Anzeige

Die Erde rettet man nicht mit Machtspielen

Die Umweltbewegung „Extinction Rebellion“ soll eine Sekte sein? Ich bin mit den Weltuntergangsphantasien der Zeugen Jehovas aufgewachsen. Ich weiß, dass dieser Vorwurf nicht stimmt.

Von Stefanie de Velasco, Berlin

Performance-Kunst im Aufstand gegen die Klimakrise und den ökologischen Kollaps: Die „Red Rebels“ in der „Extinction Rebellion“ vor drei Wochen in Berlin, an der auch die Autorin teilnahm. Foto: Extinction Rebellion Deutschland / CC BY 4.0

Als Kind saß ich oft an verregneten Nachmittagen im Nähzimmer meiner Mutter und blätterte durch „Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben“. Ich konnte noch nicht lesen, musste ich auch nicht. Die große Schlacht von Harmagedon wurde im Paradiesbuch – so nannten wir Zeugen Jehovas dieses Standardwerk – nicht nur beschrieben, sondern vor allem eindrucksvoll bebildert: Aufgerissene Straßen verschlingen Menschen, Brücken und Hochhäuser fallen in sich zusammen, Tote liegen auf der Straße. Mit diesen Zukunftsszenarien wuchs ich bei den Zeugen Jehovas auf.

Über dieses Leben in permanenter Alarmstimmung habe ich einen Roman geschrieben, ein Leben, das ich als Teenager glücklicherweise hinter mir ließ. Heute holen mich die Bilder meiner Kindheit jedoch unverhofft ein – letzten Sommer, als sich genau über meinem Schrebergarten eine Gewittersuperzelle entlud oder im Jahr davor, wo ich als Stipendiatin der Villa Aurora verweilte und mit meinem Hund durch die Hügel Malibus spazierte, vorbei an toten Bäumen und ausgetrockneten Flussbetten – eine stille, tote Landschaft. Einmal traf ich einen Ranger. „Ready to burn“, sagte er und blickte traurig über die verdorrten Baumkronen, als sei er ganz allein dafür verantwortlich. Ich kannte das schlechte Gewissen, das ihn plagte, die Ohnmacht angesichts der Klimakrise.

Es ist doch schon Ironie des Schicksals: Da schreibe ich über sechs Jahre an einem Roman, um den fiktiven Weltuntergang zumindest literarisch hinter mir zu lassen, um mich anschließend in einer Realität wiederzufinden, in der ein Hitzerekord den nächsten jagt, und plötzlich sogar Kinder anstatt in die Schule auf die Straße gehen, um ihr Überleben und das der nachfolgenden Generationen zu sichern.

Die Wirklichkeit auf den Kopf gestellt

Anders als bei den Zeugen Jehovas sind die Weltuntergangsszenarien der Gegenwart keine Fiktion, sondern basieren auf wissenschaftlichen Fakten und sind somit das Gegenteil dessen, was Weltuntergangssekten predigen und als „Wahrheit“ verkünden. Paradoxerweise wird die Drastik dieser Fakten von der Politik jedoch nicht in dieser Form an die Bevölkerung zurückkommuniziert. Als „Breaking bad news“ bezeichnen Ärzte Kommunikationsstrategien zur Überbringung schlechter Nachrichten, doch der Bundesregierung fehlt sowohl der Wille, diesen Job zu übernehmen, als auch der Mut die daraus folgenden Konsequenzen zu ziehen.

Die Autorin Stefanie de Velasco – Ihr neuer Roman „Kein Teil der Welt“ über das Aufwachsen bei den Zeugen Jehovas ist vor kurzem im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. Foto: Joachim Gern

Anfang Oktober forderte die Bewegung „Extinction Rebellion“ genau das: Ein sofortiges Handeln der Politik. „Extinction Rebellion“ orientieren sich am produktiven Machtbegriff von Hannah Arendt („sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen handeln“) und an der gewaltlosen direkten Aktion, die schon Martin Luther King als erforderlich für jeglichen gesellschaftlichen Wandel hielt, denn sie will „eine Krise herbeiführen, eine schöpferische Spannung erzeugen, um damit eine Stadt zu zwingen, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen“.

