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„Ich sehe nicht ein, warum wir so lasch sind“

Spätestens nach den jüngsten Wahlerfolgen der AfD in Brandenburg und Sachsen ist klar: Rechtsextreme und faschistische Gruppen sind auf dem Weg, eine gesellschaftliche und politische Größe auf Augenhöhe zu den sogenannten Volksparteien zu bilden. Philipp Ruch, Leiter des Zentrums für politische Schönheit, ruft alle Unterstützer*innen der offenen Gesellschaft zur Offensive auf.

„Der Journalismus muss schnellstens wieder lernen, Angriffe im Namen der Aufklärung und für den Humanismus zu fahren“, sagt der Philosoph und Aktionskünstler Philipp Ruch. Foto: © Gene Glover

Herr Ruch, die politische Aktionskunst des ZPS hat in den letzten Jahren offenbar immer wieder ins Schwarze getroffen. Die Vorbereitung der Aktionen erfolgte früher aber eher im Stillen. Warum gehen Sie mit dem lauten Ruf „Ächtet sie!“ nun so massiv in eine Offensive gegen die Netzwerke und Strukturen des Rechtsextremismus?

PR Aktionen sind in der Lage, einer Gesellschaft Impulse zu geben und sie in eine bestimmte Richtung zu lenken. Bücher sind dagegen eher Eingriffe in Debatten. Nach fünf Jahren „Mit Rechten reden“ habe ich mich entschieden, die Einwände und Argumente gegen unseren Umgang mit dem Rechtsextremismus zu formulieren. Es ist noch nicht zu spät. Wenn wir aber so weitermachen, gilt sehr bald: mit Rechten regieren. Der Faschismus hat eine ungeheure Geschwindigkeit. Im Jahre 1928 fuhr die NSDAP bei den Wahlen 2,6 Prozent ein. Knapp vier Jahre später wird sie mit 37,3 Prozent stärkste Partei. In vier Jahren von null auf hundert.

Wir haben es heute mit einer globalisierten demokratiefeindlichen Bewegung zu tun, die im Innersten auch aus dem Bundestag heraus agiert. Sie ist entschlossen, das System zu stürzen. Der Vorsitzende der AFD-Sachsen, die immerhin zweitstärkste Partei wurde, kündigt in aller Öffentlichkeit an, das „System“, also die Demokratie, abschaffen zu wollen. Das ist so furchtbar unangenehm am Faschismus: Dass er ankündigt, was er vorhat, und es später auch noch umsetzt. Niemand kann sagen, sie oder er hätte es nicht gewusst. Wir können es wissen. Und wir müssen etwas unternehmen. Unsere innenpolitische Appeasement-Politik muss aufhören. Sie hat uns an den Punkt gebracht, an dem wir heute stehen: die AFD ist drittstärkste Kraft im Bund. In Ostdeutschland bereits zweitstärkste Kraft. Wir müssen jetzt unseren Umgang mit ihr ändern. Wolfgang Kubicki wünscht sich mehr „Coolness“ gegenüber der AFD. Ich wünsche mir endlich Intoleranz. Was dieses Land braucht, ist eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Rechtsextremismus.

Unterschätzen Sie nicht die Kunst der Subversion und ihre Potenziale?

PR Dafür bin ich jetzt weniger bekannt. Das Zentrum für Politische Schönheit ist vor vielen Jahren auf die Macht der Fiktion gestoßen. Die menschliche Phantasie vermag Dinge, an denen der Journalismus sich die Zähne ausbeißt. Gerade wenn wir auf das Ertrinken im Meer oder auf den unbarmherzigen Krieg in Syrien gegen die Zivilbevölkerung schauen, dann können wir sagen, dass die Kunst wahrscheinlich mehr Öffentlichkeit mobilisiert hat als die Artikel im „Spiegel“. Im vierten Teil des Buches denke ich das einmal vor, was die Macht der Fiktion ist, die dem Journalismus im Angesicht der Gewalt und Menschenrechtsverbrechen nicht gelingen will. Und warum.

Es steht schlecht um den Humanismus, schreiben Sie in Ihrem neuen Buch. Es mag ja sein, dass ein Großteil des politischen Personals in den letzten Jahren für Humanismus kein großes Faible hatte, aber das ZPS und viele andere NGOs, Projekte und Netzwerke waren ja durchaus erfolgreich. Ist die Bilanz wirklich so schlecht?

