Anders die Natur. In ihr geht es unaufhaltsam „nauswärts“, während unser sozio-kulturelles und wirtschaftliches Leben in einem, seit der unmittelbaren Nachkriegszeit so nie mehr dagewesenen Maße noch eine ganze Weile eingeschränkt bleibt. Unser Leben vereinzelt sich in nicht menschengemäßer Weise, wogegen sich viele verzweifelt zu wehren versuchen. Denn Digital Living hin oder her, es geht eben nichts über Real & Social Grooming im Face-to-Face-Modus. Von unseren Kindern und Kindeskindern erfahren wir als Ältere per Whatsapp, am Telefon oder bei den seltenen Begegnungen auf Abstand, wie anstrengend Home-Office und Home-Schooling sind, ohne dass wir irgendwie helfen können. Mein Potential als helfende Hand in Familie und Freundeskreis liegt sozusagen brach. Was wir Älteren dennoch zu unserem eigenen Schutz und dem unserer Nächsten tun können, ist, mit Geduld und Zuversicht Zurückhaltung zu üben, bis wir durchgeimpft sind. Insofern ist das Sichzurücknehmen schon eine Hilfe, damit wir aus dem langen und breiten Tal der Zurückhaltung heraustreten können, um unser normales Leben wieder herzustellen.

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Bis dahin ist es hilfreich, die bekannten Appelle zu befolgen, also: Maske tragen. Lüften. Testen. Impfen. Es ist schon bewundernswert und macht auch Mut, wie viele Menschen sich diesem Procedere mit Geduld unterziehen. Noch nie sind mir so viele achtsame Menschen im Wald beim Sich-Lüften begegnet, wobei mir als altem Waldschulmeister bei unseren Wanderungen besonders angenehm Familien mit Kindern auffielen. Das Bild einer Ein-Kind-Familie hat sich bei mir daher auch eingeprägt. Abseits des Weges hatten sich Mutter, Kind und Vater ganz alleine und offensichtlich sehr vergnüglich auf einem Holzstoß zur Brotzeit aus dem Rucksack niedergelasssen. Was kann es für ein Kind Schöneres geben, als seine Eltern für ein paar Stunden auch noch beim Erleben der Natur für sich alleine zu haben?

Solche Erlebnisse sind ein nicht zu unterschätzender positiver Nebeneffekt der so belastenden Pandemie, die wie ein materieloser Meteorit auf uns niederzuprasseln scheint. Nach Ansicht der Historikerin Martina Steber vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin würden Historiker in ein paar Jahrzehnten die aktuelle, tiefe Krise, welche alle bekannten Gewissheiten in Frage stellt, als einen Epochenbruch markieren, welcher ein neues Zeitalter angestoßen habe. Die Krise sei so groß, dass sie eine katalytische Wirkung habe. „Wir konnten und können auch jetzt nicht mehr planen, weil wir nicht wissen, wie die Zukunft aussieht. Die Zeithorizonte sind völlig zusammengekracht.“ so die Historikerin. Ihre Einschätzung der Zukunft, dass nämlich „bestimmte Entwicklungen beschleunigt werden, dass manche Strömungen an ihr Ende kommen und tatsächlich Neues entsteht“, kann man je nach Blickwinkel bedrohlich oder tröstlich finden. Wegen dieser Unwägbarkeit sind wir – aus Verantwortung für uns und unsere Nachkommen – zum bestmöglichen Handeln aufgerufen, damit die berechtigten Hoffnungen auf Überwindung der Krise in Erfüllung gehen können. Denn das Leben geht ja weiter.

Ob wir auch nach dem Ende der Krise, wie jetzt durch Kontakteinschränkungen bedingt, verstärkt im virtuellen Digital Grooming Modus kommunizieren und arbeiten werden? Werden wir uns wieder häufiger wie ante crisem im realen Social-Grooming-Modus begegnen? Werden wir weiterhin so gerne in die Natur hinausgehen und werden wir Bücher lesen wie noch nie auch ohne Krisendruck? Ich hoffe, dass wir alles im angemessenen Gleichgewicht werden tun können. Denn, ich weiß nicht wie es Ihnen geht, mir bereitet es nach wie vor großes Vergnügen, in papiernen Bücher aus dem großen Reigen der Literatur zu schmökern und mich über deren Inhalte mit anderen auszutauschen. Auch die knisternde Zeitung während des Frühstücks in Händen zu halten und in ihr zu lesen, mag ich, damit ich auf dem Laufenden bleibe. Immer wieder lerne ich aber auch aus dem Netz etwas Neues dazu. So werde ich kompetenter im Umgang mit meinen digitalen Werkzeugen, ohne dass sie mich zu ihren Sklaven machen.

Doch wie leicht verliert man jemanden aus den Augen, wenn man nicht immer selbst die Initiative ergreift, um neben den Familienangehörigen Freund*nnen und Kolleg*nnen anzurufen oder ihnen zu schreiben. Denn aus den Augen aus dem Sinn ist nicht nur eine alte Weisheit, sondern birgt tatsächlich die Gefahr, Kontakte zu verlieren, auf die wir über die Zeit des Verharrens im Tal der Zurückgezogenheit hinaus angewiesen bleiben.

Bleiben Sie also bitte negativ, pflegen Sie Ihre Kontakte außerhalb der Familie mit Maske und Abstand, und erhalten Sie sich Ihren Optimismus wie der Kormoran beim Sonnenbad am letzten Februartag. Bei dessen Anblick musste ich wie im Traum an den großen Entertainer Rudi Carrell denken, als er mit seiner sympathischen Stimme in die Kamera hineinsang „Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer? Ein Sommer wie er früher einmal war“ Dabei drängte sich mir dieser etwas abgewandelte Text bei gleicher Melodie auf „Wann wird`s mal wieder richtig lustig, im Urlaub oder im Cafe? Ja, vor Corona gab es Faschingsparty und auch Fußball im propenvollen Stadion…..“ Ja trällern Sie ruhig gerne weiter, das wird schon wieder alles gut.

Und wenn Sie jetzt noch Hemmungen haben, dann klicken Sie sich in Memoriam des guten Rudi Carrell einfach mal hier rein, das tut gut, das verspreche ich Ihnen:

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