An den Blockaden, von denen Anfang Oktober nicht nur Berlin, sondern Großstädte weltweit betroffen waren, habe ich teilgenommen. Nein, ich war kein verkleideter Schmetterling und auch keine von den sogenannten „Red Rebels“, die mich mit ihren Performances immer an die Osterfestprozessionen in Spanien erinnern. Ich war in der Logistik tätig, habe im Klimacamp bei der Versorgung geholfen, mich aber auch im handlichen Päckchen von zwei freundlichen Polizeibeamten aus der Sitzblockade vorm Bundesministerium für Umwelt wegtragen lassen.

Die alteingesessene Linke scheint verunsichert durch diese neue Form des Protests. Jutta Ditfurth warnte in der F.A.Z. explizit vor „Extinction Rebellion“. Die Bewegung sei eine esoterische Endzeitsekte, welche an die Apokalypse glaube und Selbstaufopferung empfehle. Als jemand, der mit dem Glauben an den Weltuntergang groß geworden ist, der die perfide Suggestion fiktiver Ängste von klein auf kennt, verwundert mich diese Kritik. Sie alarmiert mich jedoch in erster Linie, weil sie die Wirklichkeit auf den Kopf stellt und damit das aktuelle Dilemma linker Bewegungen verdeutlicht.

Alte Linke sind verunsichert

Letzten Sommer lag ich oft nachts wach. Meine Wohnung hatte sich auf 30 Grad aufgeheizt, an Schlaf war nicht zu denken, doch es war nicht nur die Hitze, die mich wachhielt: Schlechtes Gewissen und Ohnmachtsgefühle plagten mich. Oft roch es morgens nach Rauch, in Brandenburg brannten die Wälder. Eigentlich hätte ich erleichtert sein sollen, stolz auf die Beendigung meines Romans. Stattdessen war ich völlig frustriert.

Die Hitze, der Aufstieg der AfD, die vielen Toten im Mittelmeer, der Hass im Netz ließen mich auch als Autorin verstummen. Ich fragte mich, was ich bloß als nächstes schreiben sollte. Keine Ahnung. Worüber, wenn es an jeder Ecke brennt? Manchmal ging ich zu den „Fridays for Future“-Demos, eine beglückende und zugleich deprimierende Erfahrung – auf der Bühne sprachen junge Menschen viel zu vernünftig und erwachsen über die Zukunft, einige Kinder hielten sich in den Armen und weinten.

Sie taten mir leid, ich wusste, wie es sich anfühlte mit der eigenen Auslöschung konfrontiert zu werden. Ich verstand diese Eltern nicht, die diesen Kindern dafür noch auf die Schultern klopften und bei Instagram süße Demoplakate vom Nachwuchs posteten. Kinder müssen in Freiheit und Geborgenheit aufwachsen, hatte das nicht Astrid Lindgren in der Paulskirche gefordert? Wieso ließen wir Erwachsenen das zu anstatt zu sagen, geht in die Schule, wir kümmern uns und zwar sofort?

Mein Umfeld reagierte verständnislos. Ich solle mal den Teufel nicht an die Wand malen. Es werde schon alles gut. Grüne Technologie sei auf dem Vormarsch, es gäbe doch Milliardeninvestitionen.

Das Märchen vom Wachstum

Das Mantra der freien Märkte, das „Märchen vom unendlichen Wachstum“ wie Greta Thunberg es formuliert, erinnern mich viel mehr an die verschwurbelte Lehre der Zeugen Jehovas, als die klaren Worte von „Extinction Rebellion“ und „Fridays for Future“. Es gibt keine grüne Supertechnologie, die uns vor den Folgen eines Klimazusammenbruchs beschützen wird, keine Pläne für eine Mauer rund um die Polkappen, keine Co2-fressenden Roboter, genau so wenig wie es die vierbeinigen Kampfläufer aus den Kuat-Triebwerkswerften des Galaktischen Imperiums gibt.

„Climate Sorrow“, so nennt die feministische Psychoanalytikerin Susie Orbach das Gefühl, dass die Klimakrise nicht nur bei der jungen Generation, sondern auch bei vielen Erwachsenen wie mir auslöst. Bei „Extinction Rebellion“ habe ich Gleichgesinnte gefunden, die unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft und Bildung meine Ängste und Sorgen teilen. Ich habe dort einen Raum gefunden, in dem ich darüber reden kann, wo aber gleichzeitig ein sachlicher Ausblick geboten wird: Der friedliche Protest und die Vision einer anderen Zukunft.

Bildergallerie zur „Rebellion Wave“ in Berlin: Klicken oder Tippen öffnet die größere Ansicht.

