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Kadaria Ahmed: Das Töten von Apostat*innen und der Islam im Nigeria von heute

Eine unter nigerianischen Muslim*innen weit verbreitete Ansicht ist, dass Apostat*innen hingerichtet werden sollten. Dies muss angeprangert und geändert werden.

Ein Twitter-Nutzer hatte im April 2019 die Journalistin Kadaria Ahmed (r.) als Apostatin bezeichnet und erklärt, sie sei eine „wandelnde Leiche“ nach islamischen Maßstäben. Der Tweet löste Proteste im Netz aus – die für den nigerianischen Humanisten Leo Igwe aber auch zeigen, wie ernst religiöse Gebote zur Tötung von „Ungläubigen“ bis heute noch zu nehmen sind. Foto: OVTV Online

Von Leo Igwe, Nigeria

Ein Tweet, der die populäre nigerianische Journalistin Kadaria Ahmed als „wandelnde Leiche“ bezeichnet, die wegen ihrer Bekehrung zum Christentum getötet werden sollte, hat weitverbreitete Kritik und Missbilligung ausgelöst. Viele Menschen hatten die Sicherheitsbehörden gebeten, die Person, die den Tweet veröffentlicht hat, zu verhaften und strafrechtlich zu verfolgen, weil sie zu Gewalt aufgerufen und das Leben dieser bedeutenden Journalistin gefährdet hat. Andere hatten daraufhin versucht, die Fehlinformationen im Tweet zu korrigieren. Frau Ahmed sei immer eine Muslimin gewesen, sagten sie, und zu keinem Zeitpunkt in ihrem Leben zum Christentum konvertiert. Mit anderen Worten: Sie stellten fest, dass der Islamist, der den Tweet veröffentlicht hatte, falsch damit lag, sie als christliche Konvertitin und Abtrünnige zu bezeichnen. Meiner Meinung nach gingen diejenigen, die auf diesen hasserfüllten und fanatischen Tweet reagierten, nicht weit genug, die möglichen Auswirkungen dieser Botschaft hervorzuheben. Sie ignorieren das Offensichtliche: die Tötung von Apostat*innen als akzeptable islamische Praxis im heutigen Nigeria.

Zwar ist es angemessen, die im Tweet enthaltenen Fehlinformationen zu korrigieren und sicherzustellen, dass dieser blutrünstige Dschihadist keine Erfindungen und Unwahrheiten in die Welt setzt, um das Leben von Kadaria Ahmed zu gefährden. Es ist aber notwendig, die Idee der Hinrichtung von Abtrünnigen oder solchen, die dem Islam entsagen, zu hinterfragen. Denn die im Tweet geäußerte Einstellung wird unter den Muslimen in Nigeria und darüber hinaus weitgehend geteilt. Es ist unerlässlich geworden, die Form des Islam, die den Mord an denjenigen heiligt, die die Religion verlassen, und die das Töten von Ungläubigen als religiöse Pflicht betrachtet, kritisch zu analysieren.

Die Person, die den Tweet absetzte, hat deutlich gemacht, dass ein*e Muslim*in, die*der zum Christentum konvertiert, ein*e Abtrünnige*r ist und ermordet werden sollte. Sie hat das nicht als persönliche Meinung dargestellt. Überhaupt nicht. Ihr zufolge ist der Islam der Ansicht, dass ein*e Abtrünnige*r offenbar von jedem getötet werden soll, der dazu in der Lage ist. Was die Person also twitterte, war eine Glaubenserklärung, ein Bekenntnis zum islamischen Glauben und eine stille Einladung zur Erfüllung einer islamischen Pflicht.

Jetzt lautet die kritische Frage: Warum sollte ein*e Abtrünnige*r getötet werden? Was macht es für jede*n Muslim*in wünschenswert, jemanden zu ermorden oder die Hinrichtung von Personen zu befürworten, die den Islam verlassen oder sich zu einer anderen Religion bekehren? Gehen wir davon aus, dass Kadaria Ahmed aus irgendeinem Grund irgendwann in ihrem Leben zum Christentum konvertiert ist. Ja, sie ist eine Apostatin. Warum sollte sie dafür hingerichtet werden? Was macht die Bekehrung zum Christentum zu einem Verbrechen? Und ein Verbrechen gegen wen? Wie sollte eine so grausame Tat als Lehre des Islam durch eine beliebige religiöse Vorstellung in diesem 21. Jahrhundert gerechtfertigt werden? Was sagt das Töten von Apostat*innen aus über den Islam, in Nigeria und anderswo?

