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Coronakrisen-Tagebuch

Lasst uns wachsame, mitdenkende und mitfühlende Menschen bleiben!

Ein kurzer Gedankengang vom Maiwurmkäfer im Auber Stadtwald in Würzburg zu unseren Aufgaben in der Coronavirus-Pandemie

Für ein kritisches Vertrauen in Wissenschaft, Politik und Menschlichkeit: ein kurzer Gedankengang vom Maiwurmkäfer im Auber Stadtwald in Würzburg zu unseren Aufgaben in der Coronavirus-Pandemie

Von Frank Stößel

Nach vielen Jahren bin ich endlich wieder einmal einem Maiwurm begegnet, der entgegen seiner volkstümlichen Benennung schon lange vor dem vollen Infahrtkommen des menschengemachten Klimawandels gern einmal im April erschien. Die unverhoffte Begegnung mit ihm alleine ist schon ein Premiumerlebnis. Wenige Tage später gab es eine Steigerung des ungewöhnlichen Anblicks: Madame und Monsieur Maiwurm bei der Erledigung ihrer wichtigsten Lebensaufgabe, der Reproduktion ihrer selbst. Wie alle Lebewesen hat diese sehr speziell an die naturräumlichen Gegebenheiten angepasste, flugunfähige Käferart das Bestreben, sich fortzupflanzen. Solch ein intimes Schauspiel im Auber Stadtwald bewundern zu können, macht einen Naturfreund für einen Augenblick regelrecht glücklich, besonders wenn man dieses Glück mit jemandem teilen kann.

Foto: F. Stößel

Doch wie sagte Goethe: Man sieht nur, was man weiß. Eigentlich: „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“ Mag sein, dennoch versteht man längst nicht alles, was man über so ein besonderes Lebewesen bereits weiß. Dann versucht man eben dessen geheimnisvolle Lebensweise durch Erforschen noch besser zu verstehen. Wenn das gelingt, dann ist das ein Augenblick, in dem man besonders als Humanist von der Schönheit der Natur und Erkenntnis regelrecht berührt wird, ohne dabei zu übersehen, dass die Natur sehr grausam sein kann. Der Name Maiwurm für den Schwarzblauen Ölkäfer rührt ja daher, dass sich dessen Larven, Würmern täuschend ähnlich, wie Geheimagenten krabbelnd zu Blüten hin bewegen, wo sie sich der Wildbienen als Lufttaxis bedienen. Mit ihnen gelangen sie bequem in deren Nest. Dort schlürfen sie die Bienenlarven aus und tun sich obendrein gütlich an dem Pollenvorrat für dieselben. Ein uns grausam anmutendes Werden und Vergehen.

All das geschieht aber nicht als „Teufelswerk“, wie man zu Zeiten der frühen Naturwissenschaftlerin Maria Sybilla Merians noch zu glauben meinte, sondern weil sich Maiwurmkäfer mit Tarnen und Täuschen in das Leben anderer Lebewesen einschleichen. Geradeso wie Viren das zu ihrem Vorteil und zu unserem Nachteil tun. Was musste sich die gläubige Frau alles anhören, als sie nachwies, dass Schmetterlinge sich nicht aus dem Kot des Teufels in Regenpfützen entwickeln, sondern eine Metamorphose durchmachen vom Ei, zur Larve, zur Puppe und dann zum fertigen Insekt.

In dieser Tradition genauen Beobachtens, Dokumentierens, wissenschaftlichen Analysierens und Schlussfolgerns befinden wir uns jetzt auch hinsichtlich der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie. Wir wissen viel, aber noch immer nicht genug, um gegen dieses Virus nachhaltig gewappnet zu sein. Dank wissenschaftlichen Fortschritts stehen unseren Mikrobiolog*innen, Virolog*innen, Infektiolog*innen, Epidemiolog*innen und Pharmazeut*innen heute geeignetere Geräte und Methoden bei der Bekämpfung einer Epidemie, die sich zur Pandemie auswuchs, zur Verfügung als in den Anfängen derselben Wissenschaften zu Zeiten des Mikrobiologen und Hygienikers Robert Koch oder des Anthropologen und Pathologen Rudolf Virchow.

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Deswegen ist unsere Lage trotz aller aktuellen Dramatik auch nicht aussichtslos. Wer mag, betet, dass dieser Kelch des Corona-Virus an uns vorübergehe. Doch reicht Beten alleine zum Bedauern vieler nicht aus. Auf der sicheren Seite befinden wir uns, wenn wir kritisches Vertrauen in Wissenschaft und Politik haben und im freien, fairen Austausch um die besten Argumente und die klügsten Maßnahmen zur Bekämpfung der aktuellen Pandemie bleiben. Dazu helfen fortwährende Forschung, Aufklärung und tagtäglich praktischer Humanismus der Menschen, ungeachtet ihrer religiösen Überzeugung.

Das lässt mich wirklich hoffen und glauben, dass wir diese schrecklichen Zeiten von Ungewissheit und Unsicherheit mit Empathie, Vernunft, Respekt und Hilfsbereitschaft gemeinsam überwinden werden, ohne dabei in blinden Glauben an Wissenschaft zu verfallen oder religiösen Glauben zu verteufeln, wenn wir nur wachsame, mitdenkende und mitfühlende Menschen bleiben.

Frank Stößel, Sonderschulrektor a.D., Sprecher für Lebensfeiern und Ehrenmitglied der Humanistischen Vereinigung – Foto: privat

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