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Mittelalt, männlich und überdurchschnittlich gebildet

Forscherin der TU Chemnitz vermaß erstmals psychologisch die deutschsprachige Podcast-Szene

Foto: Pixabay / TheAngryTeddy

Der Podcast hat eine erstaunliche Karriere hingelegt. Fristete er zunächst viele Jahre ein Nischendasein bei Liebhaberinnen und Liebhabern, gibt es inzwischen kaum ein Thema, das nicht in Podcasts besprochen wurde und wird. Besonders erfolgreiche Podcasterinnen und Podcaster haben eigene Fan-Communities und werden wie Popstars gefeiert. Nicht zufällig ist eines der aktuell relevantesten Formate zur Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnis zum neuartigen Corona-Virus ein Podcast, der täglich ein Millionenpublikum erreicht.

Christiane Attig – Foto: TU Chemnitz

Eine systematische psychologische Einordnung zu den Fragen, was den Reiz dieses Mediums ausmacht und wer im deutschsprachigen Raum überhaupt Podcasts produziert, fehlte bislang. Mit einer ersten Untersuchung hat Christiane Attig, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur Angewandte Gerontopsychologie und Kognition an der Technischen Universität Chemnitz, nun dazu beigetragen, diese Lücke zu schließen. Ihre Untersuchung bietet erste Einblicke in die Diversität der deutschsprachigen Podcastproduzierenden und legt ein besonderes Augenmerk auf die Untersuchung von Geschlechterunterschieden, zum Beispiel im Hinblick auf die im Podcast besprochenen Themen.

Warum? „Weil diese Fragestellung von der Podcast-Szene immer wieder selbst thematisiert wird“, erklärt Christiane Attig. Denn die Podcast-Szene nehme sich selbst überwiegend männlich dominiert war und sehe das selbstkritisch.

Bisher kaum demographische Daten verfügbar

„Podcasts erfahren nicht nur auf Seite der Hörenden eine immer stärkere Verbreitung. Auch die Zahl podcastproduzierender Personen steigt und macht Podcasts zu einem der aktuell wichtigsten partizipativen Medien“, sagt Attig über die Relevanz ihrer Arbeit. Der Forscherin fiel auf, dass zur Charakterisierung der Gruppe der Podcasterinnen und Podcaster bisher nur wenige, überwiegend demographische Daten vorliegen.

In ihrer Studie untersuchte sie die Podcast-Produzentinnen und -Produzenten mit Blick auf drei Analysebereiche: bezüglich demographischer, podcastspezifischer und Persönlichkeitsvariablen.

Mit einem Online-Fragebogen erfasste Attig die Daten von 653 Podcasterinnen und Podcastern. Kriterien waren vor allem die sogenannten „Big 5“, aber auch weitere psychologische Kategorien wie „Need for Cognition“, „Technikaffinität“, „Kommunikationsverhalten“ und „politische Einstellung“.

Überwiegend männlich, gebildet und linkspolitisch orientiert

„Während die Big-5-Dimensionen die Persönlichkeit der Podcastproduzierenden eher breit beschreiben, beispielsweise hinsichtlich Extraversion oder Offenheit für Erfahrungen, zielen die anderen Merkmale auf eine fokussiertere Charakterisierung ab. Podcasten bedeutet nicht nur, in ein Mikrofon zu sprechen und sich mit technischen Themen zu befassen, sondern oftmals auch, sich intensiv mit Herzensthemen auseinanderzusetzen“, erläutert Attig. „Daher nahm ich an, dass sich die Podcasterinnen und Podcaster durch eine hohe Technikaffinität, ein offenes Kommunikationsverhalten sowie ein hohes Need for Cognition auszeichnen, damit bezeichnen wir in der Psychologie Denkfreude, also die Lust auf intensive gedankliche Beschäftigung mit neuen Themen und Denkrichtungen“, erklärt die Forscherin.

Zahl der weiblichen Produzentinnen steigt

In ihrer Stichprobe stellte Attig fest, dass der Großteil der von ihr untersuchten Produzentinnen und Produzenten von Podcasts männlich, mittelalt und überwiegend gebildet ist. Demnach waren 40 Prozent zwischen 31 und 40 Jahre alt, rund 65 Prozent verfügten über einen Fachhochschul- bzw. Universitätsabschluss, 73 Prozent der Personen in der Stichprobe waren männlich. „Meine Ergebnisse legen nahe, dass sich das Geschlechterverhältnis zu wandeln beginnt. War über viele Jahre hinweg der Anteil der männlichen Podcastproduzenten deutlich höher, zeichnet sich offenbar eine langsame Trendwende ab“, so Attig.

Die Semiprofessionalität der Produzierenden zeigte sich unter anderem daran, dass der Durchschnitt der Befragten rund sechs Stunden mit Vor- und Nachbereitung eines Podcasts beschäftigt war. Dem gegenüber gab der Großteil, rund 77 Prozent, an, keine finanziellen Interessen mit der Produktion zu verbinden. Die am häufigsten bearbeiteten Podcastgenres waren mit großem Abstand Gesellschaft/Kultur sowie Spiele/Hobbys, Wissen/Wissenschaft und TV/Film.

Die Ergebnisse von Christiane Attigs Untersuchung werden im Fachmagazin kommunikation@gesellschaft erscheinen. Der Artikel ist bereits als Preprint zugänglich. DOI: 10.31234/osf.io/48amq

Mit den Motivationen der Podcastproduzierenden und ihrer Bedürfnisse will sich Attig in einem Folgeartikel näher auseinandersetzen. „Ich denke, dass die Ergebnisse somit nicht nur für die Podcastenden selbst sowie die medienwissenschaftliche Community relevant sein werden, sondern auch einen Einblick in die psychologischen Mechanismen geben, warum sich Personen im Allgemeinen dazu entscheiden, sogenannten User Generated Content zu produzieren, also welchen Gewinn sie auch für sich persönlich daraus ziehen, wenn sie sich als Laien oder Semiprofessionelle mit komplexen Themen auseinanderzusetzen.“

Im Hinblick auf die Persönlichkeitsmerkmale stachen bei der Untersuchung vor allem eine hohe Offenheit für Erfahrungen und Denkfreude sowie eine deutlich linke politische Einstellung hervor. Die Forscherin erklärt: „Diese drei Variablen hängen miteinander zusammen und zeigen, dass die Podcastenden in der Stichprobe eher progressiv, neugierig und wissbegierig sind. Das Podcasten vermag wahrscheinlich diese Bedürfnisse besonders gut zu stillen.“ (idw)

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