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Wissenschaft braucht Geschichtenerzähler

Vom 30. Mai bis zum 1. Juni 2019 hatte die Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) alle Interessierten nach Augsburg eingeladen. Auf der Skepkon 2019 wurde über die Energiewende, Impfskepsis, das Widerlegen von Verschwörungstheorien und viele weitere Themen diskutiert. Deutlich wurde: Mehr denn je wird in einer Zeit des Informationsüberflusses und der Verschwörungsmythen eine adressatengerechte, anregende und gut platzierte Wissenschaftskommunikation benötigt, die Menschen mit realen spannenden Geschichten versorgt.

Ein Bericht von Anna Beniermann, Berlin

Wenn Referent*innen auf der Bühne über Polsprünge, Impfskepsis, die flache Erde, Globuli und die Wahrscheinlichkeit eines Perpetuum Mobiles sprechen, dann ist man entweder auf dem Treffen der globalen Reptiloiden-Verschwörung oder – wie in diesem Fall – bei der jährlich stattfindenden Konferenz der Skeptiker*innen. Die deutschsprachigen Skeptiker*innen sind in der Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) organisiert und haben in diesem Jahr ihre 32. Konferenz, die Skepkon, in Augsburg abgehalten.

Der erste Konferenztag ist seit einigen Jahren mit dem Skeptical ein Publikumstag und lockte auch diesmal einen ganzen Saal voller Interessierter an. Durch das Programm führten Claudia Preis und Bernd Harder, die nach einer Vorstellung der Augsburger Regionalgruppe Ausschnitte aus dem „Evokids“-Film „Big Family“ zeigten. Zur Vorstellung des Projekts, das Evolution an die Grundschulen bringen möchte und Material bereitstellt, damit auch die Kleinsten Einblicke in unsere Evolutionsgeschichte erhalten, war sogar das Evokids-Maskottchen Urmel auf der Bühne. Dessen Erfinder Max Kruse hatte den Star der Augsburger Puppenkiste dem didaktischen Projekt zur Verfügung gestellt.

Foto: Andreas Brauner/ Bluesbrother.de
Lydia Baumann klärte über Polsprünge auf und Urmel über die zeitlichen Dimensionen der Evolutionsgeschichte. Foto: Andreas Brauner/ Bluesbrother.de

Auf diesen sehr praxisnahen Einstieg in das Nachmittagsprogramm folgte ein Potpourri aus Berichten von Verschwörungsglauben: Die Geowissenschaftlerin Lydia Baumann vom Institut für Geologie der Universität Hamburg klärte über Umpolungen des Erdmagnetfelds, sogenannte Polsprünge, auf. Denn 2019 soll laut Nostradamus wieder ein solches Ereignis vor der Tür stehen. Tatsächlich traten in der Erdgeschichte immer wieder Umpolungen auf, allerdings über mehrere hunderte oder tausende Jahre. Ein spontaner Polsprung ist daher laut Baumann äußerst unwahrscheinlich.

Entdumm Dich!

Das Moderatoren-Duo berichtete über den Internet-Sender Klagemauer.TV (kla.tv), der allerhand krude Inhalte aufarbeitet. Der Sender hat es sich zur Aufgabe gemacht, angebliche Täuschungen und Lügen der Mainstream-Medien aufzudecken. Hier wird beispielsweise die Hohlerde als ganz normale und legitime alternative zum heliozentrischen Weltbild dargestellt. In diesem Beitrag kam auch ein*e kla.tv-Aussteiger*in anonym zu Wort. Aus Angst vor Diffamierungen war dabei lediglich die verzerrte Stimme dieser Person zu hören, die von dem Schweizer Ivo Sasek, dem Mann hinter kla.tv, berichtete.

