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Lasst euch Zeit!

Wie Geologie helfen kann, besser mit der Welt klarzukommen. Rezension zu Marcia Bjornerud: Timefulness. How Thinking Like a Geologist Can Help Save the World.

Von Jonas Grutzpalk, Bielefeld

Gli uomini sono molto più presi dalle cose presenti che dalle passate.

– Niccolò Machiavelli („Die Menschen sind viel mehr von der Gegenwart angetan als von der Vergangenheit.“)

Die Basaltprismen von Santa María Regla (Brasilien) sind drei bis fünfzig Meter hohe Säulen, die eine Schlucht säumen, durch die Wasser aus dem San-Antonio-Damm fließt. Die Basaltsäulen sind durch langsame Abkühlung vulkanischer Lava entstanden, deren Entstehungszeitpunkt die normale menschliche Vorstellungskraft weit übersteigt. Foto: Byelikova Oksana / Fotolia

1654 datierte der irische Bischof James Ussher die Schöpfung der Welt auf den 23. Oktober 4004 vor Christus. Somit würde die Entstehung des Lebens zeitgleich mit der Domestizierung des Hundes eingesetzt haben – eine Idee, die der Autorin dieses wunderbaren Buches sichtbar Unwohlsein bereitet (22 ff.). Sie stellt ihre Leser vielmehr darauf ein, in ganz anderen Zeitdimensionen zu denken: in Millionen von Jahren. Um sich klar zu machen, was eine Million ist, bietet sie folgendes Gedankenspiel an: „Wenn wir durchgehend pro Minute bis 100 zählen würden, bräuchten wir sieben Tage à 24 Stunden, um auf eine Million zu kommen“ (168).

Wenn wir in dem von ihr vorgeschlagenen Tempo weiterzählen würden, bräuchten wir 48 Stunden, um uns an das erste Auftreten des Homo Sapiens heranzuzählen, und 455 Tage, um die Zeit bis zum Aussterben der Dinosaurier zu ermessen, oder 2800 Tage, um den ersten landbesiedelnden Pflanzen zu begegnen (79). 22.400 Tage müssten wir durchzählen, um zum „Great Oxidation Event“ zu kommen, den Bjronerud auch als „geochemischen Putsch“ (S. 105) beschreibt – hier lässt sich ein massiver Anstieg an Sauerstoff in der Atmosphäre nachweisen, der als sicherer Hinweis auf pflanzliches Leben auf der Erde gewertet wird. Dazwischen liegt irgendwo eine Epoche, die Geologen die „Boring Billion“ nennen, weil dort für eine Milliarde Jahre (in unserem Spiel 7.000 Tage durchgehendes Zählen) nichts Substanzielles passiert.

Um zur Geburt des ältesten Gesteins auf Erden zurückzuzählen, müssten wir 29.400 Tage – ein betagtes Menschenleben – lang nichts anderes tun als von eins bis hundert zählen. Dieses älteste Mineral heißt Zirkon und solch fröhliche Formulierungen wie „zircons are forever“ machen das Buch von Marcia Bjornerud so angenehm zu lesen. Fortlaufend beschreibt sie ihr Arbeitsfeld der Gesteinskunde mit Begriffen und Metaphern aus dem menschlichen Leben. So stellt sie z.B. fest, dass Steine mit Käse und Wein dahingehend vergleichbar seien, dass sie im Alter immer interessanter würden (57). Geologische Datierungsverfahren erklärt sie mit Hilfe von Zinsen auf dem Konto (42) und Plattentektonik als Samsara – also als „Zyklus von Geburt, Tod und Wiederauferstehung“ (73).

Ohnehin sind Begriffe und Konzepte aus der mythologischen und religiösen Welt in diesem Buch häufig anzutreffen. So greift sie die Unterscheidung von „Chronos“ (ablaufende Zeit) und „Kairos“ (Zeit in der Erzählung) der antiken Griechen auf, um zu erklären, was sie als Aufgabe der Geologie versteht – die Geschichte der Erde in der Zeit zur erzählen (26). Auch das Buddhistische Konzept von „Sati“ als bewusster Betrachtung der Abläufe in der Zeit ist ihr ein Thema. Der wohl „heiligste“ Begriff, den sie ins Feld führt ist der der Zeit selbst, was mit folgendem Zitat Haldor Laxness unterstrichen wird: „Zeit ist wohl das Einzige, bei dem wir uns alle darauf einigen können, es übernatürlich zu nennen.“ (1).

„Timefulness: How Thinking Like a Geologist Can Help Save the World“ ist im Oktober 2018 erschienen bei Princeton University Press. 208 Seiten kosten als Hardcover umgerechnet 21,45 €.

Der moderne Mensch sei dem gegenüber in einem unnatürlichen „hermetic, narcistic Now“ (13) gefangen. Nur wenn es gelingt, zeitbewusst zu denken und das Wunder des kumulierenden Werdens und Vergehens klarer zu sehen ist es für Bjornerud möglich, dieses „autistische Verhältnis“ (179) zu überwinden, das der Mensch zu lange mit der Erde gepflegt habe. Wenn es stattdessen gelingt, der Erde zuzuhören und sich die Zeitdimensionen zu vergegenwärtigen, die aus Fels und Stein zu uns sprechen, wäre es möglich, anders mit sich und der Erde umzugehen. Gerade von alten Steinen, so Bjornerud, lässt sich z. B. einiges über Durchhaltevermögen und Resilienz lernen (57).

Wer bislang Manschetten davor hatte, sich mit Geologie zu beschäftigen, hat mit dem Buch Bjroneruds keine Entschuldigung mehr – es macht die Beziehung zwischen Mensch und Stein so deutlich, wie es eben nur geht. Darüber hinaus zeigt Bjornerud auf, was wir von Geologen lernen können: aus dem hermetischen Jetzt unserer Gegenwart auszubrechen und eine Zeitreise zu unternehmen, die es ermöglicht, den „alten, heiligen Pfad zu erkennen, der sich durch die Zeit zieht“ (176).

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