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Was heißt da noch „tot“?

Ein bisschen gruselig klingt es schon: Forscher*innen haben in den USA Schweinehirne noch mehrere Stunden nach ihrem Tod teilweise reanimieren können. Eine Entdeckung, die der Medizin möglicherweise ganz neue Möglichkeiten eröffnet — allerdings auch bioethische Fragestellungen aufwirft.

Die Gehirne geschlachteter Schweine wurden zehn Stunden nach ihrem Tod partiell wiederbelebt.

Ein Forschungsteam der Yale School of Medicine hatte sich für ein Experiment 32 Hirne geschlachteter Schweine besorgt, die etwa vier Stunden ohne jede Sauerstoffzufuhr blieben. Anschließend wurden die Organe an ein System namens BrainEx angeschlossen, in dem sie sechs Stunden lang mit einer Mischung aus künstlichem Blut und Nährstofflösungen durchspült wurden. Wie anschließende Untersuchungen zeigten, konnten mittels dieser Behandlung tatsächlich einige Organaktivitäten wiederhergestellt werden. Einzelne Zellen nahmen Sauerstoff auf und produzierten Kohlendioxid, und auch Neuronen zeigten Anzeichen einer Tätigkeit, ohne aber zu kommunizieren.

Am 17. April veröffentlichte Nature die Studie des Forschungsteams: Restoration of brain circulation and cellular functions hours post-mortem

Es sei festgehalten: Komplexe Aktivitäten nahmen die isolierten Gehirne nicht auf, ein Bewusstsein wie Frankensteins Monster entwickelten sie nicht. Das macht die Entdeckung natürlich nicht unbedeutend, sie ist es gerade auch aus medizinethischer Sicht. Wie Hank Greely, Direktor des Center for Law and the Biosciences der Stanford University gegenüber Vox sagte, sei die Überzeugung, dass Gehirnzellen nach etwa zehn bis zwölf Minuten ohne Sauerstoffzufuhr unwiderbringlich abstürben, wissenschaftliche Grundlage für gängige Definitionen des Hirntodes. Diese seien freilich hinfällig, wenn Hirnzellen selbst „nach Stunden ohne Sauerstoff, ohne Zucker, ohne irgendetwas“ wieder zu funktionieren begännen. Möglicherweise, so Greely, müsste Tod also neu definiert werden, nicht zu schweigen von weiteren ethischen Komplikationen: Was wenn das reanimierte Schweinehirn, und sei es nur für einen Augenblick, doch etwas gefühlt hat?

Tot oder nicht tot?

In Deutschland wiederum dürfen Spenderorgane erst zwölf Stunden nach dem Hirntod entnommen werden, dann, wenn das Organ wirklich keine Regung mehr gezeigt hat. Aber was zählt das noch, wenn vermeintlich tote Hirnzellen, die richtige Behandlung vorausgesetzt, nach Stunden ohne Nährstoffzufuhr neue Aktivität entwickeln können? „Das Hirntodkriterium grundsätzlich in Frage zu stellen, scheint mir nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht richtig zu sein. Denn es zielte ja nie auf die zelluläre, sondern die funktional-systemische Ebene“, zitiert die Bild des Wissenschaft den Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock. Zumindest Dabrock sieht keinen Grund, die bisherige Transplantationspraxis in Frage zu stellen.

Alle bioethischen Komplikationen mal beiseite, sind die beteiligten Wissenschaftler*innen optimistisch, dass die Entdeckung von großer medizinischer Bedeutung sein wird. Dass sich auf Grundlage dieser erstaunlichen Erkenntnisse über die Regenerationsfähigkeit des Gehirns völlig neue Schlaganfalltherapien entwickeln, beschädigte oder vermeintlich abgestorbene Hirnpartien sich künftig heilen lassen, erscheint jedenfalls nicht völlig ausgeschlossen.

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