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Interview

So schmeckt Heimat!

Zwei Jahre lang hat sich die Sozialarbeiterin Jenny Kastenhuber mit Mädchen und Jungen aus ihrer Einrichtung, der Wohngemeinschaft für Flüchtlingskinder Nürnberg e.V., getroffen, um sich mit ihnen über ihre heimatliche Esskultur und Familientraditionen zu unterhalten – und natürlich, um zu kochen.

Dieses Buch ist mehr als nur ein Kochbuch. Es ist eine Sammlung von Lieblingsrezepten, die jugendliche Geflüchtete an ihre Heimat erinnern. Zwei Jahre lang hat sich die Sozialarbeiterin Jenny Kastenhuber mit Mädchen und Jungen aus ihrer Einrichtung, der Wohngemeinschaft für Flüchtlingskinder Nürnberg e.V., getroffen, um sich mit ihnen über ihre heimatliche Esskultur und Familientraditionen zu unterhalten – und natürlich, um zu kochen.

Nur im Vorwort von „So schmeckt Heimat!“ liest man etwas über die Folgen der Traumata und Tragödien, die den jungen Menschen im Zusammenhang mit ihrer Fluchtgeschichte auf der Suche nach einem neuen, behüteteren Zuhause widerfahren sind. Besonders bewegend die Schilderung, wie sie von ihren Erlebnissen bis in den Schlaf verfolgt werden: „Wenn sie im WG-Bett aus ihren Albträumen hochschrecken und sich im blanken Überlebenskampf gegen Terror und Gewalt wähnen, geht bei manchen der erste Blick zu einer Deutschlandfahne. Sie haben sie sich an die Wand geheftet, um in solchen Situationen des panischen ‚Flashbacks‘ möglichst schnell Halt zu finden und zu wissen: Niemand trachtet ihnen mehr nach ihrem Leben.“

Auf die Frage, wie Heimat schmeckt, hat wohl jeder seine eigene Antwort. Aber durch die Geschichten der Jugendlichen kristallisieren sich auf berührende Weise die vielschichtigen Bedeutungsebenen von Essen heraus: Essen gibt Geborgenheit, spendet Trost, schenkt Erinnerungen, stiftet Identität. Und kreiert Gemeinschaft.

Wie ist die Idee zu dem Buchprojekt So schmeckt Heimat! entstanden?

Jenny Kastenhuber: Ich arbeite als Sozialarbeiterin mit jugendlichen Geflüchteten. Die Gruppe von Jugendlichen, die ich momentan betreue, kocht ohnehin sehr gerne und trifft sich regelmäßig zum gemeinsamen Kochen. Im Rahmen eines sogenannten „pädagogischen Tages“ in der Wohngemeinschaft haben wir Betreuer*innen neue Projekte vorgestellt, Aktionen wie „Wohnzimmer verschönern“ oder „Hühnerstall im Garten bauen“. Ich habe vorgeschlagen, zusammen ein Kochbuch zu machen und war ziemlich überrascht, wie viele Jugendliche dafür zu begeistern waren.  Das war der Start für unser Projekt.

Was ist das Besondere an der dabei entstandenen Rezeptsammlung und wie wurde das Ganze umgesetzt? 

Wie wir auch im Vorwort erwähnen, ging es uns bei dem Kochprojekt nicht darum, die Fluchtgeschichte der Jugendlichen in den Mittelpunkt zu stellen. Im Gegenteil, wir wollten den Fokus bewusst von all den schwierigen Dingen wegbewegen, denen diese jungen Menschen in ihrem kurzen Leben schon ausgesetzt waren. Es ging uns nicht darum, ihre Vergangenheit und ihr Trauma zu erzählen, sondern darum, ihnen einen Rahmen zu bieten, in dem sie uns ein Stück ihrer Heimat und ihrer Kultur näherbringen konnten. Wenn wir uns zum Kochen getroffen haben, standen tatsächlich nur Fragen rund um Lebensmittel, Zubereitung, Familientraditionen und kulturelle Rituale im Fokus. Auch, weil bei jedem Termin noch meine Mutter als Geschäftsführerin des klein & groß Verlags und der Fotograf dabei waren, also zwei völlig fremde Menschen für die Jugendlichen, haben wir zu persönlichen Themen vermieden. Denn das ist für viele von ihnen ein wunder Punkt. Seit ihrer Ankunft in Deutschland waren die Jugendlichen immer wieder dazu gezwungen, intime biographische Details preiszugeben, beispielsweise während des Asylverfahrens. Da war es uns ein wichtiges Anliegen, derartige Themen und Gespräche bei unseren Treffen komplett auszuklammern. Wir wollten einfach die jungen Menschen und ihre Rezepte vorstellen, zuhören, was sie erzählen und mit uns teilen möchten und ihnen den Freiraum geben, ihre eigene Geschichte zu erzählen. So, wie sie sie erzählen wollen.

