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Coronakrisen-Tagebuch

Abschied von Verstorbenen in Zeiten von Corona

Seit 32 Jahren gestalte ich Humanistische Feiern zur Verabschiedung Verstorbener und zum Trost für die Hinterbliebenen. Noch nie habe ich so intime Feiern wie zu diesen Zeiten von Corona erlebt.

Von Frank Stößel, Würzburg

Urnenbeisetzung im Friedwald. Foto: Frank Stößel

Seit 32 Jahren gestalte ich Humanistische Feiern zur Verabschiedung Verstorbener und zum Trost für die Hinterbliebenen. Noch nie habe ich so intime Feiern wie zu diesen Zeiten von „Corona“ erlebt. Ja, doch eine, an die ich mich gerade jetzt erinnere:

Drei ledige Geschwister im Alter von 82, 84 und 86 Jahren hatten seit Jahrzehnten in einer Stadtwohnung zusammengelebt. Der Älteste war eines Nachts friedlich eingeschlafen. Der jüngere Bruder hatte seine Gedanken und die seiner Schwester zum Abschied von dem geliebten Bruder niedergeschrieben. Der Text war mit zittriger Hand liebevoll niedergeschrieben und so tröstlich, dass ich die Geschwister am Grab nochmals fragte, ob nicht doch einer von ihnen diesen schönen Text selbst sprechen wolle. Nein, kam die Antwort beider wie aus einem Munde. Der Bruder meinte, er wolle seine Totenrede auf den Bruder nur hören und sie nicht sprechen. Das sollte ich als ihr Sprecher tun, meinte auch die Schwester. So standen wir zu dritt am Grab, und es war Glück und Friede nach der Ansprache in uns dreien.

Wir konnten die Stille hören

Ähnlich intim war es kürzlich beim Abschied von einer Freundin im Friedwald auf dem Schwanberg. Wir versammelten uns einschließlich Sprecher und Förster mit neun zugelassenen Personen am Platz vor der Kirche im vorgeschriebenen Abstand. Da niemand mehr zu erwarten war, machten wir uns vor der Zeit auf den Weg zum Bestattungsbaum im Buchenmischwald mit den Frühblühern am Waldboden.

Unsere jüngsten Trauernden waren der zweijährige Enkel der Verstorbenen, den seine Mutter führte, und der vierjährige Enkel, der zwischen Papa und Mama und uns anderen hin und her pendelte. So waren wir eine halbe Stunde unterwegs, bis wir die letzte Ruhestätte unserer Verstorbenen erreichten. Im Zwiegespräch auf Distanz konnten sich immer zwei Menschen über ihre Beziehungen zur Verstorbenen austauschen. Gab es zu Beginn keine Musik, gab es sie auch jetzt nicht am Grab. Das Gezwitscher der Buchfinken und Meisen begleitete uns, während die Bäume ihre Lieder im sanften Wind sangen. Wir konnten die Stille zwischen diesen Tönen hören. Nach dem Versenken der Urne richtete der Trauerredner einfühlsame Worte an uns, als stünde er vor einer großen Trauergemeinde wie zu Zeiten vor Corona, nun aber ohne Verstärkung, dennoch feierlich, würdig, verständnisvoll, menschlich, herzlich und Trost spendend. Der Große der beiden Kleinen hatte von Vater und Mutter schon auf dem Weg zum Baumgrab diese und jene kluge Antwort zu seinen philosophischen Fragen erhalten, wo die Oma nun sei, wohin sie ginge, ob sie wiederkäme, ob sie wirklich in dieser Urne sei, die wie eine Vase mit Deckel aussähe. War er es zufrieden, entdeckte er wieder eine neue Blume, eine Schnecke, Vögel am strahlend blauen Himmel oder im zart grünenden Geäst der Bäume, und teilte uns das mit. Nach dem Versenken der Urne in der weichen Walderde, dem Niederlegen der bunten Blumen und dem stillen Abschied machten wir uns auf den Rückweg. Nun waren wir uns viel näher trotz des Abstandes. Wir waren entspannter und redeten auch über unsere Leben.

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Nach dem Versenken der Urne sollten wir uns sogleich zerstreuen, ohne Handschlag, ohne Umarmung

Tage später war eine andere Freundin verstorben, und nun war mein Rednerdienst gefragt. Wir trafen uns wieder zu neun Personen in der Vorhalle der Trauerhalle am Hauptfriedhof. Auf einem schmucklosen Tischchen stand die hellgrüne Urne, mit goldenen Gingkoblättern bemalt, daneben ein Bilderrahmen, aus dem unsere Verstorbene uns zulächelte, als wüsste sie um unseren Schmerz. Links und rechts stand je eine amtliche Friedhofskerze, schlank, weiß, sparsam befeuert mit Öl oder schon mit LED-Leuchten. Dieses Mal hatten wir nicht die Zeit und die Ruhe wie im Friedwald. Streng getaktet mussten innerhalb von fünf Minuten die Air „Cent mille escus“ von Antoine Busnois und die Trauerrede abgespult sein. Zum Auszug aus der Trauerhalle durfte keine weitere Musik gespielt werden.

So zogen wir, mit Beethovens Adagio aus dem Klavierkonzert Nr. 5 nur im Kopf, hinaus zum Grab nahe dem Ölberg. Ein jeder war mit einer Gesichtsmaske geschützt. Am Grab sollten wir uns nach dem Versenken der Urne sogleich zerstreuen, ohne Handschlag, ohne Umarmung, ohne Worte des Beileids und ohne Einladung zum Tröster mit Süßem und Saurem wie sonst üblich. Das war für uns alle das Traurigste. Denn es wäre ganz im Sinne unserer Verstorbenen gewesen, wenn wir uns mit ihrem Mann hätten zusammensetzen dürfen, um uns gegenseitig darin zu stärken, dass das Leben für uns weiter geht. Die abrupte Rückkehr des Witwers ins „normale Leben“ ist eine schwere Aufgabe, deren Bewältigung ihm hoffentlich gelingen wird, weil wir ihm weiterhin Zeit am Telefon schenken werden, damit er seine Trauerarbeit leisten kann. Sie war ihm mit dem Schlusssatz „Jetzt gelang es mir, mich zu freuen. Alles Amselgesanges nach mir auch“ aus Bertolt Brechts Gedicht „Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité / aufwachte“ mit auf den Weg gegeben worden. Aus dem Smartphone klangen uns noch leise Töne des Flötisten Matt Molloy nach. Ein jeder machte sich, erst mit Abstand, dann alleine, auf den Heimweg mit dem Versprechen, dass der Tröster nachgeholt werde, sobald die Coronavirus-bedingten Beschränkungen gelockert sein werden.

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