Anzeige

Jagd auf ein Phantom

Lange Jahre existierten von B. Traven nur Phantombilder. Ist seine Identität gelüftet? Bild: Fewskulchor (CC BY-SA 3.0/wikicommons)

Hollywood verfilmte seine Bücher. Albert Einstein zählte zu seinen Fans, Bertolt Brecht ebenso: Zwischen den 1920er- und 1950er-Jahren zählte B. Traven zu den erfolgreichsten Romanautoren der Welt. Wer sich hinter dem Pseudonym verbarg, blieb allerdings lange unklar. 50 Jahre nach Travens Tod gibt eine neue Biografie dem Phantom eine bürgerliche Identität.

1948 meldet eine mexikanische Gazette die Sensation: „Mañana entdeckt B. Travens Identität!“ Jahrelang hatten Sensationsreporter dem Bestsellerautor B.Traven nachgespürt, windige Typen allesamt, die für ein bisschen Auflage und um jeden Preis hinter das Geheimnis des scheuen Schriftstellers kommen wollten.

So nahe wie Mañana-Mitarbeiter Luis Spota in diesem Jahr kommt kaum jemand dem Phantom. Richtigerweise identifiziert Spota einen vorgeblichen Gastwirt und Farmer als den gesuchten Starautor, Traven Torsvan, ein zu diesem Zeitpunkt bereits über 60-jähriger Mann, der schon äußerlich kaum etwas mit dem Abenteurer zu tun hat, zu dem sich B. Traven zeitlebens stilisierte. Traven aber beherrscht das Spiel der Information und Gegeninformation, mal mehr, mal weniger geschickt streut er Gerüchte und profitiert letztlich von vielen, oft genug einander widersprechenden Erzählungen über sich selbst, das schriftstellerische Enigma: Ist er Amerikaner? Ist er Norweger? Ist er ein Halbbruder Walther Rathenaus oder gar der uneheliche Sohn des deutschen Kaisers Wilhelm II.?

Selbst als B. Traven 1969 stirbt und seine Ehefrau ein weiteres Alias preisgibt – B. Traven ist Traven Torsvan ist sein vorgeblicher Agent Hal Croves – bleibt die Herkunft des Mannes mit den vielen Namen im Dunkeln. Sogar Traven Torsvan ist ja ein Pseudonym. Rückblickend betrachtet enthüllt damit auch Spotas Sensationsreportage weniger als sie unaufgeklärt lässt. Das Phantom mag ein Gesicht haben, eine schlüssige Biografie hat es nach Spotas ohnehin schnell vergessener Geschichte nicht.

Von der Schauspielbühne zur Räterepublik

Gut möglich, dass diese Biografie erst jetzt, ein halbes Jahrhundert nach Travens Tod, vorliegt. Geschrieben hat sie Jan-Christoph Hauschild, ein Bochumer Literaturwissenschaftler, der dafür Archive und Korrespondenzen auswertete und unter anderem ein sechsmonatiges Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW erhielt, um sein Buch fertig stellen zu können. Hauschild zeigt: Schon früh sind alte Weggefährten auf der richtigen Fährte. 1927 – B. Traven feiert mit Der Baumwollpflücker und Das Totenschiff gerade erste Erfolge – meldet sich aus München Erich Mühsam zu Wort, der in Travens Prosa den Schreibstil seines Weggefährten Ret Marut (auch das freilich ein Pseudonym) korrekt wiedererkennt. B. Traven beteiligt sich noch als Ret Marut an der Münchner Räterepublik, flieht nach deren Scheitern von der Isar über London nach Mexiko. Ret Marut war außerdem Schauspieler, Herausgeber der anarcho-syndikalistischen Zeitschrift Der Ziegelbrenner und gelernter Maschinenschlosser. Sein bürgerlicher Name: Otto Feige, 1882 geboren in Schwiebus, dem heutigen Świebodzin in Polen.

Erich Mühsam zählte zu den deutschen Weggefährten B. Travens. Später wollte das Phantom von ihnen nichts mehr wissen. Foto: Bundesarchiv/wikicommons

Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein ist B. Traven Faszinosum und Rätsel. Seine vermeintlich auf tatsächlichen Ereignissen beruhenden Erzählungen werden millionenfach verlegt. Albert Einstein zählt Traven zu seinen Lieblingsautoren, auch Bertolt Brecht gehört zu seinen Lesern. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs wird B. Traven gar für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt, interessiert anfangs niemanden, mit jedem neuen Erfolgsroman dafür umso mehr.

Es ist Neugier, die Traven noch zu befeuern weiß. Geschickt vermarktet er sich als Autodidakten, der seine Erlebnisse in Abenteuerliteratur gießt. Seine Werke will Traven gelesen wissen als authentische Zeugnisse mexikanischer Historie, als Geschichten von großen Kämpfen, manchen Triumphen und vielen Niederlagen. Dabei liegen den Werken Travens selten genug jene Erlebnisse zugrunde, die er gemacht zu haben behauptet („Münchhausen in Mexiko“ nennt Hauschild B. Traven an einer Stelle). Angebliche Fakten entpuppen sich als Fiktion, vieles ist nicht nur ausgedacht, sondern auch abgeschrieben.

