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Coronakrisen-Tagebuch

Eltern, schmiedet neue Bünde!

Was brauchen wir für Bedingungen, damit Familien mit Kindern in Zukunft gut durch Krisenlagen kommen, ob wegen einer Pandemie oder anderer Anlässe?

Was brauchen wir für Bedingungen, damit Familien mit Kindern in Zukunft gut durch Krisenlagen kommen, ob wegen einer Pandemie oder anderer Anlässe?

Leere Straßen ersetzen – wo möglich – zwangsweise geleerte Spielplätze im diesjährigen Frühling. Foto: © privat

Seit drei Wochen nun schon sind bundesweit die Schulen geschlossen. Kitas sind, wo noch geöffnet, nur im Notbetrieb für jene Eltern, die in neuerdings als systemrelevant eingestuften Berufen arbeiten. Der anfängliche Ausnahmezustand ist bereits eine Art Alltag geworden – und für nicht wenige Menschen ein zunehmend schwer erträglicher. Viele hoffen auf die Zeit nach dem Ende der Osterferien. Doch es gibt nur wenig Anlass zur Hoffnung, dass sehr bald die alten Routinen zurückkehren können.

Erstmal klang es zwar nach einer guten Lösung, doch insbesondere Eltern kleinerer Kinder merken zunehmend: Home Office ist Mist. Und auch Homeschooling ist ein ambivalentes Vergnügen, die meisten werden die Arbeit der schulischen Bildung sicherlich sobald wie möglich wieder den professionellen und erfahrenen Pädagog*innen überlassen. Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Spielplätze, Tierparks, Museen oder andere Freizeiteinrichtungen inklusive der deutschlandweit 53 Ikea-Märkte tun ihr Übriges, um diese neue Normalität bereits am Anfang der Coronavirus-Pandemie zu einer weniger schönen Erinnerung werden zu lassen.

Und doch erscheint es uns erst einmal als Privileg, feststellen zu können: Jedenfalls unsere kleine Familie hat sich ganz gut in den Pandemie-Alltag hineingefunden. Tatsächlich finde ich sogar Gefallen an einigen Veränderungen, auf die wir uns einstellen mussten.

3 + 3 + 1 lautet unsere Formel, um mit den beruflichen und familiären Verpflichtungen bis auf Weiteres umzugehen. Ich arbeite an drei Tagen pro Woche deutlich länger als „früher“, sie fährt an mindestens zwei Tagen ins Büro, oder bei Bedarf einen Tag mehr bzw. nimmt sich betreuungsfreie Home-Office-Zeit. Natürlich sehen wir dabei unsere Privilegien: Wir arbeiten in Stellen, wo so etwas möglich ist. Ihr Arbeitgeber ist ein – familienfreundlicher – Schulträger, sodass sie darum vorerst teilweise bezahlt freigestellt ist. Der Sonntag bleibt als unser gemeinsamer Tag.

Glück ist nicht immer Zufall

Was mir gefällt: Die zusätzliche Zeit mit unserer zweijährigen Tochter. Nicht nur, dass meine neuen „Kinderdienst-Tage“ sich anfühlen wie zusätzliche Wochenendtage, mit gelegentlich kurzen Unterbrechungen für Skype-Telkos. Unsere Tochter ist nach unserem Eindruck schon seit Mitte Januar in einer Entwicklungsphase, in der ihr mehr Zeit als zuvor mit uns offenbar guttut. Auch wenn sie ab und zu deutlich macht, dass sie nicht für immer auf die gewohnte Kita-Zeit verzichten will: „Martha“, „Carlo“, „Simone“ und „Halah“ lauten ihre Stichworte hier. Wir freuen uns sehr, dass sie sie noch nicht vergessen hat.

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Bloßes Glück ist unsere vergleichsweise komfortable Situation jedoch nicht. Denn für mich ist es eine ganz bewusste Entscheidung gewesen, mir ab dem Start ins Familienleben beruflich den Rücken etwas freizuhalten. Zeitliche Kapazitäten für Vorhersehbares und Unvorhersehbares zu haben, statt die Vor- wie Nachteile einer 40-Stunden-Woche. Und falls halt gerade keine Komplikation zutrifft: für die Familie, das Ehrenamt – oder den Haushalt.

Das Auftreten einer Pandemie wie der jetzigen mit ihren Folgen ist für eine Menge Menschen sicherlich höchstens eine abstrakte statistische Wahrscheinlichkeit, doch unmöglich war sie nie und sie wird es auch in Zukunft nicht sein, im Gegenteil. Weniger statistisch abstrakt sind aber andere Wahrscheinlichkeiten: Erkrankungen im Familienkreis, die Fürsorgezeit erfordern. Besondere Lagen im Berufsalltag, die gelegentlich Mehrarbeit verlangen, ohne immer gleich die Grenzen der persönlichen Kapazitäten zu berühren. Weitere Komplikationen des Lebens, deren Vielfältigkeit kaum Grenzen gesetzt ist. Auch mir ist in den vergangenen Wochen abermals bewusst geworden, wie „auf Kante genäht“ unsere Leben angesichts möglicher und nicht unwahrscheinlicher Komplikationen, Unfälle oder Katastrophen oft sind.