Diese Fragen sind wichtig, um die Praxis des und das Bekenntnis zum islamischen Glauben gerade in einer Zeit zunehmender Angriffe von Muslim*innen und durch Muslim*innen in Nigeria und an vielen Orten der Welt zu relativieren.

Erstens ist der Islam eine fremde Religion, die arabische Gelehrte und Dschihadisten vor über tausend Jahren in Afrika eingeführt haben. Die islamische Religion verdankt ihre Verbreitung jahrhundertelanger Predigt und Gewalt, und dem Zwang gegenüber Menschen anderer Religionen zur Bekehrung.  Wie also könnte eine Religion, die durch die Bekehrung von Menschen anderer Glaubensrichtungen gewachsen ist, die Bekehrung ihrer Mitglieder zu anderen Religionen kriminalisieren und mit dem Tod bestrafen? Was für eine Religion ist das? Wenn nicht-islamische Religionen diejenigen, die zum Islam konvertiert sind, mit dem Tode bestrafen würden, wäre dann der Islam die dominierende Religion, die er heute in Nigeria und auf der ganzen Welt ist? Die Person, die den Tweet abgesetzt hat, könnte sogar in einen nicht-islamischen Glauben, das Christentum oder die indigene Religion hinein geboren worden sein.

Darüber hinaus steht das Töten von Apostat*innen nicht im Einklang mit der Erzählung, der Islam sei eine friedliche Religion. Was ist friedlich an einer Religion, die den Mord an Mitgliedern befürwortet, die sich vom Glauben abkehren, oder an denen, die zu anderen Religionen konvertieren? Ist die Hinrichtung eines Menschen, der auf einen Glauben verzichtet, Ausdruck des Friedens? Darüber hinaus ist die Idee, Muslime zu töten, die zum Christentum konvertieren, unvereinbar mit der Vorstellung, dass es im Islam keinen Zwang gibt.

Wenn es im Islam eigentlich keinen Zwang gibt, warum sollte dann ein*e Muslim*in, die*der zu einer anderen Religion konvertiert oder auf seinen islamischen Glauben verzichtet hat, belästigt, bedroht oder getötet werden? Warum ist Apostasie nach Scharia-Recht ein Verbrechen? Den Glaubensabfall zu einem Kapitalverbrechen zu machen, ist eine Möglichkeit, Muslime zu zwingen, sich nicht vom Islam abzuwenden sondern sich weiterhin zu ihm zu bekennen, selbst wenn sie etwas anderes glauben. Durch die Kriminalisierung des Glaubensabfalls hält der Islam die Muslime als Geiseln. Der Grundsatz, dass Abtrünnige getötet werden, ist in Wahrheit ein starker Ausdruck des Zwangs im Islam.

Es ist also an der Zeit, dass Muslime diese obszöne Doktrin und Aufforderung ablehnen, Abtrünnige zu ermorden. Abtrünnige sind keine Kriminellen. Abtrünnige sind Bürger*innen und sollten geschützt, nicht bestraft werden. Apostasie ist ein Menschenrecht, das von den Staaten garantiert und gewahrt werden sollte. Es ist eine Ausübung der Religions- oder Glaubensfreiheit, die respektiert werden sollte. Diejenigen, die in einer freien Gesellschaft leben, haben das Recht, ihre Religion zu bekennen, ihre Religion zu wechseln oder gar keiner Religion zuzugehören, ohne Angst. Ein Islam, der den Tod von Muslim*innen befürwortet, die zum Christentum, zu einer anderen Religion oder einem anderen Glaubenssystem konvertieren, ist unvereinbar mit einer freien Gesellschaft und hat im Nigeria des 21. Jahrhunderts keinen Platz.

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