Es ist bemerkenswert, wie die Organisator*innen der Konferenz es immer wieder schaffen, derartig interessante Interviewpartner*innen für die Veranstaltung gewinnen zu können. Bereits im letzten Jahr wurde im Kontext der Aufklärung über die „Satanic Panic“ ein Anhänger einer satanistischen Gruppierung anonym interviewt. Auch in diesem Jahr wurde wieder über den Verschwörungsmythos des satanisch-rituellen Missbrauchs gesprochen. Die Kriminalpsychologin Lydia Benecke erklärte, dass es keine Belege für die Vorwürfe hinsichtlich eines strukturellen rituellen Missbrauchs gibt. Eine der Wortführer*innen zur These des satanisch-rituellen Missbrauchs ist unter anderem Michaela Huber. Jene Michaela Huber hat übrigens kürzlich mit einem Boykott-Aufruf zu einer Vortragsveranstaltung mit Lydia Benecke im Club Voltaire für deren Absage gesorgt.

Auf der vorhergehenden Skepkon 2018 wurde die Homöopathie-Challenge ausgerufen, bei der Personen, die verschiedene Globuli in Hochpotenz voneinander unterscheiden können, 50.000 Euro erhalten. Norbert Aust vom Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) zog dazu nach einem Jahr ein Zwischenfazit: Viele namhafte Homöopath*innen haben sich auf die Homöopathie-Challenge gemeldet und vermeldet, dass eine Testung auf diese Weise ja nicht ginge. Nur ein Homöopath hat sich auf das vorgegebene Test-Setting eingelassen. Die mangelnde Bereitschaft der Homöopathie-Profis, sich leichtverdiente 50.000 Euro abzuholen, verdeutlicht anschaulich, woran es der Homöopathie mangelt: an einer naturwissenschaftlichen Grundlage. Die Hilflosigkeit zeigt sich auch in der Tatsache, dass die ehemalige Homöopathin Natalie Grams, die für das INH tätig ist, eine Unterlassungserklärung des Pharmaherstellers Hevert erhielt. Gegenstand der Klage ist die Forderung, Grams solle nicht mehr öffentlich behaupten, Homöopathie wirke „nicht über den Placebo-Effekt hinaus“. Mittlerweile hat sich sogar Jan Böhmermann diesem Fall angenommen und der Homöopathie-Desillusionierung über 20 Minuten Sendezeit im Neo Magazine Royal gewidmet. Grams, krankheitsbedingt selbst nicht bei der Skepkon vor Ort, unterschrieb die Unterlassungserklärung nicht. Vermutlich kann sie einem Verfahren mehr als gelassen entgegensehen, stützen doch zahlreiche (alle!) wissenschaftlichen Metaanalysen ihre Aussage.

Medizinisch ging es weiter, als der Physiotherapeut Lutz Homann live auf der Skepkon-Bühne verdeutlichte, was bei einer Craniosacralen Therapie getan wird. Dabei geht es um die Beweglichkeit von Schädelplatten, die zwar in gewisser Hinsicht trotz Verknöcherung auch bei Erwachsenen beweglich sind, hierzu würde jedoch ein etwa 100-fach stärkerer Druck wie bei einer normalen physiotherapeutischen Behandlung nötig sein.

Zwischen den Skeptical-Beiträgen gab es musikalische Unterhaltung von Harpo Speaks, der Band um Tommy Krappweis. Mit eigenen Hits wie dem „Dunning Kruger Blues“ und „Entdumm Dich“ sowie dem passenden George Harrison Cover „You can take a horse to the water, but you can’t make it drink“ brachten sie den Rock’n’Roll in diese Veranstaltung. Krappweis erklärte im Interview außerdem, dass der Song „Entdumm dich“ als Endhaltestelle für Social-Media-Diskussionen gedacht ist und so auch von ihm eingesetzt wird.

