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„Kirche in der jetzigen Form gehört der Vergangenheit an“

Die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“, die international in mehr als 40 Staaten vernetzt ist, hat am vergangenen Wochenende ihre 43. Bundesversammlung in Würzburg abgehalten. Frank Stößel berichtet über ein Treffen, das zeigte: Es rumort gewaltig an der Basis.

Als Humanistischer Sprecher in Würzburg und Umgebung hatte ich mein Interesse an der Versammlung „Zukunft von Kirche“ und von „Wir sind Kirche“ geäußert, woraufhin ich freundlicherweise als Beobachter akkreditiert wurde. Mit der Überzeugung, jede Aktion für Demokratie und gegen Dogmatismus in der katholischen Kirche verdiene Beachtung, fand man eine Gemeinsamkeit, eine weitere mit der Meinung, es gehe um die Zukunftsfähigkeit unseres Rechtsstaates, der mit der Kirche endlich auch einmal über die Ablösung der historischen Staatsleistungen reden müsste.

Ich meine, dass der von Magnus Lux und Christian Weisner, den Organisatoren der Bundesversammlung, und Wunibald Müller, Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach von 1991 bis 2016, offenbarte Unmut des Kirchenvolkes an die Gründung der Freireligiösen Gemeinden in Deutschlands zur Zeit der bürgerlichen Revolution erinnert. Ähnlich wie damals sagen heute Vertreter von „Wir sind Kirche“: „Es reicht!“ – So auch der Theologe Magnus Lux im eröffnenden Pressegespräch. Christian Weisner sprach sogar von „Kirchenkampf seit dem Umschalten vom Benediktmodus in den Franziskusmodus“ und bemühte dazu SPD-Justizministerin Katarina Barleys Satz: „Es braucht diesen öffentlichen Druck von außen.“

Während der Podiumsdiskussion „Zukunft von Kirche – Zukunft von Wir sind Kirche“ äußerte sich ähnlich resolut Elfriede Schießleder, stellvertretende Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, zum Zölibat, der als einer der Gründe für Missbrauchsskandal, Machtmissbrauch und Pomp des Klerus ausgemacht wurde. Hierzu meinte die g‘standene Bayerin: „Mir ist der Zölibat wurscht, die Männer sollen sich selber drum kümmern.“ Jutta Lehnert, Pastoralreferentin in Koblenz forderte mit rheinischem Temperament: „Wir brauchen einfach eine neue Kirche.“ Die Kirchen-Volks-Bewegung müsse ihr Netzwerk größer spannen und „Gemeinden auch ohne Priester und Eucharistiefeier gründen.“ Man habe genug von „schlecht ausgebildeten jungen Pfarrern, die den eigenen Vogel für den heiligen Geist halten“, setzte Elfriede Schießleder noch eins oben drauf. Für Burkard Hose, Studentenpfarrer der Katholischen Hochschulgemeinde Würzburg, ging es zu schnell nur darum, wie man in der Kirche wieder Glaubwürdigkeit herstellen könne: „Wir sollten uns lieber fragen, hat die christliche Botschaft noch Relevanz in der Gesellschaft?“ Es gehe um die Botschaft Jesu, die zum Aufbegehren gegen Diskriminierung, Rassismus und Nazitum auffordere, um Menschenrechte, Respekt, Solidarität, Gemeinschaft und Spiritualität, so Burkard Hose, Autor von „Seid laut! Für ein politisch engagiertes Christentum“. Und schließlich wurde eine gemeinsame Auffassung erneut deutlich gemacht: Die Kirche in der jetzigen Form gehöre der Vergangenheit an.

„Der Staat lässt uns in einer Komfortzone des Rechts“

Während des Impulsreferates mit dem Titel „Vor der Kernschmelze – Welche Chancen bleiben der Kirche in ihrer selbst verschuldeten Misere, den drohenden GAU zu vermeiden?“ entwickelte anschließend Joachim Frank, Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten, die bereits benannten Forderungen nach Aufarbeitung der Missbrauchsskandale durch die Bischöfe und nach entschiedenerem Handeln der Kirchenleitungen weiter.

