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Kopfsache Klimawandel?

Der Klimawandel überfordert die menschliche Gewohnheit, Probleme wahrzunehmen und sie anzugehen. Dennoch gibt es Möglichkeiten, mit der spezifischen Informationsstruktur des Themas umzugehen. Psycholog*innen und Kommunikationswissenschaftler*innen wissen mehr.

Von Torsten Schäfer, Hochschule Darmstadt

Geringe Niederschlagsmengen, längere und wärmere Hitzeperioden – die Effekte des anthropogenen Klimawandels sind schon heute auch in Deutschland zu spüren: Waldbrand nahe der A9 in Brandenburg im vergangenen Jahr. Foto: Polizei BB

Am 2. Dezember wird in Chile der 25. UN-Klimagipfel starten. Die mediale Aufmerksamkeit wird wieder hoch sein, angestiegen in den Wochen zuvor. Sie dauert dann noch etwas an und nimmt danach wieder spürbar ab – und zwar in den meisten Ländern. Dennoch verschwindet das Klimathema damit nicht aus der Berichterstattung, denn es hat sich etabliert, ist ein „Metathema“ geworden, wie es die Hamburger Journalistik-Professorin Irene Neverla einmal ausgedrückt hat.

Der Verlauf der internationalen Berichterstattung ist mittlerweile gut untersucht und gerade vor und nach den Klimagipfeln in vielen Staaten ähnlich. Stärker schwankt dagegen das stete Niveau – der Klimafaktor im Nachrichtenalltag. Deutschland hat ihn, wie die Forschungen der Hamburger Wissenschaftler*innen zeigen. Damit verbunden ist aber keinesfalls eine entsprechende Wirkung. Heißt hier: das Klima zu schützen, sich zu engagieren, auf die Straße zu gehen. Obwohl es viele Erkenntnisse zur Medienwirkungsforschung gibt, geht der Spuk nicht aus den Köpfen vieler Politiker*nnen, Unternehmer*innen oder NGO-Vertreter*innen.

Torsten Schäfer, Professor für Journalismus und Textproduktion an der Hochschule Darmstadt, wo er das Portal gruener-journalismus.de leitet.  Arbeitsschwerpunkte liegen neben dem Umwelt- und Klimajournalismus in der EU-Berichterstattung, Storytelling sowie der Text- und Recherchevermittlung. Er ist daneben weiter als Autor, Dozent und Umweltjournalist tätig. Er twittert als @umweltredakteur und @gruenjournalist.

Mehr Berichterstattung = mehr Wissen = anders Handeln – nach dieser Gleichung funktioniert die Klimakommunikation oft immer noch. Im Glauben an sie werden weiter Bücher verfasst, Plakate gedruckt und Infokampagnen gestartet, Artikel lanciert. Doch Menschen werden nicht zu Klimaschützer*innen, weil sie immer mehr Klimainformationen bekommen. Dazu müssen andere Faktoren kommen: Gesetze, Anreize, Geschäftsmodelle – andere Elemente neben der objektiven Klimainformation, die das menschliche Wahrnehmungsvermögen überfordert.

Doch warum ist der Klimawandel so ein schwieriges Thema? Oder anders gefragt: Was ist Klimawandel überhaupt? „Klima ist der Mittelwert aus dem Wetter von 30 Jahren“, schreibt der Oldenburger Psychologe Torsten Grothmann. Daher kann man von Klimawandel sprechen, wenn sich Mittelwerte der Wetterdaten aus 30 Jahren verändern – klingt einfach. Ist es aber nicht. Denn „unser menschliches Wahrnehmungssystem ist für die Berechnung solcher Mittelwerte und ihrer Veränderungen nicht ausgestattet“, betont Grothmann. Insofern sei der Klimawandel für Menschen nicht direkt wahrnehmbar. „Wahrnehmbar, erfahrbar und erinnerbar sind lediglich einzelne Wetterphänomene.“

Vor allem die zeitliche Dimension überfordert

Der Klimawandel widerspricht also unserer Gewohnheit, Probleme wahrzunehmen und zu bekämpfen. Immer mehr Sozialwissenschaftler*innen und Psycholog*innen nehmen sich diesem Thema an. Früh bereits hat der britische Umweltjournalist George Marshall in Aufsätzen das Thema Klimawandel psychologisch untersucht. Sein Fazit: Vor allem die zeitliche Dimension des Themas überfordert das politische System, das durchaus zu schnellem und globalem Handeln fähig ist, wie die Bekämpfung der Weltfinanzkrise gezeigt hat.