Wie sieht der Arbeitsalltag in der Wohngemeinschaft für Flüchtlingskinder Nürnberg e.V. aus? Und welche Rolle spielen Kochen und Essen in der WG?

Die Wohngemeinschaft für Flüchtlingskinder Nürnberg ist ein eingetragener Verein mit einer vollzeitbetreuten und einer teilzeitbetreuten Einrichtung sowie mit außenbetreutem Wohnen, zum Beispiel für Jugendliche, die in der Wohngemeinschaft gewohnt haben und dann in eine eigene Wohnung umziehen. Sie werden also nach ihrem Auszug aus der WG von uns ambulant weiter betreut. Das Haus, in dem ich arbeite, wird in der Regel von zwölf Jugendlichen für ungefähr ein bis drei Jahre bewohnt. Mein Job ist es, die ersten Schritte in Deutschland mit ihnen zu gehen, sie bei allem zu begleiten, was ansteht. Und das ist gar nicht so wenig: die Vorbereitung auf das Asylverfahren, das Asylverfahren selbst und sämtliche Ämtergänge, da die Jugendlichen am Anfang ja kaum ein Wort Deutsch sprechen. Bei schulischen Angelegenheiten oder bei psychologischen Problemen unterstützen wir natürlich auch. In der Wohngemeinschaft finden die Jungen und Mädchen einen geschützten Raum in einem familiären Umfeld, das ist ganz wichtig. Und es fühlt sich tatsächlich ziemlich nach Familienalltag an. Wir stehen früh auf, frühstücken gemeinsamen und besprechen, was am Tag für sie ansteht. Von Montag bis Freitag kommt eine Hauswirtschaftskraft in die Wohngemeinschaft und kocht gemeinsam mit zwei der Jugendlichen. Es ist Teil unseres Konzepts, dass sie kochen lernen, damit sie sich später in der eigenen Wohnung auch selbst verpflegen können.

Wie wurden die Rezepte für das Buch ausgewählt und welchen emotionalen Wert haben die Familienrezepte für die Jugendlichen?

Alle Jugendlichen, die an der Entstehung des Kochbuchs beteiligt waren, hatten schon vorher viel Spaß am Kochen. Manche von ihnen konnten ihr Lieblingsgericht auswendig und ohne Hilfe und Rezept zubereiten, andere haben sich noch einmal bei den Familien über Zutaten und Zubereitung erkundigt. Auch bei der Art der Rezepte gab es Unterschiede. Manche entschieden sich für ihre alltäglichen Lieblingsgerichte, andere für eher besondere Speisen. Mantu beispielsweise, ein afghanisches Essen für besondere Anlässe und Feste, besteht aus gefüllten Teigtaschen, deren genaue Faltweise schon fast eine Wissenschaft für sich ist. Für manche der Jungen und Mädchen war Kochen zu Hause bei ihren Familien selbstverständlich, andere lernten es erst hier in der Wohngemeinschaft zusammen mit unserer Hauswirtschaftskraft. Das Essen aus ihren Heimatländern hat für die meisten aber schon einen ganz besonderen Stellenwert. Das ist ja im Hinblick auf ihre Situation und die Trennung von ihren Familien auch sehr nachvollziehbar. Und für manche gilt das besonders. Ein Mädchen in unserer Wohngemeinschaft beispielsweise kocht sich jeden Tag nach der Schule ihr eigenes Mittagessen, ein Ritual, das ihr sehr wichtig ist.

Die große Herausforderung bei unserem Kochprojekt war es allerdings, exakte Mengenangaben für eine bestimmte Personenanzahl herauszubekommen. Da es in den Heimatkulturen der Jugendlichen eher unüblich ist, nach Personenzahlen zu kochen. Aber irgendwie haben wir es trotzdem geschafft, jedes Rezept nur einmal zu kochen.

Was sind besondere Momente bei der Arbeit mit den Jugendlichen?

Am besten gefällt mir an meiner Arbeit, dass ich die Jugendlichen über einen wirklich langen Zeitraum betreue. Da bekommt man viele Entwicklungen mit, häufig auch sehr schöne. Es ist berührend zu sehen, wie den Jugendlichen die Flucht manchmal ins Gesicht geschrieben ist. Und wenn man dann allmählich sieht, wie ein verängstigtes Gesicht, das aufgrund der schwierigen Biographie einfach müde wirkt, auf einmal wieder jünger und ausgelassener erscheint, dann ist das schon ein richtig schönes Gefühl.

Jenny Kastenhuber (Hg.): So schmeckt Heimat! Jugendliche Geflüchtete kochen Lieblingsrezepte aus ihren Heimatländern. Hardcover, 88 Seiten, ISBN 978-3-946360-26-1, 15 €. www.kleinundgross-verlag.de


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