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Maske auf!

Während dieser Text entsteht, ist ein Ende der Krise noch nicht in Sicht. Im Gegenteil, just zu dem Zeitpunkt, da er entsteht, ist die Corona-Pandemie in Deutschland noch gar nicht richtig angekommen.

Foto: unsplash.com/ Jackson Simmer

Gut möglich, dass manches, was im Folgenden zu lesen sein wird, von der Realität überholt sein wird. Vielleicht stellen sich manche Annahmen als falsch heraus. Vielleicht wird die Pandemie in der Rückschau sogar einen unerwartet glücklichen Verlauf genommen und die Zahl der Kranken und Infizierten bald abgenommen haben. Zu erwarten ist letzteres zumindest jetzt, in einem sonnigen, aber kühlen März, jedoch nicht.

SARS-CoV-2, so die wissenschaftliche Bezeichnung für einen Informationsstrang und ein bisschen Protein, hat Italien, eines der höchstentwickelten Länder der Erde und die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt, in seine tiefste Krise seit dem zweiten Weltkrieg gestürzt. Es kursieren Berichte von überlasteten Krankenhäusern, überforderten Ärzt*innen – und von immer neuen Toten. Bilder zeigen die aufgereihten Särge in einer bergamasker Kirche, währenddessen schwillt der Umfang italienischer Tageszeitungen nach Jahren, in denen sie immer dünner wurden, plötzlich wieder an: Die vielen Todesanzeigen brauchen Platz.

In Deutschland war derweil ein erstaunlicher Stimmungsumschwung zu spüren. Gab man sich erst entspannt – die Krankheit grassierte ja nur in China –, wuchsen mit den ersten Infizierten die Sorgen. Aus den Sorgen wurde Panik, und am Ende wurden mancherorts ganz ähnliche Maßnahmen ergriffen wie im autoritär regierten China, während man gleichzeitig zerknirscht Fehler bei der Gefahreneinschätzung einräumen musste.

Der Alltag kam zu einem abrupten Halt. Geschäfte wurden geschlossen, Innenstädte verwaisten. Veranstaltungen wurden abgesagt, die industrielle Produktion zumindest mancherorts heruntergefahren. Auch weil Sperrzonen eingerichtet und Grenzen hochgezogen wurden, kam der ansonsten so dichte Verkehr zum Erliegen. Die Krise legte offen, wie fragil, aber auch wie wandelbar die Art und Weise ist, wie die Menschen ihre Welt eingerichtet haben und wie sie zusammenleben. Zwei Botschaften folgen daraus. Die erste: Was ist, muss nicht so bleiben. Und die zweite: Manches, was ist, sollte nicht so bleiben.

Schon ersann also der Zukunftsforscher Matthias Horx in einer „Rückwärts-Prognose“ eine neue Welt nach der Krise, Mario Neumann und Maximilian Pichl verkündeten derweil im Freitag unter dem Schlagwort „Alles Neu“: „Die Welt nach Corona wird jetzt ausgehandelt.“ Versuchen wir im Folgenden deshalb zweierlei: Fassen wir unter vielen Aspekten der Pandemie zunächst zwei zusammen, ziehen daraus erste Schlüsse und werfen gegen Ende einen Blick nach vorn.

So wie man hierzulande über Corona schnell anders sprach, als der Virus nicht nur andere, sondern auch einen selbst betraf, so fiel auch das Urteil über das deutsche Gesundheitssystem bald anders aus. Die Versorgung sei schlichtweg exzellent, tönte es da und dort, Zustände wie in anderen europäischen Ländern, versicherte man sich, seien hier nicht möglich. Italien mit seinen vergleichsweise wenigen Intensivbetten wurde zum abschreckenden Negativbeispiel.

Was nur selten dazu gesagt wurde: In den Jahren davor war den italienischen Krankenhäusern eine rigide Schrumpfkur verordnet worden. Auch unter der Last der schweren wirtschaftlichen Krise, in der sich das Land im Grunde seit 2008 befindet, wurde die Zahl der Krankenbetten deutlich reduziert. Mitsamt der übrigen öffentlichen Infrastruktur sollte das Gesundheitssystem „schlanker und effizienter“ werden, und das selbstredend „ohne die Qualität der Dienstleistungen einzuschränken“, wie der damalige Premierminister Mario Monti 2012 versprach. Bis zu 80.000 Krankenhausbetten stellte Monti zur Disposition, 150 Krankenhäuser sollten geschlossen werden. Viele gut ausgebildete Mediziner*innen verließen daraufhin das Land, zurück blieb ein angeblich reformiertes, in Wahrheit geschundenes Gesundheitssystem, das dem plötzlichen Ansturm vieler Tausend Intensivpatient*innen schlicht nicht mehr gewachsen war.

