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Panorama

Mit Antisemitismus gegen die „Corona-Lüge“

Wer demonstriert eigentlich gegen die Corona-Maßnahmen? Beobachter warnen vor einer gefährlichen Mischung aus Aggressivität und Verschwörungsdenken.

Wer demonstriert eigentlich gegen die Corona-Maßnahmen? Beobachter*innen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) haben zuletzt einige Kundgebungen verfolgt, die sich gegen staatliche Maßnahmen im Kontext der Coronapandemie richteten. Sie warnen vor einer gefährlichen Mischung aus Aggressivität und antisemitischem Verschwörungsdenken. Ihren Monitoringbericht dokumentieren wir hier.

Ein Gastbeitrag der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern)

Antisemitische Verschwörungsmythen als ‚Krisenerklärung‘

Es ist nicht verwunderlich, dass im Rahmen der Coronakrise Antisemitismus verstärkt auftritt. Bereits zur Zeit der Pest wurde „den Juden“ als Kollektiv vorgeworfen, sie hätten die Krankheit durch Brunnenvergiftung verursacht. Antisemitismus fungiert als Welterklärung, die komplexe, meist als negativ wahrgenommene gesellschaftliche Vorgänge zum Ergebnis der bösen Machenschaften einer geheimen Elite erklärt. Der vermeintliche Feind wird benannt als „die da oben“, „Illuminaten“, „Bankster“ oder „Freimaurer“ bis hin zu „Zionisten“ oder explizit als die vermeintliche „jüdische Weltverschwörung“.

Alle Verschwörungserzählungen, die komplexe Zusammenhänge auf den bösen Willen „geheimer Mächte“ reduzieren, tragen das Potential in sich, offen antisemitisch zu werden. Dies ist bei den hier dokumentierten Versammlungen oft geschehen. So wurde am 9. Mai bei einer Kundgebung in München eine Fotomontage gezeigt, auf der Menschen von Uniformierten gewaltsam „zwangsgeimpft“ werden. Das Emblem auf den Uniformen und den Autos der fiktiven Impfeinheit ist an einen Davidstern angelehnt und trägt die Inschrift „ZION“. Hier wird „Zion“, das lesbar ist als „die Juden“, „der Zionismus“ oder Israel, beschuldigt, hinter der angeblichen „Zwangsimpfung“ gegen Covid-19 zu stecken.

Auf den dokumentierten Kundgebungen wurde immer wieder Bill Gates und die Bill & Melinda Gates Foundation, die sich weltweit unter anderem für Impfungen einsetzt, thematisiert. Gates steht dabei für eine vermeintliche Elite, die die Menschheit ins Verderben stürzen wolle. Zwar ist seine Person (bisher) nicht mit explizit antisemitischen Bildern aufgeladen, er wird aber immer wieder mit Feindbildern gemeinsam genannt, die klassische Projektionsflächen für Antisemitismus darstellen: In Erlangen wurde beispielsweise am 6. Mai von Redner und Publikum im Zwiegespräch gesagt, „Bill Gates, die Reichen, die Rockefeller-Stiftung, die Bill-Gates Stiftung“ seien neben George Soros, den Bilderbergern und einigen anderen für die Coronakrise verantwortlich. Die Bilderberger, der jüdische Milliardär und Philanthrop George Soros wie auch David D. Rockefeller sind seit langem im Antisemitismus immer wieder benannte Feindbilder, die für eine herbeihalluzinierte jüdische Weltverschwörung stehen.

Dieses Verschwörungsdenken zeigte sich beispielsweise auf einer Kundgebung in Passau am 2. Mai, auf der ein Teilnehmer die Anwesenheit eines Fotografen mit dem Satz „wahrscheinlich hat er bei Soros studiert” kommentierte. Wesentliches Element solcher Vorstellungen ist, dass diese Elite, wie auch immer sie benannt wird, zum Ziel habe, eine Neue Weltordnung (NWO) einzuführen. In dieser sollen die Menschen etwa durch angeblich bei Impfungen implantierte Chips unterdrückt und kontrolliert, oder gar die Weltbevölkerung reduziert werden. Eine beliebte Chiffre für ‚die Juden‘ bediente ein Demonstrant auf einer Kundgebung am 2. Mai in München: Sein Plakat sprach von der „Corona-Lüge“ und einer „weltweiten Verschwörung der Globalisten“. Vor der angeblich angestrebten Neuen Weltordnung wurde auf zahlreichen Plakaten auf den Demonstrationen ‚gewarnt‘.

