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Zukunftsvisionen von „besseren“ Menschen

Ein Wochenende im Zeichen des Transhumanismus: Unter diesem Titelthema hat das populärwissenschaftliche Symposium der philoscience Gesellschaft für Wissenschaftsvermittlung am vergangenen Wochenende wieder mehrere hundert Gäste in der Stadthalle Fürth zu Vorträgen und lebhaften Diskussionen zusammengeführt.

Beim 21. turmdersinne-Symposium wurde am vergangenen Wochenende in Fürth ausgiebig über das Thema Transhumanismus diskutiert. Der Titel der Veranstaltung lautete „Bessere Menschen? Technische und ethische Fragen in der transhumanistischen Zukunft“ und trotz dieses zugegebenermaßen recht speziellen Themas, erfreute sich das populärwissenschaftliche Symposium vieler interessierter Besucher*innen. Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen, wie etwa Politikwissenschaften, Philosophie, Informatik, Ethnologie, Medizin und Psychologie, trafen sich vom 11. bis 13. Oktober, um dem Publikum verschiedene Aspekte von Chancen und Gefahren der technischen Erweiterbarkeit des Menschen vorzustellen. Moderiert wurde die Veranstaltung auch dieses Jahr wieder von Dr. Sebastian Bartoschek. Der Moderator, selbst promovierter Psychologe und freier Publizist, freute sich vor allem darauf zu erfahren, wovon beim Transhumanismus wirklich die Rede ist, welche Perspektiven es gibt, was die Diskurse sind. Gerade auch deshalb, weil das Thema als solches zukünftig immer relevanter werden wird. Und auch das neugierige Publikum schien ähnliche Fragen zu beschäftigen – zur direkten Diskussion mit den Expert*innen gab es wie jedes Jahr auch wieder zahlreiche Gelegenheiten zwischen den Vorträgen. Und diese wurden von den Teilnehmer*innen intensiv für einen regen Austausch über das Thema genutzt.

Das turmdersinne-Symposium ist als populärwissenschaftliches Ereignis seit über 20 Jahren eine Plattform für einen multidisziplinären Dialog mit der interessierten Öffentlichkeit. Ausgerichtet wird es von philoscience, einer gemeinnützigen Gesellschaft für Wissenschaftsvermittlung, die u. a. in einem historischen Stadtmauerturm in der Nürnberger Altstadt ein Hands-on-Museum betreibt.

An den lebendigen Diskussionen war zu erkennen: Das Thema Transhumanismus ist nach wie vor relevant – und es polarisiert. Fragen wie „Wie wird die voranschreitende Technologisierung unseren Alltag beeinflussen?“, „Wie eng arbeiten wir zukünftig mit Robotern zusammen?“, „Tritt der Mensch demnächst in einen Wettstreit mit intelligenten Maschinen?“ und „Wie verändert sich die Natur des Menschen durch den Einsatz von Implantaten und durch gentechnische Verfahren – kann es sogar zu einer Verschmelzung von Mensch und Maschine kommen?“ kamen an dem Wochenende nicht zu kurz und die durchweg spannenden Vorträge zeigten ethische und gesellschaftliche Herausforderungen einer transhumanistischen Zukunft auf. Außerdem warf Expert*innen aus der Medizin einen Blick auf die technischen Möglichkeiten in der Neuroregeneration und der intelligenten Prothetik. Die Referent*innen thematisierten die Untrennbarkeit von Mensch und Technik oder die Herausforderungen einer inklusiven Gesellschaft im Kontext des Cyborg-Begriffs. Auch Themen wie Gender und Technik, die Ethik des Neuroenhancements und Robotik in der Psychotherapie wurden interessiert und aufgeschlossen von Vortragenden und Zuhörer*innen besprochen.

Während der Podiumsdiskussion gaben Enno Park und Prof. Dr. Bertolt Meyer dem Publikum auch ein paar persönliche Einblicke: 56.000 Euro hat die bionische Handprothese von Meyer gekostet, 60.000 Euro die beiden Cochlea-Implantate von Park. Außerdem weiß man nun, dass Meyers Handprothese hitzebeständig bis 180 Grad Celsius ist.