Tommy Krappweis & Harpo Speaks auf der Skepkon 2019

Science not Silence

Für das Abendprogramm an diesem Donnerstag wurden „die Rockstars der Wissenschaft“ Reinhard Remfort und Nicolas Wöhrl auf der Bühne begrüßt. Die beiden promovierten Physiker führen normalerweise gemeinsam durch den Podcast „Methodisch inkorrekt“ und nehmen dort neben allerlei Schwurbeleien, China-Gadgets und Experimenten zum Nachmachen hauptsächlich wissenschaftliche Publikationen aus verschiedenen Fachgebieten unter die Lupe.

Auf der Skeptical-Bühne stellten die beiden ausgewählte Ergebnisse des Wissenschaftsbarometers vor und zeigten, dass etwa 40 Prozent der Menschen in Deutschland unentschieden sind, ob sie der Wissenschaft vertrauen. „Was heißt denn bitteschön unentschieden? Schwerkraft, joaa, runde Erde, och nööö!?“, fragt sich dazu Remfort. Einen Grund für diese Unsicherheit vermuteten sie unter anderem darin, dass die wissenschaftliche Methode zu wenig und häufig nicht gut kommuniziert wird.

Foto: Andreas Brauner/ Bluesbrother.de
Reinhard Remfort und Nicolas Wöhrl brachten heiße Experimente auf die Bühne. Foto: Andreas Brauner/ Bluesbrother.de

Gut deshalb, dass Remfort und Wöhrl selbst in genau dieser Mission unterwegs waren und anschaulich zeigten, wie gute Wissenschaftskommunikation aussieht und was die wichtigsten Aspekte guter wissenschaftlicher Praxis sind. Dabei nahmen die Physiker das Publikum nicht nur mit in die Welt der experimentellen Physik, indem sie Vakuum-Konfetti-Kanonen bauten und Bierdosen zerbersten ließen, sondern präsentierten zudem einige unterhaltsame Schwurbeleien. Unter dem Titel „Die Top 5 der dümmsten Wasserabzocken“ erfuhr das Publikum etwas über angeblich informiertes, verwirbeltes, eingekochtes und an Edelsteinen vorbeigeflossenes Wasser. All diese Modifikationen sollen das Wasser besonders gesund und wohlbekömmlich machen. Die Verwendung von derart „verfeinertem“ Wasser ist weit verbreitet, sogar von Bäckereien und sogar von Bäckereischulen wird informiertes Wasser genutzt – eine Absurdität, auf die die Physiker die prägnante Schlussfolgerung lieferten: „Wir wünschen uns informierte Menschen statt informiertes Wasser!“

Doch obwohl an diesem Abend viele Scherze gemacht wurden und das Publikum sowie die Protagonisten viel lachten, wurde es am Ende doch noch sehr politisch. Denn das eigentliche Anliegen von „Methodisch inkorrekt“ ist ernst: Zahlreiche Schwurbeleien und als Wissenschaft getarnter Blödsinn berühren unsere Lebenswelt ganz direkt und haben negativen Einfluss auf die Gesellschaft und die Zukunft der Menschheit: Zum Beispiel die Leugnung des anthropogenen Klimawandels oder die Gleichsetzung von Homöopathie und Naturheilkunde. Darauf möchten die beiden Wissenschaftler, die sich auch für #scientists4future engagieren, aufmerksam machen: „Menschen, die rechtsradikal und/oder -populistisch sind oder wissenschaftliche Fakten leugnen, dürfen niemals Entscheidungsgewalt haben“. Und aus diesem Grund sollte man um die 40 Prozent kämpfen, die sich nicht sicher sind, ob sie der Wissenschaft vertrauen können und außerdem „nicht mehr länger schweigend Brötchen mit Granderwasser essen“.