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Warum glauben Menschen an offensichtlich abstruse oder falsche Verschwörungserzählungen?

Viele der angeblichen Missstände, die auf den Demonstrationen angeklagt werden, sind frei erfunden. So heißt es vielfach, die Meinungsfreiheit sei eingeschränkt oder abgeschafft und man wolle sie wiederherstellen. Gleichzeitig fällt aber den Teilnehmenden offenbar nicht auf, dass sie just in dem Moment, in dem sie das auf der Straße formulieren, genau von jenem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch machen, das angeblich nicht mehr gelte. Manche der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie bedeuten zwar immense Eingriffe in die Grundrechte mit teilweise harten ökonomischen und sozialen Folgen, diese jedoch als Diktatur zu bezeichnen und fälschlicherweise mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 gleichzusetzen, entspringt der Phantasie der Kundgebungsteilnehmer.

Es liegt die Vermutung nahe, dass diese Phantasie bei nicht wenigen der negative Ausdruck einer projizierten Sehnsucht ist: Sehnsucht nach einer autoritären Gesellschaft, in der das Recht des Stärkeren gilt und in der nicht vermittelnde, demokratische Prozesse, sondern die unmittelbare Herrschaft ‚des Volkes‘, als das sich die Demonstrationsteilnehmenden immer wieder bezeichnen, das gesellschaftliche Zusammenleben regelt. Nicht nur der auf den Demonstrationen und im Internet vielfach derzeit formulierte Mordaufruf „Kill Bill!“ (Gates) würde in einer solchen Gesellschaft vermutlich umgesetzt.

Die mitunter völlige Entkoppelung der eigenen Behauptungen von der Realität ist ein psychischer Vorgang, der in der Antisemitismusforschung als pathische Projektion bekannt ist: Die Welt wird so wahrgenommen, wie die eigene ideologische Vorstellung vorgibt, dass sie sein müsse. Dadurch wird die Tatsache abgewehrt, dass man der Welt mit ihren komplexen Mechanismen ausgeliefert ist. Man schafft sich eine eigene Welt, die von simplen gut-böse Strukturen geprägt ist. Darin wird nicht mehr die Einrichtung der Welt (an der niemand unmittelbar Schuld hat) als feindlich und widersprüchlich, sondern eine böse Gruppe als der Feind ausgemacht – mit dessen Vernichtung das Böse aus der Welt verschwände.

Zumindest aber ist dieses Bild von der Welt weniger komplex als die reale, vermeintlich bekannt und damit psychisch handhabbar. Die Verunsicherung, die in der komplexen realen Welt zwangsläufig für alle vorhanden ist, wird abgewehrt, indem man sich selbst zu einem vermeintlich guten Kollektiv rechnet, das sich gegen böse Mächte verteidigen müsse. Dass gegen diese bösen Mächte in Form der ‚jüdischen Weltverschwörung‘ auch der Nationalsozialismus – wie alle antisemitischen Ideologien – als vermeintlich unschuldige Selbstverteidigung antrat, wird etwa im Motto „Die Juden sind unser Unglück“ des Stürmers, einer bekannten antisemitischen Wochenzeitung im Nationalsozialismus, deutlich.

Antisemitismus ist nicht nur ein „extremes“ Phänomen

Obwohl an den meisten von RIAS Bayern beobachteten Kundgebungen auch extrem rechte Akteur*innen teilnahmen und manche sogar von solchen organisiert wurden, ging ein Großteil der hier dokumentieren Vorfälle nicht von diesen aus. Vielmehr stellten Menschen die dokumentierten Botschaften öffentlich zur Schau, die ihrem Auftreten nach eher einem gesellschaftlichen Durchschnitt zuzurechnen sind und nicht selten ökonomisch der Mittelschicht angehören dürften. Aus der Beobachtung der Onlinekanäle und anhand von Aussagen von Kundgebungsteilnehmer*innen lässt sich schließen, dass viele dieser Menschen noch nie politisch aktiv waren.

Die derzeit herrschende Krise stellt für sie eine ungewohnte Verunsicherung dar; das normale Leben ist auf den Kopf gestellt. Dies ist keine Entschuldigung für antisemitische Aussagen, zeigt aber die Anfälligkeit für antisemitische vermeintliche Krisenerklärungen auf. Der aktuell massenhafte Zulauf zu den Onlineforen und den Veranstaltungen auf der Straße unterstreichen einmal mehr, dass antisemitische Bilder bei weitem nicht nur an den ‚politischen Rändern‘ der Gesellschaft, sondern quer durch das gesamte weltanschauliche Spektrum zu finden sind.

