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Eine Neue hängt jetzt die Wäsche raus

Häuserfassade eines Straßenzugs in Triest. Foto: M. Schrage

Meine nonni, meine Großeltern, haben jetzt eine Haushaltshilfe. Eleonor heißt sie, irgendwas um die Ende dreißig wird sie sein, aber so genau weiß das meine nonna nun auch wieder nicht, denn selbst wenn man sich widerwillig und auch nur wegen einer gerade überstandenen Darm-OP von Tochter und Neffen eine Hilfe aufschwatzen lässt, dann ist das noch lange kein Grund, dieser nichtsnutzigen Jugend über den Weg zu trauen.

Man muss das verstehen: Meine nonni sind zutiefst davon überzeugt, dass die Menschheit vor einigen Jahrzehnten den Zenith ihres Könnens erreicht hat – genau zu der Zeit übrigens, als sie selbst noch in Saft und Kraft standen, aber das ist sicher nur Zufall. Damals, so geht die Familiensage, schufen die Menschen in einem ärmlichen Teil des faschistischen Italien mit einfachen Mitteln Werke für die Ewigkeit. In harter Arbeit bauten sie massive Häuser, Stein auf Stein, sie trotzten Wind und Wetter und bändigten eine unbarmherzige, feindselige Natur.

Seitdem geht es stetig bergab. Bauern wissen nicht mehr, wie man Äcker pflügt, Maurer sind Stümper mit Kellen und die Dachdecker von heute können gar nichts, schon gar nicht ein Dach decken. Seit der Jugend meiner nonni sind sieben, nein, sogar acht Jahrzehnte vergangen. Eine ganz schön lange Zeit, wenn man es recht bedenkt, in der die Menschen immer weiter regredierten, immer weiter, bis sie schließlich zu den nach unten gekrümmten, unfähigen jungen Leuten von heute wurden. Wie mir mein nonno bei einem meiner letzten Besuche versicherte, haben selbst Furze nicht mehr ihre einstige Klasse. Früher, ja früher, da saß man noch vor dem offenen Herdfeuer beisammen und fiel schier in Ohnmacht, wenn der Vater einen fahren ließ. Aber heute? Da kocht man auf Gas, und „was hinten rauskommt“ (Helmut Kohl) ist nur sterile, im Grunde doch geschmacklose Industrieschei… naja, lassen wir das.

Eleonor also, bleiben wir bei ihr. Ich habe sie noch nicht kennengelernt, aber ich kann mir vorstellen, dass sie schon, nunja: dankbarere Kunden hatte. Mit Ausnahme des Wochenendes kommt sie jeden Tag für ein paar Stunden und hilft meinen nonni im Haushalt. Sie geht einkaufen bei der coop um die Ecke, steht in der Küche und putzt – letzteres freilich sehr dilettantisch, beteuert meine nonna, die zwar die jugendliche Kraft ihrer Haushaltshilfe schätzt, aber nur müde lächeln kann über die Putzversuche von Leuten, die – gewissermaßen als Strafe später Geburt – nicht gelernt haben, Böden mit Holzasche zu scheuern. Nach den Erzählungen meiner nonna stelle ich mir Eleonor sehr muskulös vor, fast wie ein Ork: Sie platzt vor Kraft, aber für alles, was nicht wüster Schwertkampf ist, ist sie halt deutlich zu grobmotorisch.

Es ist übrigens keine leichte Entscheidung gewesen, Eleonor anzustellen. Nicht, weil sie als Jungspund den Ansprüchen der Alten eh nicht wird genügen können, sondern wegen Corona. Meine nonni leben in Norditalien, im Friaul. Mit „nur“ etwas mehr als 2.000 Infizierten ist die Situation dort zwar bei weitem nicht so dramatisch wie in der Lombardei, aber das Virus ist auch hier eine Gefahr – erst recht für meine Großeltern, mit mehr als 90 Jahren auf dem Buckel und Vorerkrankungen an Herz oder Lunge. Wenn Eleonor zu ihnen kommt, dann deshalb immer mit Handschuhen, ihr Gesicht verbirgt sie hinter einer Maske. Und so sind die Sorgen meiner nonni auch ganz andere als die ihrer Kinder und Enkel im fernen Deutschland: Uns sind Wasserflecken in der Spüle herzlich wurscht (auch wenn wir das so natürlich nie sagen dürften, der Fleck ist ein Skandal!). Dass aber das Virus auch meine Großeltern erwischen könnte, das macht dann doch Angst. Große Angst.


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