Das Kirchenrecht werde seitens der Bischöfe immer wieder zur Abwehr von Veränderungen herangezogen. Es lasse aber auch Reformen zu für den freiwilligen Zölibat, für die Eucharistiefeier für die Geschiedenen und für die Weiheämter für Frauen. Der Autor von „Wie kurieren wir die Kirche?“ warnte andererseits davor, zu viel Hoffnung in den „synodalen Weg der Bischöfe am Ende der Frühjahrsversammlung“ zu setzen. Zur ersehnten Anpassung des Kirchenrechts an die Forderungen der Aktionsgemeinschaft „Wir sind Kirche“ ermutigte der Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe die Versammelten mit diesem Zitat aus der Apostolischen Konstitution Sacramentum Ordinis von Papst Pius XII. aus dem Jahre 1947: „So wissen doch alle, dass die Kirche, was sie festgelegt hat, auch verändern und abschaffen kann.“ Ob die geforderte Reform bei weiterer Duldung der unbeweglichen Bischöfe durch das Kirchenvolk in Gang kommen könne, hinterließ Zweifel, aber auch Kritik gegenüber dem Staat, wie es Jutta Lehnert tags zuvor auf den Punkt gebracht hatte: „Der Staat lässt uns in einer Komfortzone des Rechts, das muss sich ändern“.

Wie brisant und strittig die aufgeworfenen Themen sind, lässt sich zum Abschluss mit einer Begebenheit vom Beginn der Podiumsdiskussion skizzieren. Das erste Mal sei mit Weihbischof Ulrich Boom „ein leibhaftiger Bischof“, wie Magnus Lux den Ehrengast anmoderierte, zu einer Bundesversammlung von „Wir sind Kirche“ gekommen. Bevor Boom erklärte, dass er nach seinem Grußwort gleich wieder gehen müsse, holte er in seiner für manche Zuhörer zu verschlüsselten Botschaft etwas zu weit aus. Er bezeichnete dabei den Stadtteil Heuchelhof als schöne Skyline, „welche mit den unterschiedlichen kulturellen Gegebenheiten durch Eingewöhnte, Neubürger und Migranten auch eine Herausforderung“ sei. Die Autobahn, welche Stadt und Skyline trenne, sei Sinnbild dafür, dass alles in Bewegung sei. Die inzwischen abgebrochene alte Autobahnbrücke symbolisiere, „dass nicht mehr alles von Bestand sei.“ Da das Leben nicht nur aus Gaudium und spes bestehe, „können wir nicht alle Fragen lösen, aber Fragen stellen“, so Boom und weiter: „Für uns Christen gibt es nur die eine Antwort: Jesus.“

Am Ende blieb keine Zeit für die Einsamkeit der Priester

Die versteckte Predigt des Weihbischofs, welche dessen Hilflosigkeit in der Sache offenlegte, führte erwartungsgemäß zu Unruhe im Publikum, welche in der Aufforderung von Jutta Lehnert mündete, der Weihbischof möge sich kurz fassen: „Es geht hier doch nur um ein Grußwort.“ Dieser Anfangseindruck ging mir bis zum Ende der Gespräche nicht mehr aus dem Kopf, zeigte er doch in beschämender Weise Gräben auf, welche zwischen Bischöfen, Klerus und Kirchenvolk bestehen, ohne dass nun gleich Brücken in Sichtweite gewesen wären. Als Humanist gestehe ich freimütig ein, dass mir beide Seiten auch ein wenig leidtaten. Doch wer würde auf jene hören wollen, die auch Menschen guten Willens sind, welche Magnus Lux zusammenführen möchte, aber nicht (mehr) den „rechten Glauben“ haben?

Etwas betuppt war man denn auch ausgerechnet zum Schluss, bevor es zum gemütlichen Teil übergehen sollte, als ein Delegierter die Einsamkeit der Priester ansprach und sogleich murmelnde Zustimmung im Auditorium erhielt. Dieses Thema könne man aber leider jetzt nicht weiter verfolgen. Ähnlich erfolglos brachte eine Delegierte mit einem Zwischenruf lange zuvor das brisante Thema Kirche und Geld ein. Mit dem Hinweis, das sei keine Frage, war das auch erledigt. Es gibt eben für eine Podiumsdiskussion zur Kritik und Erneuerung der katholischen Kirche an sich selbst zu viele Baustellen. Als Humanist, der sich eine partnerschaftliche „MenschensKirche“ durchaus vorstellen kann, wie sie Studentenpfarrer Burkard Hose bereits realisiert, kann den mutigen Kritikern von „Wir sind Kirche“ nur wünschen, dass sie am Ball bleiben bzw. das Staffelholz weitergeben können. Denn es gehe um die Menschenrechte, hatte ja Burkard Hose betont; doch braucht es dazu Religion, Glaube, Kirche?

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