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Philosophie der Alltäglichkeit: Alain de Botton und The School of Life

Philosoph, Schriftsteller und Produzent Alain de Botton realisierte mit The School of Life mehr als ein Denkangebot für seine Zielgruppe. Er entwirft philosophische Skizzen, wagt sich an Themen des Alltags heran, die inhaltlich eher im Selbsthilfe-Regal der Buchhandlungen verstauben und verleiht dem etwas überstrapazierten Self-Help-Genre dabei einen neuen Anstrich.

Das Veranstaltungsangebot von The School of Life ist umfassend und beinhaltet Seminare, Workshops, Vorträge und andere Events. Hier spricht Alain de Botton bei der The School of Life Conference.

Nach seinem Studium der Geschichte und Philosophie an der Cambridge University und am Londoner King’s College beginnt Alain de Botton in Harvard an seiner Dissertation zu schreiben. Kurz darauf kehrt er der akademischen Welt den Rücken und ist seitdem vor allem als Schriftsteller und Produzent tätig. Dass man in Schulen und an Universitäten vieles lernt, nur nicht das, was im Leben wirklich wichtig ist, bewegt ihn schließlich dazu,The School of Life zu gründen, ein zuerst 2008 in London etabliertes Konzept mit mittlerweile zwölf weiteren Standorten weltweit. In Metropolen wie Amsterdam, Paris, Melbourne und São Paulo gibt es Zweigstellen der sogenannten „Schule das Lebens“, seit 2016 auch in Berlin.

Alain De Botton hat sich in der Tat ein kleines Ratgeber-Imperium aufgebaut und The School of Life ist seit der Gründung vor über zehn Jahren zu einer regelrechten Marke avanciert. Vom traditionellen Workshop bis hin zum YouTube-Kanal mit fast fünf Millionen Abonnenten und einem bunten Online-Shop mit Fan-Artikeln, The School of Life stellt dem modernen Menschen all das zur Verfügung, was er auf dem Weg zur vermeintlichen Selbsterkenntnis mehr oder weniger gebrauchen kann. Dabei basiert das generelle Konzept von The School of Life auf der Idee, einen Raum zu schaffen, in dem konkret gelernt werden kann, was der abstrakte Lehrstoff an Schulen und Universitäten eben nicht vermitteln kann, nämlich, wie wir Menschen ein möglichst „gutes“ und erfülltes Leben führen können — gnothi seauton für Millennials, irgendwie.

Alain de Botton während eines Interviews in Zürich.

Wie de Botton Ihr Leben verändern kann könnte der Titel von Alain de Bottons Gesamtwerk lauten, angelehnt an seinen Ratgeber Wie Proust Ihr Leben verändern kann eine Anleitung basierend auf Marcel Prousts modernem Klassiker Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Darin bricht de Botton Prousts große Themen auf das Wesentliche herunter und erklärt beispielsweise, wie man sich Zeit nimmt, erfolgreich leidet oder in der Liebe glücklich wird. Vor allem der YouTube-Kanal von The School of Life, auf dem regelmäßig neue Videoclips zu verschiedenen Themenschwerpunkten erscheinen, bietet einen regelrechten Fundus an kleinen Gebrauchsanleitungen für ein besseres, klügeres und erfüllenderes Leben. Die durchgebrandete Ästhetik und das moderne Design der Ratgeber-Clips gepaart mit de Bottons Eloquenz und Witz sowei seinen vereinfachten philosophischen Exkursen heben das Konzept von The School of Life doch schon deutlich von dem angestaubten Image des Selbsthilfe-Genres ab. In wenigen Minuten werden hier kleine und große Fragen der Menschheit analysiert. Dabei ist es zwar nicht möglich, eine extreme thematische Tiefe zu erreichen, aber de Botton ist zweifelsfrei Sprachökonom und schafft es, mit minimalen Inhalten maximale Botschaften zu transportieren und dabei Ansätze aus Bereichen wie Kunst, Literatur, Psychologie und Philosophie zu vermitteln, mit dem Fokus darauf, wo diese sich in unserem konkreten Alltag manifestieren.

Die Clips sind in gewisser Weise Erklär-Videos der eigenen Psyche mit dem Schwerpunkt auf Liebesbeziehungen, dem Bezug zum Selbst, dem Arbeitsleben, Beziehungen oder auf prägenden Kindheitserlebnissen. Das Video Why You Should Read Self-help Books geht darauf ein, dass es keine Form der Literatur gibt, die häufiger Hohn und Spott ausgesetzt ist, als das Genre der Ratgeber-Literatur. Denn: Sollte man als vernünftig denkender Mensch nicht einfach wissen, wie man zu leben hat und sich dabei auf den gesunden Menschenverstand verlassen können?

De Botton erläutert in dem Video auch, in welcher Form ratgeberähnliche literarische Gattungen schon in der Antike ganz selbstverständlich existierten und für die Leserschaft Anleitungen zum guten Leben bereitstellten. Ein großes Bestreben der antiken Schriftsteller und Philosophen war es nämlich, durch derartige Anleitungen den Rezipienten emotional zu bilden und eine Art Leitfaden für ein erfülltes Leben anzubieten. Platon, Aristoteles, Cicero, Seneca oder Plutarch, alle haben sie sich laut de Botton dem Genre der sogenannten Selbsthilfe-Literatur verschrieben und dabei versucht, den Menschen beizubringen, wie man richtig lebt und stirbt.

In der heutigen ergebnis- und zielorientierten Gesellschaft definieren wir unsere Erfolge zwar verstärkt darüber, uns besonders viele Fähigkeiten und umfangreiches Wissen anzueignen, oft bleibt dabei aber das noch wesentlichere Rüstzeug für ein gutes Leben auf der Strecke. Warum scheitern intelligente Menschen so oft auf emotionaler Ebene und warum führt Intelligenz nicht automatisch zu emotionaler Intelligenz?

Alain de Botton versucht, Antworten auf diese Fragen zu geben und einen “wiser way of living“ zu promoten. Menschliche Gefühle und Verhaltensweisen bricht er sowohl in seinen Romanen als auch in themenspezifischen Essaysammlungen und seinen YouTube-Videos pointiert auf des Wesentliche herunter und versucht dabei, die menschliche Psychologie zu veranschaulichen. Themenwelten wie Das Hochstapler-Syndrom, Existenzkrisen oder Die Wichtigkeit des Stoizismus finden dabei ebenso Beachtung wie die Fragen Wer bin ich, Was ist emotionale Intelligenz, Wie mit Depressionen umgehen, Was tun bei Panikattacken und kurze Abhandlungen über Die große Mühe, faul zu sein, Die Wichtigkeit einer unglücklichen Jugend oder den Sinn von Freundschaft.

Ein kurzes Klicken durch die Playlist des YouTube-Kanals von The School of Life lässt erkennen, dass es Alain de Botton inhaltlich vor allem um Selbsterkenntnis und Analysen typisch menschlicher Strukturen geht. Dabei reizt ihn vor allem das Antithetische. Der Kontrast von rationalem Denken und unserer Erfahrung, von kulturellem Wissen und dem Bereich der Emotionalität, von Intelligenz und menschlichen Gefühlswelten oder — wie er es selbst nennt — „the dramas of the heart.“

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