Die Kosten für Enno Parks Cochlea-Implantate wurden übrigens voll von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Ebenso habe er dafür eine Batterie-Flatrate auf Lebenszeit, weswegen er das gesundheitliche Versorgungssystem in Deutschland deutlich lobte.

Meyer wies in der spannenden Diskussion auch darauf hin, dass viele Begriffe in der Transhumanismus-Debatte, vor allem auch der Begriff des Cyborgs, zur Beliebigkeit verwässern. Das führte er auch darauf zurück, dass Menschen generell in Kategorien und Schubladen denken und stark von stereotypen Denkstrukturen geprägt sind.

Auch der Begriff des „Cyborg“, der der breiten Masse vor allem von den Star-Trek-Borg bekannt ist, basiert auf einem solchen Stereotyp. Es kommt darüber hinaus zu einer Art Austausch der Stigmatisierung, denn der stigmatisierende Begriff des „Behinderten“ wird durch den neuen, gleichermaßen negativ-stigmatisierenden Begriff des „Cyborg“ ersetzt.

Die Verschmelzung von Mensch und Technologie – das war eines der großen Themen beim turmdersinne-Symposium 2019. Ein Thema, das fasziniert und beunruhigt zugleich. In Hinblick auf eine transhumanistische Zukunftsvision bedeutet das: Die biologischen Grenzen des Menschen können unter anderem durch den Einsatz von (Gehirn-)Implantaten, Biohacking und Gentechnik, durch künstliche Intelligenz, aber auch durch die Einnahme von Psychostimulanzien überwunden werden. Auf der anderen Seite hält die Wissenschaft schon jetzt vielfältige Chancen bereit, vor allem im Bereich der neuroregenerativen Medizin: Neurotechnik, die in Rehabilitation und in der bioelektronischen Medizin dafür sorgt, dass dem Menschen durch intelligente Prothesen fehlende Gliedmaßen ersetzt werden oder durch Implantate das Hören und Sehen ermöglicht wird.

Am Samstagnachmittag begeisterte Prof. Dr. Alireza Gharabaghi das Publikum mit einem faszinierenden Vortrag zu den Chancen und Herausforderungen von Hirnschrittmachern und Neuroprothesen, bei dem er in Erfahrung bringen konnte, dass sich die Mehrheit des Publikums eher einen Herzschrittmacher als eine Hüftprothese implantieren lassen würde.

Das Get-Together am Samstagabend war ein weiteres Programmhighlight. Diskussionen konnten in entspanntem Rahmen fortgeführt werden, bei einem Glas Wein und kleinen Snacks. Die Stimmung war ausgelassen und auch der obligatorische Edutainment-Programmpunkt des turmdersinne-Symposiums durfte dabei nicht fehlen. In diesem Jahr begeisterten Katharina Weitz und Prof. Dr. Reinhold Scherer mit zwei gleichermaßen unterhaltsamen und intelligenten Science Slams, bei denen sie mit viel Humor ihre Forschungsergebnisse präsentierten. „Was ‚denkt‘ künstliche Intelligenz“ und „Hirn mit AI“ – darum ging es in ihren Slams. Das Publikum belohnte ihre anspruchsvollen Auftritte mit viel Applaus.

Das Symposium ist immer auch ein Ort, um sich zu vernetzen. In den Kaffeepausen konnte man sich mit anderen Teilnehmer*innen austauschen oder die Infostände im Foyer besuchen. Die Buchhandlung Jakob aus Nürnberg war mit einem bunten und vielfältigen Büchertisch, der thematisch passend mit ausgewählter Literatur über Transhumanismus bestückt wurde, vertreten. Hier konnte das Publikum in Publikationen der Referent*innen, Klassikern der Weltliteratur, Kinderbüchern oder ganz aktuellen Neuerscheinungen aus 2019 blättern. Und die beliebte tourdersinne-Austellung lud die rund 300 Teilnehmer*innen in den Pausen ein, ihre eigenen Sinne auf unterhaltsame und überraschende Weise zu erkunden.

Jetzt vormerken: „Zwischen Wahn und Wahrheit – Wissen im postfaktischen Zeitalter“ – Das nächste Symposium findet im Herbst 2020 statt. Lassen Sie sich dazu mit dem Newsletter von philoscience.de auf dem Laufenden halten.

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