Für Europäer*innen und Amerikaner*innen liegen die Folgen des Klimawandels meist noch in der Zukunft. Die Konsequenzen sind deshalb noch nicht wirklich präsent und greifbar, auch wenn sie mit Dürren, Hitzesommern und starken Stürmen immer näherkommen. In Regionen wie Südasien oder der pazifischen Inselwelt ist das schon anders. Denn diese Gebiete sind am stärksten von Klimafolgen wie Stürmen, Überschwemmungen und steigendem Meeresspiegel getroffen. Der Klimawandel ist dort bereits jetzt viel stärker Teil des Alltags als in den alten Industriestaaten. Und das sind die Länder, die am meisten zur Erderwärmung beitragen und gleichzeitig die größte politische Verantwortung für den internationalen Klimaschutz tragen.

Diese Staaten haben mit einem weiteren zeitlichen Problem zu kämpfen. Denn die Erfolge jetzigen Handelns, also des Einsparens von CO2, sind erst in 70 Jahren sichtbar; das übersteigt unsere Vorstellungskraft – und hemmt die Motivation, zu handeln. Regierungszyklen dauern meist vier oder fünf Jahre. Daher widerspricht der zeitliche Rahmen, in dem Politiker*innen in der Verantwortung stehen, der Langfristigkeit und auch Unbestimmtheit des Klimawandels. Denn seine exakten Folgen kann die Klimaforschung auch mit den besten Klimastudien nicht Jahrzehnte im Voraus bestimmen. Der Klimawandel wird demgegenüber nur sehr langsam bekämpft – auch in der Gesellschaft. Sie verfügt durch die rasante Entwicklung der Klimaforschung in den vergangenen Jahren über ein immenses Wissen darüber, wie das Problem zu lösen wäre. Und auch darüber, was es kostet, nichts zu tun. Das hat der sogenannte Stern-Report 2006 erstmals prominent beziffert. Darin kalkulierte der ehemalige Weltbank-Chefökonom Nicholas Stern die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung. Kosten von rund 5,5 Billionen Euro kämen auf die Menschheit zu, wenn sie nichts gegen den Klimawandel unternimmt.

Warum wird so wenig getan, wenn es so teuer wird? Diese Frage stellt sich in der Klimadebatte immer wieder. Ein anderes, wiederum psychologisches Moment, liefert Erklärungen: Die Ursachen und Folgen der Erderwärmung sind hochkomplex und teils noch umstritten – und damit alles in allem sehr unüberschaubar. Zielgerichtetes und gemeinsames Handeln erschwert das enorm.

Eine klare Aufteilung in Täter*innen und Opfer ist schwierig

Es gibt auch ein örtliches Problem, denn der Klimawandel wirkt überall auf der Welt, wodurch man ihn schwer verorten kann. Auch das macht ihn zu einem schwer greifbaren, diffusen Thema, für das sich niemand zentral verantwortlich fühlt. Darüber hinaus gibt es keine Hauptschuldigen. Denn die Verursacherinnen des Klimawandels sind immer Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam. Alle Ebenen sind beteiligt – und leiden gleichzeitig an den Folgen. Eine klare Aufteilung in Täter*innen und Opfer erlaubt die Thematik also auch nicht.

All dies widerspricht den Nachrichtenfaktoren des aktuellen Journalismus, der gut abgrenzbare Ereignisse mit definierten Orten braucht. Wie Termine zum Beispiel. Oder auch Bilder und Personen. Der Klimaschutz hatte aber – bis auf Al Gore und vielleicht noch Leonoardo di Caprio – lange kaum bekannte Gesichter, woran sich mit Greta Thunberg allerdings etwas geändert hat. Sie erfüllt alle Voraussetzungen, die die Heldin für eine große Geschichte braucht: Sie liefert sehr viel Neues, ist weiblich, jung, mutig, in einer Gruppe organisiert, die nicht dem Establishment angehört. Die Gruppe bricht Regeln (durch den Streik), ist analog, also sichtbar und greifbar samt allen Bildern, die sie bei den Demonstrationen liefert. Und Fridays for Future ist online sehr aktiv.

Greta selbst hat durch ihr Asperger-Syndrom ein zusätzliches Attribut, das ihr eine Sonderstellung gibt. Sie ist auch lokal aktiv, liefert Orte – Schulen. Zudem ist sie international sehr sichtbar. Dazu hat sie eine klare, bildreiche Sprache. Damit liefern Greta und ihre Gruppe neben Relevanz und der eigenen tiefen Betroffenheit Faktoren wie Überraschung, Konflikt und auch Kuriosität, wenn sie nun für das Klima segeln. All das sind Nachrichtenfaktoren, die Medien lieben. Und mit denen sie endlich die große Klimageschichte erzählen kann, die aufgrund der schwierigen Informationsstruktur des Themenfeldes bisher ausbleiben musste. Denn es fehlte die Heldin oder der Held, der mit vielen Faktoren zugleich die gleichförmig gewordene und unter vielen Wiederholungen leidende Klimakommunikation durchbricht, aufmischt – aus der reinen Information die Geschichte macht und dabei noch eines liefert: Vorschläge, Lösungen und die Zukunftsperspektive. Für beides steht die junge Schwedin und ihre Gruppe. Die Jugendlichkeit an sich steht – im Unterschied zu älteren Klimakommunikatoren – subtil für den Lösungs- und Zukunftsansatz, trotz und gerade wegen aller geäußerten Warnungen.