PR Wir leben in einem Land, in dem der Kampf um die Menschenrechte an die Zivilgesellschaft delegiert wurde. Das ist zwar eine einmalige Chance, aber es ist auch unser Verderben. Der „Markt“, wenn Sie so wollen, wird von großen Organisationen wie Amnesty International dominiert. Die tun gerade rein gar nichts im Kampf um die Menschenrechte. Ich verstehe beim besten Willen nicht, was diese ganzen Online-Petitionen bringen sollen. Ich halte sie inzwischen sogar für böse. Vor dieser Einflusslosigkeit der großen Menschenrechtsorganisationen müssen wir uns fürchten!

In Ihrem für eine Konferenz der Bundeszentrale politische Bildung im Frühjahr geplanten Vortrag, von der Sie auf Betreiben eines rechtsextremen Staatsanwalts wieder ausgeladen wurden, haben Sie gesagt, wir bräuchten eine humanistische Alternative zu Medien wie „Breitbart“. Was fehlt Medien wie der „taz“, „Spiegel Online“, dem „Freitag“?

PR Die machen halt ihr Ding. Ich sehe in allen drei Medien Ansätze, den Humanismus zu vertreten. Aber was wir brauchen, ist eine klare Verteidigung des Humanismus. Die meisten Menschen sind einen angriffslustigen Humanismus doch gar nicht mehr gewöhnt. Die denken, das hat irgendwas mit der Predigt in der Kirche zu tun. Ein zahnloser Tiger. Und dann sehen sie die Arbeit des Zentrums für Politische Schönheit, die radikale Humanität und sagen sich: Ah, das geht doch noch! Vielleicht sind wir alle viel zu müde. Der Journalismus muss schnellstens wieder lernen, Angriffe im Namen der Aufklärung und für den Humanismus zu fahren. Ich sehe nicht ein, warum wir so lasch sind. Die letzten Überlebenden des Holocaust äußern sich in ihren Interviews ziemlich eindeutig und verheerend über den Zustand der deutschen Gesellschaft im Jahre 2019. Sie bekommen Angst, wenn sie das sehen. Und es erinnert sie durch die Bank an etwas. Dafür tragen wir alle die Verantwortung. Wir sind diese Gesellschaft. Und was wir bislang dulden, ist nicht akzeptabel. Schluss mit der Geduld!

Ein „Spiegel“-Redakteur bezeichnete die in Ihrem Buch angekündigte Regierungsübernahme durch die AFD in einem Interview vor kurzem als „durchgeknallt“. Etwas ähnliches hätte man vor 20 Jahren vermutlich auch über jede Prognose zur Entstehung einer Quasi-Volkspartei wie der AfD gesagt. Was fehlt dem „Spiegel“-Redakteur?

PR Der zweite Teil des Buches ist tatsächlich ziemlich wichtig. Darin wird in gestochener Schärfe bis in Details der worst case geschildert, wonach die AFD in Deutschland die Macht ergreift. Es ist zwar ein Stück political fiction, aber ich habe mir das nicht einfach ausgedacht. Es ist entstanden aus der intensiven Auseinandersetzung mit den Strategien der NSDAP. Ich habe für diesen zweiten Teil sämtliche Ausgaben der Weltbühne von 1932 studiert. Ich wollte einen ideologiefreien, historisch unbefangenen, vorurteilsfreien Blick auf das bekommen, was sich 1932 kurz vor der Machtergreifung abgespielt hat. Ich wusste wirklich nicht, was mich da erwarten würde. Ich war tief entsetzt, weil die AFD heute durchgängig genau die Strategie anzuwenden scheint, die die NSDAP an die Macht gebracht hat.

Um hinter die politische Destabilisierungsstrategie der Nationalsozialisten zu kommen, reicht es nicht, irgendwelche historischen Urteile zu lesen. Weimar ist für uns von brennender Aktualität und allein der Grad an Toleranz macht deutlich, dass unsere Gegenwart ganz alte Forschungsfragen neu aufwirft. Ich wollte für das Buch das Wissen der Zeitgenossen anzapfen, die den Aufstieg Hitlers erdulden mussten. Dass wir bei der Übertragungsleistung von 1932 auf das Jahr 2025, ungefähr dort sind die Ereignisse zu verorten, die ich im Buch schildere, ungläubig reagieren, steht außer Frage. Wir mögen das für durchgeknallt halten. Aber seien wir ehrlich: die Ereignisse des Jahres 1932 sind auch ziemlich durchgeknallt. Wenn ich heute im Detail schildere, was damals los war, glaubt das kein Mensch.

