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„Ich kann viel besser dumme Fragen stellen.“

Bescheiden gab sich John Lanchester im Interview mit der Zeit. Fragen stellt der britische Schriftsteller in seinem Buch „Die Sprache des Geldes – und warum wir sie nicht verstehen (sollen)“ aber gar nicht, dumme erst recht nicht. Sein Anspruch ist, über die Finanzwelt aufzuklären, so dass wir als mündige Bürger*innen mitreden können und nicht nur Expert*innen das Feld überlassen.

„John Lanchester besitzt eine seltene Gabe: Er kann brillante Romane genauso schreiben wie erhellende Sachbücher.“ (Caspar Dohmen, Süddeutsche Zeitung)

Das Buch ist  gut und verständlich geschrieben. Ein rund 80-seitiger Text- und Einleitungsteil ist übersichtlich gehalten und führt in die Wirrnisse der Finanzsprache ein. Es folgt eine Art Glossar der wichtigsten Begriffe. Und – großes Erstaunen – man versteht auch als Laie das meiste, was angesichts des Themas dann doch nicht unbedingt zu erwarten war.

Dass zunächst nicht alles verfängt, hat dann wohl damit zu tun, dass mit Begriffen ohne eine erklärende Erzählung um sie herum wenig anzufangen ist. Was Lanchester im Folgenden aber doch gut gelingt, ist, Wirtschaft als komplexen und verwobenen Gegenstand zu erfassen und erste Zusammenhänge aufzuzeigen. Hinzu tritt für den*die Leser*in die Einsicht, dass Finanzsprache so gar nichts mit intuitivem Erfassen zu tun hat, sondern so manches Wort das Gegenteil dessen bedeutet, was es zunächst suggeriert  Dass diese spezielle Sprache nur von Eingeweihten verstanden und gegenüber  „Normalsterblichen“ nicht gebraucht wird, verkompliziert die Sache nur zusätzlich. Lanchester spricht hier von „Gegenteilisierung“.

Hedgefonds und „Bail-outs“

Nehmen wir „Hedgefonds“. „Hedge“ ist das englische Wort für Hecke. Da mag der*die gemeine Konsument*in denken, dass etwas begrenzt und eingehegt würde, was eine Hecke nun mal so macht. Tatsächlich läuft hier nichts in engen Bahnen. Im Gegenteil, in und durch Hedgefonds fließen ungeheure Mengen an Kapital. Es wird eine Wette gestellt und durch eine Zweitwette auf das gegenteilige Ergebnis abgesichert. Dabei sind beide Wetten in der Regel riskant und hochspekulativ, die meisten Hedgefonds scheitern denn auch noch. Doch solange spekulieren sie, und das nicht zu knapp: 2014 umfasste ihr Gesamtkapital  rund 3 Billion US-Dollar. Noch schärfer ins Gegenteil verkehrt wurde die ursprüngliche Bedeutung sogenannter „Bail-outs“. Bail-out meint heute die Rettung eines in Schieflage geratenes Finanzinstitut mittels öffentlicher Gelder. Ursprünglich darunter zu verstehen ist im Englischen in etwa „Wasser aus einem Boot schöpfen“. Aus von Insolvenz bedrohten Banken geschöpft wird bei einem Bail-out freilich nichts, eher wird etwas in sie hineingeschaufelt, Steuergeld nämlich. Immerhin: Um eine Rettung geht es noch.

Gegenteilige Bedeutungen wie diese, meint Lanchester, entstanden durch den ständigen Druck, Dinge besser dastehen zu lassen als sie es sind, „mehr Saft aus der Orange pressen zu müssen“. Permanenter Innovationsdruck wirke sich auch auf die Sprache aus, bringe also nicht nur immer neue, oft genug obskure Finanzprodukte hervor, sondern eben auch reichlich sprachliche Stilblüten. Der Fehler wohnt dem System inne.
In ähnlicher Weise erklärt Lanchester auch weitere Begriffe aus der Finanzwelt. Acht Jahre habe er gebraucht, um die Sprache zu verstehen. Beruhigend.

„Gewinne in selbstsüchtiger Manier maximieren“

Noch komplexer wird die Sache durch zwei weitere Faktoren. Zum einen gibt es auf eine wirtschaftswissenschaftliche Frage  oft divergierende und mehrfach mögliche Antworten, aus A und B folgt nicht zwingend C, sondern vielleicht auch D, E, F oder etwas ganz anderes.  Hier schließt sich die Kritik des Autors an: Wir können nicht immer behaupten, der (neoliberale) Markt regle alle Probleme. Lanchester bestreitet nicht, dass dieser erfolgreich Wirtschaftswachstum generiert, dies aber eben nicht immer und oftmals zu viel zu hohen Kosten, wenn beispielsweise die Ungleichheit unverhältnismäßig wächst, wie es in vielen Staaten nachweislich der Fall ist.

Die neoliberale Ökonomie, sagt Lanchester, biete gute Werkzeuge – die nicht immer oder manchmal auch nicht auf Dauer funktionierten – aber keine „ewige Wahrheit“, kein Dogma. Dies könne sie schon wegen ihres begrenzten Menschenbildes nicht, sieht sie im Menschen doch eher einen rationalen „Nutzenmaximierer“. Das sei freilich zu einseitig und damit nicht anwendbar auf die Kompliziertheiten des Lebens.

Das Finanzsystem ermögliche reichen Menschen, Gewinne selbstsüchtig zu maximieren. Wer hat, dem wird gegeben. Das aber könne nicht Aufgabe der Ökonomie sein, vielmehr solle sie konkrete Probleme angehen, neue Wege auch abseits der neoliberalen Ökonomie finden. Und das umfasst womöglich auch eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte, die noch nicht in Sicht ist, die nächste Krise dafür aber umso eher.

Also: Mit seinem Buch gibt John Lanchester seinen Leser*innen ein paar Werkzeuge an die Hand. Auf dass sie mit ihnen  dumme, vielleicht ja sogar kluge Fragen stellen mögen. Um sich eine valide Meinung zur Finanzwelt bilden zu können, kann das Verständnis ihrer Sprache nur hilfreich sein. Und letztlich ist das angesichts der Wichtigkeit des Themas auch für demokratische Prozesse nicht ganz unwichtig. Ah, und noch ein Tipp des Autors zum besseren Verstehen der Wirtschaftssprache: Jeden Tag die Financial Times lesen. Na dann!

John Lanchester: „Die Sprache des Geldes und warum wir sie nicht verstehen“
Übersetzt von Dorothee Meckel, Klett-Cotta Verlag, 352 Seiten, 19,95 Euro.

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