Geschichten, die diese machtvollen Elemente aufnehmen, fehlten bisher. Sie erlauben aber einen anderen Blick auf das Themenfeld, das oft von einer reinen, warnenden Katastrophenperspektive aus dem Munde von Forscher*innen, Politiker*innen oder Journalist*innen gekennzeichnet ist. Eine Alternative dazu sind eben diese neuen Klimageschichten, die neben Gefahren und Schäden auch auf Lösungen setzen.

Klimafolgen besser verstehen helfen

Der Greta-Faktor baut auf sozialökologischen Reformströmungen auf, die in den vergangenen zehn Jahren an vielen Stellen sichtbar geworden sind: an Universitäten und in Firmen, bei NGO und vielen Graswurzel-Initiativen, die aus der Kohle raus wollen, kritisch gärtnern, tauschen und teilen, sich vernetzen, Wirtschaftswachstum skeptisch sehen oder eher technisch orientiert an neuen Motoren oder Batteriespeichern basteln. Der Büchermarkt ist voll von Titeln, die diese Strömungen aufgreifen, für die Klimaschutz oft ein gemeinsamer Bezugspunkt ist. Und er ist voll von Naturtiteln und Tierbüchern, worin eine andere Chance liegt – auch wenn viele der Titel auf Schönheit und Sehnsucht setzen und Themen wie Artensterben und Klimaschutz eher hintanstellen. Dennoch gibt es auch viele Titel im Bereich dieses neuen „nature writing“, die gleichzeitig die Schätze der Natur in guter und teils poetischer Sprache beschreiben und dennoch der wissenschaftlichen Basis samt dem Kontext von Verlust und Bedrohung viel Raum geben. Das ist der Raum dafür, die Klimafolgen zu verstehen, die sich immer häufiger in der Landschaft zeigen. Und damit neue Themen und Geschichten, die aus dem lange so globalen Klimawandel langsam – leider – ein lokales Ereignis machen, das für Medien Geschichten produziert. Geschichten, die nicht auf der Straße liegen, sondern draußen: im Wald, am Seeufer, an der Küste, hinter der Wiese.

So werden dann alle Gruppen, die dort häufig sind, zu wichtigen Quellen, um die Landschaftsbeschreibungen mit Erlebnissen und Wissen anzureichern, seien es Bauern und Bäuerinnen, Förster*innen, Fischer*innen, Wissenschaftler*innen und Gärtner*innen ebenso wie Schwimmer*innen, Taucher*innen, Mountainbiker*innen, Pilzsucher*innen, Hundebesitzer*innen, Wanderer*innen, Naturschützer*innen, Geocacher, Lokalhistoriker*innen oder Survival-Fans.

Die Natur ist voll solcher Landschaftsmenschen, die die Klimafolgen hautnah erleben und deren Erfahrungen bisher wenig in die große Klimadebatte gelangt sind. Doch es ist Zeit dafür. Viele dieser versteckten Geschichten haben Medien noch nicht miterlebt, gefühlt, im Detail beobachtet. Vielleicht klassisch distanziert beschrieben und auch kommentiert – was aber eine Botschaft der Verbundenheit und des Verwebens mit der Natur weniger gut zulässt.

Letztlich aber geht es vielen Autor*innen der neuen Naturbücher genau darum: um eine Wiedervereinigung mit der Natur und ein Sichbegreifen als Natur selbst – Motivationen, die der Zeitgeist als Gegenreaktionen zu Entwicklungsmustern wie Ökonomisierung, Verdinglichung, Beschleunigung und Technisierung gerade hervorbringt. Für diesen Sinn- und Entschleunigungsbedarf stehen auch Lebensstil-Magazine wie Flow, Slow oder Hygge. Nature writing setzt auf ähnliche Art bei Grundbedürfnissen an, bei dem an, was Menschen intuitiv anzieht: belebte Natur, Tiere, Pflanzen, Wasser, Landschaften. Diese existenziellen Bezüge erklären den Erfolg des Naturbuchgenres – und weisen auf die Erfolgspotenziale für neue Facetten der Klimadebatte hin.

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