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In der Mitte liegt die Kraft?

Rezension zu „Vom Urknall zum Gottesmythos“ von Thomas Ebersberg (2020)

„Vom Urknall zum Gottesmythos“ von Thomas Ebersberg (2020)

Rezension von Jonas Grutzpalk, Bielefeld

Eine Lehrerin hat mir einmal gesagt, man könne alles mit allem in Bezug setzen, auch „Shakespeare mit einer Kehrschaufel“. Es gehe nur darum, den Standpunkt einzunehmen, von dem aus das möglich ist. Sie wollte sich, glaube ich, über meinen Vorschlag lustig machen, ein Referat über das Hambacher Fest und Woodstock zu halten. Vermutlich ahnt sie gar nicht, wie sehr ihr Satz nachgewirkt hat.

Denn tatsächlich hat sie ja recht: Man kann wirklich alles auf alles beziehen, wenn man nur den Standpunkt findet, aus dem heraus das möglich ist. Man kann zum Beispiel, wie Thomas Ebersberg, „das transzendentale und das säkulare“ Weltbild miteinander gleichsetzen (S. 8).

Zwei Dinge lassen sich aus solchen Unternehmungen lernen: Zum einen erfahren wir eine Menge über die Person, die diese Vergleiche anstellt. So wissen wir z. B. jetzt, wo Xavier Naidoo in „Reichsbürger“-Manier Faschismus und Sozialdemokratie miteinander gleichsetzt, eine Menge über Xavier Naidoo. Aber wir erfahren auch eine Menge über die Themen als solche, die sich der Vergleichende zum Vergleich ausgesucht hat. Davon lebt Comedy.

Thomas Ebersberg schlägt also vor, Humanismus und Christentum miteinander gleichzusetzen, um der von ihm gesuchten Wahrheit näher zu kommen. Er nennt das ein „elitäres Unterfangen“ (S. 7). Was aus humanistischer Sicht von diesem Gedankenexperiment zu halten ist, will ich hier kurz beleuchten.

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Die Mitte als der Ort der Wahrheit

Ebersberg geht an säkularen Humanismus und Christentum heran, als säßen beide auf einer kolossalen philosophischen Wippe und würden deren extremen Außenpositionen beschreiben (S. 49). Seine eigene Haltung dazwischen nennt er „Polarität“ (S. 19).

Auf der einen Seite der Wippe sitzt also das Christentum, das mit Hilfe von Offenbarungsschriften (S. 13) ein Erlösungsprogramm entwickelt, in dem Gottes Liebe Entspannung von der innerweltlichen Leiderfahrung verspricht (S. 35f.). Auf der anderen Seite sitzt der säkulare Humanismus, der Erlösung über eine „Demokratisierung des Hedonismus“ anstrebt (S. 38) und an die „Verantwortung“ der Einzelnen appelliert (S. 53).

Diese Konstruktion der beim wahrsten Sinne des Wortes „ausgewogenen“ Mitte durch Definition von Extrempolen ist eine weit verbreitete Denktechnik. Wir finden sie im politischen Bereich genau so wie in der Religion. Diese Denktechnik sagt eine Menge über uns Menschen als räumlich denkende Wesen aus, aber vermutlich sagt sie nicht viel über die Sache als solche. Oder, um es im Geiste meiner Lehrerin zu sagen: Wer seinen Standpunkt als „Mitte“ definiert, kann andere Sichtweisen als „Extreme“ beschreiben.

Evolution ist keine „Ent-Wicklung“

Man wird von einem knapp 90-seitigen Bändchen nicht erwarten dürfen, dass es zwei recht umfangreiche Weltanschauungen im Detail gerecht miteinander vergleicht. Und es wäre pingelig, dem Autor jetzt hinterher zu laufen und nickelig auf Aspekte hinzuweisen, die er vergessen oder falsch gedeutet habe. Wer solch ein Büchlein schreibt, will nicht mit dem Florett kämpfen, sondern mit der Streitaxt. Das lässt nicht viel Platz für Feinheiten.

