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Der große Schlaf

Von Franz Josef Wetz

Der Tod scheint in der Gegenwart nicht mehr so stark wie in früheren Zeiten verdrängt zu werden. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Denn mag heute auch noch so oft über den Sensenmann diskutiert werden, verhalten sich die meisten Menschen trotzdem so, als ob ihr Leben immer weitergehen würde. Der Tod ist ein Missgeschick, das erst einmal die anderen betrifft.

Es ist die Ungewissheit der Todesstunde, die uns in der Illusion irdischer Unsterblichkeit wiegt. Denn irgendwann zu sterben heißt: niemals zu sterben. Ein weiterer Teil der individuellen Todesverdrängung ist die weit verbreitete Selbsttäuschung, nur Furcht vorm Sterben, aber keine Angst vorm Tod zu haben. Auffällig viele Menschen behaupten, dass ihnen der Tod nichts ausmache, dass sie sich aber vor der letzten Lebensphase ängstigten. Hierin stimmen Gläubige und Ungläubige tendenziell überein. Aber so einleuchtend diese Auffassung ist, es gibt eine Reihe von Indizien, die genau das Gegenteil zu belegen scheinen.

Wo die verzweifelte Frage „Warum gerade ich?“ bei einer infausten Diagnose laut wird, dort ist die Todesangst bereits ziemlich groß. Am stärksten und vornehmsten zeigt sich die unausrottbare Todesangst in der frommen Zuversicht auf ewiges Leben und Auferstehung. Aber auch religiöse Menschen, für die der Tod ein Sprungbrett in eine bessere Welt bedeutet, verspüren im Ernstfall die Todesangst genauso unerbittlich hart wie alle anderen.

Humanistischer Leichtsinn

Gerade Humanisten, Naturalisten und Atheisten leugnen gerne jede Todesangst, überzeugt davon, dass hierzu keinerlei Veranlassung bestehe. Mit rationalen Mitteln versuchen sie zu zeigen, dass der Tod Teil des natürlichen Kreislaufs und Todesangst unbegründet sei. Das Ziel solcher Entlarvungen dient nicht allein der Selbstberuhigung des Menschen, ihr Hintergrund ist auch weltanschaulicher Art. Denn solange sich die Menschen vor dem Tod ängstigen, so die naturalistische Sorge, solange sei auch die Gefahr groß, dass Menschen religiösen Unsterblichkeitsversprechen auf den Leim gehen.

Dazu passend propagieren manche Humanisten einen aufgeklärten Rigorismus, bei dem autonome Lebensgestaltung einen unumstrittenen Höchstwert bildet. Die Erfahrung von Unverfügbarkeit, Ohnmacht und Hilflosigkeit im Angesicht des Todes trifft diese Menschen umso härter, je mehr Gewicht sie auf ein selbstgestaltetes Leben legen. Im Angesicht des Todes nicht weiter zu wissen, ist nicht vorgesehen. Deshalb müssen sie das Problem des Todes herunterspielen.

Genauer betrachtet signalisiert der humanistisch verharmloste, normalisierte Tod fast ebenso eine Verdrängung wie der religiöse Glaube ans ewige Leben. Freilich, wer des Lebens müde wird, ohne seiner überdrüssig geworden zu sein, ist vermutlich froh, wenn es Abend wird. Nicht wenige sind am Lebensende so erschöpft, ausgelaugt und verbraucht, dass sie nichts mehr sehen und hören möchten und bereit zum Sterben sind – gemäß der Bachkantate Es ist genug. Doch wer am Leben hängt, wird sich wohl nie mit dem Tod so richtig anfreunden können. Niemand hakt sein Leben einfach ab. Denn der Tod ist ungeheuerlich, unsere Rückkehr ins Nichts die größte Zumutung ans Leben.

Quellen der Todesangst

Nachdenkliche Gemüter ängstigen sich vor dem Tod als etwas Geheimnisvollem, Dunklem, weil es ihnen schlicht unmöglich ist, sich das eigene Nichtsein vorzustellen. Davon abgesehen verbinden viele mit dem Tod den traurigen Verlust liebgewonnener Menschen und Lebensgüter. Todesangst ist auch und vor allem Trennungsschmerz.

Dennoch ist Todesangst durchaus sinnvoll. Biologisch betrachtet leistet sie einen wesentlichen Beitrag zum menschlichen Überleben, setzt sie doch die Vorsicht vor das Wagnis und dient so der Gefahrenabwehr. Von Natur richtet der Mensch geradezu automatisch seine Kräfte auf die eigene Erhaltung. Todesangst wiederum gehört zu den Gefühlen eines Lebewesens, das sich nicht aufgeben möchte. Solange noch Leben im Körper glimmt, empfindet der Einzelne seine Fortdauer geradezu als selbstverständlich und den Tod als Gewalttat und Skandal, als größtmöglichen Verlust.

Letzte-Hilfe-Koffer

In der Antike gab es fast ein Jahrtausend lang eine lebendige Trostliteratur philosophischer Art, die später von christlichen, geistlichen Erbauungsschriften verdrängt wurde. Ob Cicero, Epikur oder Lukrez, sie alle suchten mittels einer Reihe geistreicher Reflexionen die existenzielle Harmlosigkeit des Todes nachzuweisen, davon ausgehend, dass alle düsteren Affekte im Zusammenhang mit Sterben und Tod auf bloßen Fehlurteilen beruhen, die mit rationalen Argumenten widerlegt werden könnten.