Die Energiewende spaltet die Skeptiker*innen

Der erste offizielle Konferenz-Tag der Skepkon startete am Freitag physikalisch. Florian Aigner bekommt immer mal wieder Baupläne fürs Perpetuum Mobile zugeschickt und berichtete gewohnt kurzweilig und unterhaltsam davon, wie Personen immer wieder versuchen, die Physik auszutricksen. Neulich hat der promovierte Quantenphysiker in einem Gerichtsprozess als Zeuge sogar den Energieerhaltungssatz bestätigt. Und genau deshalb wird das Perpetuum Mobile wohl immer ein Traum bleiben: Die Naturgesetze lassen sich nun mal nicht außer Kraft setzen. Mit seiner Perpetuum-Mobile-Kritik begibt sich Aigner in prominente Gesellschaft – schon Leonardo da Vinci spottete über jene, die versuchten ein Perpetuum Mobile zu konstruieren: „Nehmt Eure Hirngespinste und gesellt euch zu den Alchemisten.“

Auch die Energiewende ist ein skeptisches Thema. Norbert Aust rechnete vor, wie viel Sonnen- und Windenergie benötigt wird, um den Energiebedarf der Bevölkerung zu decken und erinnerte an die Notwendigkeit derartiger Prognosen: „Es geht um die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen“. Laut Aust würde die deutsche Gesellschaft in vorindustrielle Zeiten zurückfallen sowie in höchstem Maße von Wetterkapriolen abhängig sein, wenn wir uns vollständig auf erneuerbare Energien verlassen. Zum Gelingen der Energiewende nannte er vier Risikofaktoren: Zeitbedarf (insbesondere für Entwicklung von Technologien für Speicherung und Anwendung), Akzeptanz der Bevölkerung, System- und Umsetzungsschwächen sowie die Finanzierung. Obwohl es nicht thematisiert wird, lassen Austs Ausführungen eigentlich nur einen Schluss zu: Deutschland benötigt weiterhin Atomkraft, um die Klimaziele zu erreichen und Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Und, auch das wird deutlich, gerade in diesem Punkt sind sich die Skeptiker*innen anders als bei Homöopathie oder reptiloiden Politiker*innen gar nicht einig. So wurde es im Anschluss noch mal richtig hitzig, als Florian Aigner sich zu Wort meldete, der die von Aust dargestellten Zukunftsszenarien für unrealisitsch hält. Er betonte, dass viele der Bedenken bereits ausgeräumt sind und appellierte: „Wenn wir nichts tun, werden die Kosten sehr viel höher sein!“

„Auf dem Boden der Realität liegt einfach nicht genug Konfetti für uns“

Von der Physik am Morgen ging es anschließend gewissermaßen weiter zur Metaphysik: Tilmann Betsch, Professor für Sozial-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Erfurt sprach über den Glauben an Paranormales und welche Faktoren derartigen Glauben begründen. Betsch stellte die These auf, dass Menschen gerne an Paranormales glauben, weil es sich dabei häufig um gute und sinnstiftende Geschichten handelt. „Homo sapiens ist ein Geschichtenerzähler – andere Tiere können keine Geschichten über das Irreale erzählen“, erklärte Betsch.

Als Glauben an Paranormales werden bspw. der Glaube an übernatürliche Wesen wie Dämonen oder Engel, der Glaube an Astrologie, Magie, alternative Heilmethoden, spirituelle Methoden wie Reinkarnation oder esoterische Praktiken wie Feng Shui oder Reiki bezeichnet. Eine rationale Prüfung ist laut Betsch die beste Möglichkeit, eine Demarkationsline zwischen dem Normalen und solch Paranormalem zu ziehen. Solch eine rationale Prüfung setzt kognitive Fähigkeiten und Konzeptwissen z. B. über Wahrscheinlichkeiten voraus, daher wusste schon Piaget: „Für das Kind ist das Wunder normal.“

Foto: Andreas Brauner/ Bluesbrother.de
Viele Fragen gab es zu Tilmann Betschs Vortrag über den Glauben an Paranormales. Foto: Andreas Brauner/ Bluesbrother.de