Wir haben uns mit historischen Urteilen selbst beruhigt: Die Weimarer Republik sei durch die Instabilität der Regierungen geprägt gewesen, heißt es immer. Mittlerweile gibt es aber Experten, die sagen, hätte das Grundgesetz in Weimar gegolten, hätte es die Republik nicht einmal bis ins Jahr 1924 geschafft. Ich finde mich auf der Seite der Intellektuellen der Weltbühne wieder, die die Zerstörung ihrer Demokratie nicht als Fragilität oder schnelle Regierungsabfolge, sondern interessanterweise als Geschichte der Kontinuität erzählen.

Ich kann damit leben, dass Kulturredakteure den Rechtsextremismus eines Andreas Kalbitz oder der S.A.-ähnlichen Gruppierungen in der Republik – denken wir nur an den verkommenen Hooligan-Aufmarsch in Chemnitz – nicht verstehen. Ich hätte ein Problem, wenn der politische Journalismus die Bedeutung dieser Ereignisse nicht versteht oder versucht zu dissimulieren. So weit sind wir aber noch nicht.

Was denken Sie eigentlich über die Bewegung um Greta Thunberg?

PR Ich halte das für eine großartige wie notwendige Bewegung. Es ist ja im Kern nicht nur das Bündnis einer jungen Generation, sondern der Zusammenschluss von Jugend und Wissenschaften. Das macht „Fridays for Future“ zur größten Aufklärungsbewegung der Gegenwart. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Erkenntnisse der Wissenschaften jemals so ignoriert wurden wie jetzt. Und dass die junge Generation, die angeblich keine Zeitungen mehr liest und in ihren Interessen mittels Timeline-Algorithmen der großen sozialen Netzwerke sozialisiert wird, das nicht einfach hinnimmt, sollte uns hoffnungsvoll stimmen. Das Problem besteht doch darin, dass die Politik in einem Schockstadium der Leugnung verharrt. Die meisten Wissenschaftler sind sich inzwischen darüber einig, dass das 1,5-Grad-Ziel nicht erreicht werden kann. Jetzt ist die Frage: Wer sagt das der breiteren Öffentlichkeit? In meinen Augen sind hier die Intellektuellen gefragt, die Aufklärer, die Zola-Journalisten, die Woche für Woche im Aufmacher ein gesellschaftsanklagendes „J’accuse“ schreiben. Wir leben in spannenden Zeiten. Meine einzige Sorge ist, dass dieser Bewegung aufgrund der vorhersehbaren Frustration eine radikale Öko-RAF erwachsen könnte, die Attentate im Namen des Umweltschutzes begeht. Davor habe ich wirklich etwas Angst, auch wenn das vielleicht noch zehn Jahre entfernt ist.

Zuletzt: Sie sind auch Vater in einer Familie mit zwei Kindern. Korrespondiert das gut, freischaffender Protagonist des aggressiven Humanismus zu sein und zugleich Papa, Partner, Familienmensch? Wie schaffen Sie das?

PR Das korrespondiert leider gar nicht. Aber ich will mich nicht beschweren. Immer, wenn ich zwischen den Stühlen verzweifle, denke ich an die Menschen, die ihr Leben im Kampf gegen die Diktatur geopfert haben. Verglichen damit geht es uns allen viel zu gut. Rupert Neudeck ermahnte mich kurz vor seinem Tod unermüdlich daran, dass wir alle so träge geworden sind. Daran denke ich in schwachen Momenten. Rupert Neudeck war wirklich ein großartiger Mensch und er ist ein Vorbild, das wir in diesen politisch phantasielosen Zeiten brauchen. Ich fände schon wichtig, Neudeck im politischen Berlin ein Denkmal zu errichten. Sein Beispiel ist unerreicht. Von ihm stammt übrigens die Begriffsbildung „radikale Humanität“. Das war er wirklich, ein radikaler Humanist.

Schluss mit der Geduld! Jeder kann etwas bewirken. Eine Anleitung für kompromisslose Demokraten
Philipp Ruch will in seinem neuesten Buch zeigen, wie wir zum Glauben an die eigene Wirksamkeit zurückfinden, wie wir den Kampf ums Ganze auf den eigenen Alltag herunterbrechen können und welche konkreten Mittel in diesem Kampf tatsächlich die besten und wirkungsvollsten sind. Er beschreibt dabei vier aus seiner Sicht unverzichtbare Schritte, wie wir eine freie und menschliche Gesellschaft verteidigen können. Weiter zur Verlagsseite…


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