Dennoch sieht der Autor m. E. etwas grundfalsch und wird dadurch zu falschen Deutungen verführt. Und zumindest diesen Fehler in der Argumentation möchte ich doch gerne einmal aufzeigen:

Er deutet „Evolution“ im Wortsinn als „Ent-Faltung“ und geht deswegen davon aus, dass alles, was ist, im Kern schon von Anbeginn an da war (S. 20). Dabei wird der Mechanismus des Aufhäufens (auch bekannt als Kumulation) dramatisch unterschätzt, der ein Entstehen von etwas auf der Basis von bereits Bestehendem ermöglicht. Die aus solchen Entstehungsprozessen ableitbaren Pfadabhängigkeiten sind nicht im Ursprung dieser Entwicklungen angelegt, sondern ergeben sich aus ihnen. Um es mit Nena zu sagen: Kumulation bedeutet, „dass sowas von sowas kommt“. Dementsprechend ist es auch falsch, von einer „Richtung der Evolution“ (S. 27) oder gar „Fortschrittsgeschichte“ (S. 74) zu sprechen. Und erst recht macht es keinen Sinn, die „kulturelle Evolution“ als „Aufstieg vom niederen ‚Primitiven‘ zum Höheren, z. B. zur ‚Hochkultur‘“ zu beschreiben (S. 29).

Moral und Zerstörung

Ein, wie ich finde, wichtiger Impuls geht aber dennoch von dem Buch aus und zwar in zweierlei Hinsicht.

Zum einen macht der Autor noch einmal mit wünschenswerter Klarheit deutlich, dass ethische Probleme nicht durch eine „Individualmoral“ gelöst werden können (S. 68). Der Autor ruft die Erkenntnis der klassischen Soziologie unter Emile Durkheim (ohne ihn zu erwähnen) in Erinnerung, indem er deutlich macht, dass alle Ehtik eine „Gesellschaftsmoral erfordert“ (S. 68) und somit prinzipielle Entscheidungen über ethisches Verhalten gar nicht individualisierbar sind. Wir müssen uns schon ein bisschen mehr anstrengen, wenn es um die Lösung ethischer Probleme geht, als darauf hinzuweisen, jeder müsse das „für sich selber wissen“.

Noch wichtiger finde ich aber den Hinweis, dass die Welt, so wie wir sie vorfinden, ein gewaltiges Potenzial zum Bösen in sich birgt, das sich einfach nicht wegwünschen lässt. Das fängt schon an mit der „gigantischen Destruktivität“, die wir im Weltgeschehen eins ums andere Mal beobachten können (S. 22) und geht über das „Fressen-und-gefressen-Werden“ (S. 33), die menschliche „Lust des Zerstörens“ (S. 41) und den „Aggressionstrieb“ (S. 51) hin zum destruktiven „Willen zur Macht“ (S. 66). Die Begeisterung, mit der zur Zeit „Bürgerkriege“ herausbeschworen werden, sollte uns in der Tat daran erinnern, dass wir diese Mächte immer wieder mitdenken müssen, wenn wir „die Welt“ zum Thema haben.

Fazit: Mehr Shiva wagen!

Das Buch ist in seiner Denktechnik nur bedingt überzeugend und verknappt einige Informationen insbesondere über die Evolutionstheorie zu sehr auf die Bedürfnisse der Argumentation des Autors. Dennoch gibt es spannende Denkanstöße dahingehend, wie Ethik als gesamtgesellschaftliches Phänomen angegangen werden muss und wie sich Zorn und Zerstörung mitdenken lassen, wenn über die Welt nachgedacht wird. Wir müssen uns, das lerne ich aus dem Buch, den Hindu-Gott Shiva, der u. a. für die Zerstörung zuständig ist, immer vor Augen behalten, wenn wir das Raumschiff Erde für alle Mitreisenden gerecht gestalten wollen.

Thomas Ebersberg: Vom Urknall zur Gotteshypothese. Books on Demand, Norderstedt 2020, 96 S., 4,99 €. Zur Verlagsseite…

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