Seit jeher erfreut sich zum Beispiel das sogenannte Symmetrieargument größter Beliebtheit. Zahlreiche Gelehrte stellen die Zeit vor unserer Geburt mit der Ewigkeit nach unserem Tod gleich. Da uns das Nichtsein vor unserer Geburt nicht belastet, soll uns der Zustand nach dem Tod auch nicht weiter quälen, ist dieser doch nur sein Spiegelbild. Noch populärer als dieses verblüffende Argument ist eine brillante Einsicht Epikurs, der darauf hinweist, dass alles Gute und Schlimme für uns Menschen auf Empfindungen beruhe, der Tod aber das Ende aller Empfindungen sei, weshalb es mit ihm auch nichts auf sich habe. Mit Büchners Woyzeck gesprochen: Man kann nicht mehr frieren, wenn man erst einmal kalt geworden ist.

Aber ganz so einfach liegen die Dinge leider nicht. Anfang und Ende, Geburt und Tod sind weder austauschbar noch symmetrisch. Den Unterschied markiert das Leben dazwischen. Wir möchten das Morgen erleben, selbst wenn uns das Nichtsein nach unserem Tod gleichgültig sein sollte. Somit ist nicht das Nichts, das uns bevorsteht und dem vorgeburtlichen Nichts gleicht, das eigentliche Problem, sondern das Eintauchen ins Nichts. Selbsterhaltungstrieb, Verlust und Angst vor dem letzten Moment geben dem postletalen Nichtsein ein existenzielles Gewicht, das dem pränatalen Nichtsein fehlt. Deshalb vermag auch Epikurs stupende Einsicht nicht das Schaudern vor dem Tod gänzlich zu besiegen. Der Tod bleibt ein existenzielles Übel, weil er einem das Leben nimmt, das man bei durchschnittlicher Vitalität gerne fortgeführt hätte.

Kosmische Bescheidenheit

Mithin zeigen sich die maßvollen Tröstungen der Philosophie erst dann der Todesangst gewachsen, wenn sie von einer tief verwurzelten Lebensüberzeugung getragen werden, die ihnen auch entspricht. Es genügt nicht, sich solche Weisheiten vor Augen zu führen. Hinzu muss eine gelebte Grundhaltung kommen, die ihnen gemäß ist.

Von allen Seiten her ist unser Dasein begrenzt. Wer die Erde von einer fernen Galaxie aus betrachtet, der wird automatisch des geringen Platzes gewahr, den der blaue Planet im Weltraum einnimmt, und der kurzen Zeit, die er darin verweilt. In räumlicher Hinsicht marginal und in zeitlicher Beziehung ephemer – so offenbart der Kosmos unsere Nichtigkeit. Es kommt auf niemanden darin an.

Franz Josef Wetz ist Philosoph und lehrt an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd.

Diese desillusionierende Sicht auf den Menschen kann sowohl demütig machen als auch demütigen. Allerdings kann sie auch einen wichtigen Beitrag zur Absenkung unserer Todesangst leisten. Denn die Erkenntnis, ein flüchtiges Pünktchen im unermesslichen Weltall zu sein, lehrt den Himmels- und Selbstbetrachter, sich nicht mehr so wichtig zu nehmen und von sich selbst abzusehen. Wer die eigene Geringfügigkeit verinnerlicht, dem wird es vermutlich leichter fallen, sich ins Unausweichliche zu fügen. Endlich können rationale Argumente zur Überwindung der Todesangst ihre tröstliche Kraft entfalten.

Dennoch: Durch das tief eingeprägte Bewusstsein eigener Geringfügigkeit wird ja nicht unser Lebenswille ausgeschaltet, der auch gar nicht aufgehoben werden darf, wenn wir unseren Alltag und unser Dasein weiter erfolgreich meistern möchten. Solange ist auch die Todesangst nicht vollständig gebannt.

Darum bleibt fraglich, ob eine intensive Beschäftigung mit dem Tod das Sterben wirklich leichter macht. Normalerweise verliert alles, sogar das Glück, durch Gewöhnung an Intensität. Was aber im Falle des Glücks bedauerlich ist, soll nun für das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit von Vorteil sein? Dass die bloße Gewöhnung an die persönliche Sterblichkeit dieser traurigen Wahrheit nicht immer den Stachel zu ziehen vermag, zeigen die Beispiele von Simone de Beauvoir, Susan Sontag, Elias Canetti und Hans Blumenberg. Sie alle taten sich – allen Vertröstungen und Beschönigungen zum Trotz – damit schwer, dem Leben sein Ende zu verzeihen, gerade weil sie wussten, dass es unaufhaltsam darauf zusteuert.

Aus diesem Grund gilt es die richtige Balance zwischen verständiger Selbstentsagung und entschlossener Selbstbehauptung zu finden. Wer das gesuchte Gleichgewicht verfehlt, weil er seine Unerheblichkeit zu stark empfindet, wird nicht mehr lebensfähig sein; wer dagegen ohne Abstriche hartnäckig auf seinem Dasein beharrt, wird vor lauter Todesangst nicht mehr froh werden. Leider gibt es keine praktikable Regel, mit der sich die erstrebte Ausgewogenheit zwischen Lebensbejahung und Lebenspreisgabe herstellen lässt.


Franz Josef Wetz streitet für eine neue Kultur des Abschieds. Sein Buch „Tot ohne Gott“ ist 2019 in zweiter Auflage im Alibri-Verlag erschienen und kostet 20 Euro.

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