Verharmlosung der Schoah

Am häufigsten musste auf den Kundgebungen allerdings schoahrelativierender Antisemitismus festgestellt werden. In München, Nürnberg und Passau trugen Teilnehmende am 9. Mai gelbe Sterne, wie sie im Nationalsozialismus Jüdinnen und Juden tragen mussten, mit Inschriften wie „nicht geimpft“ oder „CoV-2“. Damit stellen sich die TrägerInnen selbst als vermeintliche Opfer in eine Reihe mit den verfolgten und ermordeten Jüdinnen und Juden und verharmlosen damit die Schoah.

Auf mehreren Kundgebungen war der Schriftzug „Impfen macht frei“ zu sehen. Dies bezieht sich wiederum verharmlosend auf die über mehreren Konzentrations- und Vernichtungslagern angebrachten Inschriften „Arbeit macht frei“. Ein Schild auf den Kundgebungen in Augsburg am 2. sowie am 9. Mai bezeichnete einen Impfstoff gegen Covid-19 als „Endlösung der Coronafrage“. Das verharmlost die Schoah, die auch „Endlösung der Judenfrage“ genannt wurde. In München trug am 9. Mai eine Demonstrantin ein Pappschild, auf der sie unter anderem „Nie wieder: Dr. Mengele“ forderte, eine andere Demonstrantin trug eine Unterhose auf dem Kopf, die mit „Bill Gates = Dr. Mengele“ beschrieben war. Auf einem Schild wurde am 9. Mai in Regensburg gefragt, was nach der angeblichen „Impflicht“ komme: „Euthanasie? Zwangssterilisation?“. Vielfach wurde sich in München auch in die Tradition des Widerstands der Weißen Rose gegen den Nationalsozialismus gestellt, wodurch das NS-Regime mit der aktuellen Situation gleichgesetzt und verharmlost wird.

Eine weitere schoahverharmlosende Aussage war am 25. April in München zu sehen, als ein Teilnehmer auf einem Pappschild kundtat: „Kontaktsperren sind sozialer Holocaust!!!“ Gerade diese schoahrelativierenden Formen antisemitischer Äußerungen waren bei den Protesten sehr häufig vertreten. Dies deutet auf eine Weigerung hin, sich tatsächlich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der Schoah auseinanderzusetzen. Viele Aussagen verweisen stattdessen auf das Bedürfnis, sich in der post-nationalsozialistischen Gesellschaft selbst an den Platz von Verfolgten oder Opfern – nicht aber an den von Nachkommen von Täter*innen – setzen zu wollen.

Über das Geschichtsbild auf Versammlungen gegen Corona-Maßnahmen in Deutschland hat der Bundesverband RIAS e.V. ausführlich berichtet. Je geschlossener Antisemitismus als Weltbild fungiert, desto mehr zielt er auf den Mord an tatsächlichen oder vermeintlichen Jüdinnen und Juden. Weil Verschwörungserzählungen immer einen Hang zum Antisemitismus haben, sind diese Veranstaltungen mit größter Aufmerksamkeit zu beobachten.

Auf den Kundgebungen herrschte teilweise aggressive Stimmung gegen Polizei und Presse, die von vielen der DemonstrantInnen als feindselig wahrgenommen wurden. Das ist bereits Ausdruck der potentiell gewalttätigen Verteidigung der eigenen ‚Wahrheit‘, die viele der TeilnehmerInnen erkannt haben wollen. Auch Vertreter von RIAS Bayern wurden angegangen, in einem Fall körperlich angegriffen. Nicht zuletzt die rechtsterroristischen Attentäter, die die Anschläge in Hanau und auf die Synagoge in Halle verübten, waren von Mythen überzeugt, die denen, die derzeit massenhaft auf deutschen Straßen propagiert werden, teilweise stark ähneln.

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) wurde 2019 auf Betreiben von Ludwig Spaenle, Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, eingerichtet und dokumentiert antisemitische Vorfälle im Freistaat. Angesiedelt ist RIAS Bayern derzeit beim Bayerischen Jugendring (BJR), finanziert wird sie mit Geldern des bayerischen Sozialministeriums. Dieser Monitoringbericht wurde zuerst auf der Facebook-Seite von RIAS Bayern veröffentlicht.

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