Zur Untersuchung von Einflussfaktoren für den Glauben an das Paranormale stellte Betsch eine präregistrierte Studie aus 2017 vor (N=599). Als Ergebnis einer Regressionsanalyse zeigte sich, dass der Glaube an das Paranormale umso stärker ist, je offener sich Proband*innen zeigen, je emotionaler sie sind und je höher ihre sogenannte ontologische Konfusion ausfällt. Im Gegensatz dazu fällt der Glaube an Paranormales umso geringer aus, je höher die gemessene Intelligenz, je höher das Kausalitätsverständnis und je gewissenhafter die Befragten sind. In einer weiteren Studie interviewte Betschs Team Besucher*innen auf Esoterikmessen. Dabei stellten sie fest, dass es als Begründung für den Glauben an Überempirisches in der Regel Kerngeschichten gibt, die auf kritischen Lebensereignissen beruhen und dass dieser Glaube hochfunktionell für die Personen ist. Zudem zeigten diese Personen Formen eines idiosynkratischen Empirismus, d. h. sie neigten dazu, sich selbst für skeptisch zu halten und anekdotische Evidenzen für überzeugend zu halten.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Personen mit dem Glauben an Paranormales eint, dass sie gute Geschichten mögen, Schwierigkeiten mit rationaler Prüfung haben oder daran kein Interesse zeigen, diese Geschichten für sie bzw. ihr Selbstkonzept eine hohe Funktionalität haben und dass sie sich gegen Kritik immunisieren. Betsch fragte zum Abschluss, ob und wann wir überhaupt das Recht haben, paranormale Geschichten zu kritisieren und Menschen ihre Geschichten zu nehmen. Er resümierte, dass es dabei eine klare Grenze gibt: „Wenn die Handlungsimplikationen andere Menschen betreffen“, d. h. wenn ein Verhalten reale Folgen für andere Menschen hat.

Der Trainer Axel Ebert erklärte im Anschluss, warum sich Pseudo-Erklärungen so hartnäckig halten. Gerade im Coaching-Bereich erfreuen sich Pseudo-Erklärungen teilweise großer Popularität: Nudging, Priming, Framing, Anchoring oder Neuroleading? Ebert hat auf die ganzen pseudowissenschaftlichen Ansätze aus dem Coaching nur eine Reaktion übrig – er schlägt „Nachdenking“ als die Methode seiner Wahl vor. Auch er betonte, dass Menschen gute Geschichten wollen und brauchen. So hat der Glaube an ein Jenseits z. B. auch dann einen positiven Effekt, wenn es das Jenseits gar nicht gibt, da sich Menschen trotzdem darauf freuen oder es ihnen Hoffnung gibt. Die Wahrheit ist hierfür nicht maßgebend. Der Glaube hat dahingehend also oft mehr zu bieten als die Wirklichkeit: „Auf dem Boden der Realität liegt einfach nicht genug Konfetti für uns.“

Mehr Daten sind nicht immer besser

Die Zahnärztin Sylvia Stang sprach zum Beginn des Nachmittags über die Geschichte der Kurpfuscherei in Deutschland. Kurpfuscherei, das ist die erwerbsmäßige Ausübung der Heilkunde ohne entsprechende Ausbildung. Schon im 19. Jahrhundert hat sich evidenzfreie Medizin gelohnt: Mit Mitteln aus Zigarrenasche, die gegen alle Beschwerden wirken sollten, konnte man sich eine goldene Nase verdienen. Und heute? Ist es in Deutschland erlaubt, dass Menschen ohne medizinische Ausbildung kranke Menschen behandeln dürfen? Leider ja. Sie nennen sich Heilpraktiker*innen. Und auch ohne Heilerlaubnis gibt es viele Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen: Energetiker*innen, Schaman*innen, Telepath*innen, Gesundbeter*innen, Reiki-Meister*innen, Aura-Reiniger*innen oder Gesundheits-Coaches.