Nicht gänzlich unberechtigt können nun einige anmerken: Ja, da ist noch ein Privileg. Denn wir können offenbar unsere Miete zahlen, ohne beide in Vollzeit berufstätig zu sein. Doch ohne hier einen Offenbarungseid leisten zu wollen, muss erwähnt werden, dass wir in mancher Hinsicht auch ziemlich bewusst konsumieren. Wie ich bereits an anderer Stelle beispielhaft schrieb: Der zutiefst humanistisch geprägte kategorische Imperativ und der weitverbreitete Glaube, das durchschnittliche Reiseverhalten aller wohlhabenderen Gesellschaften auf dieser Welt könnten mit den Ressourcen dieses Planeten für mehr als sieben Milliarden Menschen in Einklang stehen, haben kein tragfähiges Fundament. Wenig anders sieht es mit Blick auf viele andere Konsumgewohnheiten aus. Und schließlich: Soziale Situationen, die keine Spielräume und Puffer aufweisen, sind prekär und sollten nur ausnahmsweise auftreten können, keinesfalls für erhebliche Teile einer Gesellschaft. Da ist unsere Haltung ganz klar.

Absolute Angewiesenheit ist immer Mist

Die „Coronavirus-Krise“ führt uns nun nicht nur vor Augen, wie systemrelevant diverse unterbezahlte Berufsfelder sind, sondern auch wie prekär die Situation vieler Familien ist, deren Berufsalltag in höchstem Maße auf das Ausbleiben größerer Unterbrechungen der Kita-Betreuung angewiesen ist. Damit angesprochen sein soll aber nicht nur die Tatsache, dass diese Betreuungsform und die Aufgabenverteilung für unsere arbeitsteilige Gesellschaft und die Gleichberechtigung der Geschlechter einen hohen Wert haben, sondern auch die Frage, ob diese quasi hundertprozentige Angewiesenheit von Millionen Eltern auf das unterunterbrochene Funktionieren in dieser Krise nicht vielleicht einen weiteren gesamtgesellschaftlichen Schwachpunkt in aller Klarheit offenlegt. Schon bevor die ökonomischen Konsequenzen des bisherigen „Shutdowns“ ihre Effekte voll entfalten werden.

Der Soziologe und Politikwissenschaftler Jonas Grutzpalk meint, dass eine schreckliche Zeit vor uns liegt, und er hofft zugleich: „Es wäre das Beste, was jetzt passieren kann, wenn die Zwangspause die Menschheit in ein riesiges philosophisches Kolloquium verwandelte, in dem wir – den modernen Medien sei Dank – über unser weiteres gemeinsames Schicksal im Raumschiff Erde beraten können.“

Haben wir wirklich eine familienfreundliche Gesellschaft?

Also, liebe Eltern, ob mit jüngeren Kindern, ob ohne Hochschulabschluss oder mit, ob in vermeintlich „einfacheren“ oder „wichtigeren“ Berufen, ob mehr oder weniger gut bezahlt, lasst uns in diesen Wochen gelegentlich darüber nachdenken: Haben wir wirklich eine familienfreundliche Gesellschaft oder haben wir es uns unter den Prämissen der neoliberal-kapitalistischen Verwertungs- und Konsumlogik bisher suggerieren lassen, dass kein Anlass für ein vertieftes Nachdenken dazu besteht? Was brauchen wir für Bedingungen, damit Familien mit Kindern unter 6, 14 oder 18 Jahren in Zukunft mehr Spielräume und Puffer für Krisenlagen haben, ob in Form einer Pandemie oder individuellerer Anlässe?

„Intelligenz ist die Fähigkeit, sich dem Wandel anzupassen“, diktierte vor ein paar Jahren der berühmte humanistische Kosmologe Stephen Hawking mittels der Bewegungen seiner Augenbraue in einen Sprachcomputer, für sein Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“. Und trotzdem Hawkings Leben von einer früh beginnenden Erkrankung, die sein Nervensystem unaufhaltsam zerstörte, geprägt war, wurde er Vater dreier Kinder. Wir sind zwar mehrheitlich keine Genies, doch ausreichend (praktisch) intelligent sind wir sicherlich. Also lasst es uns in dieser Krise endlich tun: Grundsätzlich nachdenken und neue Bünde schmieden, für eine Politik nach den tatsächlichen Bedürfnissen von Familien mit Kindern.

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