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Aus aller Welt

„Der Aberglaube ist fast wie ein weiterer Virus“

Der promovierte Religionswissenschaftler und langjährige Aktivist Leo Igwe berichtet im Interview, dass Anschuldigungen wegen Hexerei im Zusammenhang mit dem neuen Corona-Virus zunehmen. Und er ist besorgt, weil viele Menschen eine Infektion überleben könnten, nur um anschließend krisenbedingt an Hunger zu sterben.

Der promovierte Religionswissenschaftler und langjährige Aktivist Leo Igwe berichtet im Interview, dass Anschuldigungen wegen Hexerei im Zusammenhang mit dem neuen Corona-Virus zunehmen. Und er ist besorgt, weil viele Menschen eine Infektion überleben könnten, nur um anschließend krisenbedingt an Hunger zu sterben.

Foto: Jon Bagge

Wie ist die aktuelle Lage in Nigeria?

Es gibt so viel Unsicherheit und Angst. Es wurden nur wenige Tests durchgeführt, und die Zahl der Fälle liegt bei unter 500. Es wird erwartet, dass die Zahl wachsen wird, wenn mehr Tests durchgeführt werden.

Wie hat die Regierung auf die Krise reagiert?

Gegenwärtig sind die Hauptstädte Lagos und Abuja abgeriegelt. Ein weiterer Staat in der Nähe von Lagos, Ogun, ist abgeriegelt. In allen Bundesstaaten des Landes gibt es Ausgangssperren von 19 Uhr bis 6 Uhr morgens. Die Schulen sind geschlossen und viele Büros arbeiten weniger Stunden pro Tag.

Viele sind zwar besorgt über COVID-19, aber die Menschen sind eher besorgt, dass bei einer Fortsetzung der Abriegelung viele Menschen sterben werden, nicht an den Folgen des Virus, sondern an Hunger. In einigen Teilen des Landes hat es Proteste gegeben, weil es an Mitteln und anderen Notwendigkeiten fehlt, die den Menschen helfen können, mit der Abriegelung fertig zu werden.

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Siehst Du weitere Veränderungen in der Gesellschaft?

Der Ausbruch von Covid-19 hat viele Nigerianer*innen ermutigt, Religionen offener und öffentlicher zu kritisieren. Die Pandemie hat in der Tat die Behauptungen über Heilungen, die die Religionen im Laufe der Jahre aufgestellt haben, um die Menschen auszubeuten, auf den Kopf gestellt.

Auf der anderen Seite verschlimmern Fehlinformationen die Situation. Es gibt so viel Angst, Panik und Unsicherheit in Nigeria, besonders seit einige ausländische Botschaften mit der Evakuierung ihrer Staatsangehörigen begonnen haben. Es fliegen so viele Informationen über Ursprung, Art und Verbreitung des Virus herum. Das Internet war in gewisser Weise hilfreich, um die Menschen über die Verbreitung des Virus auf den neuesten Stand zu bringen.

Aber auch der Aberglaube ist ein großes Problem, nicht wahr?

Der Aberglaube ist in der Tat ein großes Problem. Es ist fast wie ein weiterer Virus, den es zu bekämpfen gilt. Die Anschuldigungen wegen Hexerei im Zusammenhang mit dem Virus nehmen zu, und mit AfAW (Advocacy for Alleged Witches, eine Hilfsorganisation für der Hexerei beschuldigte Personen, d. Red) tun wir, was wir können, um zu verhindern, dass angebliche Hexen belästigt und gelyncht werden.

Außerdem sind viele Menschen verzweifelt und verletzlich, so dass sie anfällig dafür sind, von Schlangenölverkäufern ausgebeutet zu werden. Humanist*innen müssen schnell handeln und angemessene, evidenzbasierte Informationen verbreiten.

Wie reagiert deine Organisation auf den Notfall?

Physische Treffen wurden abgesagt oder verschoben. Wir haben verstärkt soziale Medien genutzt, um Mitglieder zu erreichen und Kampagnen und Aktivitäten zu fördern.

Allgemeiner gefragt: Wie sollten wir deiner Meinung nach als Humanist*innen dieser Notlage begegnen? Welche humanistischen Prinzipien sollten wir jetzt am meisten schätzen?

Solidarität und Mitgefühl, soziale Verantwortung und Wertschätzung des Lebens im Hier und Jetzt.

Wie kann die internationale Gemeinschaft deine Bemühungen unterstützen?

Die globale Ungleichheit lässt Humanist*innen in einigen Teilen der Welt mehr oder weniger Ressourcen zur Bewältigung der Pandemie. Aufgrund dieser Ungleichheit ist der Kampf gegen das Virus nicht überall auf der Welt derselbe, und in einigen Ländern überleben vielleicht einige Menschen das Virus, sterben aber stattdessen an Hunger.

Die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft ist dringend und lebenswichtig. Wir müssen die humanistische Idee einer gemeinsamen und universellen Menschheit in die Praxis umsetzen.

Fördern Sie kritisches Denken Neben dem Engagement für die Advocacy for Alleged Witches setzt sich Leo Igwe auch für die Förderung kritischen Denkens in Nigeria ein. An mehreren Pilotschulen im Süden Nigerias sollen dafür Bücher und Lernmaterialien ausgegeben und Workshops für Schüler*innen und Lehrer*innen umgesetzt werden, um Lehrpläne und -programme zu entwickeln, durch die kritisches Denken bereits ab der Grundschule vermittelt werden kann. Sie können das Projekt mit der Humanistischen Hilfe unterstützen, hier gelangen Sie direkt zur Spenden-Webseite…

Und was ist deine Botschaft an die globale humanistische Gemeinschaft?

Die Coronavirus-Pandemie ist eine Lektion über das Leben, darüber, wie zerbrechlich und wertvoll das Leben ist. Lasst es uns jeden Augenblick schätzen und danach streben, das Leben bestmöglich und in vollen Zügen zu leben. Unser Leben könnte uns jederzeit und überall entgleiten. Ein Mikroorganismus könnte dazu führen, dass es sich zersetzt, zerfällt und für immer verschwindet. Lasst uns also jeden Augenblick, jeden Tag so leben, als wäre es unser letzter.

Die Fragen stellte Giovanni Gaetani (Humanists International)

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