Dass die Kurpfuscherei der Zukunft vielleicht noch angsteinflößender sein wird als jene der Gegenwart und Vergangenheit, machte Gerd Antes in seinem Vortrag zu Big Data und Künstlicher Intelligenz im Gesundheitssektor zum Thema. Antes, der bis 2018 über 20 Jahre lang Leiter des deutschen Cochrane Zentrums war, gilt als Wegbereiter der evidenzbasierten Medizin in Deutschland. Er verdeutlichte, welche Qualitätskriterien an ein systematisches Review zur wissenschaftlichen Untersuchung von (medizinischen) Fragestellungen gelegt werden. Ergebnis derartiger Metaanalysen ist ein Forest-Plot, der Kennwerte der unterschiedlichen Studien vergleichend darstellt und als Interpretationsgrundlage dient. Diese Darstellungsform sollten eigentlich alle Ärzt*innen lesen können – tatsächlich können es aber die wenigsten.

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Gerd Antes blickte kritisch auf Big-Data-Analysen in der medizinischen Forschung. Foto: Andreas Brauner/ Bluesbrother.de

Antes beschrieb vor diesem Hintergrund, dass das Vertrauen in Big Data (also die Nutzung riesiger Datensätze z. B. aus sozialen Netzwerken, Suchmaschinen, Emails oder „intelligenten Geräten“) die Gefahr des hypothesenfreien Herumstocherns in Daten, also eines methodenfreien Forschens birgt. Der Referent mahnte daher zur Vorsicht und sieht in der Big Data Forschung einen Hype um qualitätsfreie Forschung, die Korrelationen durch riesige Datenmengen in Kausalaussagen transformieren will. Er warnte vor vielen falsch-positiven Erkenntnissen und letztlich einer weiteren Beschädigung des Ansehens von Wissenschaft. Fazit: „Daten machen die Anstrengung um Qualität nicht überflüssig!“ Denn die Forschung mit Big Data sei in etwa so, wie bei der Suche nach einer Nadel im Heuhafen die Menge an Heu zu erhöhen.

Impfen Pro & Contra

Julia Neufeind vom Robert-Koch-Institut in Berlin beschrieb die Erfolgsgeschichte des Impfens: Erkrankungen wurden zurückgedrängt und eliminiert, Folgeschäden gemindert. Aus diesem Grund wird Impfskepsis heute von der WHO auch als eine der 10 größten Gesundheitsbedrohungen bezeichnet. Dabei sehen die Impfquoten von Kindern zum Schuleingang gar nicht so schlecht aus, erklärte Neufeind. Aber es gibt Impflücken in lokalen Clustern und oft wird erst zu spät geimpft. Neufeind und Kolleg*innen haben in einer repräsentativen Telefonbefragung (N=700) Hausärzt*innen bezüglich deren Impfempfehlungen und eigenem Impfverhalten befragt. Dabei stellte sich zum einen heraus, dass Ärzt*innen in den ostdeutschen Bundesländern häufiger geimpft sind als in den westdeutschen. Außerdem zeigten Ärzt*innen, die auch als Homöopath*innen praktizieren, signifikant weniger Vertrauen in die Sicherheit von Impfungen, weniger Risikowahrnehmung für präventable Erkrankungen und weniger Vertrauen in die Ständige Impfkommission. Das ist auch kein Wunder, zeigt doch der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) eine Haltung gegenüber Impfungen, bei der potentielle Nebenwirkungen überthematisiert werden.

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Julia Neufeind erklärte, dass Impfentscheidungen viel mit Wertvorstellungen zu tun haben. Foto: Andreas Brauner/ Bluesbrother.de

Neufeind beschrieb zudem, dass sich Impfentscheidungen auf verschiedenen Ebenen formen: Werte, Einstellungen, Intentionen und Verhalten. Die Akzeptanz von Impfungen ist dabei stark mit moralischen Wertvorstellungen assoziiert, insbesondere mit den Werten Reinheit (Ablehnung unnatürlicher Handlungen, Kontaminierung) und Freiheit (Ablehnung von Einschränkungen). Daher könnte es laut Neufeind eine Strategie sein, in Impfappellen die Stärkung der natürlichen Abwehrkräfte oder die freie Entscheidung zur Gesundheitsprävention zu betonen.