Manche mögen es lächerlich finden, dass ich um das Massensterben von Insekten und Vögeln trauere. Das halte ich gern aus. Was ich nicht mehr aushalten kann ist die Unbeweglichkeit der Politik. Wenn andere das radikal und esoterisch finden, wenn Trauer um die Zerstörung unseres Planeten, friedlicher ziviler Ungehorsam, Blockaden und kreativer Protest mit religiösem Märtyrertum verglichen wird, zeigt das nur auf, in welchem Dilemma sich alle politischen Lager gleichsam befinden und bestätigt mich eher in meiner Haltung.

Ich bin nicht allein, viele Menschen fühlen sich ohnmächtig: 1,5 Millionen Menschen gingen im September auf die Straße, um für Klimagerechtigkeit zu streiken. Für diese Menschen ist das Klimaschutzpaket ein Schlag ins Gesicht. Die Angst vor einer ökologischen Katastrophe als irrational abzutun ist in Wirklichkeit viel irrationaler als die Sorge um die Zukunft der Erde.

Protest muss friedlich sein

Harsch kritisiert Ditfurth auch den deeskalierenden Umgang von „Extinction Rebellion“ mit der Polizei, so als sei es geradezu eine Frechheit, sich Polizeibeamten gegenüber respektvoll zu verhalten. Es stimmt, dass Menschen, die ihr Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit ausüben, in Deutschland immer wieder Opfer von Polizeigewalt werden, dass es rassistische Strukturen gibt und viele Beamte mit der AfD sympathisieren, aber das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, und Polizistinnen und Polizisten sind in erster Linie Menschen – Väter und Mütter, die sich wahrscheinlich ähnliche Sorgen um künftige Generationen machen wie ich.

Was wir brauchen ist friedlicher Protest und zwar jetzt, denn in hundert Jahren – das sage nicht ich, sondern Stephen Hawking – wird es kaum noch möglich sein für Menschen auf der Erde zu überleben, wenn sich nicht sofort etwas ändert. Hawking plädierte dafür, so schnell wie möglich den Mars zu kolonisieren. Ich plädiere für ein Leben auf der Erde, für eine sofortige Dekolonisierung der Natur, eine Dekolonisierung unseres Denkens, das die Ursache für die Misere ist, in die der Westen die Welt gebracht hat.

Vor hundert Jahren formierte sich in der deutschen Literatur die „Neue Sachlichkeit“. Sie zielte darauf ab, die Realität objektiv darzustellen. Es war eine nüchterne und zugleich sehr emotionale Prosa. Politisch ist eine solche neue Sachlichkeit dringend wie nie zuvor. Der Impetus von „Extinction Rebellion“ mag alarmierend und emotional erscheinen, ist aber lediglich die Konsequenz sehr nüchterner Analyse.

Das ist die neue Sachlichkeit

Ich bin froh, dass es „Extinction Rebellion“ gibt. Seitdem ich mehr tue als Petitionen zu unterschreiben und meinen Konsum einzuschränken, fühle ich mich nicht mehr so ohnmächtig. Manchmal bin ich traurig und weine, so wie die Kinder bei „Fridays for Future“. Na und? Ich kann jedenfalls wieder schreiben, ich schreibe an einem neuen Roman und er wird sogar lustig!

Die letzten Seiten von „Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben“ mochte ich als Kind am liebsten: Jungen und Mädchen streichelten Löwen, Pandas tollten auf blühende Wiesen, die Bäume hingen voller rotbackiger Äpfel. Ich glaube nicht mehr an das Paradies, genau so wenig wie an die Apokalypse. Woran ich jedoch glauben will, ist ein Systemwandel, durch den sich nicht nur der Planet, sondern auch die westliche Zivilisation mit ihrem Festhalten an der fossilen Energie, der vertikalen Hierarchie zu regenerieren lernt.

Denn eine Gesellschaft wie die unsere, deren Frieden auf einem Wohlstand beruht, der wiederum darauf basiert, den Planeten und seine Lebewesen auszubeuten, ist nur vordergründig befriedet. Die Herausforderung ist zu groß, dringend und komplex, um sich in Machtkämpfen zu verlieren. So ist dies auch eine Einladung an Kritikerinnen und Kritiker zum Dialog – oder um mit den Worten einer jungen „Fridays for Future“-Aktivistin zu sprechen, die im Sommer eine ähnliche Einladung aussprach: „Auch an Volkswagen, selbst wenn ihr so viel Scheiße gebaut habt.“ Love and Rage!

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Anzeige