Auch sonst taugt das Phantom nicht zum Helden. Travens Briefe an seine Verleger lesen sich aufschneiderisch im Ton, unwahr in ihrem Inhalt. Er plagiiert und pocht auf das eigene Copyright, auf Kritik reagiert er dünnhäutig. Als ihm seine 1912 in Danzig geborene Tochter Irene – sie hatte ihren Vater nie kennengelernt – einen flehentlichen Brief zukommen lässt („Sag ja! Bitte mich ebenfalls um irgendwas (nur nicht darum, Dich wieder verlieren zu sollen!!) Vielleicht kann ich mit Dir arbeiten, für Dich, über Dich.“), wird sie glatt verleugnet. Ehe er in die für ihn peinliche Verlegenheit käme, seine sorgsam aufgebaute, mythenumrankte Identität aufzugeben, bescheidet Traven/Marut/Feige seine Tochter lieber mit der kalten Auskunft, er könne gar nicht ihr Vater sein, sie sei offensichtlich einer Narrengeschichte aufgesessen, zumal er Deutschland ohnehin nie besucht habe. Jan-Christoph Hauschild ist zum großen Glück jede Mystifizierung fremd, er zeigt den einstigen Starautor auch hier in seiner ganzen Härte: „Nach dreiunddreißig Schreibmaschinenzeilen und der Feststellung, das sei wohl alles, was die ‚Lady‘ habe wissen wollen, verabschiedet er sich mit einem coolen ‚Very truly yours B. Traven‘ auf immer von seiner Tochter.“

Lügner, Rassist, Antisemit

Vergegenwärtigt man sich Travens/Maruts/Feiges revolutionäres Vorleben, seine Freundschaft zu Erich Mühsam und anderen „Träumern“ (Volker Weidermann) der Münchner Räterepublik, wirkt seine Menschenfeindlichkeit, die sich in Briefen und Büchern Bahn bricht, doch erstaunlich. Als die sozialdemokratische Büchergilde Gutenberg, die bis in die 1930er viele von Travens Romanen verlegt, 1933 von den Nazis gleichgeschaltet wird, versucht er sich aus seinem Vertrag ausgerechnet mit der Drohung zu pressen, andernfalls die „dreckigen juedischen Geschäfte“ der neuen Verlagsleitung unter SA-Mann Otto Jamrowski wie überhaupt die „Verjudung“ der nun auf NS-Linie gebrachten Gilde zu denunzieren.

„Das Phantom. Die fünf Leben des B. Traven“ ist erschienen bei Edition Tiamat, die 320 Seiten kosten 24 Euro.

Bemerkenswert auch die Stereotype, die Traven in seinem Reisebuch „Land des Frühlings“ bedient: Von jüdischen „Wucherern aus Warschau“ ist da die Rede, ebenso von „Mädchenhändlern aus Odesssa“. Niemals werde „der Israelit […] in irgendeiner europäischen Nation heimisch werden“, behauptet er, über „die Negerrasse“ schreibt Traven, dass sie an Bildungsfähigkeit unterlegen sei, „die asiatischen Arbeiter des Südens und Südostens“ schildert er als „geradezu stinkfaul“. Mexikos indigene Bevölkerung hingegen erscheint Traven als vorbildlich und rein. Das Trugbild vom „edlen Wilden“ – auch der gescheiterte Sozialrevolutionär Traven/Marut/Feige kann sich, hier mehr Karl May als Karl Marx, nicht von ihm lösen.

Wie sich Otto Feige, ein Mann einfachster Herkunft, mit Glück und Geschick erst eine, dann zwei, drei und vier neue Identitäten zulegt, wie er vom gescheiterten Revolutionär zum populären Bestsellerautor aufsteigt, dessen Bücher auch der großen Traumfabrik von Hollywood zur Vorlage dienen (Der Schatz der Sierra Madre wurde 1948 mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle verfilmt und erhielt im Jahr darauf drei Oscars), das ist die fast schon fantastisch anmutende Variation klassischer Aufsteigergeschichten und liest sich faszinierend. Zur Faszination mischt sich freilich bald Abscheu über das kaltherzige, verlogene Ekel, das B. Traven Hauschild zufolge gewesen sein muss.

Hauschild hat seine Biografie „Das Phantom. Die fünf Leben des B. Traven“ dabei klug angelegt. Indem er B. Travens Vita etwa nicht chronologisch nacherzählt, sondern seine Geschichte erst 1924 in Mexiko beginnen lässt — zu einem Zeitpunkt also, da sich gerade die ersten schriftstellerischen Erfolge des Phantoms einstellen — wird sein Buch zu einer Art biografischem Whodunit. Erst nach und nach enthüllt Hauschild die Vorgeschichte Travens, gestützt auf vorzügliche Recherchearbeit und viele Zeitzeugnisse. Wer sich den schnellen Blick auf wikipedia (oder diese Rezension) verkneifen kann, bleibt bis fast zum Ende im Unklaren. Die Lust auf die Auflösung und der flüssige Schreibstil treiben an und machen das Buch zu einer unterhaltsam-lohnenden Lektüre.

Anzeige
Hinweise zum Datenschutz

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.