Das Robert-Koch-Institut und das Paul-Ehrlich-Institut fassen auf dieser Website die 20 häufigsten Einwände gegen das Impfen zusammen und entkräften sie: www.rki.de.

Neben den beschriebenen Faktoren gibt es weitere Impfentscheidungen beeinflussende Faktoren und darüber hinaus natürlich auch Literatur, die sich kritisch mit dem Thema Impfen auseinandersetzt. Ein sehr populäres Buch, das diesen Ansatz verfolgt, ist „Impfen Pro & Contra“ von Martin Hirte. In einem unkonventionellen Vortrag mit einem parallelen Live-Ticker auf Twitter unter #hirtesfehler, dekonstruierte Jan Oude-Aost auf der Skepkon-Bühne Hirtes Argumentation und zeigte dessen Denkfehler auf. Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie konnte so nachweisen, dass Hirte selektiv zitiert und fragwürdige Quellen nutzt. Er verdeutlichte Hirtes Absicht, Vertrauen in Institutionen zerstören zu wollen, um Impfempfehlungen unglaubwürdig zu machen. Oude-Aost dokumentiert Hirtes Fehler sowie seine eigene Argumentation auf eingeimpft.de.

Der Vortrag von Jan Oude-Aost ist bereits online und kann hier nachgeschaut werden:

Der Carl-Sagan-Preis der GWUP ging in diesem Jahr auf der Skepkon an Hinnerk Feldwisch und Nicola Kuhrt für ihre Arbeit bei MedWatch. Medwatch ist der Recherche verschrieben und recherchiert im Netz nach gefährlichen und unseriösen Heilsversprechen. Mitte Juni berichtete die NDR-Sendung ZAPP über Med Watch.

Die Welt aus der Perspektive der Flacherdler

Verschwörungen standen zu Beginn des letzten Konferenztages im Fokus. Mit einem Vortrag zu Freimaurern und Verschwörungstheorien, die sich um die Freimaurerei ranken, eröffnete Wolfgang Aust diesen Themenabschnitt. Das Besondere: Aust ist ein Insider, denn er ist seit etwa 20 Jahren Freimaurer und ist in dieser Zeit vielen Verschwörungstheorien begegnet, die sich laut Aust nicht substantiell von anderen Verschwörungstheorien, z. B. über Chemtrails, unterscheiden.

Passend dazu zeigte Holm Hümmler in seinem anschließenden Vortrag eindrücklich, wie man selbst mit den einfachsten Werkzeugen viele Verschwörungstheorien prüfen kann. Bereits am Donnerstag beim „Skeptical“ erklärte er im NASA-Outfit mit Playmobil-Figuren in Schattenwurf-Simulationen, weshalb die Verschwörungstheorien zur Mondlandung Unsinn sind. Hümmler ist Physiker und als Unternehmensberater und Autor tätig. In seinem gerade erschienenen Buch „Verschörungsmythen – Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden“ nimmt er verschiedene Verschwörungen unter die Lupe und prüft deren Behauptungen. So zeigte er auf der Skepkon-Bühne anhand einer Frisbee, dass die häufig erwähnten Flugscheiben keine geeigneten Flugobjekte sind. Denn Scheiben fliegen nur dann gut, wenn sie sich in Rotation befinden – und das könne „jeder in der Kneipe mit Bierdeckeln ausprobieren“. Diese Rotation hat allerdings in der Praxis den Nachteil, dass diese potenziellen Flugscheiben-Passagieren vermutlich nicht sonderlich gut bekommen würde.

