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Gläserne Wände - Bericht zur Benachteiligung nichtreligiöser Menschen in Deutschland

Coronakrisen-Tagebuch

Empathie. Ein Geben und Nehmen

Wer sich empathisch verhält und Mitgefühl zeigt, hilft anderen, aber auch sich selbst. Frank Stößel über eine Form der Menschenliebe, die im besten Fall nie eine Einbahnstraße bleibt.

Wer sich empathisch verhält und Mitgefühl zeigt, hilft anderen, aber auch sich selbst. Eine Alltagsbeobachtung von Frank Stößel über eine Form der Menschenliebe, die im besten Fall nie eine Einbahnstraße bleibt.

Tagtäglich, bei Regen oder Sonnenschein, besucht Loni ihren Mann Rudi, seit er wegen seiner Gebrechlichkeit nicht mehr mit ihr zusammen in den eigenen vier Wänden wohnen kann. „Wie ist dieser Besuch möglich?“, frage ich die lebensfrohe ältere Dame, „derzeit dürfen Sie doch gar nicht zu ihm?“ „Das ist ganz einfach. Ich stelle mich jeden Vormittag gegen zehn Uhr in den Hof der Seniorenwohnanlage und halte mit Handzeichen Zwiesprache mit meinem Mann. Dazu schiebt eine Pflegekraft ihn zur vereinbarten Zeit in seinem Rollstuhl an das große Fenster zum Hof hin. So können wir beide uns sehen, uns zuwinken und uns Handküsschen zuwerfen.“

Loni ist seit ihrer Kindheit gewohnt, auch im übertragenen Sinne zuzupacken, besonders wenn ihre tatkräftige Hilfe gefragt ist, und die gibt sie von Herzen gerne. „Wir sind seit 64 Jahren verheiratet und haben uns gegenseitig ein Leben lang so viel gegeben. Da kann ich meinen Rudi doch nicht so einfach alleine sitzen lassen. Auch wenn er seit seinem Krankenhausaufenthalt im vergangenen Sommer nicht mehr sprechen kann, versteht er mich, ob ich ihm nun vor Corona noch etwas mit Worten sagte oder jetzt während der Pandemie etwas wortlos und von Angesicht zu Angesicht mitteile. Wenn ich meine Hand auf mein Herz lege, erwidert er das. Und auf die kurze Entfernung von hier unten nach dort oben ist das Winken, Handküsschen und Herz senden doch eine leichte Übung für mich. Das tut ihm gut und auch mir. Ich gehe danach mit einem so angenehmen Gefühl der Zufriedenheit nachhause und weiß, dass er mich morgen wieder sehnsüchtig erwartet. Darauf freue ich mich unbändig.“

Auch für die Pflegekräfte ist dieser besondere Moment bestimmt beglückend. Rudi ist dort am Fenster mit Blick zu seiner Loni für eine gute Weile bestens aufgehoben und voller Freude. Von diesen Augen-Blicken zehren beide Tag für Tag, bestätigt mir Loni mit einem Lächeln.

Liebe geben und Kraft schöpfen

„Frau Loni, alle die Sie kennen, sagen von Ihnen: ,Ja die Loni, das ist eine Gute. Sie strahlt so viel Empathie aus.‘ Woher haben Sie diese schöne Begabung?“ „Verzeihen Sie, Herr Frank, ich bin ein altes Mädle vom Land, was meinen Sie genau mit Empathie?“ „Entschuldigen Sie, aber ich traue mich das fast nicht zu fragen, obwohl es doch so einfach ist, wenn ich Sie richtig verstehe. Woher haben Sie so viel Mitgefühl, also ein großes Herz für Ihre Mitmenschen, und das nicht nur für Ihren Mann, das meine ich damit.“ „Ach so, warum sagen Sie das nicht gleich. Das Leben ist ein Geben und ein Nehmen. Schließlich war mein Mann immer gut und lieb zu mir, auch über schwere Zeiten hinweg, die wir mit unserer kleinen Familie mit drei Töchtern gemeinsam zu meistern hatten. Da gebe ich ihm alles Gute, was ich nur geben kann, gerne zurück, das erfüllt mich. Mein Mitgefühl kann man also auch Empathie nennen, Herr Frank, das habe ich altes Mäd`le ja nun dazu gelernt. Empathie kann Trost geben und Kraft spenden. Aber sagt man dazu nicht auch ganz einfach Liebe?“ „Ja, Liebe bis dass der Tod Euch scheidet.“, rufen wir beide wie aus einem Munde und fallen in ein beherztes Lachen ein.

Loni bei einem ihrer Besuche im Pflegeheim ihres Mannes. Foto: Frank Stößel

Wie die Liebe zwischen zwei Menschen, und die Menschenliebe überhaupt, ist Empathie im besten Falle keine Einbahnstraße, sondern ein gegenseitiges Geben und Nehmen je nach Temperament, Situation, Raum, Zeit und Lebensgeschichte eines jeden Menschen. Manchmal können wir aus so kleinen Gesten, wie sie sich Rudi und Loni senden, enorm viel Kraft schöpfen und ebenso viel Kraft zurück geben.

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Egal ob wir nun Empathie als Mitgefühl, Fähigkeit des Mitleidens, emotionale Intelligenz, Gefühlsansteckung oder als Fähigkeit, wahrzunehmen, was in einem anderen vorgeht, verstehen, sie in kognitive oder emotionale Empathie einteilen, ist es immer gut und hilfreich, wenn sich alle Beteiligten empathisch zueinander verhalten. Dann wird zwischenmenschliches Handeln mit Herz und Verstand ein Kinderspiel sein, das gerade jetzt in Zeiten von Corona auferlegter Distanz auch unter sich nahestehenden Menschen besonders angesagt ist. Neben Besuchen, wie sie Loni und Rudi vormachen, können wir heutzutage auch aus der nahen und weiten Ferne miteinander die Treue halten. Dank Telefonie per Festnetz oder Internet, mit Handy oder Smartphone, per Whatsapp und vielem mehr. Diese Chancen der Neuzeit können wir jederzeit nutzen, genauso wie wir alte Gewohnheiten wie das Briefeschreiben wieder aufleben lassen können.

Also, ruf einfach mal an, schreib eine Karte oder einen Brief, und Du wirst dich sogleich gut fühlen.

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