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„Die wesentlichen Treiber des Artensterbens sind menschengemacht“

Die Artenvielfalt nimmt weltweit dramatisch ab. Etwa eine Million der derzeit bekannten rund acht Millionen Arten an Tieren und Pflanzen ist im Laufe der nächsten Jahrzehnte vom Aussterben bedroht, wenn die Menschheit ihre Lebensweisen nicht gravierend ändert.

Bild: iStock Photo

Dieses Fazit hat der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) gestern in seinem Globalen Zustandsbericht der Öffentlichkeit vorgestellt. Zu Land, zu Wasser und in der Luft wird die Zahl der pflanzlichen und tierischen Arten von Jahr zu Jahr geringer. „Die Ökosysteme der Erde werden durch den Menschen massiv beeinflusst“, sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle. Er ist einer der drei Vorsitzenden des Globalen Zustandsberichts des Weltbiodiversitätsrats. „Die immer stärkere Nutzung von Böden und Meeren, der Klimawandel und die Umweltverschmutzung sind menschengemacht und einige der wesentlichen Treiber des Artensterbens.“ Die Folge sei ein dramatischer Verlust der Artenvielfalt und damit auch der Leistungsfähigkeit der Ökosysteme wie etwa eine sichere Versorgung mit Nahrungsmitteln weltweit.

„Jedes zweite Korallenriff ist seit 1870 verloren gegangen, zum Beispiel durch Bautätigkeiten“, sagt Julian Gutt vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) Bremerhaven und einer der Leitautoren für den marinen Bereich. Auch die Fischerei werde vielfach „im roten Bereich“ betrieben: Ein Drittel der Bestände seien überfischt, 60 Prozent seien am Limit. „Wir müssen es schaffen, das Meer nachhaltiger zu nutzen“, sagt er. Von einem radikalen Verzicht und umfassenden Verboten hält er nichts. „Aber die Nutzung muss so gestaltet werden, dass die Ökosysteme erhalten bleiben und auch unsere nachfolgenden Generationen versorgen können.“ Geeignete Maßnahmen seien beispielsweise der Ausbau von Schutzgebieten oder Fangquoten und der Klimaschutz.“

Der Weltbiodiversitätsrat ist eine Organisation der Vereinten Nationen, ihr Sitz ist in Bonn. Rund eine Woche lang hatte der Rat in Paris mit Delegierten aus 132 Ländern über den Zustand der Artenvielfalt weltweit diskutiert und anschließend am 6. Mai einen Bericht zum Zustand der Biodiversität (Global Assessment) vorgelegt. Dieser umfasst alle Ökosysteme an Land, an der Küste und im Ozean, außer dem antarktischen Kontinent. Drei Jahre lang hatten rund 150 Experten aus 50 Ländern für den IPBES-Report das vorhandene Wissen zusammengetragen und analysiert. Rund 15.000 wissenschaftliche und politische Publikationen wurden im Global Assessment zitiert und ein Vielfaches davon systematisch ausgewertet. Zudem wurde auch das Wissen indigener Völker einbezogen. Laut IPBES handelt es sich um den umfassendsten Zustandsbericht für Biodiversität und ihrer Bedeutung für den Menschen, der bisher erstellt wurde.

Die Autoren des Berichts haben vor allem zwei wichtige Punkte ausgemacht, um die Natur nachhaltiger nutzen zu können: Die Weltbevölkerung sollte möglichst langsam wachsen und der Fleischkonsum sollte geringer sein als in den meisten Industrieländern heute. „Da kommen noch etliche weitere Punkte hinzu, die ebenfalls angegangen werden müssen“, sagt Almut Arneth, vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die als eine der Koordinierenden Leitautorinnen für das Kapitel „zukünftige Szenarien“ mitgearbeitet hat. „Besonders wichtig erscheint mir jedoch, dass die Menschen endlich verstehen, dass die Ressourcen wirklich begrenzt sind.“

Die Pflanzenproduktion ist dem Bericht zufolge seit 1970 um rund 300 Prozent gestiegen, die Holzproduktion um 45 Prozent. „Jedes Jahr werden weltweit rund 60 Milliarden Tonnen erneuerbare und nicht erneuerbare Rohstoffe aus der Natur gewonnen – das entspricht nahezu einer Verdopplung seit 1980“, sagt Ralf Seppelt (UFZ Leipzig), Landschaftsökologe und Leitautor im Kapitel „Szenarien und Wege in eine nachhaltige Zukunft“. Mehr als ein Drittel der Landoberfläche und fast 75 Prozent der Süßwasserressourcen würden derzeit für die Pflanzen- oder Viehproduktion genutzt: „Wir stoßen hier an natürliche Grenzen des Machbaren.“ (idw)

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