In einem weiteren Experiment widerlegte Hümmler Argumente, die Zweifel an der Erdkrümmung schüren sollen und erinnerte, dass „der Anteil der Autoren im Mittelalter, die geglaubt haben, dass die Erde eine Scheibe ist, nicht wesentlich höher als heute ist.“ Aber woran liegt das? Daran, dass Menschen gute Geschichte mögen? Diese Vermutung zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Konferenz und resultierte in der Forderung Hümmlers, dass den Verschwörungstheorien eigene, spannende – jedoch wissenschaftliche – Geschichten entgegengesetzt werden sollten. Er selbst zeigte auf der Bühne anschaulich, wie sowas aussehen kann.

„Politisch brisant wird es einfach dadurch, dass diese Verschwörungsmythen ganz massiv dafür genutzt werden, Demokratie zu destabilisieren“ – Im Rahmen der Skepkon sprach Holm Hümmler mit dem Deutschlandfunk:

Stefanie Handl ist Tierärztin und betreibt eine Website zu Ernährung von Tieren. In ihrem Vortrag räumte sie mit einigen Mythen rund um die Haustierernährung auf. Sie beschrieb die große Popularität von Futter, dass „natürlich“ ist und ganz „ohne Chemie“ auskommt. Zum anderen gibt es laut Handl trotz gesetzlicher Regelungen zur Tierfutter-Zusammensetzung vielseitige Verschwörungen darüber, dass in konventionellem Tierfutter Kadaver, eingeschläferte Tiere, Kot und Urin enthalten sein können. Aus diesem Grund gibt es einen Trend zu „naturnaher Rohfütterung“, die die Risiken von Krankheitserregern in rohem Fleisch, innerer Verletzungen durch Knochenteile oder Mangelernährung (z. B. Calcium-Mangel) birgt. Handl resümierte, dass es dich bei dem Thema zum einen um ein sehr emotionales handele und gleichzeitig jede*r dächte, dass sie*er etwas dazu sagen kann. Zudem springen viele Hersteller auf das Bedürfnis der Kunden nach „Natürlichkeit“ an, um ihre vermeintlich biologischen und gesunden Produkte zu verkaufen.

Foto: Andreas Brauner/ Bluesbrother.de
Die GWUP ist eine Männerbewegung? Das ist die geballte Frauenpower der deutschen Skeptiker*innen-Bewegung. Foto: Andreas Brauner/ Bluesbrother.de

Den Abschluss der diesjährigen Konferenz bildete ein Gespräch zwischen Nikil Mukerji und Martin Moder über Jordan B. Peterson. Der Philosoph und der Biologie stellten dabei die Frage, ob der umstrittene Psychologie-Professor ein „wichtiger Denker oder gefährlicher Pseudointellektueller“ ist. Dabei diskutierten die beiden kontroverse Thesen Petersons, wie seine Sicht auf Monogamie und Gewaltpotential, Geschlechterunterschiede, Klimawandel-Aktivismus und Lebensführung. Die beiden kamen dabei zu keiner abschließenden Bewertung, sondern wollten aufzeigen, dass oftmals nicht alles schwarz-weiß ist und auch Skeptiker*innen mitunter Probleme haben, sich in der Komplexität und Vielschichtigkeit unserer Lebenswelt zu orientieren.

Die Abschlussworte der Skepkon gebührten Stephanie Dreyfürst als Daenerys Targaryen mit Drachen-Assistentin. Neben zahlreichen Danksagungen gab es zudem die Preisverleihung zum Skeptical Shirt Contest. Mit den Worten „Valar Globulis“ wurde die diesjährige SkepKon geschlossen, und Dreyfürst drückte ihre Hoffnung aus, dass im nächsten Jahr das Ende der Globukalypse vielleicht ein Stückchen nähergekommen ist.

Die Skepkon 2020 findet vom 21. – 23. Mai in Berlin statt: www.skepkon.org
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