Anzeige

Die letzte Utopie

Transhumanistisches Denken gewinnt an Einfluss. Futurologen und selbsternannte Cyborgs sind in der Szene Popstars, sie versprechen ein Ende des Leids und die Abschaffung des Todes. Attraktiv wirkt der Transhumanismus aber nur, weil gute Alternativen fehlen.

Dieser Text ist Teil von humanistisch – Das Magazin, Ausgabe 4/2019.

Transhumanismus als Idee, als Phänomen, besetzte lange Zeit eine Nische. Erst seit wenigen Jahren ist vermehrt von ihm die Rede, vor allen, aber längst nicht nur in englischsprachigen Medien. Der amerikanische Politologe Francis Fukuyama nannte ihn die „gefährlichste Idee der Welt“, wobei nur er so recht zu wissen schien, was genau den Transhumanismus denn nun zur Gefahr machen soll. Denn sein Inhalt bleibt oft unklar, und selbst die meisten Transhumanist*innen erkennen an, dass es den Transhumanismus so nicht gibt.

Versuchen wir uns deshalb an einer Annäherung: „Die Zeit“ berichtete vor einigen Jahren von Menschen, die sich verkleinerte Kopien ihrer Ohren wachsen oder Antennen einsetzen ließen: „Sie nennen sich Transhumanisten, und eine ihrer zentralen Forderungen ist die Freiheit, den eigenen Körper mit allen verfügbaren Mitteln so zu gestalten, wie es ihnen passt.“ Stünden diese Transhumanist*innen stellvertretend für alle anderen, Transhumanismus wäre eine Sache von Exzentrikern, aber doch sicher nicht gefährlich.

Etwas anders klingt die Sache schon bei Stefan Lorenz Sorgner, dem wohl bekanntesten deutschsprachigen transhumanistischen Philosophen. Er schreibt in der Zeitschrift „Aufklärung und Kritik“: „Transhumanismus bejaht den Gebrauch von Techniken, um die Wahrscheinlichkeit der Entstehung des Posthumanen zu erhöhen.“ Es geht ihm mit anderen Worten nicht allein um die Freiheit, seinen Körper nach Belieben zu verändern, sondern um eine Form willentlich forcierter Evolution. Die „Süddeutsche Zeitung“ zitiert in einem Beitrag über Transhumanismus gar „die moralische Pflicht, [sein] Erbgut so zu verändern, dass künftige Generationen über einen leistungsfähigeren, weniger krankheitsanfälligen Körper verfügen“. Stichwort in diesem Zusammenhang ist Human Enhancement, ein Sammelbegriff für verschiedenste technische oder auch medizinische Eingriffe zur Steigerung der menschlichen Leistungsfähigkeit.

Antennen, Prothesen, Implantate

Solche Eingriffe und Techniken gibt es viele: Transhumanist*innen diskutieren den Einsatz diverser Implantate oder auch künstlicher Hochleistungsorgane. Bodyhacker*innen implantieren sich RFI-Chips unter die Haut, auf denen persönliche Daten gespeichert sind und mit denen sie zum Beispiel ihreSmart Homes steuern. Der selbst ernannte Cyborg Neil Harbisson kann dank einer Antenne im Kopf Farben hören. Über die Notwendigkeit des jeweiligen Eingriffs wird in der Szene selten diskutiert. Die meisten Transhumanist*innen gehen davon aus, dass jedes technisch mögliche Enhancement, gegen alle als „biokonservativ“ abgetanen Bedenken, auch praktiziert werden wird – zu verlockend scheinen die versprochenen Vorteile. Weil obendrein jedes Individuum für sich frei entscheiden könne, wie es seinen Körper modifiziere, seien die Methoden allenfalls zu beschreiben – in Frage zu stellen sind sie ebenso wenig wie die Motive. Ähnliches gilt für technischen Fortschritt an sich, der für sich selbst Wert genug ist, und dem sich auch die körperliche Unversehrtheit des Menschen im Zweifel unterzuordnen hat: „Auch die Taubheit“, schreibt Sorgner, „könnte unter bestimmten Voraussetzungen eine Eigenschaft sein, die für das Überleben der Menschheit notwendig sein könnte, z.B. wenn der zukünftige technische Fortschritt bzw. die um uns vorhandenen Umweltprozesse übernormale Lautstärke mit sich bringen sollten.“

Um nicht missverstanden zu werden: Den Menschen auf seine blanke Natur zurückzuwerfen, ihn Krankheitserregern auszuliefern oder körperliche Gebrechen unbehandelt zu lassen, ist nicht vernünftig, nicht menschenfreundlich, nicht humanistisch. Sofern es ihre Fähigkeiten und der Entwicklungsstand der Technik zulassen, fallen Menschen schon immer und aus guten Gründen der Natur in den Arm. Sie erfinden Therapien, kurieren Krankheiten, korrigieren Fehlstellungen der Zähne mit einer Spange und tragen Brillen. Es spricht denn auch überhaupt nichts dagegen, mit den Mitteln moderner Prothetik, mit Neuromedizin und dem Einsatz von Robotik und Künstlicher Intelligenz (KI) menschliches Leid zu lindern, wo es nur geht. Wenn etwa ein Mensch
dank eines Cochlea-Implantats sein Hörvermögen zurückgewinnt, wenn ein zweiter mit neuen Präparaten von chronischen Leiden befreit wird und ein dritter mittels KI eine so schnelle wie präzise Diagnose erhält – fantastisch! Allerdings bedarf dieser pharmazeutische wie medizintechnische Fortschritt keines ideologischen Überbaus. Ihn mit transhumanistischen Visionen zu überformen ist so unnötig wie gefährlich.

___STEADY_PAYWALL___

Fortschritt für wenige

Denn: Wo Medizin und Therapeutik körperliche Defizite ausgleichen, wirken sie im Grunde egalitär. Im besten Fall ermöglichen sie Menschen mit den verschiedensten Einschränkungen im gleichen Maße gesellschaftliche Teilhabe wie „Gesunden“. Transhumanistisches Denken von heute hingegen zielt, ob bewusst oder unbewusst, gerade nicht auf diese Form von Gleichheit.

Vielen Dank für Ihr Abonnement! Das ePaper mit dem gesamten Titelstory unserer Ausgabe 4/2019 sollten Sie innerhalb von zwei Minuten per E-Mail erhalten. Bei Fragen und Problemen schreiben Sie uns eine Nachricht an redaktion@humanistisch.net
Anzeige

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.