In Großbritannien wurde der staatliche National Health Service (NHS) aus Rentabilitätsgründen über Jahre so sehr kaputtgespart, dass schon die jährliche Grippewelle unweigerlich eine winter crisis nach sich zieht, bei der jedes Jahr aufs Neue sich allein die Frage stellt, wie schwer sie wohl diesmal ausfällt. In der crisis von 2018 starben Patient*innen in den Krankenhausfluren, und dies nur deshalb, weil das Personal zu ausgelastet war, sie zu behandeln. Krankenhaus-Beschäftigte warnten damals vor Bedingungen, die so erschreckend seien, „dass sie Patienten töten könnten“. Zum Besseren gewendet hat sich seitdem wenig: Bei Redaktionsschluss trifft die Pandemie auf ein Land, das pro 100.000 Einwohner nur 228 Krankenhausbetten (Deutschland hat dreimal so viele) vorweisen kann und auch im gesamteuropäischen Vergleich über sehr wenige Beatmungsgeräte verfügt. Dass dem Gesundheitssystem des Vereinigten Königreichs angesichts einer sich aggressiv ausbreitenden Lungenkrankheit der schnelle Kollaps vorausgesagt wird, überrascht daher nicht.

Blicken wir schließlich in das Epizentrum der Pandemie, nach China: Beginnend in den 1980er Jahren begann dort eine Welle von Privatisierungen. Während der Staat den Krankenhäusern eine weiterhin günstige Grundversorgung vorschrieb, zog er sich gleichzeitig aus dem Betrieb der Kliniken zurück. Pro Kopf gibt die sozialistische Volksrepublik China für die Gesundheitsversorgung seiner Bevölkerung heute nur etwa halb so viel aus wie Belarus oder Bulgarien. Krankenhäuser müssen nach wirtschaftlichen Kriterien arbeiten, sind gleichzeitig aber so überlastet, dass Konsultationen oft kurz und oberflächlich bleiben. Weil es nur wenige Praxen gibt, haben  Krankenhausärzt* innen durchschnittlich etwa viermal so viele Patienten wie hierzulande. Verschrieben wird, was auf den schnellen ersten Blick Besserung verspricht, und vor allem: was Geld bringt. Da die Wartezimmer überdies voll und die hygienischen Bedingungen in den Kliniken schlecht sind, werden Krankenhäuser gerade zu den Brutherden für die Krankheiten, die sie doch eigentlich bekämpfen sollten. China gelang es denn auch nicht deshalb die Seuche zu stoppen, weil es die Menschen so gut versorgte, sondern weil es sie einsperrte. Die Eindämmung des Corona-Virus gelang nicht wegen des chinesischen Gesundheitssystems, sondern ihm zum Trotz.

Und was hat das alles mit uns zu tun? Nun, am italienischen wie am britischen Patienten offenbart sich, welche verheerenden Folgen es haben kann, das Gesundheitssystem nicht als unverzichtbaren Bestandteil der allgemeinen Fürsorge zu begreifen, sondern als möglichst niedrig zu haltenden Kostenfaktor. Monti vollzog in Italien, was notorische Optimierer und Verschlanker auch in Deutschland forderten. „In Deutschland gibt es zu viele Krankenhäuser“, behauptet die einflussreiche Bertelsmann-Stiftung bis heute. In einer Studie aus dem Jahr 2019, die mittlerweile zu einiger Bekanntheit gekommen ist und doch mit jedem neuen Covid-19-Toten blamabler scheint, rechnete sie vor: Was bisher 1.400 Krankenhäuser leisteten, könnten auch 600 tun – und das sogar besser!

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Selbst inmitten der Corona-Pandemie, als eilige Pläne geschmiedet wurden, Messehallen zu Notkrankenhäusern umzufunktionieren und die Zahl der Intensivbetten zu erhöhen, hielt der Think-Tank an seiner Aussage fest.

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